Thomas Gottschalk war der erste deutsche Rapper—Auch wenn es weh tut

Der Moderator hat 1980 den ersten Deutschrap-Track veröffentlicht. Grund genug, in den frühen Achtzigern nach weniger peinlichem HipHop aus Deutschland zu suchen.

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Aug. 16 2016, 3:57pm

Im deutschen HipHop gibt man sich gerne geschichtsvergessen. Alles vor Advanced Chemistry zählt nicht, alles englischsprachige ist sowieso nicht real. Dabei sind in Deutschland schon in den frühen 80er Jahren zu Breakdance-Zeiten einige Rapper ans Mikrofon gesteppt. Das prominenteste Beispiel ist der mutmaßlich erste deutsche Rap-Track: „Rapper’s Deutsch“ von G.L.S. United. G.L.S. steht für die Namen der drei TV-Moderatoren Thomas Gottschalk, Frank Laufenberg und Manfred Sexauer.

Wie die drei 1980 auf die Idee kamen, mithilfe des Disco- und Soundtrack-Produzenten Harold Faltermeyer ein Cover von „Rapper’s Delight“ zusammenzuklopfen, auf dem sie sich als Fans von Fünfziger-Rock und Disco outen, ist nicht überliefert. Obwohl „Rapper’s Deutsch“ gar nicht so schlecht ist (die Single-Version ist besser als die Live-Version), kann man verstehen, dass Deutschrap-Enthusiasten diese Episode lieber unter den Tisch fallen lassen, als Gottschalk zum deutschen Cool Herc zu krönen. Da dieser Mann eigentlich niemandem zum Vorbild dienen sollte (Ausnahmen: sein kommerzieller Erfolg und seine auch im Alter proppenvolle blonde Mähne), haben wir hier fünf zwischen 1980 und 1984 erschienene bessere Songs mit deutschem „Rap“ zusammengetragen.

CORA UND DIE POPSPATZEN

Wäre es nicht schön, wenn statt eines aufstrebenden Fernsehmoderators die kleine Cora und ihre Popspatzen den ersten deutschsprachigen Rap aufgenommen hätten? Unwahrscheinlich ist es nicht—im Internet ist man sich sicher, dass „Rapper’s Deutsch“ und „Wie wär's mit schulfreiem Montag“ 1980 im selben Monat erschienen. Wie GLS hat auch Cora einen der ersten internationalen Rap-Hits gecovert, nämlich „Rap-O Clap-O“ von Joe Bataan . Die Platte ist schwer zu finden und außer der Tatsache, dass sie vom früheren Prog-Rocker Marcel Schaar produziert ist gibt es keine Informationen. Wo Cora wohl heute steckt? Mit ihren montagsfeindlichen Lyrics trifft sie generationenübergreifend auch heute noch einen Nerv.

GABI ANNICETTE

„Hau Schon Ab“ von Gabi Annicette hat einige Gemeinsamkeiten mit anderem frühen deutschen HipHop. Der Track ist ein Cover—in diesem Fall von Grandmaster Flashs legendärer „Message“. Die Single ist rar und blieb die einzige Veröffentlichung der Künstlerin. Über Annicette sind immerhin ein paar Dinge bekannt, auch weil RadioEins ihr im Mai ein kurzes Segment der Serie „Raritäten des Grauens“ widmete. Sie war demnach Stewardess bei der Lufthansa und kam als „Deutschlands schönste Stewardess“ auf das Cover des Playboys. Ihre Übersetzung von Grandmaster Flashs Hit schlug nicht ein, aber mit Saxophon und Einflüssen aus Punk und New Wave ist „Hau Schon Ab“ definitiv einer der spannenderen Momente im frühen deutschen HipHop.

DIE TOTEN HOSEN

Zugegeben, hier wird nicht direkt auf deutsch gerappt. Allerdings handelt es sich hier um eine der erfolgreichsten Rockbands aus Deutschland, die 1983 unter dem Namen The Increadible T. H. Scratchers einen HipHop-Track veröffentlicht haben. Mit im Boot war kein geringerer als Rap-Pionier Fab 5 Freddy aus New York, der mithalf, einen Remix zum Dauerbrenner „Eisgekühlter Bommelunder“ zu reißen. Vom Video mit peinlichem Blackface und rassistischer Stereotypen abgesehen, ist „Hipp Hopp Bommi Bop“ auch gar nicht schlecht! Vor allem aber gehört der Track zu den ersten, die Elemente von Rock und HipHop vermischten. Was Rockbands angeht war eigentlich nur The Clash früher im Crossover-Business, als sie 1982 die „Escapades“ von Graffiti-Legende Futura2000 aufnahmen.

D. RÄPP GRUUVE

1984 war das Break Fever in Deutschland angekommen. HipHop war kommerziell erfolgreich, die Bravo veröffentlichte Breakdance-Compilations und deutsche Gruppen wie Baobab oder Dance Connection produzierten internationale HipHop-Hits auf englisch. Einige rappten aber immer noch immer auf deutsch und schrieben sogar recht anspruchsvolle Texte, so zum Beispiel Reflexx & Kool DJ AJ oder die Gruppe D. Räpp Gruuve. In deren „Break Party Rap“ von 1984 findet wohl die erste deutschsprachige, musikalische Auseinandersetzung mit Breakdance in Form einer unterhaltsamen Geschichte statt: ein Breakdancer crasht die Party einer Tanzschule mit seinen Breakdance-Skills.

CHEEKY

Neulich kam ich auf eine Party und musste direkt zum DJ rennen, um ihn zu feiern. Schließlich spielte er „Electric Boogie Boots“ von Cheeky (möglicherweise auch „Cheeky“ von Electric Boogie Boots)—eine Single, die laut Cover die „Erste deutsche Scratch- und Beak-Single“ ist und die auch heute noch einen Dancefloor in Brand setzen kann! Man muss den Track von 1983 einfach lieben. Ähnlich wie bei Cora und den Popspatzen stammt der Rap hier von einem Kind, bei dem man sich fragt, wo es heute wohl gelandet ist. Die Produktion auf dem Track ist für die Zeit phänomenal und auch wenn es Parallelen zu Herbie Hancocks „Rockit“ gibt, ist „Electric Boogie Boots“ kein Cover. Die Frage bleibt, was die Geschichte hinter dem ersten und einzigen Release von Cheeky ist (Whistleblower können sich gerne bei uns melden!), eigentlich ist es aber egal, denn der Track gefällt auch ohne medienwirksame Story. Hört ihn euch einfach an!

Das ist auch ein guter Rat zum Abschluss, denn selbstverständlich handelt es sich bei diesen fünf nur um eine Auswahl und keine definitive Liste aller frühen deutschen HipHop-Tracks. Es fehlen so Juwelen wie Nina Hagens „New York New York“ , die Gruppe 4D, die „The Wildstyle“ von Afrika Bambaataas Time Zone auf selbstgebauten Samplern produzierten oder das wohl trashigste WM-Lied bis Schwarz-und-Weiß. Wichtig ist aber vor allem, dass es aus dieser Ära des deutschen HipHops noch einige Schätze gibt, die gehoben werden wollen—die aber kaum jemand interessieren zu scheinen. Und egal was man findet, besser als Gottschalk wird es allemal sein.