Battle-Rap, Antisemitismus und AfD – Staiger zum Echo-Drama um Kollegah & Farid Bang

"Alles kaputt hier."

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Apr. 17 2018, 9:18am

Foto: imago | xcitepress 

Nein, er kenne keine Tabus, sagte Oliver Polak vor vier Jahren in einem Interview, darauf angesprochen, dass bestimmte Personen seine Vergewaltigungswitze in seinem Stand-up-Comedy-Programm nicht lustig finden würden – zum Beispiel Frauen, aber die würde er halt zum Lachen zwingen. In einem Kommentar für Die Welt erklärte der Comedian am 14. April nun, dass es ihm in der aktuellen Diskussion um Kollegahs und Farid Bangs Echo-Gewinn nicht um die Auschwitz-Zeile im Track "0815" geht. "Ich weiß, was Satire ist, ich weiß, was Stand-up ist, und ich verstehe auch die künstlerische Funktionsweise von Battle-Rap" – aber so wie das bei Kollegah insgesamt abgelaufen ist (auch mit Bezug auf seine Musikvideos), gehe es halt nicht, denn das sei "Antisemitismus […], das Protegieren von Judenhass".

Campino, nach eigenen Worten ebenfalls Fachmann in Sachen Provokation, erklärte bei der diesjährigen Echoverleihung vor laufender Kamera, wo die Grenzen der Sittlichkeit verlaufen und erntete dafür stehende Ovationen vom Publikum, das froh war, dass wenigstens einer was gesagt hat. Empfindsame Polizisten würden das mit der Grenzziehung übrigens vielleicht anders sehen und an Textzeilen wie "Wir schießen zwei, drei, vier, fünf Bullen um" erinnern, die aus dem Track "Bonnie und Clyde" von den Toten Hosen stammen, der ja immerhin auf einer wahren Geschichte beruht und in diesem Sinne vielleicht auch das Moralempfinden bestimmter Personenkreise verletzt.

Aber so ist das halt mit moralischen Standpunkten, sie sind sehr flexibel und hängen vom jeweiligen Standpunkt ab. Mal gelten sie, dann wieder nicht, insofern sind sie ein bisschen so wie das Völkerrecht, das herhalten muss, wenn man mal wieder einen Krieg führen will und ansonsten nicht beachtet wird, weil es eher nervt.

Doch moralischer Standpunkt hin oder her: Farid und Kollegah wollten mit ihrem Kollabo-Album Jung, brutal, gutaussehend 3 die größtmögliche Provokation absetzen. Punkt. Und offensichtlich scheint ihnen das gelungen zu sein – herzlichen Glückwunsch!

Das Establishment steht Kopf, somit haben die beiden als Rapper eigentlich alles richtig gemacht. Stimmt das Gerücht, dass Farid und Kollegah darum gewettet haben sollen, wer die Line auf dem Album schreibt, die den größten Wirbel verursacht, so geht der Sieg eindeutig an Farid Bang. Der hat auf dem Album allerdings auch mit anderen Geschmacklosigkeiten nicht gespart oder wie mein Kollege Juri Sternburg in einem Kommentar zum Album richtig festgestellt hat: "Zeilen wie 'Denn du wachst auf in 'ner Garage in Derendorf / Und als erstes nimmt dich ein Schwarzer aus Kenia durch' sind nichts anderes als offener und plumper Rassismus unter dem Deckmantel eines YouTube-Pranksters."

Dass man bei einer Veranstaltung wie dem Echo nun den moralischen Motor angeworfen und der Ethikbeirat bedenklich den Kopf gewogen hat – geschenkt. Der Echo richtet sich nämlich genauso wenig nach moralischen Kriterien wie die Reimeschmiede mit dem groben Werkzeug selbst, sondern lediglich nach Verkaufszahlen und monetärem Gewinn. Ein Wert, der in dieser Welt einfach über allem steht. Und nach dieser Art der Bewertung haben sie halt gewonnen. Alles andere ist Heuchelei.

Dass die Gegenseite dann Werte wie Kunstfreiheit und freie Meinungsäußerung in die Waagschale wirft, darf nicht verwundern, kein Geschütz ist zu groß, um in dieser Schlacht der Titanen ungenutzt zu bleiben. In pathetischen Statements rief Kollegah seine Fans dazu auf, die Freiheit der Kunst und vor allem die ewig währenden Battlerap-Werte des HipHop, ja Rap an sich, zu verteidigen. Mit breiter Anabolika-Brust sollten die Banger- und Alpha-Fans in die Schlacht gegen RTL und BILD ziehen, um diesen Medien zu beweisen, dass das hier verdammt nochmal Kunst ist und sie das gefälligst zu respektieren hätten. Das ist lächerlich. Entweder kack ich jemandem auf den Teppich und akzeptiere dann, dass er mich rausschmeißt oder ich lass es sein. Dieses Erzwingen von Anerkennung aus der Popwelt, dieses Betteln darum, auch mal auf dem roten Teppich stehen zu dürfen, ist anbiedernd. Hätten die beiden auf Preisverleihung und Gala geschissen und ein Konzert für ihre Fans vor der Halle gegeben, so wäre das wenigstens ein kleines Statement gewesen. Stattdessen lieb gehabt werden zu wollen, wenn man es am wenigsten verdient hat – was soll das?

