Das erste Date mit ... Bausa

"Das hier ist meine Hängematte. Hier lieg ich dann meistens genauso wie jetzt und habe Frauen da, die mich anschubsen." – "Ich schubs dich gleich aus dem Fenster raus!"

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20 April 2017, 9:13am

Fotos: Erik Przybilla

In unserer Reihe "Das erste Date mit ..." bringen wir Musiker in die typische Situation eines echten Dates. Alle Fragen kommen auf den Tisch, auch die unangenehmen. Schließlich geht es darum, sich besser kennenzulernen und zu checken, ob man auch auf lange Sicht was miteinander anfangen kann, über den ersten verknallten Blick hinaus – eben gen au wie bei einem ersten Date.

Im HipHop, sowie auch im echten Leben ist es für die Identität einer Person oft extrem wichtig, "wo man herkommt". Es ist außerdem extrem wichtig, sich dieser Herkunft immer bewusst zu sein – in guten wie in schlechten Zeiten. Nicht umsonst wird also neben dem eigenen Namen, dem des Produzenten oder des Labels in Rapsongs gerne der Name der Heimatstadt reingerufen oder gleich ganze Liebeslieder dem Herkunftsort gewidmet. "All I care about is money and the City that I'm from", wie Drake bereits klarstellte.

Dass uns Bausa für das erste Date in seine Heimatstadt Bietigheim einlud (und das auch noch am Weltfrauentag), war also nicht nur eine Geste großer Gastfreundschaft, sondern vermutlich auch das intimste Date, das wir bisher haben durften. Eine ausgiebige Stadtrundfahrt durch die Wiege des HipHop – Bietigheim – fiel aufgrund anhaltenden Regens leider aus, dafür zeigte Bausa uns sein Zuhause, sein Studio, seine Freunde und seine Stammkneipe. Nur den Eltern wurden wir noch nicht vorgestellt. Aber wer weiß, vielleicht kommt das noch.

Bausa empfängt uns in seiner Dachgeschosswohnung, in der umtriebige Gemütlichkeit herrscht. Das Video zu "Tropfen" (das zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen war) läuft auf dem Bildschirm und wird kritisch von Bausas Manager beäugt.

Noisey: Schuhe anlassen oder ausziehen?
Bausa: Lieber anlassen, da drüben liegen überall Scherben [deutet auf einen großen Haufen Scherben neben dem Tisch, der voll mit Flaschen steht]. Was möchtest du trinken? Bier oder Wein?

Ich bin krank.
Also Bier?

Genau. Ein warmes bitte. Das ist also deine Wohnung. Dann führ mich doch mal rum.
OK. Hallo, Noisey und welcome to my crib! Dieses Poster ist das Motto, unter dem alles hier steht. Die Jimi Hendrix-Experience. Hier werden Drogen konsumiert und Sexorgien veranstaltet.

So so. Und legendäre Musik gemacht?
Und legendäre Musik gemacht, aber nur nebenher. Das hier ist meine Hängematte. Hier lieg ich dann meistens genauso wie jetzt und habe Frauen da, die mich anschubsen.

Ich schubs dich gleich aus dem Fenster raus!
Oh, du bist violent. Und das am Weltfrauentag! Eigentlich solltest du in der Hängematte liegen. Komm, setz dich dazu.

Ich will lieber nicht, da purzelt man immer raus. Hängematten sind nicht für mehrere Menschen gemacht.
Na komm schon.

[Widerwillig setze ich mich in die Hängematte. Ist dann doch ganz bequem. Aber wie angekündigt, dreht sich das Ding in einer wirbelnden Bewegung nach unten, als ich versuche, wieder rauszukommen und Bausa segelt auf den Boden.]

Oh Gott, das tut mir Leid! Ich habe es dir gesagt!
Nichts passiert, ich wusste ja, dass du violent bist.

