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Perspectives Festival—female:pressure schmeißt ein Festival nur für Musikerinnen (inkl. Ticketverlosung)

Wenn ihr glaubt, es sei heutzutage nicht mehr nötig, ein Festival nur für Frauen zu organisieren, dann irrt ihr leider gewaltig.

Wenn ihr glaubt, es sei heutzutage nicht mehr nötig, ein Festival zu organisieren, auf dem nur Frauen auftreten, dann irrt ihr leider gewaltig. Einer Studie zufolge, die das Netzwerk female:pressure Anfang des Jahres veröffentlicht hat, finden Künstlerinnen in der elektronischen Musik noch immer relativ wenig Beachtung. Akribisch wurde nachgezählt, wie viele Bands und DJs auf Musikfestivals in Europa und Nordamerika weiblich waren—mit erschütterndem Ergebnis: Weibliche Acts waren auf den wichtigsten und oft mit öffentlichen Geldern subventionierten Festivals nur mit zehn Prozent vertreten. Kein akzeptabler Zustand, fanden ein paar Frauen aus dem Netzwerk und riefen ein Festival ins Leben, das Künstlerinnen sichtbar machen und unterstützen soll. An diesem Donnerstag und Freitag findet das erste Perspectives Festival im Berliner Club About Blank statt.

Wir haben uns mit zwei Festivalorganisatorinnen, der französischen Techno-DJane und Grafikerin Marine und der kanadischen Techno-Musikerin Debbie, getroffen und mit ihnen über die Ideen des Festivals gesprochen.

Noisey: Wie kamt ihr auf die Idee, ein Festival nur für Frauen zu organisieren?
Marine:
Das mit dem female:pressure Netzwerk hat vor 15 Jahren angefangen. Zum zehnjährigen Bestehen haben sich die Künstlerinnen, die dort mitmachen, zum ersten Mal persönlich getroffen und ab dann immer wieder Meetings in Berlin organisiert. Nach der Studie von female:pressure dachten sich einige von uns: Okay, wir müssen einfach was machen. Jetzt sind wir ein Team von ungefähr 20 Leuten, die das Festival auf die Beine stellen.
Debbie: Es gab auch einen politischen Kontext, der uns dazu gebracht hat, das Festival machen zu wollen. Anfang des Jahres gab es ja eine große Debatte über Feminismus in den Medien. Innerhalb des Kollektivs ging es eine Zeit lang eher ruhig zu, aber als dann der Medien-Sturm anfing, wurde auch die female:pressure-Mailingliste sehr aktiv. Diejenigen, die sich aus der Gruppe intensiver mit dem Thema befasst haben, fanden sich dann nachher als Organisationsgruppe für das Festival zusammen.

Warum findet denn das Festival gerade in Berlin statt? Das Netzwerk ist doch international.
Es ist im Moment sehr auf Berlin fokussiert, weil einfach viele Mitglieder von female:pressure hier wohnen. Und dieses Mal treten ja ausschließlich Künstlerinnen aus dem Netzwerk bei den Showcases auf. Beim nächsten Mal sollen dann vielleicht auch Leute aus anderen Kontexten auftreten.

Soll das Festival irgendwann auch in anderen Städten zu stattfinden?
Marine: Eigentlich wäre es uns lieb, wenn das gar nicht nötig wäre. Wenn es einfach Standard würde, dass alle Festivals ein hochwertiges und geschlechterdurchmischtes Line-Up hätten.
Debbie: Das Ziel ist langfristig nicht, ein ausschließliches Frauenfestival zu machen. Momentan machen wir das nur, weil es notwendig ist. Das Ziel ist aber, so was überflüssig zu machen.

Es ist im Moment also eher ein notweniger Umweg, erst mal ein Festival nur mit Frauen zu machen, damit irgendwann ein Gleichgewicht herrscht?
Marine: Genau. Es geht zunächst darum, zu zeigen, dass es eine Menge sehr guter Künstlerinnen gibt. Das ist immer das Argument von Bookern und Labels, dass es zu wenige gute Künstlerinnen gibt und sie deshalb so wenig auf Festivals und bei Plattenlabels vertreten sind. Wir wissen, dass das nicht stimmt, die Anzahl und musikalische Bandbreite der Künstlerinnen ist ziemlich groß.

