Followt Haiyti nicht, aber bitte followt ihr unbedingt

Das ist kein Widerspruch. Das ist Haiyti. Heute ist ihr Mixtape "Follow mich nicht" erschienen und Deutschraps Lady Nummer Eins hat uns eines ihrer raren Interviews dazu gegeben.

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März 24 2017, 2:23pm

Foto: Believe

Wir erinnern uns: Haiyti aka Robbery hat das Labelbiz ausgetrickst, und das mit einem Album, das sie selbst als gescheitert bezeichnet hat. Haverie erschien 2015. Kein Label, wenig Promo, aber einen Haufen Freunde im Rap Game. Die Promo ist immer noch DIY, aber sie kontrolliert sehr genau, wer wo was veröffentlicht. Haiyti arbeitet hart und das zahlt sich aus. Ein Label braucht sie auch weiterhin nicht – jetzt mit Erfolg. Heute droppt sie ihr Mixtape Follow mich nicht. Zwölf Songs sind darauf zu finden, die meisten: Hits.

Die Geschichte zum Mixtape ist schnell erzählt: "Selbes Prinzip" – Haiyti fasst sich gern kurz, lächelt dann und freut sich. Follow mich nicht folgt auf die vor zwei Wochen veröffentlichte EP White Girl mit Luger und bleibt ihrem Release-Style – erst EP, dann Mixtape und zuletzt das Album – treu. Ihre Methode ist arbeitskritisch: "Ich schreib meistens im Studio und weil ich diese Studioarbeit nicht in meiner Freizeit machen will, entsteht alles dort", erzählt Haiyti in der Küche von KitschKrieg.

Ob ein Song rough oder emo ist, entscheidet der Beat. Über ihre EP, die im Januar rauskam, erzählt Haiyti: "Jango" habe ich mit Farhot gemacht. Ich wusste gleich, dass ich nicht mit so einem Straßenrap-Standard um die Ecke kommen muss." Über den Song "Angst" erzählt sie: "Ich war einfach mal ehrlich. Man muss ja nicht in jedem Song über Geld, Gold und Glitzer reden. Ich mach manchmal Emo-Songs und machmal auch Proll-Songs," sagt Haiyti und streut sich einen Berg Chilipulver über ihre Frühlingsrollen. Auch auf Follow mich nicht sind Emo-Hits wie "Die mit dem Wolf tanzt" und "Nichts ist safe" vertreten. Ersterer kommt lyrisch daher und fängt einen der raren Gesangsmomente von Haiyti ein:

Ich habe Angst vor seinen Augen, doch ich trau ihm / yeah, yeah / Sein Fell ist aus Pelz, er ist ein Raubtier / uaarrgh, uaarrgh / Er nimmt mich mit, wir gehen stadtauswärts, stadtauswärts, flussaufwärts / Ein Leben in der Wildnis und ich tauch ein / Ich rede mit den Tieren, trete ins Tau rein / brrrrr / Sein Garn ist aus Samt / Es ist kein Traum, nein / Guck, wie die Sonne in das Laub scheint.

Exemplarischer für ihr Image in der Rapszene, mit den Drogen und dem Gangster-Dasein, könnte ein Song nicht sein: Wenn eine Frau mit dem Wolf tanzt, dann ist es Haiyti. Weil sie es kann, weil sie es will. Das Gleichnis Wildnis = Streetlife drängt sich auf. Dazu befragen kann ich sie nicht – das Mixtape landet zwei Tage nach dem Interview im Postfach. Letztlich ist das aber egal: "Die mit dem Wolf tanzt" fließt wie ein perfekter Popsong dahin. Wenige deutschsprachige Rapperinnen und Rapper können ihr dieser Tage das Wasser reichen.

Fragen zu ihrer Rhythmik schmettert Haiyti ab. "Ich bin Talentrapperin", sagt sie dann, dreht sich im gleichen Moment zu ihrem Manager um und stellt freudig fest: "Man, bin ich arrogant". Für Haiyti ist Promo ein riesen LOL. Das kann sie sich leisten. Im letzten Jahr war sie so gefragt wie nie. Für das Baba Haft- und Xatar-Album hat sie die Hook zu "Gib Geld" beigesteuert. Sie erzählt: "Ich habe noch 'nen Achter eingerappt, aber der ist rausgeflogen, da habe ich mich ein bisschen geärgert. Mit der Hook bin ich zufrieden." Features sind derzeit ein rotes Tuch für sie: "Ich habe bestimmt fünf bis sechs Features letztes Jahr gemacht, die nie rausgekommen sind, weil die anderen es einfach nicht gebacken kriegen", und setzt nach: "Alle Songs, die ich produziere, kommen auch raus."

