Foto: imago | Stephan Wallocha

Lebensgefühl Wandtattoo: Julia Engelmanns Debütalbum lässt uns unsere Generation hassen

"Ich sitze inzwischen wie gelähmt auf dem Sofa, unfähig mich zu wehren gegen die akustische Darmspülung, die da über mich drüber rollt." – Unser Autor über die Poetryslam-Sängerin Julia Engelmann

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Nov. 8 2017, 2:35pm

Foto: imago | Stephan Wallocha

Wenn Julia Engelmann die Bühne betritt, fällt der Startschuss für eine unbeschwerte Stunde. Die junge Frau aus Bremen ist aktuell das Nonplusultra auf dem Kalendersprüchemarkt und bedient ein nach sinnentleerter Bedeutungsschwere lechzendes Publikum derzeit auf allen Kanälen mit ihren Slam-Poetry-Ergüssen. Seit ihrem 11 Millionen Klicks schweren, viralen Hörsaal-Video, in dem sich das Ex-Soapsternchen (über 500 Folgen Alles was zählt, mein Beileid) gekonnt als unerfahrene Studentin mit poetischen Ambitionen präsentierte, rollt die Engelmann-Lawine unaufhörlich ins Tal der lyrischen Bedeutungslosigkeit. Dem Erfolg tut das keinen Abbruch. Drei Bestseller in den letzten vier Jahren, dutzende Talkshow-Auftritte, über 500.000 Facebook-Fans. Und jetzt: ein Musikalbum. Aber das reicht ihr natürlich nicht. Julia Engelmann will auch noch rappen. Am Wichtigsten aber ist ihr, immer etwas unbeholfen rüberzukommen.

Seit jeher fungieren Songs als Sprachrohr einer neuen Generation, sprechen Musiker einer missverstandenen oder rebellischen Jugend aus der Seele, werden historische Ereignisse von Musik begleitet. Ob die großartigen Stones "I Can't Get No Satisfaction" sangen, während das Establishment der Mittsechzigerjahre verbissen versuchte, die angehenden Veränderungen zu unterbinden, die durchaus limitierteren Scorpions sich mit "Wind of Change" melodramatisch durch das Ende des Kalten Krieges pfiffen oder die etwas überinterpretierten Jungs und Mädels von Faithless Mitte der 90er "I Can't Get No Sleep" hauchten – immer ging es um ein Lebensgefühl. Widerstand, Freiheit oder wenigstens Ballern und drei Tage wach.


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Auch die heutigen Generationen möchten gerne irgendwas fühlen, soviel ist klar. Nur was, ist die Frage. Wenn es nach Julia Engelmann geht, fühlen wir uns vor allem missverstanden, weil wir eigentlich ganz anders sind. Und die Lösung liegt augenscheinlich in kleinen aber feinen Floskeln, die man auf links dreht, mit ein paar witzigen Krakeleien versieht und auf Facebook postet. Alles nicht so schlimm wie man denkt, könnt ihr den Dalai Engelmann fragen.

Lauscht man den Klängen des folgerichtig Poesiealbum genannten musikalischen Werks, auf dem sie die in ihrer offensichtlichen Einfältigkeit kaum zu überbietenden Bauernweisheiten in ein musikalisches Korsett zu pressen versucht, glaubt man teilweise an Arbeitsverweigerung. Julia Engelmann wird in den folgenden 14 Liedern sehr oft sagen, was sie alles nicht ist und nicht kann. Und das ist eine ganze Menge. Wusste ja Kanye schon: "Everything I'm not, made me everything I am." Die ersten sanften Akkorde wabern durch den Raum, "Grüner wird's nicht" heißt der Song. Vielleicht meint sie das ja politisch, die Musik klingt zumindest jetzt schon unangenehm nach veganer Brühwurst und Mülltrennung. Und dann erklingt auf einmal die leicht mädchenhafte Stimme von Judith Holofernes, die offenbar etwas an Charisma verloren hat über die Jahre. Moment, das ist ja gar nicht die Holofernes, sondern die Engelmann. "Nach der nächsten Ebbe kommt der Mut" säuselt sie im typischen "Wir sind Helden"-Duktus und ich ahne jetzt schon: Das wird hart!

