„Trau keinem Promi“ ist der neue Deutschrap-Verschwörungstheoretiker, den keiner gebraucht hat

Was „Trau keinem Promi“ im Internet verbreitet, liegt irgendwo zwischen bester Fremdscham-Unterhaltung und völligem Wahnsinn.

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Nov. 24 2015, 10:55am

Im Jahr 2003 verklagte die amerikanische Diva Barbara Streisand einen Fotografen, der Bilder von amerikanischen Küstenerosionen ins Netz stellte, auf 50 Millionen US-Dollar. Im Land der unbegrenzten Klagemöglichkeiten mit Sicherheit nicht der abstruseste Job für einen Anwalt, aber dennoch ist dieser Fall ein ganz spezieller, prägte er doch einen Begriff: Den sogenannten „Streisand-Effekt“. Der Grund für die Klage war nämlich die Tatsache, dass der Fotograf 12.000 Fotos der Küste Kaliforniens ins Netz stellte und auf einem dieser Fotos das Haus der Schnulzenkönigin zu erahnen war. Die vollkommen uninteressanten und bis dahin unbeachtet gebliebenen Bilder wurden daraufhin massenhaft im Internet verbreitet. Seitdem gibt es also den „Streisand-Effekt“, der laut Wikipedia ein Phänomen bezeichnet „bei dem der Versuch, eine unliebsame Information zu unterdrücken, öffentliche Aufmerksamkeit nach sich zieht und dadurch das Gegenteil erreicht wird, nämlich dass die Information einem noch größeren Personenkreis bekannt wird.“

Ähnlich verhält es sich mit der Berichterstattung über Phänomene, die eigentlich dort bleiben sollten, wo sie hingehören: in den Untiefen des Internets. Weil langweilig, weil dumm, oder weil gefährlich. Manchmal trifft auch alles auf einmal zu. Von „fragwürdig“ bis „einfach nur bescheuert“ reichten die Reaktionen auf unsere Auflistung bekannter rechtsradikaler Rapper. Und zurecht muss man sich die Frage stellen, ob man solchen Leuten wirklich eine Plattform geben sollte, ohne eine umfassende Analyse mitzuliefern. Wenn die Protagonisten allerdings so lächerlich sind, dass man ihren gesunden Menschenverstand anzweifeln muss, bzw. sich überlegt, ob es sich hierbei etwa um ausgefuchste Satire handelt—wie etwa den humoristischen Twitter-Account von Deso Dogg (der also doch noch zu leben scheint und sich langsam mal in „Deso Cat“ umbenennen sollte, wie MC Rufmord kürzlich feststellte)—dann kann man seine Bedenken eventuell beiseite schieben. Im Fall von „Trau keinem Promi“ sind diese Voraussetzungen größtenteils erfüllt. Eher sollte man sich Gedanken machen, ob es vielleicht einfach nicht angebracht ist, sich über geistig Verwirrte lustig zu machen.


Wer oder was „Trau keinem Promi“ eigentlich sein soll, bleibt auch nach intensivem Studium teilweise offen. Halbwegs sicher ist: Der Blogger/Youtuber/Twitter-Grinder Tilman Knechtel (sofern das sein echter Name ist) ist der Betreiber der Plattform und offiziell Anhänger des sogenannten „Libertarismus“, eine politische Ideologie, bzw. Philosophie, deren unterschiedliche Strömungen alle vom Prinzip des Selbsteigentums ausgehen und für eine teilweise bis vollständige Abschaffung oder Beschränkung des Staates sind (Danke, Wikipedia). Mit Sicherheit ein spannendes Thema, nicht umsonst haben sich auch Menschen wie Albert Camus damit beschäftigt, aber dementsprechend hoch ist eben auch die Fallhöhe. Und im Fall von „Trau keinem Promi“ ist man einfach nur ein wenig beschämt, dass ein ehemaliger Spiele-Tester und Gamer offensichtlich ein paar abstruse Bücher in die Hand bekommen hat und jetzt der Meinung ist, die Welt aufklären zu müssen. Egal ob Rothschilds, Weltjudentum, Illuminati-Verschwörungen oder geheime Zeichen in Musikvideos, bei Tilman wird jeder bedient—wie beim Barkeeper (*KoolSavasVoice*).

