Die Geschichte von Gomma Records in 10 Veröffentlichungen

Das Münchner Label Gomma gehört zu den innovativsten Labels Deutschlands und seine Geschichte hätte sich niemand schöner ausdenken können.

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Aug. 29 2013, 9:40am


Jonas Imbery und Mathias Munk, die zwei Gründer von Gomma Records / Foto: Aljoscha Redenius

Wenn es um Labels aus Deutschland geht, die international Erfolge feiern, die es mit ihrem Konzept und ihrer Idee weit gebracht und das Etikett Kultlabel verdient haben, muss der Name Gomma fallen. 1999 wurde das Münchner Label von den beiden Freunden Mathias Modica und Jonas Imbery als eine Reaktion auf die eingefahrene und eintönige Elektroszene in Deutschland gegründet. In den folgenden Jahren arbeiteten sie mit wichtigen Vertretern der New Yorker Musik- und Kunstszene zusammen, kooperierten mit der DFA-Crew, holten The Rapture für ihr erstes Europa-Konzert nach Deutschland und zwangen die instrumentalen WhoMadeWho zum Singen, um dadurch eine der besten Vocalbands weit und breit zu werden. All das sind Erfolge, die sich Gomma auf die Fahne schreiben kann und die nicht nur die nationale Musikszene geprägt haben. Hinter dem Label stecken zwei Musikliebhaber, die mit ihrem Herz und ihrem Kopf voll und ganz in der elektronischen Szene stecken. Sie sind Djs, Produzenten und—vor allen Dingen Musiker. All das, was Daft Punk mit ihrem Random Access Memories so revolutionär ankündigten und neu machen wollten, nämlich die Menschlichkeit zurück in die Musik bringen, ist für Mathias, Jonas und die meisten Gomma-Künstler der normale Produktionsweg. Es gibt aber nicht nur zu Produktion und Technik einiges zu erzählen, auch die Geschichte hinter dem Label ist mehr als erzählenswert.

Die beiden Gomma-Chefs Mathias Modica aka Munk und Jonas Imbery aka Telonius haben sich zehn wichtige Veröffentlichungen des Labels ausgesucht, anhand derer wir die Geschichte von Gomma rekonstruiert haben.

2001
V.A. – Anti N.Y.

Bevor Gomma im Jahr 2001 ihren ersten Longplayer veröffentlichte, erschienen einige Singles, die die beiden Jungs gemeinsam in einem kleinen Zimmer in Jonas' Bude aufgenommen hatten. Die Singles erschienen unter verschiedenen Pseudonymen, denn die zwei Münchner wollten mit ihrem neuen Label nicht den Anschein erwecken, es handele sich nur um zwei 19-jährige Typen aus Bayern—wie es tatsächlich war. So erfanden sie alle möglichen Decknamen, dachten sich Geschichten aus und fälschten die Pressefotos. Der erste Release kam von Leroy Hanghofer, ein Schwarzer mit High-Top-Frisur, der wegen Kokainhandels im Knast saß, aber immer auf Freigang seine Musik produzierte. Mathias und Jonas schrieben die Pressetexte selbst und schickten sie an alle möglichen Medien. So kamen sie mit Leroy und anderen vermeintlichen Label-Artists unter anderem in die Groove, De:Bug und Sleazenation.

Noch mehr mediale Aufmerksamkeit bekam Gomma Records mit ihrem ersten Albumrelease, der Anti NY Compilation. Mit der erklärten Andersartigkeit und dem angekündigten Kampf gegen den Einheitsbrei der Szene bei ihrer Gründung, wurde dieser Release zum ersten Zeichen, das Gomma international setzen konnte. Neben Sexual Harrassment, Vivien Goldmann oder der Death Comet Crew holten sie sich auch Leute aus der New Yorker Kunstszene und veröffentlichten ausschließlich Punk-Funk, Art-Rock und anderes nerdiges Zeug. Die Projekte der Compilation führte auch zu der ersten Verbindung zu James Murphy und der DFA Crew.

