Die Polizei hat das Gesicht von jedem einzelnen Besucher des Download Festivals gescannt

Zum ersten Mal hat ein britisches Festival der Polizei erlaubt, eine Gesichtserkennungs-Software einzusetzen.

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16 Juni 2015, 9:00am

Für die meisten von uns sind Festivals ein guter Weg, unserem unsichtbaren Technologiekäfig zu entfliehen. „Ich nehme mein iPhone nicht mit zum Melt!“, murmelst du beinahe konspirativ zu deinem Kumpel. Und wer könnte dir das auch übelnehmen? Für wenigstens ein paar Tage möchtest du in dieser von Billig-Bier befeuerten Utopie deinen Spaß haben, ohne etwas von der deprimierenden Außenwelt mitzubekommen. Bislang war dir diese kleine, bürgerliche Freiheit auch eigentlich immer gegönnt, aber letztes Wochenende hat die Polizei von Leicestershire beim Download Festival in Großbritannien eine neue Technologie ausprobiert, die dein Verhalten bei Massenveranstaltungen vielleicht für immer verändern könnte.

Die mehr als 100.000 Besucher wurden alle von der Polizei anhand einer strategischen Gesichtserkennungstechnologie erfasst und waren laut der Polizeinachrichten- und Informationsseite Police Oracle auch die ersten Musikfans, die in dieser Größenordnung bei einem britischen Festival überwacht wurden.

Auf globaler Ebene war es aber nicht das erste Mal, dass Festivalbesucher ohne ihr Mitwissen derartig flächendeckend überwacht worden waren. Nach dem Anschlag auf den Boston Marathon im April 2013 wurde auch das darauffolgende Boston Calling Festival diskret aber umfassend mit Hilfe von Gesichtserkennungssoftware überwacht (Noisey berichtete). Mit dem Bombenanschlag lässt sich ein derartig invasives Vorgehen durch die Bostoner Polizei vielleicht noch irgendwie rechtfertigen, für Leicestershire letztes Wochenende lässt sich das aber nicht sagen.

Laut dem Artikel auf Police Oracle „werden die strategisch platzierten Kameras die Gesichter auf dem Gelände des Download Festivals in Donington scannen, bevor sie dann mit einer Datenbank von europäischen Straftätern abgeglichen werden.“ Will heißen: Während du die Sau rauslässt, wird deine betrunkene Visage ganz nebenbei mit jedem Kriminellen auf dem Kontinent abgeglichen. Dieses Vorgehen ist mehr als ungewöhnlich und lässt sich auch nicht mit dem im Police Oracle-Artikel angegebenen Hauptbeweggrund rechtfertigen. Danach sollte es nämlich darum gehen, Leute zu fassen, die „Mobiltelefone stehlen.“

The Register zufolge, wo ebenfalls ausführlich darüber berichtetet wurde, „hat die Veröffentlichung des Interviews durch Police Oracle bei der Führung der Leicestershire Police für einige Verstimmungen gesorgt, die jegliche Vorabveröffentlichung ihres ‚neuen’ Überwachungsprojekts vermeiden wollte. Die Öffentlichkeit wäre nach dem Ende der Veranstaltung über die Aktion informiert worden—mutmaßlich als Teil einer ‚du hast davon nichtgs gemerkt, also war es auch nicht übergriffig’-Rechtfertigung.“


Die Mainstage des Download, via Alistair McMillan | Flickr | CC BY-SA 2.0

Die Tatsache, dass die Besucher des Download Festivals schon vor ihrer Ankunft auf dem Festivalgelände von der geplanten Aktion erfahren haben, schien die Polizei also offensichtlich missmutig zu stimmen. Außerdem konnten die Behörden nicht mehr angeben, dass diese Art von Technologie zur Prävention eingesetzt werden sollte, wenn sie nicht vorhatten, irgendjemanden vorab darüber zu informieren. Ganz im Gegenteil wurde dadurch ziemlich klar, dass sie darauf abzielten, Menschen nach dem Festival strafrechtlich belangen zu können, anstatt Verbrechen vorab zu verhindern.

Ich habe Renate Samson von Big Brother Watch angerufen—einer Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Ausmaß der Überwachung in Großbritannien aufzudecken. „Es ist eine Sache, gutes Geld dafür auszugeben, um auf einem Festival Spaß zu haben“, erklärt sie, „dann herauszufinden, dass dein Gesicht ohne dein Wissen biometrisch gescannt und mit einer Datenbank verhafteter Personen aus ganz Europa abgeglichen wurde, mindert den Spaß aber erheblich. Man sollte dabei auch bedenken, dass Leicestershire einen gewissen Ruf hat, was Überwachungsmethoden angeht. Zwischen 2009 und 2011 hatten sie mit die höchste Dichte an CCTV-Überwachungskameras in Großbritannien.“


