"Du hast Verrat begangen" - Nergal von Behemoth über seine neue Band

Nergal macht jetzt mit Me And That Man Folk und hat mit uns über satanistisches Grundwissen, seine liebsten Pop-Acts und Justin Bieber geredet.

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15 März 2017, 4:40pm

Behemoth-Frontman Nergal ist einer der bekanntesten Extreme-Metaler der Welt. Das liegt vermutlich nicht nur am langjährigen Erfolg seiner Band, sondern auch an Adam Darskis vielen außermetallischen Aktivitäten. Wenn er nicht satanisch aufgebrezelt Blackened Death über die Welt bringt, verlobt er sich mit polnischen Popstars, veröffentlicht Biografien, besiegt mal eben eine kleine Leukämie, wirbt für Energydrinks oder covert als Juror bei The Voice of Poland Gnarls Barkley. Das reicht dem düsteren Duracell-Bunny aber nicht, also gibt es jetzt auch noch Me and That Man. Das Dark-Folk-Projekt mit dem englischen Musiker John Porter erntet Vergleiche mit Nick Cave, dem späten Johnny Cash und Danzig, teils kann man fast von einer Hommage sprechen.

Zur Erscheinung des Albums Songs of Love and Death habe ich mich mit Nergal und John Porter zusammengesetzt und über die neue Band, Fan-Fatwas und Nergals schönen, beschissenen Club unterhalten. Und weil niemand sich weniger mit Firlefanz wie Trveness aufhält als Nergie, haben wir noch Adele, Rihanna und Justin Bieber gehört, damit ihr rausfinden könnt, ob er eure Guilty Pleasures teilt.

Noisey: Wer von euch ist Me und wer ist That Man?
John Porter: Das hängt ganz von der Situation und vom Wochentag ab. Und davon, wer seine Tage hat. [Lacht]
Nergal: Nein, aber jetzt mal ganz im Ernst. Wir haben wirklich ausgemacht, dass wir uns jeden Tag abwechseln.

Würdet ihr sagen, dieses Projekt fällt unter ein bestimmtes Genre?
Nergal: Hoffentlich nicht. Die Leute machen ohnehin damit, was sie wollen. Also sagen wir uns: "Das war's. Hier hört unsere Arbeit auf." Danach gehört sie euch.

John, wie kam es überhaupt dazu, dass du mit Nergal zusammenarbeitest?
John:
Ich lebe seit über 30 Jahren in Polen. Ich war in einigen ikonischen Bands, darunter meine Porter Band. Von meinem Album Back in Town war Nergal sehr begeistert, und da dachte er sich wohl, dass er auf sowas auch Lust hätte, nur vielleicht ein bisschen rabiater. Als er anrief und ein Treffen wollte, habe ich gesagt: „Klar, warum nicht!", auch wenn ich seine Musik nicht höre. Immerhin ist er berühmt. Nachdem er von der Promotion für The Satanist zurückkam, wurde dann alles konkreter.

Nergal, dieses Projekt unterscheidet sich extrem von deiner Hauptband. Gab es für dich einen Anstoß, etwas völlig Neues anzufangen?
Nergal: Dieses Bedürfnis ist einfach immer stärker geworden. Mir fehlten nur der richtige Zündfunke und die Motivation. Aber eines Tages wachte ich auf und merkte: "OK, heute ist es so weit." Dann haben wir losgelegt!

Stehst du schon immer auf die Künstler, deren Stil Me and That Man inspiriert hat?
Nergal:
Nein. Früher war ich bekannt dafür, in puncto Musikgeschmack sehr radikal zu sein. Ich habe ausschließlich Metal gehört, bis ich mich so ab Mitte der 90er mehr öffnete. Es kommt ja am Ende alles aus dem Blues. Je mehr ich hörte, desto offener wurde ich für Neues, und ich freue mich, dass dieser Prozess seither andauert. Ich kehre immer zu dem harten, gefährlichen Zeug zurück, aber gleichzeitig sage ich: "Hey, das hier ist auch cool, und das auch!" Ich lerne auch Bands schätzen, von denen man mir gesagt hat, ich müsste sie hassen. Zum Beispiel war ich immer der Maiden- und Sabbath-Typ und dachte: „Led Zeppelin, das ist doch ein Haufen verdammter Hippies!" Aber seit etwa 10 Jahren stehe ich auf diese Band. Und auch wenn ich etwas nicht mag — wie Bob Dylan. Ich bashe ihn jetzt nicht, denn vielleicht finde ich ihn in fünf Jahren fantastisch. Mit der Zeit lernt man Dinge schätzen. Es ist wie mit Whiskey. Ich trinke meinen Whiskey immer noch mit Cola, aber vielleicht lasse ich das ja irgendwann mal. John drückt mir die Daumen. Er glaubt da ganz fest an mich.
John: Ich habe so viel Whiskey, aber ich gebe ihm einfach nichts davon ab. Warum sollte ich? Er schüttet ja nur wieder Cola rein! [Nergal lacht] Und Eis! Ach, herrje.

