Was ist 2018 noch Punk? Wir haben Fans der Toten Hosen gefragt

"Die Toten Hosen haben den Punk großgezogen, aber für mich ist es jetzt leider kein Punk mehr" – Wir wollten wissen, ob Campino ein Spießer geworden ist.

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Juni 11 2018, 3:41pm

Alle Fotos: Vincent Grundke

Es ist ein längst auserzählter Witz: Campino macht etwas Seriöses und sofort heißt es, dass Punk tot sei. Egal, ob seine Rede bei der diesjährigen Echoverleihung – für die sogar ein ein Bundesverdienstkreuz gefordert wurde – oder der Einbruch ins Dresdner Freibad Anfang Juni, jedes Mal wird darauf verwiesen, wie spießig diese "Altpunks" doch geworden seien. Jetzt spielten Die Toten Hosen ein Konzert in Berlin (das geplante zweite wurde aufgrund eines Hörsturzes Campinos abgesagt). Grund genug für uns, mal vorbeizuschauen und uns anzugucken, wie Punk die Band und ihre Fans 2018 noch sind.

Erster Eindruck: Bier für 5,50 Euro und dazu drei Euro Becherpfand sind nicht ganz auf Sternburg-Niveau. Vor der Show läuft dann "Blitzkrieg Bop" als Anheizer. Später erinnert Campino während des Konzerts mehrmals unter Jubelrufen an seinen medienwirksamen Freibadeinbruch. Das ist vielleicht die Prise Anarchie, die man von einem 55-Jährigen heute noch erwarten kann.

Nichtsdestotrotz sprechen die Fans eine andere Sprache. Betrunkene, Altpunks, mitgewachsene Normalos – sie alle atmen den Staub des Moshpits. Bengalos werden zwischen Flaggenmeeren gezündet, Farbexplosionen und Wunderkerzen überall. Irgendwie wirkt das Spektakel wie ein Kindergeburtstag viel zu alter Gäste: hemmungslos, weil man plötzlich wieder jung ist. Eine riesige Party, die alle realen Sorgen kurz vergessen lässt. Beim Klassiker "Pushed Again" zünden Die Toten Hosen selbst sechs übergroße Bengalotöpfe. Rotes Feuer erhellt die pogenden Massen bis auf die Tribünen und unzählige schwarze und rote Flaggen. Zur endgültigen Versöhnung nimmt Campino die gediegene Ausrichtung der letzten Jahre noch in der Zugabe aufs Korn. Vor ihrer unfreiwilligen CDU-Hymne "Tage wie diese" ruft er: "Dieses beschissene Politikerlied bringen sie noch!"

Das ist schon ziemlich Punk. Und trotzdem: Was sagen eigentlich die Fans? Unser Fotograf Vincent Grundke hat sich vor die ausverkaufte Waldbühne Berlin gestellt und diejenigen befragt, die der legendären Band schon länger die Treue halten:

Chris (27)

Noisey: Was feierst du hier für eine Party?
Chris: Bin nur mit drei Kippen und meiner Fahrkarte hergefahren, stehe seit anderthalb Stunden hier und habe jetzt schon meine zwei Konzertkarten zusammen…

...geschnorrt?
Ich habe die zwei Konzertkarten zusammengeschnorrt. Mit meinem kleinen, coolen Becher. Freue mich jetzt, Die Toten Hosen zu sehen!

Was ist 2018 noch Punk für dich?
Die Toten Hosen haben den Punk großgezogen, aber für mich ist es jetzt leider kein Punk mehr. Aber ich liebe die Band trotzdem. Feine Sahne Fischfilet in Dresden war für mich Punk. Antifaschistisch, definitiv. Schmutzki kann man auch sehr cool empfehlen, megageil. Ansonsten noch Swiss + Die Andern, die sind wirklich noch dolle Punk für mich.

Was war das Punkigste, was du je gemacht hast?
In einer Sparkasse geschlafen nach 'nem Dritte Wahl-Konzert, haha.