Der Song klingt so ein wenig nach Jugendkampagne der Stadtsparkasse Wolfsburg. Ein Blick in die Credits verrät: Produziert wurde das Album unter anderem von dem Max-Giesinger-Schreiberling ("80 Millionen") und einem YouTube-Profi von Y-Titty. Daher also der schale Geschmack im Abgang, Böhmermanns "Menschen Leben Tanzen Welt" lässt grüßen. Ich zwinge mich hinzuhören: "Ich dachte immer, dass das abgedroschen klingt / Besonders wenn das einer für dich singt..." (Tut es, Frau Engelmann. Das ist ja das Problem.) "...Denk nicht so viel darüber nach / Dann brauchst du keinen ander'n Rat." Das riecht jetzt schon alles sehr nach Erdbeerkäse, gleich zu Beginn. Man kann nur hoffen, dass Judith Holofernes ihrem 2017er Downgrade eines Tages über den Weg läuft, um ihr vor die Füße zu kotzen.

Wenn man Julia Engelmann fragt, was ihre Profession ist, so antwortet sie: "Vollzeitpoetin". Selten hat sich eine Geisteshaltung so schamlos gezeigt, wurde die eigene Verwertbarkeit so offenherzig präsentiert. Vom Teilzeitjob zur Vollzeitpoetin dank Facebook, das eigene Zeitmanagement immer vor Augen. Dass sie 2014 schlagartig einem breiten Publikum bekannt wurde, ist vor allem den sozialen Medien geschuldet. Und wahrscheinlich der ziemlich cleveren Kampagne einer Medienagentur, die sie bis heute gekonnt in Szene setzt. Die Banalität des Blöden (*Hannah-Arendt-Voice*) hat in Julia Engelmann den perfekten Wirt gefunden.

Weiter geht's. Auf "Kein Modelmädchen" (sic!) wird mal kurz die Ukulele rausgekramt, klingt nach Autohauseröffnung und Jack Johnson aus Bremen, da gibt's ja auch Wasser. Sollte demnächst ein passendes Video erscheinen, würde es nicht wundern, wenn man die Engelmann mit einer Blumenkette den Hula tanzen sähe. Oder eben nicht tanzen sähe, denn: Die Julia kann ja soviel nicht. Kurz zuvor hieß es bereits "Ich bin kein schicker Hipster / hab mehr so Nerd-Profil" und "Surf keine Retrowelle / Ich surf im Internet". Nun stampft sie "Kein Schnappschuss von mir ist für Insta geeignet / Weil ich nicht ständig für Fotos bereit bin" trällernd durch die gezupften Akkorde. Herrlich unperfekt, die Julia. Kurzer Blick auf ihr Insta-Profil: Aktuell 132.000 Follower und eine nicht zu unterschätzende Selfie-Dichte. Nach jedem Gig wird ein kurzes Video mit dem Publikum gedreht. Lügen-Julia. Lügen-Musik! Lüge, Lüge, Lüge! Selten so sauer gewesen. Ich starte eine wöchentliche Demo in Bielefeld. Motto: Gegen die Engelmannisierung des Abendlandes.