Seine Videos behandeln so spannende Mysterien wie etwa die Frage, ob Kanye West seine eigene Mutter als Blutopfer hergegeben hat, um in den 100-Millionen-Dollar-Club aufgenommen zu werden (Kurzer Spoiler: Höchstwahrscheinlich ja, alle Fakten sprechen dafür, zum Beispiel, dass äääh, und überhaupt und der Arzt guckt auf jedem Foto wie ein Psychopath und die Vorwahl des Ortes ergibt rückwärts den Preis von Blumenkohl in Südostasien), sind zwar extremst monoton und äußerst langweilig aufgebaut, sorgen aber dank ihrer Abstrusität durchaus für ein paar Lachanfälle. Ob Eulen im Bushido-Video, Charlie Sheens Verrat an der 9/11-Wahrheitsbewegung, Haftbefehls Vorwissen um den Absturz der German-Wings-Maschine oder den satanischen Tanz von Drake im „Hotline Bling“-Video (hier würde ich ihm sogar zustimmen), die Themen versprechen größte Unterhaltung. Die eigentlichen Videos bewegen sich dann allerdings meist auf dem Niveau eines Photoshop-Phillips mit Aufmerksamkeitdefizitsyndrom. Aber gut, immerhin haben solche Menschen das Internet und stehen nicht mehr mit großen Warnschildern auf öffentlichen Plätzen herum. Das ist durchaus ein Vorteil der „schönen neuen Welt“.

Manchmal allerdings verlässt auch ein Tilman Knechtel seine übernatürlichen Sphären und steigt von seinem Thron des Wissens herab, um sich ganz profan zu ärgern. Seinen offensichtlichen Hass auf den ehemaligen Royal Bunker-Labelchef Marcus Staiger zum Beispiel (einer doch ziemlich weltlichen Gestalt, im Vergleich zu seinen sonstigen übermächtigen Feinden wie der Medien-Mafia und den Illuminati in der amerikanischen Pop/Rap-Welt) ist einer der ersten Hinweise darauf, dass es sich hier einfach nur um eine beleidigte Leberwurst handelt, die ihren Stück vom Pop/Rap-Zirkus abhaben möchte. In welcher Form auch immer. Und jemand wie Staiger, der sich erdreistet, in Interviews mit einem Antifa-Shirt zu sitzen und sich laut Knechtel einen Marxisten schimpft, ist natürlich ein Feind. Ganz klar. Obwohl links und rechts ja eigentlich gar nicht existieren, soviel haben wir bei seinen geistigen Führern bereits gelernt. Für den bekennenden Oliver Janich-Fan existiert aber auch sonst eine Menge überhaupt nicht. Janich wiederum ist Klimaskeptiker, Journalist und Buchautor von so vielsagenden Werken wie „Die Vereinigten Staaten von Amerika. Geheimdokumente enthüllen: Die dunklen Pläne der Elite“ (Klingt super!). Im Gegensatz zu Janich, der seine Theorien wenigstens äußerst verschachtelt und verklausuliert verbreitet, macht es sich „Trau keinem Promi“ allerdings wesentlich leichter.

