Der Noisey Guide To Ostdeutsche Dorfdiscos

Oft ist es wie ein Ausflug in den Zoo: „Schaut mal, da ist ein Exemplar mit Tribal-Muster am Hinterkopf, die sind fast ausgestorben!“

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Jan. 15 2015, 2:00pm

Foto: Grey Hutton

Bevor ich angefangen habe, Beats zu schrauben und Emo-Texte drauf zu singen, verdiente ich mein Geld hauptsächlich als Grafiker für Party-Flyer und DJ-Websites. Ein Job, der sich hin und wieder schmutziger anfühlte, als am Bahnhof Crack zu verkaufen. Aber ich brauchte das Geld und die DJs die Flyer. Denn wenn es in der ostdeutschen Provinz von einer Sache zu viel gibt, sind es DJs. Grauer Putz, SAT-Schüsseln und Arbeitslose auch, ja, aber hauptsächlich DJs. Eine Zeit lang wollte einfach jeder Bengel in Thüringen zwischen 15 und 22 DJ werden. Ursprung dieser Sehnsucht müssen die üblichen Verdächtigen gewesen sein: die stets prall gefüllte Dorfdisco, das vierteljährliche House-Festival in irgendeiner alten Ritterburg, der örtliche Jugendclub mit Kinderdisco. In diesen Einrichtungen wird jedes DJ-Duo, das öfter als zweimal vorbeischaut, wie Stars behandelt. Ich habe Kids gesehen, die sich die Logos von DJ-Acts tätowieren ließen, für deren bloßen Namen man sich schon in Grund und Boden schämen sollte.

Viele von euch sind mit 19 sicher rechtzeitig in die Großstadt gezogen. Ihr habt den ersten Rausch im „La Boume“ oder im „Flashlight“ längst verdrängt und erinnert euch nur noch bruchstückhaft an die zerklüfteten Nächte eurer frühen Jugend in der Dorfdisse. Ich hingegen erinnere mich sehr gut. Ich habe für ostdeutsche Diskotheken Logos gebastelt, als DJ aufgelegt und sogar, ich mag es kaum aussprechen, als Band in diesen Dingern Konzerte gespielt. Noch schlimmer: zwei, drei Mal im Jahr ziehen mich mysteriöse Kräfte immer noch in diese Vororte der Hölle, um dort mein Gedächtnis aufzufrischen und es direkt wieder in schalem Wodka-Bull zu ertränken. Egal! Ihr seht, meinem lupenreinen Investigativ-Journalismus liegen Jahre des Erfahrung-Sammelns zugrunde. Ich erzähle euch also keine Märchen, wenn ich euch hier von den DO's & DON'Ts der wundersamen Welt ostdeutscher Clubkultur berichte. Lasst uns gemeinsam ein paar Eindrücke von den schlimmsten Begegnungen in Thüringer Discos sammeln.

Spiel niemals ein Konzert in einer Dorfdisco

Bevor für meine Band Captain Capa klar wurde, dass wir in Live-Clubs und auf Festivalbühnen gehören, mussten wir durch eine kurze Phase des Ausprobierens. Es galt herauszufinden, wo die Leute überhaupt Bock auf unsere Musik haben und wo sie am besten funktioniert. Unsere einzigen echten Connections damals reichten aber nur zu den House- und Techno-Parties der Nachbarkleinstadt, also versuchten wir es da. Bis heute verfolgen mich die Momente der Demütigung und Selbsterniedrigung dieser Zeit in meine Albträume. Ich erinnere mich an kahlköpfige Ed Hardy-Spinner im Muskelshirt, die uns zwischen den Songs zu brüllten: „SCHEIIIIß ÜBERGANG!“ oder sich mitten im Set immer wieder „Offspring oder Onkelz!“ wünschten. Als ich auf einer House-Party als Gastsänger der Audiolith-Legenden Juri Gagarin die Bühne bestritt, flog endlich auch ein Becher haarscharf an mir vorbei. Mir war das damals noch nicht so klar wie heute, aber merkt euch diesen Satz: Live-Acts und Dorfdisco geht einfach nicht. Alles, was über das bloße Synchronisieren zweier Tracks und das Aktivieren des Flanger-Effekts hinaus geht, wird vom Mistgabel-Mob der ostdeutschen Ländlichkeit mit Naserümpfen, Buh-Rufen und purem Hass beantwortet. Manchmal wache ich nachts schweißgebadet auf und schaue in die wütenden Augen der „La Rouge Kindelbrück“-Besucher, die uns anno 2009 am liebsten aus dem Club geprügelt hätten, weil wir ihr Vierviertel-Stelldichein mit unserer amateurhaften Live-Show unterbrochen haben. Die ganz mutigen Nachwuchs-DJs unter euch dürfen sich gerne an Live-Spielereien mit dem Sampler versuchen, aber kommt niemals auf die bekloppte Idee, eine Gitarre oder sogar ein Schlagzeug in die Dorfdisco zu tragen. Da kommt ihr nicht mehr lebend raus.