Denkst du, Campino hat für seine Rede beim ECHO das Bundesverdienstkreuz verdient?
Ich glaube, er will das gar nicht. Ihm ist das eigentlich scheißegal, sonst wäre er in Dresden nicht in dieses Freibad gegangen. Er macht das, was er denkt, und nicht das, was ihm andere vorgeben.

Immerhin sind sie im Herzen noch Punk.
Ja! Ich brauche den Iro auch nicht.

Die Zwillinge Agata (32) und Anka (32)

Wo kommt ihr her?
Agata: Wir sind aus Montreal, Kanada. Wir reisen gerade.

Warum kommt ihr zum Die Toten Hosen-Konzert?
Agata: Weil wir ihre Musik mögen.
Anka: Wir hören sie schon seit zehn Jahren. Wir wollten schon immer zu einer Show kommen, aber es war immer ausverkauft, wenn wir es versuchten.

Was gefällt euch an ihnen, die Botschaft?
Agata: Ja, das alles. Sie haben nicht viele englische Songs, aber es gibt "Google Translate". (lacht) Wir checken die Botschaft.
Anka: Die ist total positiv. Es passiert nicht oft, dass du eine Punk-Band mit einer positiven, toleranten Botschaft hörst.


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Sind Die Toten Hosen heute überhaupt noch Punk für euch?
Agata: Also wir haben Punk vor zehn Jahren noch nicht gehört, aber wir kamen zum Punk durch die Sex Pistols und The Ramones und Rancid.
Anka: Dann haben wir Die Toten Hosen entdeckt.

Und die waren genauso Punk für euch?
Agata: Nicht Hardcore Punk, mehr melodisch. Etwas, das du genießen und einfach dazu moshen kannst. Und sich wundern, was sie da überhaupt sagen.

Also wisst ihr gar nichts über ihre politische Ausrichtung?
Agata: Doch, doch. Sie haben linksliberale Ideen, ein soziales Bewusstsein.

Habt ihr das mit dem großen Musikpreis in Deutschland gehört?
Beide: Oh ja. Wir haben darüber gelesen.

Wie findet ihr das?
Agata: Das ist echt cool, dass er das Statement gegen die Rapper gemacht hat.

Hört ihr Rap?
Agata: Nein! (lacht)

Dave (29), Matze (31)

Was ist 2018 noch Punk für euch?
Dave: Puh. Na, nicht die Hosen! (lacht)
Matze: Aber die Donots noch.
Dave: Philosophisch gesehen: für seine Meinung einstehen. Nicht unbedingt allen hinterherrennen, sich seine eigene Meinung bilden und für sie einstehen.
Matze: Und kein Arschloch sein. Ein bisschen Assi, aber kein Arschloch sein.
Dave: Und kein Kreuz bei der AfD setzen.

Was war das Punkigste, das ihr je gemacht habt?
Dave: Nicht AfD gewählt. (lacht)
Matze: Zähneputzen mit Bier, der Klassiker.

Wann waren Die Toten Hosen nicht mehr Punk für euch?
Matze: Schon vor einer ganzen Weile. Spätestens, wenn die Mucke auf irgendwelchen Wahlpartys läuft – unabhängig von der Partei. Punk ist auch nicht so eine Weichspül-Mucke. Die letzten Alben waren schon sehr Radio-kompatibel.

Hört ihr noch das neue Zeug von den Hosen?
Matze: Na ja, nee.
Dave: Es kommt darauf an. Sind schon viele coole Songs bei, aber merkste auch, dass viele dabei sind, die du als Single-Auskopplung in die Charts haust, um Kohle zu machen.

Denkt ihr trotzdem, dass Campino für seine Rede beim ECHO das Bundesverdienstkreuz verdient hat?
Matze: Weiß nicht, ob man ein Bundesverdienstkreuz dafür braucht, dass man einfach kein Arschloch ist und sagt, dass manche Leute echt scheiße sind und für seine Meinung aufsteht. Also dann hätten wesentlich mehr Leute ein Bundesverdienstkreuz gebraucht.
Dave: Da kam halt Punk aus dem Mund raus. Aber ob das ein Bundeverdienstkreuz wert ist, ist eine andere Sache.
Matze: Dann gebt es lieber "Kein Bock auf Nazis" oder sowas, diesem Verein. Die machen die ganze Zeit die eigentliche Arbeit, stehen aber nicht so im Mittelpunkt. Sind aber bei fast allen Konzerten da. Also geht zu den Ständen!