Wie verkraften denn Behemoth-Fans deinen Genre-Sprung? Hast du schon extreme Reaktionen bekommen?
Nergal: Oh ja! [Lacht] Also, ich habe jetzt nicht gesehen, dass jemand sagt: "Ich bring dich um, verdammt! Du hast gegen unsere Regeln verstoßen!" Aber so Zeug wie: "Das solltest du wirklich nicht machen" ...
John: Böser Junge!
Nergal: Oder was stand da doch gleich ... "Du hast einen Verrat begangen."
John: Einen Verrat?
Nergal: Ja, sie fühlen sich verraten.
John: Einen Verrat an was? An der Religion?
Nergal: Genau, die klingen wirklich fast wie religiöse Fanatiker. Dabei habe ich eigentlich keinen Treueeid geschworen.
John: Die werden eine Fatwa auf dich ausrufen. Jemand wird dich wahrscheinlich kaltmachen müssen.

"Die nicht ausreichend Satanischen Verse".
Nergal:
Genau. Es gibt da das unvergängliche „Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz". Ich finde, die meisten dieser Typen, die Aleister Crowley anbeten, müssten mal lernen, sich auch an das zu halten, was sie da predigen. Und anderen ihre Freiheit lassen, denn [im Satanismus] dreht sich alles um Freiheit. Mach dir verdammt nochmal dein eigenes Gesetz, und dieses Gesetz ist deine Freiheit. Aber das kommt von dir, und nicht von irgendwelchen höheren Mächten oder Regeln, die ... Fuck, das ist doch das, wogegen wir rebellieren.

Nergal, du hast in Sopot in Polen einen eigenen Club, Libation. Ich brenne darauf zu erfahren, was für Musik du dort spielst.
Nergal:
Äääähm.... beschissene Musik! [Lacht] Ich sollte das nicht sagen, aber ich bin ja auch nicht gerade der diplomatische Typ. Sagen wir es mal so: Der Club ist fantastisch – vom Aussehen her. [Lacht wieder los] Also, optisch ist es toll, aber wir sind ja wirtschaftlich motiviert. Wenn ich meine Lieblingsmusik spiele, sitzen da vielleicht drei Betrunkene rum.
John: Die keinen Schimmer haben, wo sie überhaupt sind.
Nergal: Ja, und wahrscheinlich auch kein Geld und keine Perspektiven. Man muss dort wirklich Leute anziehen. Es ist nicht New York oder Berlin. Für mich ist das also ein riesiger Konflikt, weil ich das Design liebe, aber der Inhalt ist so ziemlich nur Plastik.
John: Vielleicht ist der Club einfach in der falschen Stadt.

Ja, vielleicht solltest du noch einen Club in Berlin eröffnen.
John: Oder Warschau. Ich glaube, da würde das viel besser laufen.
Nergal: Das würde es bestimmt. Dort sind die Leute aufgeschlossener, es gibt mehr Szenen ..
John: Aber lassen wir das.
Nergal: Ja, meintest du nicht, wir spielen noch was? Los geht's, ich will wissen, was wir spielen!

Stimmt, hab' ich gesagt. Eigentlich ist es kein Spiel. Wir dachten uns, wir sollten unbedingt erfahren, was du als Experte von den größten Hits des letzten Jahres hältst.
Nergal:
OK – John kann da aber auch mitreden. Gehen wir's an!

Als Erstes haben wir einen der größten Hits von 2016, „Hello" von Adele. [Song läuft, Nergal und John hören kurz zu]
Nergal: Ich finde, auf ihrem Durchbruch-Album hat alles mehr Sinn ergeben. Was ich da im Radio gehört habe – ich besitze die Platte selbst nicht mal –, war interessant. Aber das hier ist mir einfach zu poppig, zu verwässert. Ich mochte es, als ihre Stimme so roh und unverfälscht war, in einem akustischen Setting. Was meinst du, Johnny?
John: Ich sehe das ähnlich. Das zweite Album fand ich musikalisch interessanter als den meisten Pop, aber das hier ist so fantasielos. Sie hatte solchen Erfolg, dass sie es sich hätte leisten können, nicht einfach auf Nummer Sicher zu gehen. Sie hat die Stimme und alles. Sie hat ein bisschen abgefuckte Lebenserfahrungen. Damit ließe sich was Gutes anstellen, aber das hat sie nicht.
Nergal: Es ist einfach sehr kommerziell und überproduziert.

OK, hier kommt der nächste Hit. [„Work" von Rihanna läuft]
Nergal: [Singt mit extrem nasaler Stimme] Wooork, work, work, work, work ... Singt da eine Ente?
John: Den hier kenne ich nicht.
Nergal: Das ist Rihanna. Sie habe ich schon live gesehen.
John: Ach, das ist jetzt Rihanna?