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Foto: Grey Hutton


Mach dich auf ein Meer von Computermaus-DJs gefasst

Jeder, der schon ein mal in einem Dorf gelebt hat, kennt die räumliche Aufteilung von Provinz-Diskotheken: Mainfloor, Bar, Oldie-Floor. Während sich auf dem Mainfloor ein Potpourri aus regionalen Nachwuchs-DJs um den gesamten Fame des Kyffhäuserlandkreises battlet, rastet die Ü40-Generation im Nachbarraum so richtig aus. Denn wem das House- und Chart-Geballer und das so gennante „Embryo-Schubsen“ auf der großen Tanzfläche zu viel wird, rettet der Oldie-Floor. Hauptsächlich gibt es hier deutschen Schlager, Eurodance und hin und wieder mal Die Atzen zu hören. Wer ist dafür zuständig? Die absolute DJ-Elite des Landes: Ehemalige Alleinunterhalter, der frisch gekündigte KFZ-Schrauber aus der Autowaschanlage, der Hausmeister vom kürzlich geschlossenen Jugendclub oder einfach nur irgendjemand, der gerade Zeit und noch 20 alte Mix-CDs zur Hand hatte. Man erkennt die DJ-Meister des Oldie-Floors oft sehr schnell an einem Merkmal: Die rechte Hand ist fest mit der Computermaus verwurzelt. Nur selten verlassen die Finger das Mauspad, um kurz zum Mikrofon zu greifen und Stimmung zu machen: „HEY! WAS GEHT AB!? WIR FICKÖÖÖN DIE GANZE NACHT!“ Da der Oldie-Floor für gewöhnlich eine halbe Stunde früher dicht macht als die große Tanzfläche, bietet sich kurz vor Ladenschluss immer wieder ein trauriges Bild: DJ Dieter, kaputt geschwitzt und heiser, sitzt allein an der Bar. Tresen-Biggie schenkt ihm noch ein letztes Fassbier ein, bevor es mit der Laptoptasche unterm Arm zurück in den Plattenbau geht. Aber keine falsche Traurigkeit, denn auch nächsten Freitag wird DJ Dieter wieder im Blitzlicht stehen und „die Määädels zur Tanzfläche bittööön!“

Freu dich auf die schönsten Frisuren der Welt

Wenn ich Freunde aus Hamburg, Rostock oder Berlin in die kleine Disco am Stadtrand schleppe, um sie in die faszinierende Welt des Provinz-Raves einzuführen, benehme ich mich dabei oft wie ein passionierter Zoologe. „Schaut mal, da ist ein Exemplar mit rotem Pony! Und da ein Tribal-Muster am Hinterkopf, die sind fast ausgestorben! Und da ist die Königsdisziplin: drei Farben auf einem wild frisierten Kopf.“ Das kommt davon, wenn die Rave-Kids aus dem Dorf ihre Haare ganz in die Hände des Frisör-Azubis aus Bad Klausterheim legen. Mit dem Winkelmesser geschnittene Ponys in blau treffen hier auf rasierte Hinterköpfe in grün und ein lockiges Schwänzchen in blond—auf einem Schädel. Darunter trägt man silbrig glitzernde Bench-Jacken, Ed Hardy oder einfach gleich Thor Steinar. Dank den mutigen Frisören und Frisörinnen zwischen Dresden und Suhl wird so jeder Gang ins „Twister“ Oberbösa zu einem Sturz in ein modisches Paralleluniversum.


