Warum du diesen einen Song ständig in Dauerschleife hörst, erklärt von einem Wissenschaftler

Ich habe ein schwieriges Verhältnis zum Repeat-Knopf, also habe ich einen Musiker und Hirnforscher um Rat gebeten.

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Dez. 5 2017, 1:28pm

Illustration von George Smart

Ich habe ein Problem. Songs, die ich mag, spiele ich rauf und runter. Zu meiner Verteidigung sollte ich wohl erwähnen, dass ihr wahrscheinlich kein Stück besser seid. Na komm, ihr kennt das doch: Am Anfang wisst ihr gar nicht mehr, wie oft ihr schon den Repeat-Knopf gedrückt habt. Dann plagt euch ein hartnäckiger Ohrwurm, gegen den einfach nichts zu helfen scheint, als den Song immer wieder aus euren Kopfhörern oder Boxen schallen zu lassen, bis ihr ihn irgendwann nicht mehr leiden könnt. Ich bin ein verdammter Experte für Ohrwürmer. In meinem Kopf spiele ich mit den verschiedenen Teilen des Songs rum. Immer wieder überkommt mich das Bedürfnis, diese Ebenen wieder und wieder aufzugreifen.

Besorgte und manchmal auch sichtlich frustrierte Freunde und Kollegen haben mich bereits darauf hingewiesen, dass ich ein Problem habe. Sie behaupten sogar, dass ich ihnen – und am Ende mir selbst – die Songs damit "ruiniere". Und es ist wahr. Wenn ein Song in meine Premium-Playlist will, muss er erst durch eine intensive Dauer-Phase, in der ich ihn fünf- bis zehnmal hintereinander anhöre. Da meine Freunde und Kollegen aber einfach keine Ahnung haben, wovon sie eigentlich reden, und ich – ganz der Philosoph – weiß, dass ich nichts weiß, habe ich nach Experten gesucht, die mir erklären können, ob meine Hörgewohnheiten vielleicht sogar ungesund sind. Mit Peter Vuust habe ich meinen perfekten Ansprechpartner gefunden. Er ist Dozent an der Royal Academy of Music in Aarhus, Dänemark, und Leiter des Center for Music in the Brain.

Peter ist offensichtlich ein schlauer Kerl – vor allem, was Musik und/oder unsere Gehirne angeht. Oh, Jazzmusiker ist er auch noch.

Foto: Mads Bjørn Christiansen

Noisey: Was passiert in meinem Kopf, wenn ich ein Lied immer wieder höre?
Peter Vuust: Der Grund, warum wir gerne Musik hören und das Bedürfnis haben, sie zu wiederholen, ist wahrscheinlich der, dass sie das Belohnungszentrum unseres Gehirns beeinflusst. Das ist das biologische System, das uns für lebenswichtige Dinge belohnt. Deswegen werden wir auch vom Essen ein kleines bisschen high und vom Sex noch etwas mehr und so weiter. So stellen Natur und Biologie sicher, dass wir Dinge machen, die für unser Überleben wichtig sind.

Wegen des Belohnungssystems ist Musik das künstlerische Produkt, das wir wohl am häufigsten wiederverwenden. Nur selten schauen wir einen Film oder lesen ein Buch mehr als zwei- oder dreimal. Aber Musik hören wir wieder und wieder. Musik ist außerdem selbst die Kunstform mit den meisten Wiederholungen.

Was geht denn in meinem Gehirn vor, dass es glaubt, Post Malones "Rockstar" vier- bis sechsmal täglich hören zu müssen, um zu überleben?
Es ist schwer zu erklären, aber wir wissen, dass Musik unser Belohnungssystem anspricht. Wie genau sie das tut, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch – Musik "berauscht" manche Menschen viel mehr als andere. Es gibt einige wenige Menschen, denen Musik absolut gar nichts bringt. Man kann zeigen, dass sie in ihren Belohnungszentren absolut keine Reaktionen hervorruft. Diese Personen verstehen nicht, warum andere Menschen Zeit mit Musik verbringen. Aber dann gibt es Menschen, die eine Gänsehaut bekommen, wenn sie Musik hören, die ihnen gefällt. Wir wissen, dass das vom Dopamin gesteuert wird – der natürlichen Droge des Hirns. Einige Drogen funktionieren, indem sie mehr Dopamin in unserem Gehirn freisetzen.

