Screenshot von YouTube aus dem Video "FACE - Я РОНЯЮ ЗАПАД (prod. by JuloOntheTrack)" von FACE

Rap aus Russland Teil 2: "Kein Rapper schießt gegen Putin"

In der Fortsetzung unserer Russland-Reportage geht es um Systemkritik, Gesetze gegen Schimpfwörter und die Frauen im russischen Rap-Game.

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März 23 2018, 10:55am

Screenshot von YouTube aus dem Video "FACE - Я РОНЯЮ ЗАПАД (prod. by JuloOntheTrack)" von FACE

Wenn Wladimir Putin oberkörperfrei auf einem Pferd reitet, wirkt er wie der selbstbewussteste Mensch der Welt. Zwischen Rapfans aber fühlt er sich unwohl. Das zeigt ein Video von 2009, in dem er ein Rap-Battle mit dem Titel "Battle für Respekt", veranstaltet von einem Fernsehsender, besuchte. In seiner damaligen Rolle als russischer Ministerpräsident steht er in einem weißen Rollkragenpullover inmitten einer Crowd von Rapfans. Er starrt verkrampft auf die Bühne, lacht spöttisch, klatscht dann verlegen in die Hände. Um ihn herum tanzt ein Mädchen euphorisch, ein Typ mit überdimensioniertem New Era Cap steht direkt hinter ihm und kaut aggressiv auf einem Kaugummi. Hände fliegen hoch und runter, Putins Gesicht ist angespannt. Wenig später betritt Putin die Bühne, schafft es, sich zusammenzureißen, und präsentiert sich zumindest in diesem Moment den Rappern gegenüber offen. Er sagt: "Diese Jungs vermitteln einen einzigartigen russischen Charme. Straßenrap ist zwar rough, aber er hat Bedeutung, weil er die wachsenden sozialen Probleme thematisiert." So offen gegenüber Kunst ist er längst nicht immer. Vor allem dann nicht, wenn sie das Regime kritisiert oder zu "rough" wird. Was können Rapper in Russland sagen, was nicht und gibt es überhaupt politische Rapper, die das vorherrschende System kritisieren? Künstler, die es abfeiern, gibt es jedenfalls genug.

"Kein Rapper schießt gegen Putin. Alle wissen, dass es unmöglich ist, sich gegen ihn durchzusetzen", sagt Nikolai, der eigentlich anders heißt und schon im ersten Teil unserer "Rap aus Russland"-Reihe auftaucht. Er lebt in Moskau, arbeitet in der Musikindustrie und kennt sich mit der russischen Rapszne aus. Wenn er Veranstaltungen organisiert, muss auch er darauf achten, was auf der Bühne gesagt wird. Wenn Künstler auf der Bühne Schimpfwörter rappen, sollen sie das Mikrofon vom Mund weghalten, damit das nicht zu hören ist. Sonst gebe es nur Stress. So wie einmal, als russische Medien ein Rap-Battle der Künstler Oxxxymiron (den wir in Teil 1 vorstellen) und Slava KPSS teilten, in dem die sich, wie es sich in einem Battle gehört, hart beleidigten. Die berichtenden Medien mussten ihre Beiträge wieder löschen und mit 50.000 Rubel (circa 710 Euro) Strafe rechnen. Ein 2014 von Putin initiiertes Gesetz, das Schimpfwörter unter anderem in Medien und auf Theaterbühnen verbietet, machte es möglich.

Face: Der Hedonist

Face lässt sich davon nicht beeindrucken, auch nicht von Polizeikontrollen bei seinen Konzerten. Der 20-Jährige ist so was wie der russische Lil Pump. Nur besser. Er fällt auf und er provoziert. Zum einen mit seinem androgynen Look, seinen Tattoos im Gesicht und seinen langen Haaren – er schafft ein Gegenbild zum russischen Männerklischee. Zum anderen provoziert er durch Sprache und Sound. "Face hat gerade den größten Hype", sagt Nikolai. "Ältere Leute regen sich über seinen Style und seine Sprache auf. Wer russisch rappt, kann nicht wie im Englischen einfach so 'Fuck' sagen, weil es unerwünscht ist, dass sich jemand so äußert." Aber Face sagt Fuck, hält in seinen Videos die Mittelfinger in die Kamera, feiert sich selbst oder verliert sich im Drogenrausch.

