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wer zur hölle

Wer sind diese Trommler, die beim Wahlkampfauftakt der rechten FPÖ in Tirol gespielt haben?

"Es ist faschistische Ästhetik. 'Moderne Inzenierung' nennen es nur Anhänger faschistischer Ästhetik, weil die nicht wollen, dass man sie als solche erkennt." – Jan Böhmermann

Paul Donnerbauer

Paul Donnerbauer

Foto: Screenshot via YouTube aus dem Video: "Komplettaufzeichnung: Wahlauftakt Landtagswahl Tirol mit HC Strache und Markus Abwerzger" | FPÖ TV

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der Wiener Redaktion.

Update:

Jan Böhmermann hat die dramatische Rede von H.C. Strache wohl auch gesehen. Nach Red Bull (ihr erinnert euch: "Millardenschwere Schluchtenscheißer") zerlegt der TV-Moderator und Journalist nun den dramatischen Auftritt von Österreichs Vizekanzler beim Wahlauftakt der FPÖ in Tirol. In einem Teaser für seine Sendung am kommenden Donnerstag steigt Böhmermann im Stile des Vizekanzlers die Stiegen hinab – begleitet von Trommlern. Leidenschaftlich werden orangefarbene Fahnen geschwungen. Einen derart epischen Auftakt hat es beim Sendung Neo Magazin Royale mit Sicherheit noch nie gegeben, nicht mal damals, als Böhmermann die neue Nationalhymne von Kay One interpretiert hat. In dem neuen Clip sagt er nun feierlich und andächtig zugleich: "Mein Name ist H.J. Böhmermann. Ich bin der neue Vize-Kanzler von ZDFneo."

Danach erzählt er, wie stolz alle Anwesenden auf "unser geliebtes ZDF" seien. Zwar weiß er auch nicht, warum man so stolz sei, "aber das macht uns nur noch viel stolzer!" Währenddessen wird er immer wieder von der "leidenschaftlichen, internationalen Trommlergruppe" unterbrochen, deren Schlägen die Wichtigkeit seiner Worte unterstreichen sollen. Dazu schauen sie streng durch ihre schwarzen Sonnenbrillen. Und auch auf das Neo Magazin Royale sei man genauso stolz, denn es sei wie Österreich: "Klein, unbedeutend, keiner weiß was es überhaupt soll, warum es es überhaupt gibt und es geht allen mächtig auf die Eier.

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15 Sekunden. Länger dauert es nicht, das Video, das der Bezirksblätter-Journalist Arno Cincelli Mittwochabend auf Facebook veröffentlichte. Doch die 15 Sekunden reichten aus, um viral zu gehen. Über eine halbe Million Menschen haben das Video mittlerweile auf Cincellis Facebookwall angesehen. Mehr als 2000 haben es geteilt.

Der kurze Clip ist ein Ausschnitt vom Wahlkampfauftakt der FPÖ in Tirol. Ende Februar soll dort ein neuer Landtag gewählt werden. Das Video zeigt Vizekanzler Heinz-Christian Strache, wie er, von komplett in schwarz gekleideten Männern und Frauen mit Sonnenbrillen flankiert, eine Treppe in Richtung Bühne hinabsteigt.

Die Musiker halten rote Drumsticks in den Händen und schlagen damit zu heroisch-düsterer Backgroundmusik aus der Dose auf ihre weißen Trommeln. Die Situation scheint bedeutungsvoll und dem Zuschauer soll wohl das Gefühl vermittelt werden, dass hier irgendetwas Großes passiert. Einzig der Vizekanzler in der Mitte wirkt etwas verloren.

Doch wer sind diese in schwarzen Stoff gehüllten, trommelnden Fußsoldaten mit stoischer Miene, die in Verbindung mit der FPÖ irgendwie an die 30er Jahre erinnern und vom Moderator des Abends mit den Worten "Dramatik pur, passend zum Wahlkampf" angekündigt wurden?

Die Gruppe nennt sich Drumatical Theatre und wurde bereits im Jahr 2000 von den Österreichern Tom und Domino Blue gegründet. Seitdem gab es zahlreiche nationale und internationale Auftritte – Angefangen vom Lifeball (2004), über das Champions League Finale in Athen (2007) und das Nova Rock Festival (2009), bis hin zum Tribeca Filmfestival in New York (2011).