Alles, was seiner Argumentation nicht in den Kram passt, sind leere Worthülsen oder überholte Begrifflichkeiten, die Sprachcodes der neuen Rechten und der versteckten Antisemiten hat er jedoch brav auswendig gelernt und jongliert mit ihnen hin und her wie ein einarmiger Seiltänzer. Da man sich aber natürlich auch in der Verschwörungswelt profilieren muss, grenzt sich Tilman von Szene-Größen wie Jürgen Elsässer und Ken Jebsen ab—die sich zwischenzeitlich auch selbst voneinander distanzierten, schließlich ist das Ego der Beiden zu groß für eine vier Quadratmeter große Mahnwachen-Bühne (die 60 Getreuen, die Montags vor dem Reichstag stehen, will man sich nicht auch noch teilen). „Trau keinem Promi“ holt lieber das jugendliche Publikum ab, meist eine merkwürdige Melange aus Rap-Fans, Gamern, Verschwörungstheoretikern und Neonazis auf der Suche nach ihrer speziellen Nische. Recherche bedeutet oftmals einen Post wie „Was denkt ihr übers neue Kollegah-Video? Sind euch Sachen aufgefallen?“ auf Twitter zu verfassen und den daraufhin eintrudelnden Schrott dann mit Hilfe vom Movie Maker 2000 in eine unansehnliche Form zu pressen. Es sei denn, der Nicht-Promi-Trauer fühlt sich persönlich angegriffen. Wie etwa von Henryk M. Broder, der ihm Antisemitismus vorwarf. Dann wird einem zusätzlich noch erklärt, dass Antisemitismus ja gar nicht so weit verbreitet sein kann, wenn die Juden doch die Medien beherrschen. Welch bestechende Logik.


All das ist aber offensichtlich nur ein ideologischer Denkmantel für sein eigentliches Ich—das eines unglaublichen Fanboys. Insbesondere was deutschen Rap betrifft, reiht sich der „Truther“ in eine Reihe von Foren-Kids und Twitter-Suchtis ein, die leicht feucht im Schritt werden, wenn sie in irgendeiner Form von Rappern, Prominenten und Medien erwähnt oder auch einfach nur beschimpft werden. Es würde wohl niemanden wundern, wenn irgendwann einmal ein Tape mit den rudimentären Rap-Versuchen des jungen Tilman auftaucht, anders ist sein fast manisches Interesse an deutschen Rappern kaum zu erklären. Aufmerksamkeit um jeden Preis ist das Glück des kleinen Mannes. Dementsprechend lässt sich der Mensch hinter „Trau keinem Promi“ offensichtlich gerne beschimpfen und bespricht jede negative Erwähnung mit einer narzisstischen Begeisterung. Micky Beisenherz formulierte das in Richtung von Menschen mit ähnlichen Fetischen wie Matthias Matussek oder Erika Steinbach vor Kurzem wie folgt: „Die Einen gehen in einen Darkroom und warten auf die Goldene Dusche. Andere gehen ins Internet und warten auf den Shitstorm. Wer sich gerne anpissen lässt, findet immer einen Weg.“ Der Typ, der keinem Promi traut, ist nämlich immer bereit, Prominente im Kontext zu erwähnen, wenn sie denn angeblich seine Meinung teilen.

Ob es sich dabei—laut seinen Videos—um Xavier Naidoo, Fler oder einen ominösen deutschen Nationalspieler handelt, der sich natürlich nicht zu seinem libertären Gedankengut bekennen kann, da man „in der schönen neuen Welt nur Applaus bekommt, wenn man sich als Fußballspieler öffentlich zum Analverkehr bekennt“, ist egal. Berühmte Leute gehören nur dann okkulten Sekten und jüdischen Zirkeln an, wenn sie nicht seiner Meinung sind. Bedeutet: Prominente, die in der letzten Konsequenz seiner Theorien die goldenen Kälber der Gesellschaft sind, sind ihm eigentlich sehr willkommen, zumindest wenn er sie ungefragt als Anhänger seiner kruden Theorien ausgeben kann. Hoffen wir also, dass Fler davon erfährt, wütend wird und ein paar Fotos von Knechtels Haustür veröffentlicht. Da freuen sich alle Beteiligten: Fler freut sich, weil er seinen neuen Wagen ausfahren kann, Tilman freut sich, weil er mal wieder irgendwo erwähnt wird, und ich freue mich, weil ich dank meiner jüdischen Herkunft sowieso nur die Marionetten tanzen lasse und von oben, mir die Finger reibend, auf euch herablache.