2004
Rammellzee vs K-Rob - Beat Bop Part 2

Der zweite wichtige Release war die Neuauflage einer der ersten HipHop-Maxis überhaupt, von der im Jahr 1983 erschienenen Single „Beat Bop“. Nachdem Mathias und Jonas zwischen 2000 und 2003 ständig nach New York gejettet waren, releasten sie die Single mit den beiden Hauptprotagonisten, der Streetart-Ikone Rammellzee und K-Rob, erneut. „Beat Bop Part 2“ erschien im Jahr 2004. Während Rammellzees Mitbewohner Basquiat und andere immer bekannter wurden, war der vor zwei Jahren verstorbene Künstler stets der Ungerdog der Untergrundszene und passte so ideal in die Gomma-Besetzung. Die beiden lernten ihn in New York über Freunde der Skatebrand Supreme kennen. Mathias erzählt „Er war cool, wollte ein Album machen, wir waren klein, deutsch, nerdy und fanden ihn super“. Also releaste Rammellzee sein Album The Bi-Conicals of the Rammellzee auf Gomma und kreierte damit das musikalische Gesicht zu seinem Wirken der letzten 20 Jahre. Während „Beat Bop Part 2“ ein OldSchool-Rapsong war, wurde auf dem Rest des Albums von Noise über Elektro bis zu Industrial einmal querbeet durchexperimentiert.

2004
Munk feat. James Murphy - Kick out the Chairs

Während ihrer häufigen Ausflüge nach New York lernten die zwei Münchner irgendwann Tim Goldsworthy und James Murphy kennen, die später die DFA Crew gründeten. Es begann ein Austausch zwischen New York und der bayrischen Hauptstadt. Die DFA Jungs holten Mathias und Jonas in den APT Club in New York, die Gomma Jungs flogen James und Tim für ihre ersten Auftritte nach Deutschland ein. Aus dieser Kooperation entstand die Idee, ein Album zusammen aufzunehmen und so erschien 2004 das erste Munk-Album zusammen mit James Murphy. Inzwischen ist Munk das Solo-Projekt von Mathias Modica, damals war es noch das gemeinsame Projekt der beiden Gründungsmitglieder. Das Album war nicht nur in dem Sinne wichtig, dass es ein Featureprojekt mit den Gleichgesinnten New Yorker Freunden war, es war auch ein Manifest für Gomma. Die Masken wurden abgenommen, die Musik wurde unter eigenen Projekten veröffentlicht, keine Namen ausgedacht, keine Storys erfunden. Nun war klar, wer Munk und wer Gomma sind. Das Album featurte unter Anderem DJ Chloé und Bobby Conn.

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2005
WhoMadeWho - WhoMadeWho

Wenig später stand der Release von WhoMadeWho an, jener Band, die sechs Jahre lang als Aushängeschild am Label hing und noch zwei weitere Alben auf Gomma releaste. Die drei Dänen von WhoMadeWho kamen zum Label, indem sie ein paar Demos nach München schickten. Die Gomma-Bosse erinnern sich, dass sie sofort begeistert waren und sie einluden. Schnell fällten sie die Entscheidung, ein Album zu machen, allerdings wollten Tomas Hoefding, Jeppe Kjellberg und Tomas Barfod nur ein Instrumental-Album aufnehmen. Sie waren der irrigen Ansicht, nicht singen zu können. Mathias und Jonas lachen herzlich darüber, als sie erzählen, dass sie sie zwingen mussten, selbst zu singen und nicht nur Gastsänger zu arrangieren. Inzwischen gehören die beiden Sänger von WhoMadeWho zu den begnadesten Sängern in der Pop- und Disko-Welt.

2010
Mercury – God d’Azur

Auch das Duo Mercury aus der Schweiz war eine Herzensangelegenheit für Gomma. Die beiden Produzenten hatten ursprünglich nicht den Plan Musik zu machen, stellten aber einen Remix unerlaubterweise auf einen Blog. Mathias und Jonas hörten ihn und teilten ihren zukünftigen Artists mit, sie sollten bitte mehr Musik machen. Wie sich herausstellte, zu Recht, denn Mercury verkörperten genau die Grundidee vom Gomma. In der Flut an elektronischer Musik aller Art gehören sie zu denjenigen, die kontinuierlich an ihrer eigenen Identität und ihrem Sound arbeiten, eine musikalische Idee und einen musikalischen Anspruch haben, ohne dabei austauschbare Tools in einem DJ-Set zu werden. Für Gomma ist das Voraussetzung für das Artist-Roster.