Bei JBG3 handelt es sich um eine – von vornherein kalkulierte – Provokation, bei der man sich eigentlich nur die Frage stellen muss, warum diese Art der Flachheit, Geschmack- und Humorlosigkeit überhaupt so erfolgreich ist. Denn um wirklich Kunst zu sein, fehlt irgendwie der Witz, die Leichtigkeit, der doppelte Boden, die Ironie – aber auch das hat mein Kollege Juri Sternburg schon viel früher festgestellt.

Dazu gehört übrigens auch, dass einem Farid die Tragweite seiner Auschwitz-Zeile vielleicht wirklich gar nicht bewusst war, weswegen er sich auch bei der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano entschuldigt hat. Ob Taktik oder echte Reue lässt sich aus der Ferne schwer beurteilen. Das öffentliche Urteil aber, mit dieser Zeile den Antisemitismus der beiden Rapper beweisen zu wollen, geht in die verkehrte Richtung. Die Zeile taugt dafür nicht, selbst wenn sie an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten ist.

Doch die Öffentlichkeit ist heiß darauf, vor allem dem Kollegen Kollegah Antisemitismus nachzuweisen, was in der Vergangenheit zu schlampigen Recherchen und überhasteten Unterstellungen führte und zu einigermaßen absurden Reaktionen. So wurden ihm mehrmals Textzeilen vorgehalten, die letztendlich gar nicht von ihm stammten, woraufhin er gebetsmühlenartig betonte, dass er auch jüdische Freunde habe, HipHop per se antirassistisch sei (ein frommes Wunschdenken), und ihm das Wohl seiner jüdischen Fans so sehr am Herzen liege, dass er ihnen auf Lebenszeit freien Eintritt zu seinen Konzerten verspreche. Wobei die Frage im Raum steht, wie sich diese am Einlass eigentlich als Juden kenntlich machen sollen – vielleicht mit einem gelben Stern auf der Brust?

Ob in Kollegahs Weltsicht wirklich die Juden kollektiv für alles Übel dieser Welt verantwortlich sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen – manches deutet darauf hin. Zumindest hantiert er in seinem Werk mit antisemitischen Anspielungen, was dem Alpha-Boss dank seiner übermenschlichen Intelligenz eigentlich auch bewusst sein müsste. Man fragt sich schon, warum er nicht einfach mal einen Strich zwischen sich und seiner Rap-Persona zieht und zum Beispiel ein Statement veröffentlicht, in dem er sich hinstellt und die antijüdischen Beschimpfungen und Angriffe verurteilt, die es ja durchaus auf deutschen Schulhöfen gibt. Stattdessen scheint sich die klassische Gut-Böse-Erzählung der Kunstfigur Kollegah immer mehr mit dem Politikverständnis des Privatmanns Felix Blume zu mischen, an dem er seine Fangemeinde gerne teilhaben lässt.


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Tatsächlich sieht es so aus, als glaube der eine wie der andere an eine okkultistische, pädophile Satanistenverschwörung der Eliten. Das legt eines seiner letzten Videopostings nahe, in dem Kollegah einem Reporter 25.000 Euro bar auf die Hand verspricht, wenn der sich endlich einmal "objektiv" mit Pizza Gate beschäftige. Gleichzeitig beschreibt Kollegah in seinem Song "Apokalypse" eine Welt, die von Satan beherrscht wird und in der im Ostteil der Stadt Jerusalem ein Endkampf zwischen Gut und Böse um die Weltherrschaft stattfindet.