Welche Betäubungsmittel kommen dem Musikhören denn dopaminmäßig am nächsten?
Musik hat die tolle Fähigkeit, sich in unseren Überlebensmechanismus einzuklinken – ein bisschen wie Kokain. Aber alle Drogen wirken sich anders auf unser Dopaminsystem aus. Wir wissen, dass dein Gehirn mit Dopamin geflutet wird, wenn du Kokain, Amphetamin und solche Drogen nimmst. Aber sie haben alle extrem große Unterschiede – jedenfalls habe ich das gelesen und von Menschen gehört, die sie nehmen. Ich habe persönlich keine Erfahrungen damit und kann sie dementsprechend schwer mit Musik vergleichen.


Noisey Video: The British Masters: Liam Gallagher


Was bringt mich dazu, immer wieder die gleichen Tracks hören zu wollen?
In dieser Hinsicht bist du vielleicht etwas speziell. Man könnte sagen, dass du ein bisschen süchtig bist – so wie wir alle nach Essen süchtig sind. Auch so eine Essens-"Sucht" kann ungesund werden.

Wenn du ständig zu McDonald's gehst, zum Beispiel?
Ja, genau. Oder wenn du vor einer Schüssel Süßigkeiten sitzt und nicht aufhören kannst, dir den Wanst vollzuschlagen, obwohl du schon lange satt bist. Es ist das gleiche, was mit Musik und Drogen passiert. Du brauchst sie nicht zum Überleben, aber sie können sich in unsere Überlebenssysteme einklinken. Das Positive an Musik ist, dass sie das Leben einer Person nicht gefährdet.

Und was passiert, wenn ich einen Song totgehört habe?
Wenn du etwas ein paar Mal gehört hast, landet es irgendwann am anderen Ende des Spektrums und wir hören auf, beim Hören etwas Neues zu lernen. Unser biologisches System reagiert hypersensibel auf so etwas. Vielleicht ist dein Spektrum etwas weitläufiger als das deiner Freunde. Das heißt, es dauert länger, bis dein Gehirn gemerkt hat, dass du eigentlich nichts mehr dazulernst.

Wäre es auch möglich, dass ich einfach mehr lerne als sie?
Musiker sind weitaus sensibler für minimale Veränderungen im Klang als Nichtmusiker. Es könnte also auch einfach sein, dass du sehr gut darin bist, eine Menge Informationen aus der Musik zu ziehen.

"Musik hat die tolle Fähigkeit, sich in unseren Überlebensmechanismus einzuklinken – ein bisschen wie Kokain."

Super, die Antwort gefällt mir schon besser. Aber was ist, wenn ich Nickelback wirklich nicht mag, aber mich dazu zwinge, hundertmal "How You Remind Me" zu hören? Werde ich das Lied dadurch lieber mögen?
Was wir mögen hat auch viel damit zu tun, wer wir sind. Nimm mich zum Beispiel, einen Akademiker. Dazu bin ich ein professioneller Musiker und Musikdozent. Es ist also besser für mich zu sagen, dass ich klassische Musik mag und nicht die Beatles. Wir haben dieses tiefgreifende Bedürfnis, uns mit einer bestimmten Gruppe zu identifizieren. Und Musik ist ein sehr wichtiges Werkzeug dazu. Wenn wir jung sind, gehen wir auf Festivals. In dieser Arena ist die Musik eine Art, um der Welt zu zeigen, dass wir jung, frei und bereit zum Feiern sind. Wir sind uns dessen oftmals gar nicht bewusst. Das heißt als, dass du Nicko – wie hast du die noch mal genannt?

Nickelback.
Wenn das eine Band ist, die von vielen gehasst wird, spielt das auch in die sozialen Konstellationen, zu denen wir gehören. Es ist eine biologische Sache, aber auch eine soziologische und psychologische.

Warum haben verschiedene Menschen unterschiedliche Hörgewohnheiten?
Wir alle konsumieren und verwenden Musik ganz anders. Manche sind Mitglied in einem Opernclub und gehen zusammen in die Oper. Andere gehen ins Fußballstadion und singen zusammen Fangesänge. Unsere Gehirne sind unterschiedlich. Wir sind innendrin genau so unterschiedlich wie von draußen.

Na gut. Was hörst du persönlich?
Ich höre Jazz und rhythmische Musik. Jetzt gerade höre ich das Album Hand Jive des Gitarristen John Scofield. Ich habe es bereits ein bisschen in den 90ern gehört, als es rauskam. Aber nicht zu viel.

Gibt es so etwas wie ungesunde Hörgewohnheiten?
Musik wurde schon als Foltermittel eingesetzt. In Guantanamo haben sie zum Beispiel den Gefangenen in Dauerschleife Heavy Metal vorgespielt. Das war kulturell und biologisch für die Betroffenen sehr unangenehm. Ich persönlich glaube nicht, dass es so etwas wie gute oder schlechte Musik gibt.

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