Er ist einer der neuen Hedonisten der Szene, in seinen Songs geht es auch um Drogen, ums Abstürzen irgendwo in seiner Heimatstadt Ufa. Seine Lines unterfüttert er mit Bass-Brechern und Drums, die wirr durch den Takt tanzen. Dazwischen schieben sich düstere Balladen, die an Alternative Rock erinnern und von Großstadt-Depressionen erzählen. Diese Klangvielfalt, der Hang zur Party und, dass er mentale Probleme thematisiert, eint ihn mit anderen neuen Rapgrößen wie Pharaoh (über den ihr ebenfalls mehr in Teil 1 lesen könnt), Boulevard Depo oder i61. Explizit politisch sind diese Rapper in ihren Texten nicht, ihre Haltung gegenüber dem Staat spielt in der Musik erst mal keine Rolle. Mit ihrem selbstzerstörerischen Lebensstil und der Kein-Fick-Haltung aber stellen sie sich der Ordnungsliebe und dem vorherrschenden Männlichkeitsbild in Russland entgegen. In gewisser Weise sind sie Punk.


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Genauso sagt es Nikolai in unserem Gespräch: "Es geht nicht immer um das, was konkret gesagt wird. Ein globaler Sound und Coolness haben manchmal mehr Aussagekraft, als das bloße Wort." In einem Interview mit Dazed positioniert sich Face aber auch sehr deutlich. Er sagt: "Polizisten sollten die Bevölkerung schützen, aber hier bekommst du eine scheiß Angst, wenn du sie siehst. Es gibt keine Meinungsfreiheit, Leute trauen sich nicht mehr, alles zu sagen und es gibt keine Veränderungen bei den Autoritäten. Russland fällt zurück in Sovjet-Zeiten, in Stalin-Zeiten. Die Armut ist das größte Problem." Face ist unzufrieden. Mit seiner Musik bietet er einen Weg, um diese Unzufriedenheit kurzzeitig zu vergessen.

Husky: Der Außenseiter aus Sibirien

Der Rapper Husky (Хаски) sieht viele neue Figuren der Szene noch immer kritisch: "Rap in Russland ist gerade oft eher eine wörtliche Adaption des aktuellen amerikanischen Raps. Die Künstler beschränken sich auf die Themen, die auch in den USA angesprochen werden." Damit bezieht er sich auf die neue Rapgeneration, in deren Tracks Mode, Geld, Drogen und ein geiler Sound eine große Rolle spielen und widerspricht mit der Aussage Nikolai. Außerdem, sagt er, gebe es bei Jugendlichen ein allgemeines Misstrauen und eine Müdigkeit gegenüber der Politik.

Doch Husky verkörpert das Gegenteil. Seine Musik lebt zwar auch von absurden Tönen, die er mit seiner Stimme erzeugt, vor allem aber lebt sie von Wörtern. Seine Texte sind abstrakt, literarisch und bieten einen großen Interpretationsspielraum. Zum Beispiel dann, wenn er sich, wie auf "Пуля-дура" ("Kugelnarr"), in einen Automaten verwandelt, der um sich schießt. Die Bilder, die er erzeugt, sind krass. Husky ist 24 Jahre alt und stammt aus Ulan-Ude in Sibirien. Subkultur gab es dort nicht, erzählt er uns in einem Mail-Interview. "Ich bin in einem von Industrie geprägten, verarmten Vorort einer zerrissenen sibirischen Stadt aufgewachsen", sagt er. "Ich habe mich nie als Teil der HipHop-Kultur gefühlt und hänge auch nicht mit Rappern rum. Rap ist für mich nur eine Ausdrucksform." Mittlerweile lebt er in Moskau und studierte dort Journalismus. Moskau und St. Petersburg böten das beste Arbeitsumfeld, aber die interessantesten russischen Rapper kämen alle ursprünglich aus der Provinz.