Apropos Feature. Im Sommer traf Haiyti auf die aus Kanada stammende Rapperin Tommy Genesis, die auf Tour in Hamburg haltmachte. Nach der Show sprach Haiyti Tommy G an. Kurz darauf haben die beiden ein Gläschen Tullamore genippt und einen Song aufgenommen. Dieser wurde aber nie gedroppt. Einzig ein Foto auf Facebook, sowie ein nie veröffentlichtes Handyvideo erinnern an ihr Zusammentreffen. Haiyit erzählt: "Das ist 'ne ganz traurige Geschichte. Die Festplatte, auf der auch das Album Nightliner drauf war, ist abgestürzt. Ich musste das Album komplett neu aufnehmen. Das sind die Sachen, die passieren. Aber unser Song 'Skinny Bitches' wäre ein verdammter Hit gewesen. Tommy hat sogar Deutsch gerappt. (Haiyti rappt den Song super schnell) We are skinny bitches, we are skinny bitches, we are skinny bitches (imitiert Tommy G und rappt auf Deutsch mit amerikanischem Akzent) Ich bin eine skinny Bitch, ich bin eine skinny Bitch. Aber was solls, alle Rapper, die ich kenne, haben mindestens ein Album schon verloren."

Wie viele von Haiytis Songs, ist auch "Skinny Bitches" in nur einer Stunde entstanden. Wer mit Haiyti produzieren möchte, sollte sein Handwerk beherrschen und dementsprechend schnell sein. "Deswegen arbeite ich eigentlich immer nur mit Leuten, die so arbeiten wie ich. Sei es Tamas, Hustensaft Jüngling oder AsadJohn. Wir treffen uns, gehen ins Studio und schon haben wir 'nen Song", erzählt sie über die Jungs. AsadJohn ist Hauptproduzent von Follow mich nicht und von ihm kommt auch die aktuelle Singleauskopplung "Moscow Mule feat. Burak".

"Moscow Mule" bildet den Übergang zwischen EP und Mixtape. Der Song ist wieder rougher und spielt mit Haiytis Gangster-Image. Gleichzeitig ist er aber auch ein Paradebeispiel für ihre intuitive Rhythmik, die eben immer flowt. Gepaart mit den schweren Beats von AsadJohn gehört auch "Moscow Mule" zu einem der Hits auf dem heute veröffentlichten Mixtape:

Streifenwagen jagen mich durch Szeneviertel / Keine Panik, weil Bullen mich nicht im Leben finden / Leben finden / Hänge nur mit Pimps und mit Edelnutten / Knacke Autos / Metallstange, Hebelwirkung / Drive-in, Drive-out / Silberketten glänzen, Benzinkanister brennen / Ich schieße und sie brennen / vergieße meinen Brandy /Adrenalin, wenn wir auf Tankstellen fahren / Banknoten fallen / Handschlag vor allen

Ob Edelnutten, Zuhälter, Koks oder Bankraub: Mit Haiyti stiehlst du keine Pferde, du dealst mit Hasch und stellst dir dann vor, eine Tankstelle niederzubrennen oder machst es halt. Whatever. Sie spielt wortgewandt mit Klischees. Verkehrt Geschlechterrollen, verkörpert den Tomboy in Perfektion, um im nächsten Moment über ihre Gefühle zu rappen. Das ist kein Widerspruch: Das ist Haiyti. Niemand soll sie greifen können, außer ihre Entourage – die besteht nur aus Männern.

Das dazugehörige Video zur Single hat Timo Milbredt gedreht. "Wir sind einfach nur so dumm rumgelaufen. Wir dachten auch schon, dass das auf jeden Fall ein langweiliges Straßenvideo wird", erzählt Haiyti. Es handelt sich um eine wesentlich hochwertigere Produktion als noch zu City Tarif-Zeiten. Auf die Frage, ob sie jetzt perfektionistisch wird und ihr Anspruch steigt, antwortet sie: "Ich will heftigere Videos machen, wofür ich auch mal Geld bezahlen will. Aber mein Anspruch ist noch so hoch, dass ich auch noch billo Videos mit Freunden schnell auf 'ner Session mit 'nem Handy raushauen will. Das gehört ja auch zu 'nem gewissen Anspruch, dass ich mir das nicht nehmen lassen will. Ich will alles."

Noch bevor ich das Tonband anstellen kann, erzählt Haiyti, dass sie längst am kommenden Album arbeitet. Bei so vielen Studioaufenthalten stellt sich die Frage, ob ihr Crime Life darunter leidet. Haiyti streitet ihre Strebsamkeit sofort ab: "Nee, nee, die Freaks haben immer noch meine Nummer und ich kann nicht nein sagen. Ehrlich gesagt waren es gerade wieder ganz schlimme Wochenenden in Berlin."

Haiyti ist smart, stellt Gegenfragen, fordert ihr Gegenüber heraus. Die Frage, ob sie sich als Kunstfigur oder authentische Künstlerin versteht, findet sie richtig scheiße: "Was ist das, authentisch? Was ist Kunstfigur? Kunstfigur ist auch authentisch. Das krieg ich nicht mehr auseinander. Genauso wie bei Money Boy oder viele Rapper um mich rum. Oder all die Cloudrapper, die sonst übelst schüchtern sind, aber wenn die dann auf die Bühne gehen, dreht sich plötzlich alles um. Als hätten sie das ihr Leben lang schon gemacht. Dann können die mit Leuten reden. Alles. Dazu gehör ich nicht. Ich steh da als ich selbst auf die Bühne. Ich müsste mehr mir 'ne Kunstfigur erschaffen, damit das nicht so schwierig ist. Das haben die anderen schon kapiert."

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