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„Ich bin auf jeden Fall kein leidender Typ“—Prezident im Interview

Wir haben mit Prezident über sein neues Album, Rapmedien-Lappen und darüber gesprochen, warum Noisey ekliger als Leberkäse ist.

„Sag nicht, aus dem wird was, denn ich bin bereits der beste Rapper, von dem du noch nie gehört hast“ rappte Prezident bereits vor einer halben Dekade. Der Song hieß damals „Schneeengel“, der Wuppertaler brachte seine Musik ausschließlich als kostenlose Downloads unters Volk und womit er zum damaligen Zeitpunkt schon ziemlich richtig lag, hat sich auch 2016 noch nicht so wirklich geändert: Prezident ist einer der besten Rapper Deutschlands—nur kennen tut ihn eben kaum einer.

Die musikalische Entsprechung zu Frustsaufen mit einem Hybriden aus Bukowski und Kafka, der manchmal vielleicht ein bisschen lebensverneinend, dafür aber auch immer verdammt ehrlich ist, macht sich eben nicht so gut auf RapUpdate. Daran wird wahrscheinlich auch Prezidents zweites „richtiges“ Album Limbus nichts ändern, das von Cloud-Rap oder Gangster-Metaphern immer noch ähnlich weit entfernt ist, wie Flers Eigentumswohnung vom Alexanderplatz. Und das ist auch gut so.

Wir haben uns mit dem Whiskeyrapper in einer verrauchten Berliner Eckkneipe getroffen und über die Verbindung von YouTube und Deutschrap, die Anspruchshaltung der Fans und frustrierende Oberflächlichkeit von Seiten wie RapGenius unterhalten. Bei einem Bier (oder zwei, oder drei, oder vier). Stilecht eben.

Noisey: Mir hat 2008 jemand Sachen von dir gezeigt und meinte: Lisa, total krass, das wird das nächste große Ding. Aber du bist trotzdem irgendwie ein Geheimtipp geblieben.
Prezident: Ja. Ich weiß gar nicht, warum eigentlich. Ich denke oft darüber nach und finde meine Karriere ziemlich erstaunlich. Mir fällt auch tatsächlich keiner ein, der mit mir vergleichbar wäre, was diesen seltsamen Karriereverlauf angeht.

Hat sich TV Strassensound schon bei dir gemeldet?
Nein! Mein Kollege bei Vinyl Digital hat mir tatsächlich all die Rapmedien-Lappen aufgezählt, die mit mir sprechen wollten, und da meinte ich „Da gehe ich echt lieber zu TV Strassensound, bevor ich mich von irgendeinem von den anderen Dullis interviewen lasse.“ Davud ist wenigstens ein aufrechter Ehrenmann. Der kann auch dumme Fragen stellen! Der schreibt dann auf jeden Fall nicht am nächsten Tag so einen langen Leitartikel darüber, was er falsch gemacht hat.

Aber Gegenfrage: Warum hast du nicht auf meine Degenhardt-E-Mail vor zwei Jahren reagiert? Ich dachte mir damals: Also, das ist doch jetzt echt was für euch Clickbait-Huren! Störkraft samplen, Pornovideo, gleich in der ersten Szene liegt Degenhardt auf dem Bett und lässt sich anpissen …

Ich glaube, ich saß damals an meiner Bachelorarbeit. Aber über diese Clickbaithuren-Sache müssen wir jetzt sowieso noch mal reden. Auf „Der ewige Ikea“ bezeichnest du VICE-Redakteure als „würdelos“. Wie würdelos würdest du mich jetzt so einstufen, auf einer Skala von 1 bis 10?
Also … Weiß ich jetzt nicht. [lange Pause] Bei Noisey ist halt das Ding, dass ihr eklig seid, aber man eben doch viel liest. Als ich den Text geschrieben habe, habe ich mir tatsächlich gedacht, dass ihr da gar nicht so richtig gut reinpasst, aber es gab zu dem Zeitpunkt auf jeden Fall einen Artikel, der mich dazu genötigt hat, das zu schreiben. Vom Sinn her passt es eigentlich nicht so ganz, weil ihr dieses Mittelmäßigkeits-Ding nicht erfüllt. Von diesem ganz langweiligen MoTrip zu diesem clickbaitigen, aufdringlichen VICE-Style—eigentlich ist der Bruch zu hart. Ihr seid halt eklig, aber auch ein bisschen geil. Ich würde da auch Leberkäse nennen, aber bei Leberkäse ist das Verhältnis noch mehr in Richtung geil, als bei Noisey. Leberkäse hat ein Eklig-Geil-Verhältnis von 60-40, bei Noisey würde ich jetzt so 85-15 sagen. Aber diese 15 Prozent sind eben da und führen dazu, dass man trotzdem draufklickt.