2010
Moullinex – Superman

Bei der Frage, warum gerade Moullinex relevant für die Gomma-Posse ist, sprudelt es nur so aus den bei Gomma-Chefs raus. Er ist brutal erfolgreich, multi-instrumental, der begabteste Musiker auf ihrem Label, er hat ein wahnsinniges Musikwissen, das er auch in Referenzen in seinem Album wiedergibt. Interessant ist der Protugiese Louis aka Moullinex vor allem, da er ein anderes Genre abdeckt als andere Albenkünstler von Gomma und alles selber macht. 2010 veröffentlichte er die erste EP Superman, dieses Jahr folgte das Debütalbum Flora.

2011
Munk - The Bird & The Beat

2011 gingen die beiden Labelgründer dann getrennte Wege und das erste Solo-Album von Munk erschien, nun nur noch mit Mathias Modica. Nachdem sie von 1996 bis 2007 jede Minute aufeinander gesessen hatten, tagsüber das Label managten, nachts die Musik produzierten und am Wochenende zum Auflegen flogen, dachten sie sich „So verbringen nur zwei Schwule ihren Lebensalltag“ und entschieden sich für Solo-Projekte. Jonas nahm in dem Zuge den Künstlernamen Telonius an, Mathias nahm als Munk ein weiteres Album auf und kompensierte den nun nicht mehr anwesenden Jonas mit elf weiblichen Feature-Gästen. Auf jeder Nummer von The Bird & The Beat singt eine andere Sängerin aus einem anderen Land. Was sich zuerst einfach nur ergeben hatte, wurde schlussendlich zu dem Albumkonzept von Mathias' erstem Solo-Album.

Nächste Seite: Esperanza, das Wunderkind Daniel Avery und das Solo-Album von Telonius.

2011
Esperanza – Esperanza


Noch im gleichen Jahr kam eine Band zu Gomma, die sich in einer bestimmten Sache von den anderen Labelacts unterschied. Ihre Musik ist nahezu untanzbar. Mathias beschreibt die Dancefloor-Qualitäten der italienischen Band mit: „Wenn jemand zu der Musik tanzt, ist er komplett drauf.“ Esperanzas gleichnamiges Debütalbum erschien im Jahr 2011, ein sehr psychedelisch-elektronisches, nahezu cineastisches Album. Dieser Release macht in der disko-lastigen Artistliste von Gomma wieder deutlich, dass das Label nicht den Anspruch haben will, ein Clublabel zu sein. Sie releasen, was ihnen gefällt und was genug musikalischen Anspruch vorweist. Bei den kritischen und professionellen Ohren von Jonas Imbery und Mathias Modica bekommt jede Band, die in die Gomma-Clique aufgenommen wird, einen sehr wertvollen Qualitätsstempel.

2012
Daniel Avery & The Deadstock 33s – Nylon Icon

Gomma stempelt sich nicht gern selbst ab, aber dafür tun wir es umso lieber. Denn das Label ist ein Trendsetter und Hypebeschleuniger. Jüngstes Beispiel ist der junge Londoner Daniel Avery, der gerade durch die Blogwelt schwirrt und von allen Seiten gehypt wird. Letztes Jahr veröffentlichte Daniel zusammen mit The Deadstock 33s drei Maxis auf dem Münchner Label, nachdem Gomma sein Talent erkannte und ihn sofort gesignt hat. Im Oktober dieses Jahres bringt Avery nun sein erstes Debütalbum raus, auf dem neuen Label von Erol Alkan, Fantasy. Gomma sagt, wenn Erol jemanden als seinen Lieblingskünstler bezeichnet, stürzen sich alle auf ihn. Von hier sieht es eher so aus, als würden alle losstürzen, wenn Gomma mit den Fingern schnippt.

2013
Telonius – Interface

Nachdem sich Jonas Imbery schon vor ein paar Jahren von dem Pseudonym Munk getrennt hat und unter dem Namen Telonius sein alleiniges Disko-Unwesen treibt, erscheint diesen Freitag endlich sein erstes Solo-Album. Mit diesem Release haben nun beide Gründer von Gomma ihr Solo-Album und musikalisches Statement in der Welt. Seit 14 Jahren gibt es nun das Label und sie haben alle Jahre eine Nase für gute Musik bewiesen und stets ein ehrliches Konzept mit der Suche nach andersartiger und relevanter Musik verfolgt. Nicht nur der immer mehr aufkommende Disko-Boom gibt Telonius, Munk und Gomma Recht.

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