Gesichtserkennung in Aktion beim Boston Calling

Manche werden darin lediglich ein probates Mittel zum Zweck sehen, denn letztendlich wird dich die Gesichtserkennung ja nur auf dem Kieker haben, wenn du wirklich in dieser Verbrecherdatenbank bist. Die einzigen, die davon Nachteile haben, sind die Bösen—könnte man meinen. Was aber mit diesen tausenden Stunden gesammelten Material im Nachhinein passiert, sollte den unbescholtenen Festivalbesucher genau so interessieren. Wie Luke O’Neil vor einem Jahr schon bei Noisey über Boston Calling geschrieben hatte: „Wie wir bei den NSA-Enthüllungen von Edward Snowden gesehen haben, musst du nicht besonders paranoid sein, um zu vermuten, dass einmal gesammelte Daten oft nicht mehr gelöscht werden.“ In dem gleichen Artikel heißt es auch, dass der amerikanische Journalist Kenneth Lipp es geschafft hatte, auch ein Jahr später noch 70 Stunden an Überwachungsaufnahmen vom Boston Calling online zu finden.

Vor wenigen Wochen erst wurde das Outbreak Festival, das auf dem gleichen Gelände wie das Download stattfinden sollte und für das anscheinend kein Einsatz von Gesichtserkennungssoftware geplant war, unter mysteriösen Umständen im letzten Moment abgesagt, obwohl das komplette Festival fast schon aufgebaut war. Als Grund wurden vage Sicherheitsbedenken durch die Polizei von Leicestershire angegeben. Es ist nicht bekannt, ob und inwiefern das Download überhaupt die Wahl hatte, zum Testgelände dieser neuen Technologie zu werden.

Dem Police Oracle-Artikel zufolge haben auch andere Festivalorganisatoren großes Interesse an dieser Technologie bekundet, sollte sie sich als erfolgreich beweisen. DC Kevin Walker sagte Oracle gegenüber: „Es ist mit das erste Mal, dass diese Technologie im Freien ausprobiert wird—normalerweise wird sie nur in einer kontrollierten Umgebung eingesetzt. Es gab auch eine Menge Interesse durch andere Festivals, die meinten: ‚Können wir uns das ausleihen, wenn es funktioniert?’“

Es bleibt unklar, warum sich gerade ein Festival wie das Download, bei dem im letzten Jahr von 120.000 Besuchern gerade mal 91 Personen festgenommen wurden, als Testareal für das invasivste Überwachungsprogramm qualifiziert hat, das je bei einem Musikfestival in Großbritannien eingesetzt wurde. Man würde eigentlich vermuten, dass die größte Gefahr bei einem Festival mit Kiss als Headliner von Gene Simmons alter, vertrockneter Zunge ausgeht.

Früher einmal galt der aus amerikanischen Krimiserien bekannte Satz, „Alles, was Sie sagen, kann und wird gegen sie vor Gericht verwendet werden“, nur für den kurzen Moment, in dem der rechtschaffende Polizist dem Verbrecher die Handschellen anlegt und ihn in den Streifenwagen befördert.

Heutzutage gilt dieser Zeile jedoch für so ziemlich jeden Moment deines überwachbaren Lebens: wie deine von Überwachungskameras aufgezeichneten Shoppingtrips, deine iPhone-Anrufe, deine E-Mails, deine Whatsapp-Nachrichten, deine Snapchat-Bilder oder deine durch GPS ständig ermittelbare Position. Selbst wenn du das Internet im Inkognito-Modus auf der Suche nach Vintage-Pornos durchforstest, solltest du dir dabei darüber im Klaren sein, dass vielleicht gerade ein litauischer Freelance-Coder deine Webcam gehackt und dich ein paar Sekunden dabei beobachtet hat, wie du noch schnell lieblos versuchst, dir vor der Arbeit einen runterzuholen. Du kannst dir sicher sein, dass deine verschiedenen Daten über den Tag hinweg sehr wahrscheinlich ausspioniert, gespeichert oder irgendwo gesammelt wurden.


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Es mag vielleicht Gefahren geben, deren wir uns nicht bewusst sind, aber letztendlich ist es so, dass die Leicestershire Police eine Menge Geld ausgegeben hat, um größtenteils unschuldige Musikfans auszuspionieren—und sie hätte es bevorzugt, dass du nichts davon erfährst. Der Hauptgrund für uns, auf ein Festival zu gehen, ist doch noch immer der, uns mit einem Haufen Fremder zu den Klängen von worauf-wir-auch-immer-diesen-Sommer-stehen gehen zu lassen. Zu wissen, dass man dabei ständig beobachtet wird, versaut einem dieses Vorhaben merklich. Vielleicht lohnt es sich, das nächste Mal eine Verkleidung mitzubringen.

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