Aber ist das nicht auch irgendwie eine Allegorie auf Deutschrap?
Dieses Clickbait-mäßige kann man natürlich auch auf diverse Deutschrapper anwenden, das stimmt schon. Im Prinzip ist ja auch die Überschneidung von Deutschrappern und YouTubern durchaus vorhanden. Die Mechanismen sind da, die erkennt man und deswegen machen das ja auch Leute: sich eine Anhängerschaft zu züchten. Das ist ekelhaft. Seitdem man Mucke downloaden kann, hat man ein Verhältnis zu seinen Fans, dass man ihnen etwas schuldig ist. Es gab natürlich auch früher schon Raubkopien, aber jetzt ist es wirklich rein fakultativ, ob jemand Geld für eine CD bezahlt. Das heißt, es ist eigentlich so eine Art Spende. Die Person könnte sich das Album schließlich auch absolut problemlos, ohne irgendwelche Repressalien zu erleiden, umsonst besorgen.

Ich mag es generell nicht, irgendjemandem gegenüber eine Schuldigkeit zu haben und ich finde es eklig, das dann zu instrumentalisieren. Da bringen dann Leute nach dem Album eine EP raus und sagen „Yo, Danke! Weil das Album so gut gechartet ist, bekommt ihr jetzt noch eine EP. Hier, für 12,99!“ Boah, fick dich! Das ist, als würdest du Hundeleckerli in die Menge werfen. Seit man alles runterladen kann, sind viele Sachen völlig sinnlos geworden.

Zum Beispiel: Du machst 20 Freetracks, hast auf deinem Album dann die 12 Besten und die Leute beschweren sich dann, dass auf der Platte nur 12 Tracks sind. Du Spasti! Ich hätte noch fünf mehr draufpacken können, aber habe mich für die Besten entschieden. Das ist doch völlig scheißegal, wie viele Tracks auf der CD sind. Das ist meine künstlerische Entscheidung. Genau wie Vinyl-Junkies, die sich aufregen, wenn irgendwas limitiert ist. Wenn es nicht limitiert wäre, würden sie es aber auch gar nicht kaufen. Ich kann das einfach nicht nachvollziehen. Ich kann darauf auch gar nicht reagieren.

Wirst du damit tatsächlich konfrontiert? Schreiben dir Fans wegen so was?
So was liest man halt immer. „Mach mal eine höhere Auflage“ oder überhaupt die Frage: „Ist die Vinyl limitiert?“ Die Antwort ist immer Ja, weil es sind physische Gegenstände und die physische Realität ist limitiert. Wir machen eine Auflage davon und wenn nicht schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Situation eintritt, dass das super ausverkauft ist, ist es einfach unwahrscheinlich, dass wir in naher Zukunft weiterpressen. Das ist doch egal. Kauf es oder kauf es nicht. Wenn du Vinyl sammelst, dann sammelst du limitierte Gegenstände. Dann freunde dich doch mit dem Gedanken an, dass diese Limitation auch deinen Plattenschrank treffen kann und du diesen limitierten Gegenstand eben nicht mehr haben kannst.

Ich blicke das einfach nicht. Ich verstehe diesen ganzen Fetisch in Bezug auf physische Tonträger eh nur bedingt. Warum jetzt wieder Sachen auf Kassette rumkommen zum Beispiel... Bei Vinyl hast du zumindest noch den objektiven Klangvorteil des Analogen, der mittlerweile aber auch gar nicht mehr existiert. Ich nehme meine Sachen alle digital auf, deswegen ist es wirklich scheißegal.