2014 nahm die Percussion-Formation dann mit einer Coverversion von Rammsteins "Engel" an der deutschen Castingshow Das Supertalent teil. Schon damals sorgten die Kostüme der Musiker für Irritationen, wenn auch nur bei Dieter Bohlen, der die Künstler fragte, ob denn jemand gestorben sei. Drumatical Theatre besteht aus insgesamt 45 Personen, allerdings absolvieren sie ihre derzeitige Show "7" auch mit der namengebenden Anzahl an Menschen.

Ihre Performances sind in der Regel einigermaßen vielseitig: Sie umfassen Percussion, Tanz, Gesang und auch Stage Design. Es kommt auch vor, dass ihre Shows Elemente aus dem Zirkus beinhalten und arbeiten mit internationalen Artisen und Tänzern zusammen. Ein bekanntes Mitglied war zumindest bis 2013 Tom Pfundner, Drummer der österreichischen Band Kaiser Franz Josef.

Neben den genannten größeren Auftritten spielten Drumatical Theatre in den vergangenen 18 Jahren gefühlt auf jeder zweiten österreichischen Volksbühne. Egal ob Krampuslauf, Ski-Event oder Döblinger-Bezirksball – die Trommlergruppe aus Wien war überall gern gesehen. Auch bei Parteievents der SPÖ, der Grünen, der ÖVP und der Kommunisten traten die Musiker bereits auf. Warum also nicht auch bei der FPÖ?

Drumatical Theatre eine Nähe zur FPÖ beziehungsweise überhaupt irgendeiner politischen Strömung zu unterstellen, scheint tatsächlich sehr weit hergeholt. Die Männer und Frauen spielen einfach dort, wo das Geld liegt. Das kann man jetzt natürlich entweder verwerflich oder einerlei finden. Dass sich das nicht unbedingt auszahlt, erfährt die Gruppe jedenfalls gerade am eigenen Leib. Laut Kurier befürchtet Tom Blue jetzt eine Reihe von Konzertabsagen durch Veranstalter.

Auf der Facebookseite von Drumatical Theatre beschweren sich zudem zahlreiche Fans über den Auftritt beim FPÖ-Wahlkampfauftritt am Bergisel. "Angsteinflößend", nennt etwa eine Userin die Show. "Diese Bilder vergisst man nicht so schnell", schreibt ein anderer. Drumatical Theatre ist bemüht, die Wogen zu glätten und antwortet auf viele der Kommentare. Ein offizielles Posting zum Auftritt, oder gar eine Entschuldigung gab es bisher aber nicht. Nur im Interview mit dem Kurier spricht Tom Blue von einer "Dummheit, die leider passiert ist".

Glaubt man der Argumentation der Band, wusste diese zunächst gar nicht, für wen sie da in Tirol spielen würde. Als die Musiker erfuhren, dass sie für die FPÖ auftreten würden, war es laut ihrer Aussage zu spät für eine Absage. Tatsächlich klingt das alles ein bisschen schwammig und wer genug politisches Bewusstsein und Rückgrat hat, verzichtet vielleicht trotz möglicher Konventionalstrafen auf eine solche Instrumentalisierung. Denn der Imageschaden könnte weit teurer zu stehen kommen.

"Eine Dummheit, die leider passiert ist."

Dennoch: Das Problem der ganzen Show liegt gar nicht so sehr beim Auftritt von Drumatical Theatre, als vielmehr bei der FPÖ, die diese Inszenierung geplant hat. Die martialisch-militäritische Bildsprache wirkt erst in Verbindung mit der freiheitlichen Ideologie bedrohlich, ähnlich wie "konzentriert" erst in Verbindung mit "Lager", beziehungsweise der Konzentrierung von Menschen problematisch wird.

Der Auftritt polarisiert deshalb so stark, weil die Symbolik – anders als bei anderen Auftritten der Trommler – gleich in mehrere Richtungen ausschlägt. Hier wird nicht nur mit dem Marsch und der Uniform, mit martialischen Elementen und Masse gespielt, wie das bei vielen Percussion-Formationen der Fall ist. Hier wird vielmehr ein Publikum bedient, das teilweise ideologischen Vorstellungen anhängt, die genau diese autoritären Elemente benötigen.

Und genau dadurch hat sich Drumatical Theatre – ob bewusst oder unbewusst – für die freiheitliche Inszenierung und Propaganda benutzen lassen. Einer Inszenierung, die die Parteibasis auf eine prometheische Schlacht einschwören soll, auf einen Wahlkampf, der mit allen Mitteln "für Tirol" gekämpft werden wird, ganz im Sinne des Hofer'schen Gebots: "Manda - 's isch Zeit!"

Paul auf Twitter: @gewitterland

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