Eigentlich wolltest du mir ja deine Stadt zeigen, aber das wird wohl nichts. Bist du hier geboren?
Nein, aber ich wohne hier schon seit 20 Jahren. Alle fragen mich in letzter Zeit, warum kommen alle guten Rapper aus Bietigheim? Berlin ist nicht Rap, Bietigheim ist die Wiege des HipHop [lacht]. Aber ohne Scheiß, Bietigheim ist ein krasser Spot für Sprüher gewesen zum Beispiel, weil es die Endstation von einer S-Bahn aus Stuttgart ist. Hier war ein Wallfahrtsort. Aus ganz Europa sind Leute nach Bietigheim gekommen, um Züge zu malen. Wir haben hier wirklich mehr HipHop-Kultur als in vielen Großstädten in Deutschland.

Hast du auch gemalt früher?
Ja, aber ich wurde erwischt und musste einige Tausender blechen. Aber nicht Riesenbilder, mehr so Chrom-Schwarz Bombings. Rap ist da die bessere Wahl für mich, denk ich.

Mir ist aufgefallen, dass du ein sehr beliebter Feature-Gast bist, aber selbst auf deinem Album fast keine Features hast. Warum?
Wenn Leute, die ich mag mich fragen, dann mache ich das sehr gerne, wenn es musikalisch passt. Aber auf meiner Platte wollte ich keinen drauf haben, weil mein Album für mich sprechen muss.

Hältst du dann umgekehrt Alben, auf denen jedes zweite Lied ein Feature hat ...
Halt ich gar nichts von! Also, es kommt drauf an. Wenn es ein Mixtape ist oder das fünfte Album von jemandem, der gerne rumexperimentieren will mit anderen, ist das OK. Aber das ist mein Debütalbum. Ich könnte ja die Besten aus Deutschland auf meinem Album haben. Aber ich will nicht. Nicht auf meinem Debütalbum. Keine Ghostwriter, keine Features, keine Faxen.

Hältst du also neben Features auf Debütalben auch nichts von Ghostwritern?
Gar nichts! Also wenn ich es für andere mache OK, [lacht]. Aber für mich auf gar keinen Fall.

Noch bist du nicht ausgebrannt und ideenlos beim zehnten Album angelangt. Wie meistert man das dann? Alt werden mit Rap?
Ich werde nicht alt mit Rap. Mein Ziel ist es, irgendwann Musik zu machen, die mit Rap nicht mehr viel zu tun hat. Wer mein Album hört, dem fällt auch auf, dass da relativ wenig Rap drauf ist, für ein Rapalbum. Ich singe sehr viel. Dieses Musikalische will ich mehr in Angriff nehmen.

Dabei bist du eigentlich noch "Newcomer", obwohl du schon seit Jahren Musik machst. Trotzdem jetzt schon kein Bock mehr auf Rap?
Nein, gar keinen Bock jetzt auch nicht. Aber Rap hat einfach seine Grenzen. Und Musik nicht. Es entwickelt sich einfach von alleine in diese Richtung. Es ist ein natürlicher Prozess.

Ein bisschen so wie bei Tua.
Tua ist ein Genie. Er ist für mich einer der besten Künstler in Deutschland, die es gibt. Und wenn sich die Leute für gute Musik interessieren würden, dann würde auch Tua am meisten Platten verkaufen und nicht Kollegah.

Ich liebe Tua so sehr.
Ich liebe Tua auch.

Wir haben so viel gemeinsam! Ist ja wichtig bei einem Date.
Ich habe früher auch mal Musik mit ihm gemacht. Vor über zehn Jahren schon. Der ist ja auch hier aus der Nähe, aus Reutlingen. Ich sagte doch, die besten Rapper kommen von hier!

Könntest du dir vorstellen, mal von hier wegzuziehen?
Nein. Ich bin schon öfter von hier weggezogen. War 'ne scheiß Idee, deswegen bin ich ja zurückgekommen.

Ich hörte, unter anderem in Brasilien.
Ja, vier Monate in Salvador de Bahia.