Dana (31)

Was ist 2018 noch Punk für dich?
Dana: Punk!? Oh mein Gott. Eigentlich ist Punk ganz schön Mainstream geworden. Aber ein paar Bands agieren da noch ein wenig dagegen. Nichtsdestotrotz finde ich, dass Die Toten Hosen immer noch Generationen verbinden. Das ist vielleicht nicht mehr der Punk, der es in den Achtzigern war, aber trotzdem cool.

Hörst du die neuen Alben von den Hosen noch?
Ja, ich habe sie.

Welche Zeit von ihnen gefällt dir besser?
Es gibt auch ein paar coole Lieder auf den neuen Alben. Ich glaube, "An Tagen wie diesen" ist eine der coolsten Hymnen, die je geschrieben wurde. Natürlich sind die alten Lieder auch geil.

Was ist für dich persönlich Punk?
Musik, die gute Stimmung macht, aber auch ein Statement hat. Nicht nur so weichgespülte Sachen, sondern mit Sinn.

Denkst du, Campino müsste für seine Rede beim ECHO gegen antisemitische Äußerungen das Bundesverdienstkreuz bekommen?
Ich wusste gar nicht, dass er das gesagt hat. Joah, warum nicht!

Was würdest du sagen, wenn jemand sagt, Campino sei ein Spießer?
Dann würde ich sagen: OK, dann klettert ihr nächstes Mal auf das Dach einer Bühne und dann sprechen wir uns wieder.

David (28)

Sind Die Toten Hosen noch Punk für dich?
David: Schwer zu sagen. Die Toten Hosen sind eine Einstiegsdroge. Ohne Die Toten Hosen hätte ich Bands wie Wizo, Slime, Terrorgruppe und Bad Religion nie gehört und mein Lebenswandel wäre ohne Die Toten Hosen auch nicht in die Richtung gegangen. Dass 50-jährige Millionäre vielleicht keine Punks mehr sind, ist was anderes.

Wann bist du zu den Hosen gekommen?
1998, das Weihnachtsalbum von Die Roten Rosen. Da war ich acht. Mein Vater ist ein großer Musikfan, allerdings mehr Metal. Er wollte immer, dass ich Musik höre. Er hat mir dann ein Radio geschenkt und mir hat dieses Lied damals gefallen, obwohl ich es bestimmt nicht richtig verstanden hatte. Die Stimme und die Musik.

Was ist für dich Punk abseits von Musik?
Eine Gegenkultur, eine Subkultur. Eine Art, dagegen zu sein, sich zur Wehr zu setzen. Für mich persönlich auch wichtig: sich gegen den Rechtsruck zu positionieren. Eine gewisse Art an System- und Kapitalismuskritik ist für mich ganz wichtig. Für mich ist Punk nicht, irgendwo zu sitzen und Bier zu trinken. Ja gut, jetzt saß ich gerade hier und habe Bier getrunken. (lacht) Aber Punk ist für mich nicht, mit einem Iro am Bahnhof zu sitzen.

Sind Die Toten Hosen von ihren politischen Äußerungen her noch Punk?
Zumindest ihre linke Richtung. Ich würde sie mir manchmal etwas energischer wünschen, so als jahrelanger Fan.

Wie fandest du Campinos Aktion beim Echo?
Die fand ich gut.

Meinst du, er hätte dafür ein Bundesverdienstkreuz verdient?
Weiß ich nicht. So ein Preis ist unwichtig, finde ich. Ich weiß nicht, ob ihm das persönlich wichtig ist. Mir wäre das unwichtig. Wichtig ist, dass was gesagt wurde, dass jemand den Arsch in der Hose hatte.