Die Überflieger aus der Zone: Gestört aber Geil

Gestört aber Geil, von ihren Fans liebevoll G.A.G. genannt, müssen an dieser Stelle einzeln Erwähnung finden. Sie sind ein ganz besonderes Mysterium für sich allein. Ich weiß nicht, aus welchem kosmischen Wurmloch Spike D und Nico Wenzel gefallen sind, aber sie waren plötzlich einfach überall. Ihre DJ Sets laufen in der Bar um die Ecke, in der Pizzabude und im Keller des lokalen Dope-Dealers. Ihr Logo klebt auf Hausaufgabenheften wie auf jedem zweiten tiefergelegten VW Golf und selbst meine Tante legt nach Feierabend zum Putzen G.A.G. auf. Was mir auch nach Jahren der Rätselei ein unverständliches Paradoxon ist. Das Erfolgsrezept der Disco-Raver ist einfach: hier und da eine Radio-Schnulze der Marke Milky Foster Bourani Chance mit einer House-Kickdrum aufpimpen, das ganze als Remix hochladen und das Ding in jeder verdammten Mehrzweckhalle auflegen, die es in Ostdeutschland gibt.

Gestört aber Geil füllen in Sachsen inzwischen riesige Läden, ihr Weihnachtskonzert in der Erfurter Thüringenhalle ist jedes Jahr ausverkauft. Schaut man sich Fotos oder gar Interviews mit den beiden Shooting Stars an, wird das Rätsel nur noch größer: G.A.G. sehen in ihren weißen Techno-Klamotten und gefärbten Rasier-Frisuren ein bisschen so aus, als wäre die DJ-Karriere der letzte Fluchtversuch zwischen Hauptschule und Langzeitarbeitslosigkeit gewesen. Pardon. Immerhin ist die Flucht geglückt! Gestört aber Geil sind zur Zeit aus der ostdeutschen Disco-Landschaft nicht mehr wegzudenken, so schlimm das für einige von uns auch ist. Ehre, wem Ehre gebührt. Aber denkt ja nicht, dass ihr im Westen geschützt seid: Langsam aber sicher schwappt die unerklärliche Erfolgswelle auch in die alten Bundesländer. Die kriegen euch noch.


Die Sache mit dem geschenkten Gaul

Ein besonderes Schmankerl auf jeder Tanzveranstaltung sind immer… na? Geschenke! Wenn es in finanziell geschwächten Gegenden auch in der Disco nicht mehr so richtig läuft, müssen die Menschen mit Ramsch gelockt werden. Und es funktioniert! Ich halte meinen Sonnenbrillen-Verschleiß seit mehreren Jahren damit im Gleichgewicht, dass ich immer wieder über Promo-Sonnenbrillen diverser Schnaps-Marken aus den schlimmsten Discos dieses Landes stolpere. Hin und wieder finde ich nach dem Aufwachen dann auch ein buntes Silikon-Armband an meinem Handgelenk. Oder einen blinkenden Knopf an meinem Kragen. Oder einen dämlichen Sombrero auf meinem Hut. Nichts schlägt allerdings die Promo-Giveaway-Aktion von 2012 aus den „Sax-Clubzones“ in Thüringen: Eine Tüte Sexspielzeug für jeden, der sich vor Zwölf auf den Mainfloor traut. Vibro-Ring, eine Tüte Gleitgel, zwei Kondome, Liebeskugeln und ein höchst spartanischer Hartplastik-Vibrator—in dieser Nacht geht das ganze Dorf mit vollen Taschen glücklich nach Hause.

