"Ihr wisst, dass das Schwachsinn ist" – Kettcar melden sich ungewohnt politisch zurück

Bolzenschneider statt erhobener Zeigefinger – "Sommer '89" von Kettcar ist genau das Lied, das wir gerade brauchen.

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11 August 2017, 2:57pm

Die Ära von Bush Jr. ist schon lange vorbei und trotzdem sind politische Songs häufig noch so platt wie die "Fuck Bush"-Slogans von damals. Es ist ja schön und gut, dass Wizo "Ganz klar gegen Nazis" sind, aber muss es denn immer so plakativ stumpf sein? Dass es auch anders geht, zeigen zum Beispiel Kettcar mit ihrem ersten neuen Song seit fünf Jahren. Die fünf Hamburger, die neben Tocotronic, den Sternen und Tomte als eine der Vorzeigebands der Hamburger Schule gelten, gründeten sich damals unter anderem aus Überresten von …But Alive – einer der wichtigsten Punkbands der 90er. Doch gerade in den ersten Jahren wurden die Hamburger immer wieder dafür kritisiert, dass ihre Songs mit wenigen Ausnahmen, wie etwa "Deiche", nicht politisch genug seien. Doch damit ist jetzt Schluss.

Oberflächlich erzählt "Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)" einfach von einem Fluchthelfer, der Menschen aus der DDR half über Ungarn nach Österreich zu entkommen. Doch eigentlich geht es um viel, viel mehr. Ohne erhobenen Zeigefinger zeigt Sänger Marcus Wiebusch die Parallelen zwischen der Flucht aus der sozialistischen Diktatur und der heutigen Flüchtlingssituation. Zum Beispiel singt er:

"Eine solche Hilfe zur Flucht der DDR-Bürger, würde nur zur weiteren Destabilisierung der Verhältnisse Beitragen. Also wie gesagt: Die Aktion war menschlich verständlich, aber trotzdem falsch."

Gleichzeitig merkt man aber auch, wie sehr es im Inneren von Kettcar brodelt. Schon bei Wiebuschs Soloalbum Konfetti war die Wut über die aktuelle politische Lage zu spüren, doch "Sommer '89" ist nur noch eine verzerrte Gitarre davon entfernt ein Punk-Song zu sein. Denn das Gewand der Popmusik scheint diesem Lied kaum noch zu passen und die Nähte fangen an zu reißen. Ein Großteil des Songs wird nicht gesungen, sondern einfach nur über ein immer weiter treibendes Schlagzeug geredet. Doch statt mit Parolen um sich zu werfen, zeigen Kettcar lieber Realitäten auf, aus denen sich die Zuhörer selber eine Meinung bilden können.

"Keine Champagnerkorken, kein Konfettijubel, nur große Erleichterung und noch größere Erschöpfung."

Und auch beim Video sind die Hamburger neue Wege gegangen, die den Pfad eines klassischen Musikvideos verlassen. In Kooperation des Fachbereichs Medienproduktion der Hochschule Ostwestfalen-Lippe ist ein Clip entstanden, der genau wie das Lied selbst aus allen Nähten zu platzen scheint. Die Versatzstücke von Flucht und Diskussionen am Esstisch werden immer wieder von Phasen unterbrochen, in denen nichts als die Lyrics auf schwarzem Grund zu sehen sind. Was im ersten Moment nach mangelndem Budget klingt, fügt sich in Kombination mit dem Song zu einem großen Ganzen zusammen, das eher wie ein Maßanzug statt wie eine Notlösung wirkt.

"Sie kamen für Kiwis und Bananen. Für Grundgesetz und freie Wahlen. Für Immobilien ohne Wert. Sie kamen für Udo Lindenberg. Für den VW mit sieben Sitzen. Für die schlechten Ossi-Witze. Sie kamen für Reisen um die Welt. Für Hartz IV und Begrüßungsgeld. Sie kamen für Besser-Wessi-Sprüche. Für die neue Einbauküche. Und genau für diesen Traum schnitt er Löcher in den Zaun."

"Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)" ist die erste Single aus dem kommenden Kettcar-Album Ich vs. Wir , das am 13. Oktober bei Grand Hotel van Cleef erscheint.

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