Die ukrainische Queerszene ist ein gefährliches Pflaster für Musiker

Letztes Jahr wurde auf der Kyiv Pride eine Konzertlocation von Neonazis gestürmt. Die deutsche Band Tubbe fährt dieses Jahr als einzige Band trotzdem nach Kiew, um die Queerszene zu unterstützen.

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Juni 3 2015, 1:00pm

Irland und Grönland haben es vorgemacht: Homosexuelle Paare dürfen vor den Traualtar treten. In anderen Ländern ist es bis dahin aber noch ein weiter Weg. Während in Deutschland Tausende zum CSD kommen, wurde der öffentliche Marsch des ukrainischen Ablegers „Pride Week“ im letzten Jahr abgesagt. Trotzdem gab es Veranstaltungen, eine Konzerlocation wurde dann von Neonazis gestürmt. Für Rechtsextreme, aber auch für weite Teile der ukrainischen Bevölkerung, sind Nicht-Heterosexuelle immer noch etwas sehr Befremdliches. Zuletzt sorgte Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew, für Aufsehen, als er die KyivPride als Karnevalsveranstaltung abtat.

Die KyivPride, der Kiewer „Christopher Street Day“, findet dieses Jahr zwischen dem 2. und dem 8. Juni statt. Die öffentliche Demonstration soll dieses Jahr trotz Sicherheitsbedenken am 6. Juni durchgeführt werden. Daneben gibt es politische, kulturelle und wissenschaftliche Veranstaltungen.

Tubbe, das Elektropop-Duo aus dem Hause Audiolith, war schon im letzten Jahr für die KyivPride in der Ukraine. Auch bei anderen queeren Events sind sie immer wieder dabei. Wir haben mit der Sängerin Steffi gesprochen, um mehr über die Situation der queeren Szene in der Ukraine, Angst vor Übergriffen wie im letzten Jahr und über ihre Vorfreude auf Kiew zu erfahren.


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Noisey: Steffi, du bist zusammen mit deiner Band Tubbe auf der Pride Week in Kiew. Was sind die Ziele der Week?
Steffi:
Ein großes Ziel ist natürlich, für die eigenen Rechte zu kämpfen, gesehen zu werden und Akzeptanz und Toleranz zu fördern. Sich nicht mehr verstecken oder Angst haben zu müssen.

Wie werden diese Ziele von der ukrainischen Gesellschaft aufgenommen?
Leicht ist es nicht. Die Ukraine ist auf einem komplett anderen Stand als zum Beispiel Deutschland. Die Parade muss geschützt werden, damit nicht irgendwelche Rechten die Leute angreifen und vermöbeln. Letztes Jahr konnte der Schutz nicht gewährleistet werden, also fand die Parade nicht statt. Man darf sich das auch nicht vorstellen wie hier. In Kiew kommen ein paar hundert Leute, nicht wie hier tausende zusammen.


Die Band Tubbe auf der Kijv Pride letztes Jahr

Kllitschko, Bürgermeister von Kiew, meinte, dass in Zeiten des Krieges keine Zeit für eine Karnevalsveranstaltung wie den KyivPride sei. Wie schwer hat es die queere Szene in der ukrainischen Bevölkerung? Also abgesehen von Angriffen irgendwelcher Neonazis.
Es ist einfach keine akzeptierte Lebensform. Man kann nicht Hand in Hand durch die Straßen gehen. Der Arbeitgeber sollte es auch nicht wissen und von irgendwelchen Idioten vermöbelt zu werden, ist natürlich auch eher unschön. Sagen wir so: Man ist weit davon entfernt, es als normal zu betrachten.

Im letzten Jahr wurde ja, wie du schon gesagt hast, der „Marsch für Gleichheit“ abgesagt. Trotzdem gab es auf der Abschlussveranstaltung eine Attacke von Neonazis. Habt ihr die selbst erlebt?
Nein, Gott sei Dank nicht. Ich glaube es gibt nur zwei oder drei Clubs und einer wurde eben angegriffen. Wir haben an dem Abend in einem anderen Gay-Club ein Konzert gegeben. Die Sicherheitsvorkehrungen sind allerdings ziemlich krass. Überall ist Security und man wird abgetastet. Das ist beinahe wie am Flughafen, so kann man sich das vorstellen, alles aus Angst vor Attacken.