Als Husky 2011 zum ersten Mal landesweit wahrgenommen wurde, sorgte er sofort für eine Kontroverse. "Седьмое октября" hieß sein erster bekannter Song, benannt nach dem 7. Oktober: Wladimir Putins Geburtstag. Darin geht es um einen Zar, der in die eigene Tasche wirtschaftet und es sich mit seinem Gefolge gut gehen lässt, während der Rest der Bevölkerung verarmt. Es gibt sie also, die direkte Kritik, auf dem aktuellen Album von Husky, Любимые песни (воображаемых) людей, ist sie aber nicht mehr herauszuhören. Mit Selbstzensur hat das nichts zu tun, eher mit dem eigenen literarischen Anspruch an die Texte. Seine Musik, sagt er, soll davon erzählen, was mit dem Menschen auf der Welt passiert: heute und in Zukunft. Genauso wenig, wie er mit der Rapszene etwas zu tun haben will, möchte er sich von den unterschiedlichen regimekritischen Kräften ideologisch vereinnahmen lassen, so scheint es. Früher besuchte Husky Demonstrationen der Opposition, mit einem Reporterteam reiste er in die ukrainische Donbass-Region, in der pro-russische Separatisten gegen das ukrainische Militär kämpfen, später hatte er Kontakt mit dem regierungskritischen, nationalistischen Schriftsteller Sachar Prilepin. Huskys politische Haltung ist schwer zu durchschauen. Aber er sagt: "Es gibt keine Zensur, ich fühle mich überall frei." Auch damit widerspricht er anderen Rappern wie Face oder Noize MC, die öffentlich machen, dass sie sich eingeschränkt fühlen.

Noize MC: Ungeliebt vom Staat

Noize MC fühlte sich nicht immer überall frei, einmal stürmten Polizisten mit Maschinengewehren sein Konzert. Seine Texte sind weniger kryptisch als die von Husky und weniger reduziert als die von Face. Musikalisch sei er in seiner Kindheit von den Beatles und Nirvana beeinflusst worden, sagt er in einem Mail-Interview mit Noisey. Schon mit 13 Jahren gründete er eine erste Band, spielte Gitarre. Heute, mit 33 Jahren, hat er alleine und mit Bands unzählige Alben veröffentlicht und vermischt Rock mit Rap und Bassmusik. In seinen Texten wird Noize MC deutlicher als die meisten anderen russischen Rapper, er kritisierte unter anderem das russische Staatsfernsehen, wurde deswegen schließlich sogar von einigen Radiosendern nicht mehr gespielt.

Trotzdem habe er sich schon auf Alben selbst zensiert, stand in einem Gewissenskonflikt. Wenn er die Musik inhaltlich nicht einschränkt, erreicht er weniger Menschen. Wenn er sie einschränkt, vermittelt er nicht das, was er wirklich denkt. "Irgendwann bin ich ausgeflippt", sagt er. Auf dem russischen Kubana-Festival wurde ihm 2014 das Mikrofon abgedreht, nachdem er sich kritisch über die russische Ukraine-Politik äußerte. Er verließ die Bühne, kam nackt zurück und spielte weiter. Das hatte Folgen: Unzählige seiner Russland-Konzerte wurden abgesagt. Nachdem er sich im letzten Jahr bei einem Konzert auf einem ukrainischen Festival eine Ukraineflagge umhing, die ihm aus dem Publikum gereicht wurde, gab es erneut Stress. "Ich wurde in regierungsnahen Medien als Landesverräter dargestellt und mir wurde vorgeworfen, ich würde die nationalistischen Parteien in der Ukraine unterstützen", sagt er. Wieder wurden Konzerte gecancelt, oder die Polizei tauchte bewaffnet auf. Der angebliche Grund: Eine Drogenrazzia. Mittlerweile habe sich das gebessert. "Wir können grundsätzlich immer noch überall spielen", sagt er. Doch die harte Sprache provoziert ähnlich wie bei Face ältere Generationen und wird von konservativen Kräften als Problem wahrgenommen.

Als reiner Polit-Rapper will Noize MC aber nicht gesehen werden. "Ich will mich von niemandem einspannen lassen, in meiner Musik erzähle ich, was mich beschäftigt. Das sind nicht nur politische Themen." Tatsächlich sind seine Tracks längst nicht nur gesellschaftskritisch. Es geht auch um Party, um ausschweifende Konzerte: um puren Hedonismus. Einmal, da verletzte er sich beim Stage-Dive schwer und spielte den Rest der Tour auf einem Bürostuhl sitzend. Später sagt er: "Ich will weiter Songs schreiben, die man in der Küche hören kann und welche, zu denen 20.000 Menschen bei einem Festival bereit sind zu springen."

