Frag Mykki Blanco bloß nicht nach HipHop, das findet er rassistisch

Dieses Jahr ist viel passiert in Mykki Blancos Leben: HIV-Outing, berufliche Umorientierung, ein neues Label. Wir haben uns mit ihm unterhalten und herausgefunden, dass HipHop kein Thema für ihn ist.

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01 September 2015, 8:00am

In den letzten vier Jahren hat der New Yorker Rapper und Performance-Künstler Mykki Blanco großen Anteil daran gehabt, dass der Genderdiskurs endlich den Weg aus den Proseminaren in die realen Clubs gefunden hat. Michael David Quattlebaum Jr., wie Blanco mit bürgerlichem Namen heißt, bezeichnet sich selbst als schwule Transvestitin und ist bekannt für seine sehr direkte, konfliktfreudige Artikulationsweise (die wir auch schnell spüren sollten).

Nachdem Mykki erst im März dieses Jahres ankündigte, sich dem investigativen Journalismus zu widmen, um über Homosexualität und die Gay Community zu schreiben, machte er ein paar Monate später, im Juni, erneut von sich reden. Er outete sich als HIV-positiv. Blanco möchte derzeit aber trotz der positiven Erfahrung, die dieses Outing für ihn bedeutet habe, nicht mehr über seine Erkrankung sprechen. Die Wahrnehmung solle ganz auf seiner Kunst liegen, zumal es von dieser auch viel Neues zu berichten gibt.

So hat Blanco gemeinsam mit dem Berliner Label !K7 das eigene Label Dogfood Music Group gestartet, auf dem dieser Tage als erste Veröffentlichung der stilistisch sehr offen angelegte, zwischen Noise, Dancemusik und HipHop angesiedelte Sampler C-ORE erscheint, auf dem neben Blanco noch Yves Tumor, PsychoEgyptian und Violence jeweils mit drei Songs vertreten sind.

Wir unterhielten uns mit Mykki Blanco über das Leben als Straßenkid in Chicago und New York, sein Wunschpublikum, die Idee hinter Dogfood Music—und gerieten absurderweise in einen kleines Disput über rassistische Genrezuweisungen, da Blanco zwar in seinem Backkatalog viel Musik mit HipHop-Bezügen veröffentlicht hat, es sich derzeit aber auf die Agenda geschrieben hat, diesen Fakt auszublenden und gegen die monostilistische Erwartungshaltung, mit welcher schwarzen MusikerInnen aus Amerika zumeist begegnet wird, anzugehen.

Noisey: Mykki, als ich neulich mit Peaches über dich sprach, schwärmte sie davon, dass du auf eine sehr begrüßenswerte Art und Weise Hardcore in die HipHop-Welt zurück gebracht hättest. Ist das eine Wahrnehmung deiner Musik, die du so unterschreiben würdest?
Mykki Blanco: Um meine Musik zu verstehen, muss man wissen, wo ich herkomme. Ich war früher eines dieser verrückten Straßenkinder in Chicago und New York. Die Menschen am Rand der Gesellschaft, sie haben mich schon immer angezogen, und als ich dann aus der Schule geflogen bin, wurden die Obdachlosen und ihre Welt zu meiner zweiten Familie. Psychedelische Drogen, Noise-Musik, Prostitution, Cross-Dressing, Hardcore-Punk, all diese Einflüsse haben der Mykki Blanco von heute und seine Sicht auf die Welt geprägt. Wenn mir die Leute Fragen mit HipHop-Bezug stellen, dann passiert das doch nur, weil ich schwarz bin. Gib es doch zu, du fragst mich das auch nur deswegen—das empfinde ich, wenn ich ehrlich bin, als rassistisch: lol.

Dem widerspreche ich natürlich. Zum einen, weil ich mich als nicht mit solchen Klischees arbeitend empfinde. Zum anderen, weil in deinem Fall der Soundbezug zu HipHop ja auch präsent ist. Spielen denn Genre in deiner Wahrnehmung von Musik keine Rolle?
Nein, es gibt nun wirklich wichtigere Dinge in der Kultur, mit denen man sich beschäftigen sollte.

Gerade ist ja Compton, das neue Album von Dr. Dre erschienen, das als Soundtrack zum NWA-Biopic angelegt ist und die Geschichte der Gruppe und des Vororts von Los Angeles aufarbeitet. Hast du es denn schon gehört?
Davon habe ich gar nichts mitbekommen. Weißt du, das ist nicht meine Szene, ich habe absolut gar keine Meinung zu Dr. Dre—wer ist das denn überhaupt?

Hörst du dir denn viel neue Musik an?
Wenn es um Musik geht, dann verhalte ich mich eher seltsam: Die Musik muss mich finden, nicht umgekehrt. Oft sind es Freunde, die mich auf neue Dinge hinweisen. Bei mir spielt die Erfahrungswelt eine große Rolle. Wenn ich etwas Neues höre während ich mit Freunden zusammen bin, beispielsweise am Strand, dann kann die Musik bei mir ankommen. Ansonsten ist es so, dass in meinem Leben andere Dinge wichtiger sind: Ich interessiere mich mehr für die Poesie des Lebens, die Grundenergien unseres Daseins, oder gehe einfach gerne im Meer schwimmen.