Was war das Punkigste, was du je gemacht hast?
Vielleicht, dass ich beim G20-Gipfel war, ohne Straftaten zu begehen, liebe Bild Zeitung.

Ulrike (52), Michelle (52)

Sind Die Toten Hosen noch Punk für euch?
Ulrike: Also nach der neuen CD nicht.
Michelle: Sind ruhiger geworden, nicht?
Ulrike: Ja.
Michelle: Wir sind eine Altersklasse. Die sind alle über 50. Wir sind alle älter geworden. Damit ist es eine Jugenderinnerung.

Wann seid ihr zu den Toten Hosen gekommen?
Michelle: Wann waren wir auf den Zeltplätzen? 1982? Das ist die Zeit, als die angefangen haben mit der "Opel-Gang", da waren wir irgendwo an der Ostsee auf den Zeltplätzen und haben die Hosen gehört. Zu der Zeit habe ich studiert in der DDR.

Wart ihr damals Punks?
Michelle: Nee, gar nicht. Fußballer, Union-Fanclub.

Wann habt ihr sie zum ersten Mal live gesehen?
Ulrike: Also ich heute!
Michelle: Deutschlandhalle, irgendwann kurz nach der Wende. Dann noch Tempelhofer Feld, mehrmals. Immer, wenn sie in der Nähe von Berlin waren, habe ich sie gesehen. Früher hat Campino schweinebaumelnd in der Lichtanlage gehangen, in Tempelhof hat er seinen Sohn mit auf der Bühne gehabt, weil er Luft brauchte. Wie gesagt, die sind alle älter geworden.

Und was ist mit den Fans passiert von früher?
Michelle: Guck dich um.

Es sieht sehr gesittet aus.
Michelle: Genau. Entweder sind sie so alt wie wir oder haben ihre eigenen Kinder dabei. Vollkommen in Ordnung.

Kann man sagen, Campino ist ein Spießer geworden?
Michelle: Nee. Außer, dass er jetzt bei den Eisbären in der VIP-Lounge sitzt als Eishockey-Fan. Früher hätte er zwischen den Fans gestanden.
Ulrike: Vielleicht will der auch mal seine Ruhe haben, wenn der ständig angequatscht wird?
Michelle: Nee, da werden ständig die Trikots nach oben gegeben, zum Signieren. "An Tagen wie diesen" läuft dann natürlich bei der Meisterschaft rauf und runter.
Ulrike: Ja, das ist ja auch ein schönes Lied!

Habt ihr seine Rede beim Echo mitbekommen? Wie fandet ihr das?
Michelle: Coole Nummer! Ich bin Lehrerin in Neukölln, habe eine totale Aversion gegen diese ganzen Rapper, die nur Schimpfwörter und weiß-ich-was von sich geben. Das verbiete ich im Klassenraum. Ich möchte keinen Fan von Bushido und sonstwas da sehen, Kontra K und wie sie alle heißen, sondern von normaler deutschsprachiger Musik. Für jeden dieser Ausdrücke gibt es auf dem Schulhof einen Tadel, einen Schulverweis und die kriegen einen ECHO dafür. Wenn ich Kinder zu Respekt, Höflichkeit und Toleranz erziehe, kann ich sie nicht mit Schimpfwörtern durch die Gegend laufen lassen.

Aber was war das Punkigste, was du mal gemacht hast?
Michelle: Wir waren früher als Union-Fans auf den Zeltplätzen und da haben wir 'ne Menge Blödsinn gemacht, nicht zu wenig. Also auch so, dass wir von der DDR-Justiz runtergezogen...
Ulrike: ... Dusslig quatschen, trinken – so, wie es Campino sagt. Lustige Abende.
Michelle: Grabsteine aus dem Wasser ziehen, Mülltonnen umfahren mit dem Auto. Spaß haben, Musik hören, bisschen was trinken, feiern, große Gruppen, bisschen Motorrad fahren.

Fotos vom Konzert:

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