Inzwischen ist mein Hirn leicht püriert, von der vorgegaukelten Unfähigkeit im Gewand des Mädchens von Nebenan. Es geht jetzt Schlag auf Schlag. "Stille Poeten", "Sowas wie Magie" oder "An den Tag" – erbarmungslos blubbert sich die Stimme dieses Fleisch gewordenen Zierkissens durch die Tracklist. Immer wahnwitziger dudelt die Musik auf diesem lieblosen Machwerk vor sich hin, bis es zur Mitte hin zum akustischen Super-GAU kommt: Julia Engelmann rappt. Im Intro des Songs ("Bestandsaufnahme") moniert sie, dass sie kein Basecap aufgezogen hat. Weil das machen Rapper ja so. Aber weil sie eben so unperfekt ist, hat sie das Cap glatt vergessen, hihi. Dann wird wild drauf los gequasselt, Sprechgesang zum Abgewöhnen, obwohl Blumentopf sich doch aufgelöst haben. Nicht aufregen, durchatmen, Pampelmuse fressen oder der Engelmann mit einem anderen Trendobst das Maul stopfen. Jetzt heißt es nur noch: Hirn aus und durch. Die Songs klingen wie sie heißen, jeder kommende Titel eine düstere Drohung am Firmament. Egal ob "Lass mal 'ne Nacht drüber Tanzen", "Ich kann alleine sein" oder "Keine Ahnung, ob das Liebe ist", der knapp an Paulo Coelho gescheiterte Prosa-Fan fällt hier weich. Kostprobe gefällig? "Immer wenn ich an dich denke, denk ich dass / Nur ich, aber außer mir sonst keiner auf der Welt so gut in dein IKEA-Holzbett passt". Glatter geht's nicht. Ein Wunder, dass im Hause Engelmann jemand ein IKEA-Bett zusammen bauen kann.

Die komplett fehlende Haltung zu jedwedem Thema stört dann im weiteren Verlauf des Albums auch kaum noch. Der ideale Soundtrack für die Tupperwarenparty oder den gemeinsamen Rotwein-Abend beim BWL-Tutor. Ich sitze inzwischen wie gelähmt auf dem Sofa, unfähig mich zu wehren gegen die akustische Darmspülung, die da über mich drüber rollt. Apropos Darmspülung: Erstaunlicherweise scheinen die Texte von Julia Engelmann tatsächlich eine Menge Menschen in ihrem Innersten berührt zu haben. Ganz tief drinnen eben, irgendwo zwischen Leber und Milz. Schließlich werden sie millionenfach geklickt und gekauft. Das ist zwar sehr traurig, beschreibt jedoch sehr anschaulich eine Generation, die einfach nur ein bisschen Sicherheit will und wenn man diese in der eigenen Unsicherheit findet, dann ist das auch OK. Hauptsache ein wenig besser fühlen, während man sein Leben der Leere widmet. Lebensgefühl: Wandtattoo.

Man könnte darüber hinwegsehen und sich etwas anderem zuwenden, natürlich. Kein Grund sich so aufzuregen und in Musik-Tourette zu verfallen. Leicht gesagt, wenn man mehrmals wöchentlich "Es tut mir leid, wir können keine Freunde mehr sein, du teilst Julia Engelmann-Videos"-Nachrichten verschicken muss. Julia Engelmann ist der neue Ken Jebsen, ein Zerstörer der virtuellen Freundschaften, ein sicheres Indiz für schwindenden Hirnschmalz. Da hilft nur blockieren. Dem Erfolg der Verblödungspoesie schieben solch private Erziehungsmaßnahmen natürlich keinen Riegel vor, es ist und bleibt ein Kampf gegen Windmühlen. Und Windmühlen werden nun mal angetrieben von heißer Luft.

Gleich ist es geschafft. Abschließend ertönt nochmal der Song über die verfickten Pampelmusen und den ekelhaften frischen Wind, der herein weht und das verdammte Glücklich werden. Denn das kann sie, die Vollzeitpoetin. Glücklich sein, trotz all der Hindernisse. Freut mich für sie. Ich zünde eine Zigarette an, setze mich auf den Balkon und gieße mir einen kräftigen Schluck Wodka ein. "Weißt du, Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt", säuselt es zum Abschied. Wenn dem wirklich so ist, bleibt nur eins zu sagen: Lösch dich, Julia Engelmann. Lösch dich, lösch dich, lösch dich. Wenigstens das kriegen wir doch noch hin.

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