Wie hat man sich die Produzentin Mykki Blanco denn vorzustellen? Arbeitest du im Studio mit einem konkreten Bild von den Zuhörern deiner Musik, und wie würden diese idealerweise aussehen und sich verhalten?
Zunächst möchte ich drauf hinweisen, dass ich zwar all meine Songs selbst schreibe, aber keine Produzentin bin. Ich arbeite also mit Produzenten zusammen, auf deren helfende Hände ich angewiesen bin, was auch gut ist, da ich den kollektiven Geist, der darin steckt, schätze. Was meine ideale Zuhörerschaft angeht, so wäre es eine moshende—im besten Falle hüpfen alle wie wilde Tiere herum und geben so viel von sich preis wie ich von mir.

Ich frage in letzter Zeit die KünstlerInnen, die ich interviewe, immer danach, wieviele von zehn Shows, die sie spielen, sie als toll bezeichnen würden.
Nun, wenn eine Show meine ist, dann genieße ich sie immer, denn dann weiß ich, dass die Fans extra wegen mir gekommen sind. Wenn ich hingegen für einen Gastauftritt bezahlt werde, oder von einer Firma für eine private Show gebucht werde, dann, du kannst es dir ja vorstellen, dann ist das oft nicht so spaßig, als wenn ich vor meinem Publikum spiele.

Du hast gerade mit !K7 dein eigenes Label Dogfood Music Group gegründet. Was versprichst du dir davon?
Das Label steht ganz im Zentrum meiner Aktivitäten in diesem Jahr. Die Beziehung zu !K7 fühlt sich dabei bislang so transparent und ehrlich an wie noch keine, die ich innerhalb der Musikindustrie hatte. Sie glauben an mich und wollen, dass ich Erfolg habe. Die Compilation C-ORE wird ihren Anteil daran haben, dass sich die weltweit herrschende Vorstellung, dass ein schwarzer amerikanischer Musiker automatisch ein HipHop-Musiker zu sein hat, endlich ändern wird.

Ganz ehrlich, wie kannst du mich denn etwas zu Dr. Dre fragen? Wenn du den Hauch einer Idee hättest, worum es bei Mykki Blanco geht, dann… du hast mich das gefragt, weil ich schwarz bin und Amerikaner und als solcher eine Meinung zu ihm haben soll. Warum fragst du mich nicht nach Merzbow oder Musikern auf dem Pharmakhon Label, mit denen ich mehr zu tun habe?

Vor dem Hintergrund der Compilation kannst du das natürlich erwidern. Die Frage zu Compton hatte allerdings auch einen aktuellen und musikhistorischen Bezug. Aber lass uns zurück zu Dogfood Music kommen. Die erste Veröffentlichung des Labels ist ziemlich ungewöhnlich: eine Compilation, auf der nur vier Musiker vertreten sind, diese aber alle mit jeweils drei Stücken. Dadurch entsteht ja ein sehr enges Bezugnetz zwischen dir und den anderen drei. Wie wirkt sich das denn auf deine Musik aus?
Dogfood Music Group ist mein Label! Die drei Künstler auf der Compilation sind die ersten, die auf meinem Label veröffentlichen! Ich empfinde es als ein bisschen schäbig, nur meine eigene Musik zu bewerben, wo es doch auch um die der anderen gehen sollte. Alles zu seinem Zeitpunkt. Mit dem Label geht es mir darum, eine Gemeinschaft zu kreieren, ich will damit jene Leute unterstützen, die mich inspirieren. Aber keine Angst, wenn die Compilation draußen ist, dann habe ich wieder viel Zeit, um Mykki Blanco zu promoten.

Als wir zuletzt sprachen, erwähntest du, dass dein lang erwartetes Soloalbum, dein, wie du es nanntest Pop-Album, bald anstehen wird. Wann ist es denn soweit und was können wir en Detail erwarten?
Ich arbeite noch immer daran, und ich werde nicht damit aufhören, bis es nicht absolut so geworden ist, wie ich mir das vorgenommen habe. Es sieht also so aus, als ob du dich noch etwas gedulden musst und wir ein weiteres Gespräch miteinander führen müssen.

Sehr gerne. Dass sich das Album verschiebt, wundert mich übrigens nicht, du bist derzeit ja sehr aktiv auf vielen Feldern.
Das stimmt, es ergeben sich derzeit viele aufregende Sachen. So drehe ich mit einem Filmemacher aus Hollywoods eine Mischform aus Dokumentation und Spielfilm über mich. Außerdem wurde ich von Channel 4 in London als Gastgeber einer neuen Fernsehshow zu zeitgemäßer Kunst verpflichtet, halte eine Vorlesung am MRT in Boston und unterrichte ab dem nächsten Semester an der Amsterdamer School of Arts—dieser Spagat zwischen meiner Existenz als Künstlerin und meiner akademischen Karriere gefälllt mir.

Mykki, du hast dich ja im Juni als HIV-positiv geoutet. War das denn ein harter Schritt für dich?
Ich will da gar nicht mehr so viel drüber reden. Alles ist gesagt. Nur soviel: Ich bin sehr sehr glücklich, diesen Schritt gemacht zu haben. Ich wusste es seit viereinhalb Jahren und dieses Wissen mit allen zu teilen, diese Transparenz zu erreichen, bedeutet mir sehr viel. Damit habe ich die Welt an etwas sehr Persönlichem teilhaben lassen, aber nun sollten wir uns auf all die tollen Sachen, die in meinem Leben anstehen, konzentrieren, die du angesprochen hast: auf meine Kunst. Es gibt so viel, was ich während meiner Lebenszeit noch tun möchte und mit der Welt teilen will.

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