Ein Kollege von mir ist ziemlicher Fan deiner Musik, fragt sich aber immer, wie man über mehrere Platten hinweg so traurig, beziehungsweise so negativ bleiben kann.
Ich empfinde mich nicht als besonders negativ, wobei das Ansichtssache ist. Aber ich würde die Mucke, die ich mache, nicht als traurig bezeichnen. Ich sehe Sachen, die Menschen als negativ empfinden, aber ich selbst empfinde sie überhaupt nicht als negativ oder deprimierend. Ich bin auf jeden Fall kein leidender Typ. Ich würde sagen, ich bin ziemlich glücklich. Ich hasse auch diese Ventil- und Druckmetaphorik.

Warum?
Ich weiß nicht. Weil das so abgelutscht ist. Das mag ein Stück weit stimmen, aber man könnte auch eine andere Metaphorik nutzen. Es gibt natürlich so was ähnliches wie durchs Lehren lernen. Dass man Sachen niederschreibt und sie dadurch verarbeitet, dass man sie in eine poetische Form bringt und sich dabei selbst geil findet. Sagen wir mal, du könntest eine in Liebesdingen peinliche Situation zu einem guten Song machen—dann wäre das ja auch irgendwie geil. Im echten Leben war die Story blamabel, aber du hast einen geilen Track draus gemacht und dadurch ist es im Nachhinein eine geile Situation geworden. So einen Aspekt gibt es natürlich. Aber wenn man das zu streng auf diesen einen Aspekt runterbricht, stellt man die Eigengesetzlichkeit der Kunst zurück. Du nimmst es natürlich irgendwo her, aber es ist heikel, das so nachverfolgen zu wollen.

Ich weiß halt nicht, ob ich mit einem anderen Leben ähnliche Texte schreiben würde. Einfach, weil ich's geil finde. Was soll man auch für eine Scheiß Wahrheit aus einem größtenteils fiktionalen Text ziehen? Bei der Bibel macht es Sinn, sich zu sagen: Wir müssen diesen Text jetzt wirklich gut verstehen, wir müssen alle Sinnebenen entdecken. Und irgendwann hat man halt damit angefangen, das auf jeden Scheiß Text auf der ganzen Welt zu beziehen—bis hin zu Raptexten.

Hast du dir mal auf RapGenius die Interpretation deiner Texte durchgelesen?
Ja, das ist immer furchtbar. Ich finde die generell furchtbar, weil die immer absolut kontraholistisch sind. Die können Texte nicht erfassen, weil die immer an einzelnen Zeilen hängenbleiben. Vielleicht macht das bei bestimmten Slang-Begriffen Sinn, aber die können halt auch einfach nicht mehrere Zeilen aufeinander beziehen. Das ist nie eine Gesamtinterpretation des Textes, sondern immer nur so „In dieser Zeile habe ich ein Wortspiel entdeckt!“. Wie die Schüler, die früher im Unterricht aufgezeigt haben, wenn sie eine Alliteration entdeckt haben. Grauenvoll.

Aber du bist ja nun auch ein Künstler, der sehr viele Anspielungen in seinen Texten hat und dadurch auch ein gewisses Wissen bei seinen Hörern voraussetzt.
Ich hoffe eigentlich nicht, dass das zwingend notwendig ist! Ich hoffe, dass das alles so funktioniert. Ich habe sehr viele Sachen in meinen Texten, von denen ich weiß, dass das niemand checkt—oder zumindest niemand aufdeckt, woher das jetzt kommt. Wenn ich zum Beispiel in „Letztes Kapitel“ über öffentliche, nicht-öffentliche Meinung rappe, dann ist das ein Konzept von Adorno, aber ich glaube, dass es scheißegal ist ob jemand weiß, dass das von Adorno kommt. Das kann man wissen und dann kann man sich freuen, aber wenn man es nicht weiß, funktioniert die Line trotzdem. Ich versuche meine Texte schon so zu halten, dass die auf jeden fall immer geil klingen. Und wenn du die Anspielung verstehst, ist das umso besser, aber ich will eigentlich nicht, dass das zwingend ist. Es wäre furchtbar, wenn man Dinge wissen müsste, damit man meine Songs feiern kann.

Folgt Lisa bei Twitter: @antialleslisa