Der Suizidversuch von R’n’B-Sängerin Kehlani zeigt, dass wir mit Cybermobbing noch lange nicht durch sind

Für alle, die es immer noch nicht kapiert haben: Online-Hass kann tödlich sein. Ein Kommentar.

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März 30 2016, 9:30am

Am Montag postete Kehlani, R'n'B-Shootingstar aus den USA („Did I“), ein Bild aus dem Krankenhaus auf ihrem mittlerweile vollkommen fotolosen Instagram-Account. Darin machte die 20-Jährige öffentlich, dass sie in der Nacht zu Montag einen Suizidversuch überlebt hatte. Das Ganze steht im Zusammenhang mit ihrer Ex-Beziehung zu Sänger Partynextdoor und ihrem aktuellen bzw. nicht mehr aktuellen Freund, dem NBA-Spieler Kyrie Irving. Im Januar machte Kehlani ihre Beziehung zu Irving bekannt. Fotos von der Grammy-Verleihung im Februar zeigten sie happy in Love mit dem Basketballer. Und dann tauchte letzte Woche plötzlich ein Foto auf, das von ihrem Ex-Freund, Sänger Partynextdoor gepostet wurde. Darauf zu sehen: Ein Bett, zwei Hände, die eine von Partynextdoor, die andere von Kehlani.


Foto: Instagram Screenshot


Die Bildunterschrift machte klar, dass Partynextdoor seine Ex Kehlani wieder zurückhabe. Daraufhin entlud sich ein riesiger Shitstorm über der Sängerin. Die halbe Welt kommentierte hasserfüllt, was für eine miese Schlampe sie doch sei. Man hatte Mitleid mit dem armen Kyrie Irving, der doch ganz offensichtlich aufs niederträchtigste von seiner Freundin betrogen worden war. Und man hasste die offensichtliche Betrügerin. Dann tauchte plötzlich das Foto aus dem Krankenhaus am Montag auf Kehlanis Insta-Account auf.


Foto:Instagram Screenshot


Die Bildunterschrift macht klar, dass Kehlani tatsächlich versucht hatte sich umzubringen. Und, dass man den Blogs keinen Glauben schenken solle, die besagen, Kehlani habe ihren Freund Kyrie mit ihrem Ex Partynextdoor betrogen. Außerdem nehme sie diesen ganzen Vorfall nun zum Anlass, sich von Instagram zu verabschieden. Was noch am Montag geschah, denn mittlerweile sind all ihre Bilder gelöscht und der Account inaktiv.

Was zeigt uns diese Geschichte? Cybermobbing ist nach wie vor ein akutes Problem und ganz und gar kein Relikt der Vergangenheit. Die vielen Hass-Kommentare in den sozialen Medien haben in den letzten Jahren überhand genommen. Zu egal welchem Thema (aktuell und gesamtgesellschaftlich vor allem zur Flüchtlingsdebatte) schlagen sich die Menschen unter gefühlt jedem Post verbal und vor allem virtuell die Köppe ein. Die Anonymität des Internets schützt dabei die Verfasser solcher Hasstiraden. Nicht aber die Adressaten.

Kehlani ist das jüngste Beispiel, wie Musikerinnen und Musiker zur Zielscheibe von Slutshaming (bei den weiblichen Vertreterinnen) und Cybermobbing (ganz im Allgemeinen) werden können. Und am Ende sogar den Freitod als Ausweg in Kauf nehmen, weil sie mit ihrem Leben nicht mehr klarkommen. Höchstwahrscheinlich ist auch bei Kehlani dieser Vorfall nur ein Symptom des Problems gewesen und nicht zwingend dessen Wurzel. Sie war ihr Leben lang immer wieder Mobbing und schwierigen Situationen ausgesetzt, was sie in den sozialen Netzen auch öffentlich thematisierte. Vielleicht brachte die ganze Hasswelle wegen des Fotos, das Partynextdoor mitlerweile wieder gelöscht hat, das Fass zum Überlaufen. Selbst wenn man ein großes Selbsbewusstsein entwickelt, ist es hart mit dem Hass von Tausenden, manchmal sogar Millionen klarzukommen.

Wir sehen daran einmal mehr, dass wir alle unsere Worte im Netz mit Bedacht wählen sollten. Natürlich muss jemand, der sich auf eine öffentliche Bühne stellt, mit Kommentaren und Kritik rechnen. Und gerade wir Medien sind genau dann ein Korrektiv, wenn Verhaltenweisen oder Handlungen von in der Öffentlichkeit stehenden Personen Fragen aufwerfen, die wir klären möchten. In vielen Fällen auch kritisieren. Aber unsere Aufgabe sollte es niemals sein, Gerüchte zu stützen, deren Kern wir nicht kennen—so wie es viele Blogs und News-Seiten am Wochenende bei Kehlani getan haben. Die Aufgabe von Fans und von eigentlich jedem, der im Netz als Kommentator auftritt, darf es eben auch nicht sein, ungefiltert jeden geistigen Dünnschiss rauszuscheißen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, was es bei derjenigen Person auslösen kann, an die man diesen Hass anonym adressiert. Und wer würde sich schon persönlich trauen, seiner Wut derartig dreist Luft zu machen? Von Angesicht zu Angesicht? Eben.

Und wo zur Hölle sind in solchen Momenten eigentlich die Manager, die ihre Schützlinge vor solchen medialen Erdbeben bewahren oder zumindest Schadensbegrenzung betreiben sollten? Wenn es ums Mitverdienen geht, ist kein Mittel unrecht. Aber wenn eine Britney Spears oder ein Justin Bieber wegen Burnout öffentlich vor die Hunde gehen oder im Falle einer Amy Winehouse sogar am Ruhm, dem ganzen Hustle und den Drogen komplett zerbrechen, dann fragt man sich schon, wie all das dermaßen öffentlich und ungeschützt geschehen konnte. Vielleicht hatte auch eine Kehlani mit grundsätzlicher Überforderung zu kämpfen. Und egal, was letzlich nun dazu geführt hat, dass sie scheinbar so tief gefallen ist, dass sie lieber sterben, als leben wollte. Am Ende zeigt uns ihr Beispiel, wie sehr wir alle unser Online-Kommentar-Verhalten hinterfragen sollten. Und wie sagte meine Mama so schön: Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, dann halt manchmal besser die Klappe! Amen.