Das kommt natürlich nicht an Bietigheim ran.
[Lacht] Ich bin dahin, um den Kopf frei zu kriegen. Ich hatte die Schnauze voll von allem hier, auch von Musik. Und ich wollte schon immer nach Brasilien. Und dann wurde ich dort verflucht.

Du wurdest verflucht?
Ohne Witz, ich habe an sowas nie geglaubt, so spirituelle Scheiße. Seit ich dort war, glaub ich dran. Ich wurde da jedenfalls von einem Macumbeiro, der mich nicht leiden konnte, verflucht. Ich wurde erst richtig krank. Dann, als es anfing, mir besser zu gehen, habe ich mich verletzt. Das hat sich infiziert, ich musste Medikamente nehmen, damit das wegging. Als das dann besser wurde, habe ich mega Rückenprobleme bekommen – ich habe nie Rückenprobleme. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich war wirklich verzweifelt! Ich war permanent gefickt von etwas anderem und ich bin eigentlich nicht anfällig, ich hab nie was. Dann meinten die Leute dort, dass ich verflucht wurde. Ich meinte natürlich, "Wollt ihr mich verarschen? Was für ein Blödsinn." Aber die waren so überzeugend, dass ich zu dem hin bin und ihn bat, mich in Ruhe zu lassen. Danach war ich gesund und es nichts mehr passiert.

Wir machen uns auf den Weg zu Bausas Stammkneipe, der Alten Weinstube, in der sich die halbe Stadt regelmäßig zum Fußballgucken trifft. Der Laden ist gerappelt voll. Die Frau des Besitzers Sokrates versorgt die Jungs mit selbstgekochter Pasta, Oliven und dem besten Schafskäse, den ich je gegessen habe. Sokrates selbst zapft mit mildem Lächeln den Jungs Bier und strahlt dabei eine unglaubliche Ruhe inmitten des lärmenden, rauchenden und trinkenden Chaos aus. Die Szene wirkt wie aus einem Ölgemälde aus der Renaissance. Der Wirt redet von Bausa fast wie von einem Sohn, also stimmt das mit dem Eltern-Vorstellen doch schon fast.

Sokrates beschreibt mir Bausa als "großherzigen, gutmütigen Kerl, mit dem man sich tiefsinnig und vor allem über alles unterhalten kann." Als er ihn kennenlernte, gab er ihm den Namen "Wolverine", wegen seiner rauen Stimme. Dass sich Bausa verändern könnte, kann er sich nicht vorstellen. Die ausgelassene Stimmung schwenkt kurz in eine festliche um, die Jungs verstummen etwas und lächeln verstohlen in ihre Biergläser. "So ist das hier in Bietigheim", erklärt Sokrates. "Keiner will hin, aber alle bleiben hier." Die Meute beginnt zu grölen und zu lachen und das Chaos von eben stellt sich wieder ein, als wäre nichts gewesen. In der Alten Weinstube bleibt es in dieser kalten Märznacht dennoch ein paar Grade wärmer.

Noisey: Das ist ein wirklich sehr familiäre Stimmung, die ihr hier habt.
Bausa: Ja, das stimmt. Ich geh hier schon ein und aus, seit ich Bier trinke. Also sehr lange [lacht].
Aber das ist wirklich so. In Bietigheim, aber vor allem auch hier in meinem Freundeskreis. Und auch in der Musik. Das ist auch mein Hauptfokus: etwas aufzubauen, wo viele mit dran teilhaben können. Wir haben hier so viel Potenzial, so viele Leute, die krass sind, so viele Leute, die Bock haben, neue Maßstäbe zu setzen. Uns ist es wichtig, dass hier nicht einer der Superstar ist und der Rest steht im Hintergrund rum. Ich glaube, da steht uns allen eine sehr schöne Zukunft bevor.

Mal gucken, ob das dem BVB jetzt auch so ergeht.

Das Spiel beginnt. Das des BVB gegen Lissabon an jenem Abend in dieser Minute. Bausas am 21. April. Kauft euch "Dreifarbenhaus" und seid gespannt, wie es ausgeht.

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