Hier werden DJs mit Maske noch respektiert

Wer in der Musikbranche was aus sich machen will, braucht 2015 nicht mehr auf die Idee kommen, sich eine Maske aufzusetzen, um irgendwie geheimnisvoll oder mysteriös zu wirken. Das hat euch Slipknot schon vor 15 Jahren in der Rockmusik versaut und auch im elektronischen Sektor ist der Kuchen gegessen. Es sei denn, du willst dir jeden Abend anhören, dass du hier „keinen auf Daft Punk machen sollst!“ Es gibt nur einen Ort, an dem du mit deiner bekritzelten Kabuki-Maske noch auf Begeisterung stoßen könntest: In kleinen Thüringer Discos wird man dir nämlich zu Füßen liegen, wenn du ein paar Hardtech-Platten auflegst und dabei debil hinter einer Gummi-Maske von Helmut Kohl hervor schielst. Immerhin schaffen es hier sogar die berüchtigten „Brothers Incognito“, sich mit einer wirklich bemerkenswert lausigen Kopie der markanten Daft Punk-Kostüme über Wasser zu halten. Wer jetzt noch auf den Masken-Zug aufspringen will, muss sich allerdings echt was einfallen lassen. Vom dreisten Slipknot-Ripoff bis zum bemalten Mundschutz ist selbst im Osten der Republik schon alles abgegrast.


Lass die Grenzen zwischen Rummelplatz und Tanzveranstaltung vor deinen Augen verschwimmen

Stell dir mal vor: Nachdem du dir im „Taifun“ in irgendeinem Vorort von Erfurt deinen sechsten, seichten Wodka-Bull aus einem warmen Plastikbecher zu Gemüte führst (den man hier übrigens „Wodka Enerdschieee“ nennt), setzt tatsächlich endlich langsam der Rausch ein. Du steuerst benebelt an den irrwitzigen Igelfrisuren vorbei auf den Dancefloor. Über dir grüne Laserstrahlen, auf dem Boden bunte Spotlights, auf Augenhöhe knallt das Stroboskop. Und überall dieser gottverdammte Nebel. Aus den Boxen pumpt ein Phillip Poisel-House-Remix. Der Boden beginnt für dich leicht zu schwanken und ein Glatzkopf im Muskelshirt rempelt dich an. „Junge noch ei' ma' und's gnallt, Meiner!“ Du willst dich gerade entschuldigen, als die Stimme des DJs durch den Raum hallt: „Soooo Leude, das war wiedor unser Hit von Louis Garcia... wollder noch mehr?“ Besinnungsloses Kreischen aus dem Publikum. „Na dann, mach 'mer noch einen!“ Die Mädels beginnen zu steppen, die Kerle strecken die Zeigefinger in die Luft, mit denen sie Uhrzeiger-artig im Takt wippen. Eine vom Solarium schon völlig rot gebrannte junge Frau schreit schrill „Eiiiieieieieiiii“ und die halbe Kleinstadt stimmt mit ein. Der Glatzkopf von vorhin tippt dir auf die Schultern und will sich jetzt prügeln: „Hier Kollege, was war‘n das vorhin?“ Als dann noch ein Schwall Kotze aus dem Nichts ins Bild geflogen kommt, ist die Kirmes-Atmosphäre komplett. Wenn ihr euch bei Namen wie Breakdance, Celebration oder Shooting Star manchmal nicht sicher seid, ob es sich um ein Rummel-Fahrgeschäft oder eine Dorfdisco handelt, wisst ihr jetzt, woran das liegt.

Wie lustig der Abend in einer ostdeutschen Dorf-Disse am Ende wird, entscheidet letztlich ihr, eure Begleitung und euer Alkoholpegel. Wenn ihr das nächste mal vor einem verlängerten Wochenende steht und nicht wisst, ob ihr mit euren Freunden lieber in den Heide Park oder an die Ostsee fahren sollt, probiert es doch mal mit einem Trip durch die Großraumdisco-Szene des Ostens. Das ist immerhin Geisterbahnfahrt, Rummelkarussell, Festzelt-Atmosphäre und Zoobesuch in einem und dazu auch noch verboten günstig. Schreibt mir eine Postkarte aus dem „Hurricane“ Großniederhörningen!

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