Wo sind die Frauen?

Wer auf russischen Festivals Raperinnen finden will, muss lange suchen. Nikolai sagt, dass Rap in Russland vor allem von Männern dominiert werde und tatsächlich gibt es keine Frau, die an die Erfolge von Face, Pharaoh und Oxxxymiron herankommt. Das wichtige russischsprachige Online-Nachrichtenmagazin meduza.io schreibt in einem Artikel über Frauen in der russischen Rapszene, dass Sexismus dort besonders präsent sei und sich bisher leider noch keine russische Erykah Badu oder Nicki Minaj etabliert habe. Trotzdem hat sich mit der Öffnung der Szene in den letzten Jahren auch der Anteil der Rapperinnen erhöht. Neben millionenfach geklickten Künstlerinnen wie Tatarka oder Азиза, die vor allem Influencerinnen sind und nur wenige Songs veröffentlicht haben, erschienen 2017 auch wichtige Releases von Mozee Montana und Aigel.

Aigel Gaisina ist die Rapperin und Texterin des Projekts Aigel, das sie zusammen mit Produzent Ilya Baramía gestartet hat. Eigentlich arbeitet sie als Übersetzerin und Synchronsprecherin, aber manchmal kreiert sie mal eben einen Sound, den es so in Russland vorher nicht gab. Die Songs von Aigel sind schnelle Bounce-Tracks mit Basslines, die an frühen Dubstep erinnern. Darauf rappt Aigel Gaisina ultraschnelle Doubletime-Parts und switcht dann urplötzlich in Gesang um. Das klingt aufregend, neu, weit entfernt von Adaptionen der US-Rapper. Das Lustige ist: Eigentlich planten sie gar nicht, ein richtiges Album rauszubringen. Aigel und Ilya trafen sich ursprünglich, um die Musik zu einem Theaterstück zu schreiben, das auf einen Gedichtband von Aigel basiert. Das spielte irgendwann keine Rolle mehr, stattdessen entstand eines der besten russischsprachigen Rapalben des letzten Jahres, das nicht nur für Jugendliche, sondern auch für ältere Musikfans relevant war.

Russischer Rap ist kein Gag mehr

Rap sei im Moment eine Sprache der Jugend, sagt Husky. In den letzten zwei Jahren sei das auch für die traditionellen Medien offensichtlich geworden. Trotzdem wird Rap in seinen Augen weiterhin unterschätzt. "Im Massenbewusstsein bleibt Rap eine Clownerie, ein Teenager-Gag", sagt er. Vielleicht birgt gerade dieses Unterschätzen großes Potential. Rapper aus allen Generationen lassen sich weder die Schimpfworte verbieten, noch verzichten sie auf westliche Pop-Einflüsse, wie es einige Konservative gerne sehen würden. Die neue Rap-Generation in Russland ist unabhängig und wenn man genauer hinschaut auch subversiv. Außerdem hat sie mit ihren neuen Rap-Entwürfen Rock und elektronische Musik als wichtigste Musikgenres abgelöst. Obwohl Noize MC selbst einen Rockbackround hat, gibt er das zu: "Rap wurde zur Tanzmusik und ersetzte gleichzeitig alle Aspekte des Rock'n'Roll. Es gibt einen Rap, der die Funktion von Punk übernimmt, es gibt einen Rap, der die Funktion von Stadionrock erfüllt. Rap demokratisiert außerdem die Mindestanforderungen für die Künstler", sagt er. "Jeder hat die Möglichkeit Rapper zu werden." Diese Möglichkeit wird genutzt. Täglich werden hunderte neue Rap-Songs im sozialen Netzwerk VK hochgeladen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Face, Pharaoh, Husky oder Oxxxymiron ernsthaft darum kämpfen müssen, weiterhin an der Spitze der russischen Rapszene zu stehen und nicht von neuen Talenten verdrängt zu werden.

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Johann Voigt bei Twitter: @monodefekt

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