Kollegah stellt sich in diesem Zusammenhang gerne als Aufklärer und Motivator dar, der sich seiner Vorbildfunktion für seine jungen Fans durchaus bewusst und auf die er auch stolz sei. An dieser Stelle trifft aber die comichafte Erzählung des allmächtigen Alpha-Mannes auf die Realität. Und die Frage muss erlaubt sein, wohin das ganze führen soll? Denn an einer Änderung der Dinge, wie sie sind, scheint dem Deus-Maximus (Name seiner Klamottenmarke) nicht unbedingt gelegen zu sein. Stattdessen verbreitet er die Botschaft, dass alles gut und richtig sein könnte, wären gerechtere Herrscher am Werk (zu denen er sich wahrscheinlich auch zählen würde), statt gewisser Geheimbünde, die alles kaputt machen. Kollegah erklärt sich mit so ziemlich jedem Scheiß einverstanden, den diese Welt so bietet: mit dem Konkurrenzdenken, dem Gewinnstreben, der Selbstoptimierung, der Härte zu sich selbst und gegenüber anderen. Er geht bei seiner Jagd nach dem geschäftlichen Erfolg über jede (lyrische) Leiche, fickt jede Mutter und betont in seinen privaten Postings, dass er nichts von emanzipierten Frauen hält. All das Dinge, die zu Unterdrückung, Kriegen und Leid führen – Themen, denen er sich in seiner Musik ja ebenfalls zuwendet, für die er aber eine kleine, korrupte Machtelite verantwortlich macht. Den Satan an sich, der die Welt (und letztlich wahrscheinlich auch ihn selbst) dazu verführt, all diese schlechten Taten zu begehen. Das ist bürgerliche Doppelmoral at its best. Das ist praktizierte Bewusstseinsspaltung, mit der er sich allerdings wiederum in bester Gesellschaft befindet.

Der Skandal hat ein Ausmaß erreicht, von dem Frei.Wild nur träumen kann, selbst Bundesaußenminister Heiko Maas greift mittlerweile aktiv in die Diskussion ein. Dieser schreibt auf Twitter, dass antisemitische Provokationen keinen Preis verdient hätten und wir uns wie #Campino, "schützend vor jüdisches Leben stellen müssen". Kollegah wiederum nicht faul, entdeckt die scheinbare Lücke in der Argumentation des Außenministers und greift das rechts-populistische Schlagwort der "Masseneinwanderung von […] antisemitisch geprägten Menschen" auf, die angeblich von der deutschen Bundesregierung unterstützt werde.

Man muss diesen argumentativen Salto ein bisschen auf sich wirken lassen, um die ganze Tragweite zu verstehen: Da mischt sich ein Außenminister, der im realen Leben für einen Teil der Ungerechtigkeiten dieser Welt verantwortlich ist, in eine popkulturelle Diskussion ein, um dann vom Künstler eine Kritik entgegen geschleudert zu bekommen, die normalerweise von weit rechts kommt. Diese Denunziation verfängt dann auch noch, was die zahlreichen Kommentare beweisen, die auf Kollegahs Seite hinterlassen werden und die aus einem AfD-Thread stammen könnten. Diese schließen nämlich aus den Lippenbekenntnissen eines Teils der neuen Bundesregierung, die sich immer noch zu ihren Statements aus dem Flüchtlings-Sommer-Märchen von 2015 bekennt, darauf, dass der massenhafte Zustrom von Geflüchteten und somit artfremden Individuen inszeniert und die "große Umvolkung" gewollt sei. Es spricht Bände, dass sich Kollegah ausgerechnet dieses Arguments bedient, gleichzeitig aber auch Maas vorwirft, dass er diese Menschen pauschal als Antisemiten bezeichnet. Während Kollegah versucht, die herrschende Politik mit einer Art AfD-Rhetorik zu entlarven, setzt AfD-Frau Alice Wendel mit echter AfD-Rhetorik unterdessen den vorläufigen Schlusspunkt in dieser Debatte, und der ganzen Sache die Krone auf. Sie stellt klar, worum es in der Antisemitismus-Debatte, die sich in den letzten Monaten um das Themenfeld Rap und Antisemitismus entsponnen hat, nämlich auch geht.

In Anspielung auf Farid Bangs Frühwerk "Asphalt Massaka" bezeichnet sie den Rapper als asozialen Marokkaner, der "unsere Werte und Kultur nicht teilt" und deshalb ausgebürgert und abgeschoben werden solle. Das ist irre und kommt von einer Frau, in deren Partei echte Holocaustleugner wie Wolfgang Gedeon sitzen oder ein Björn Höcke, der das Holocaust-Mahnmal als nationale Schande bezeichnet hat.

Der Kampf gegen den Antisemitismus wird für einige Leute offensichtlich erst dann interessant, wenn er als Ausschlusskriterium für Leute herhalten muss, die man sowieso nicht im Land haben will. Endlich kann man unter dem Deckmantel der Antisemitismus-Bekämpfung seinen Ressentiments freien Lauf lassen und aus vollem Herzen die ganzen Schwarzköpfe hassen, die einem sowieso schon die ganze Zeit auf die Nerven gehen.

Insofern: Alles kaputt hier.

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Anmerkung: Dieser Artikel wurde am 18.04.2018 von der Redaktion bearbeitet.

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