Kannst du dir dann erklären, wie es trotzdem zu dem Anschlag kam?
Ein paar Rechte haben sich zusammengerottet und den Club mit Waffen gestürmt. Da kommt man auch schon mal durch ein Schutzschild.

Andere Bands hätten Angst, nach solchen Vorkommnissen dieses Jahr auf der Pride Week zu spielen. Ihr nicht?
Nun, klar. Man ist nicht so unbeschwert, wie wenn man in Dresden, München oder Künzelsau spielt. Wir glauben, dass die Veranstalter sich gut kümmern und ihr Bestes tun, um die Sicherheit zu gewährleisten. Aber klar, total entspannt bin ich nicht.


Ein Mann wird während dem March of Equality festgenommen, Kyiv Pride 2013 | Foto: Imago

Wenn man Russland und die Ukraine vergleicht: Kannst du einschätzen, wo es schwerer für Nicht-Heterosexuelle ist?
Ich denke, Russland ist noch mal eine ganze Spur beschissener. Allein mit den Gesetzen, die diskriminieren und Gewalt quasi erlauben. Sowas kann die Ukraine natürlich nicht machen, weil sie in die EU will.

Wie ist eure Beziehung zur queeren Szene in der Ukraine? Gibt es befreundete Bands? Was erzählen die von ihrer Lage dort?
Wir haben letztes Jahr schon einmal in Kiew gespielt. Die Leute waren ausgesprochen reizend zu uns. Befreundete Bands gibt es bisher leider nicht. Wobei man in der Ukraine auch eher nicht offen homosexuell ist, wenn man als Musiker Erfolg haben möchte.

Wird es in Kiew viele Konzerte geben?
Soweit ich weiß, sind wir die einzige Band, die dort spielen wird. Es gibt noch andere Veranstaltungen, spielen werden aber nur wir. Ich denke es wird dieses Jahr spannend sein, ob die Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden können oder sich irgendwelche Spinner überlegen, dass man die Veranstaltung stürmen sollte. Ansonsten stehen unter anderem Treffen mit der Deutschen Botschaft an. Ich bin relativ gespannt, was die zu sagen haben bezüglich der ganzen Situation in Kiew und der Ukraine.


March of Equality auf der Kyiv Pride 2013 | Foto: Imago

Ihr spielt viele Konzerte in einem queeren Umfeld. Was ist der Unterschied von einer queeren Musikszene zu einer anderen Musikszene? Ist dort queer-sein ein zentrales Thema?
Ich würde sagen der Unterschied ist das Queere, was auch sonst. Und das war es auch schon. Es ist nicht das zentrale Thema, aber natürlich ist es wichtig. Es geht darum, Gleichgesinnte zu treffen und sich unverkrampft bewegen zu können. Was im Dachshundfrisuren-Club vielleicht nicht zwingend der Fall sein würde. Aber ob jemand jetzt ein heterosexueller Musiker oder ein homosexueller Musiker ist, ist dermaßen Wurst, dass die Pelle scheppert. Schubladen und Grenzen gibt es in erster Linie in den Köpfen von Leuten. Es ist alles nicht so wild und geheimnisvoll, wie manch einer sich das in seinem Eigenheim zurechtschustert.

Abschließend etwas Fröhlicheres: Worauf freust du dich bei der Pride Week?
Die Ukrainer schätzen Wodka und sind ausgesprochen großzügig mit dem Verteilen des selbigen. Das wird heiter. Abgesehen davon wird es reizend, die Leute wiederzusehen. Das Konzert letztes Jahr war irre! Ich denke, dass es auch dieses Jahr Wahnsinn wird. Es sind Leute gekommen, die uns unter Tränen gesagt haben, dass es viel bedeutet, dass jemand nach Kiew kommt, für sie auftritt und in ihrem Kampf unterstützt. Sowas passiert in Berlin zum Beispiel auch eher selten.

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