Seid ihr mit der Idee, ein reines Frauenfestival zu machen, angeeckt? Weil man ja sagen könnte, dass dabei Männer ausgeschlossen werden, so wie auf anderen Festivals Frauen ausgeschlossen sind.
Debbie: Bisher haben wir zum Glück kein negatives Feedback bekommen. Es geht uns ja auch nicht darum, jemanden auszuschließen, wir wollen eher denen besondere Beachtung schenken, die sonst vielleicht keine Chance bekommen würden. Aber natürlich haben wir uns im Vorfeld des Festivals darüber Gedanken gemacht, wie wir es präsentieren wollen. Wir wollten nicht zu negativ rüberkommen, nicht jammern, sondern eher konstruktiv an die Problematik herangehen.

Ich meinte das auch gar nicht negativ. Aber ich kann mir vorstellen, dass Leute sehr gereizt auf das Thema reagieren. Manche Leute fühlen sich ja schon angegriffen, wenn man nur das Wort Feminismus ausspricht.
Marine: Ja, das Wort Feminismus mögen viele nicht, die denken dann: Diese Feministinnen, die hassen doch alle Männer, und so.
Debbie: Ich glaube, vielen Leuten ist nicht bewusst, dass gerade die zweite Welle der Frauenbewegung noch nicht allzu lange her ist und sie glauben, dass heute alles gut und so etwas wie Feminismus nicht mehr nötig ist.
Marine: Dass aber Frauen heute zum Beispiel noch immer deutlich schlechter verdienen als Männer, sehen viele nicht. Wir als Künstlerinnen haben das Problem der ungleichen Bezahlung auch. Frauen werden für einen Gig einfach nicht mit Geld überhäuft, im Gegensatz zu manchen Männern. Die zehn am besten bezahlten DJs der Welt sind Männer. Und wahrscheinlich gibt es in Europa nur fünf Frauen, die vom DJing wirklich leben können.

Habt ihr als Künstlerinnen mal selbst Sexismus erlebt?
Debbie: Ich wurde mal gefragt, ob ich die Freundin des DJs bin. Die kamen gar nicht auf die Idee, dass ich selbst der DJ sein könnte, dass ich als Frau tatsächlich in der Lage bin, das alleine zu machen. Aus irgendeinem Grund fühlen sich manche Leute bei dem Gedanken unwohl. Was wirklich seltsam ist, eigentlich sollte das seit Jahrzehnten schon kein Thema sein. Ich will gar nicht so negativ sein, denn ich bekomme auch viel positives Feedback, wenn ich Leuten erzähle, dass ich Musik mache. Aber viele sind eben auch überrascht, wenn sie das hören.

Was glaubst du, woran liegt das?
Wahrscheinlich daran, dass Künstlerinnen einfach nicht so sichtbar, nicht so präsent sind wie Künstler.

In den Talks und Workshops geht ihr dieser Frage auch nach, oder?
Marine: Ja. Die Workshops sollen auch junge Künstlerinnen ermutigen, selbstbewusster aufzutreten und sich nicht davon einschüchtern zu lassen, dass vermeintlich nur Männer Musik machen. Aber natürlich sind auch Musikerinnen eingeladen, die ein bisschen Input suchen und sich verbessern wollen.

Das Festival Female Perspectives on Electronic Music and Digital Arts findet am 12. und 13. September im About Blank (Club und Garten), Markgrafendamm 24, in Berlin statt. Neben Workshops, Vorträgen und Talks gibt es natürlich auch Livemusik und DJ-Sets, unter anderem von Electric Indigo, Gudrun Gut, Elektro Moon, Ada, Pilocka Krach, Sarah Farina und Sonae. Ihr wollt hin? Kein Problem. Wir verlosen 2x2 Tickets. Schreibt einfach eine Mail mit dem Betreff „Perspectives“ an .

Weitere Infos und Tickets gibt es auf der Seite des Festivals.

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