Bei welcher Gelegenheit hast du Rihanna in Aktion gesehen?
Nergal: Ich war auf einem ihrer Konzerte in Polen. Ich gehe auf Popkonzerte. Und es war eine große Produktion, aber es war auch einfach Plastik. Ich habe es ihr nicht abgekauft.
John: Na ja, es ist ja auch Pop.
Nergal: Ja, aber man kann Plastik machen wie Madonna, wo ich einfach nur „Wow" dachte, oder man kann Plastik machen wie Justin Bieber – den ich auch gesehen habe. Und das war wirklich nur noch peinlich. Also hatte ich meine Kapuze auf – es war in Polen, und dort erkennen mich viele. Ich hatte ernsthaft Angst: „Wenn jetzt jemand ein Foto macht, ist meine Karriere vorbei." Nächster Song!

Ha, passender geht's nicht. Als Nächstes steht Justin Bieber auf dem Programm. [„Love Yourself" läuft im Hintergrund]
Nergal: [Lacht] Yes!
John: Nein, das kann man nicht ernstnehmen. Er muss ein liebenswerter Junge sein, aber ... nein, sorry.

Vielleicht auch nicht. Ich habe mal gehört, er sei hardcore christlich. Gegen Abtreibung und voll auf Jesus.
Nergal: Dann ist es sogar noch schlimmer.
John: Davon merkt man aber nichts, oder? Er versucht doch, ein Bad Boy zu sein. Er wirft Farbe auf Sachen, uuuh welch ein Rebell!
Nergal: Aber glaubst du, das ist nicht einfach Teil des Programms?
John: Ich glaube, er ist ohnehin kein Mensch sondern ein Roboter. Er wird von Banken und Firmen kontrolliert.
Nergal: Genau. „Jetzt legst du dir Tattoos zu und dann bist du ein Rebell. Und die ganzen Kids werden ausflippen." Oder: „Schon mal von Jesus Christus gehört?" [Antwortet mit hoher Kleinjungenstimme als Bieber] „Nein!" „Ab sofort glaubst du an Jesus. Hier, lies dieses Buch und denk gefälligst um, das bringt einen Batzen Geld!" So läuft das. Ich kaufe es ihm nicht ab. Ich meine, er kann singen. Genau wie diese ganzen anderen Leute auch was können.

OK, wir sind uns also einig: Scheiß auf Justin. Aber wie steht ihr zu Sia? [„Cheap Thrills" läuft]
John:
Ich mag sie irgendwie. Und sie hat diese Tänzerin in dem einen Video. Das Mädchen ist erst 13 oder 14 und tanzt unglaublich gut. Ich habe nämlich eine Tochter, also muss ich mir die Videos anschauen und ihr beim Tanzen zusehen und all sowas. Ich finde Sia cool.
Nergal: Er ist da mehr auf dem neuesten Stand als ich. Ehrlich gesagt, habe ich gerade zum ersten Mal den Namen Sia gehört. Aber es gibt Pop und dann gibt es Pop. Manche Pop-Sachen mag ich sehr, sehr gern.

Welche Pop-Künstler gefallen dir denn am besten, Nergal?
Nergal: Zum Beispiel Duran Duran. Die machen weiterhin Alben, und sie liefern jedes Mal wieder großartige Arbeit ab. Das neue von Ultravox war richtig gut. Und auch wenn es Pop ist und vielleicht eher romantisch oder was auch immer ... Das ist mir egal, es sind einfach gute Songs. In den 70ern und 80ern waren Songs irgendwie „transparenter". Diese alten Pop-Bands, die heute nochmal loslegen, bringen wieder den gleichen Vibe wie damals. Und den haben die neuen Popgruppen einfach nicht.

Was meinst du genau mit „transparenter"?
Nergal: Es ist wie beim Extreme Metal der 80er und 90er ... Sagen wir mal, Morbid Angel haben einen Song gemacht: der hatte Refrains, Leads – das basierte auf einer Rock'n'Roll-Struktur. Dagegen gibt es bei modernen Death-Metal-Bands nur noch verdammten Riff-Overkill und nichts dahinter. Im Pop gibt es diese Tendenz auch und damit kann ich einfach nichts anfangen.
John: Es ist eben auch Firmen-Musik. Anzugträger reden allen rein, ohne Ahnung von der Musik zu haben. Bestimmt auch bei einigen Metal-Bands. Sie machen das, wovon sie sich Profit versprechen, deswegen klingt ja auch alles gleich. Mehr steckt nicht dahinter. Einfach furchtbar
Nergal: Stell' dir vor, ein Pop-Künstler verkauft fünf Millionen Platten, bei der nächsten dann nur 800.000, was immer noch eine astronomische Zahl ist –
John: – und dann sehen sie dich als Fehlschlag.
Nergal: Ja, dann ist es aus mit dir. Dann hast du Schulden, die du bis ans Ende deiner Tage abbezahlst.

Gutes Stichwort – mit euch beiden ist es doch bestimmt noch lange nicht aus?
Nergal: Jeder Tag ist ein neuer Anfang. Wenn das Album draußen ist, spielen wir erst einmal ein paar Shows. Danach sehen wir weiter.
John: Wir nehmen alles, wie es kommt. Jeder Tag ist ein guter Tag.

Songs of Love and Death erscheint am 24. März. Pre-Order und Tourdaten für März/April gibt's auf der Website.