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„Scheiß drauf, ich wähle trotzdem AfD“—Ein offener Brief von Staiger an Bushido

Bushido hat in Alis Videoblog verkündet, AfD wählen zu wollen. Für Staiger sind Gauland, Petry und Co. nicht die Protestpartei, für die der Rapper sie hält.

Mein lieber Bushido,

Wir kennen uns jetzt lange genug, als dass ich auf so eine billige Provokation von Dir hereinfallen würde. In einem Videoblog, der in den letzten Tagen veröffentlicht wurde, hast Du erklärt, dass Du AfD wählen willst. Uuuhhhh, schrecklich, und alle Welt steht Kopf.

Ich meine, vielleicht stimmt das ja sogar und letztlich kann es mir auch ziemlich wurscht sein, welche Partei Du wählst. Ich weiß ja, dass das Bekenntnis zur AfD gerade so etwas wie das absolute „Ich ficke deine Mutter“ in der Politiklandschaft ist und man damit so schön schocken kann. Das ist die ultimative Provokation fürs Establishment. Das No Go, über das jeder anständige Demokrat die Nase rümpft. Die anderen Parteien flippen aus und werden hysterisch und die AfD kann weiterhin von sich behaupten, die einzige rebellische Kraft in diesem System zu sein.

Und das, mein lieber Bushido, das ist dann auch das Problem an Deinem Statement und an Deiner möglichen Wahlentscheidung. Selbst wenn Du sie in Wahrheit gar nicht wählst, so siehst Du sie doch irgendwie als Protestpartei, mit der man provozieren kann. Leider ist die AfD nichts von alledem. Weder ist sie Protest, noch ist sie rebellisch, noch ist sie Alternative. Die AfD sind Spießbürger, die einen Kulturkampf führen und dafür kämpfen, politisch unkorrekt sein zu dürfen, aber an der grundsätzlichen Ordnung erstmal gar nichts ändern wollen. Vielleicht verbindet sie das mit Dir. Sie wollen zwar nichts ändern, aber sie wollen, dass es anders gemacht wird, nämlich so, wie sie es wollen—was dann auf Forderungen wie D-Mark statt Euro, mehr Polizei und die Abschaffung der Rundfunkgebühr hinausläuft. Dabei dürfte das Letztgenannte wahrscheinlich ihre originellste Idee sein.

Ansonsten steht der Kampf gegen die Islamisierung des Abendlandes auf dem Programm, was bestimmte Vorurteile in der Gesellschaft bedient, was die Pfeifen aber nicht daran hindert, dein Statement auf Twitter auszuschlachten und Dich zur Wahlparty einzuladen, ganz nach dem Motto: „Wenn der Moslem uns nützt, dann darf er bleiben. Wenn er uns ausnutzt, dann muss er gehen.“ Eine Einstellung, die im Übrigen auch von der deutschen Bundesregierung beherzigt wird, die gerade alle möglichen Leute abschieben lässt, weil diese eben nicht nützlich sind—nur so viel zur scheinbaren Alternative.

Vielleicht gefällt Dir aber auch nur einfach, dass die Boys and Girls von der AfD auf diese politische Korrektheit scheißen und ihr in den politisch korrekten „Alt 68ern“, die nach AfD-Angaben die Republik beherrschen, einen gemeinsamen Feind habt. Vielleicht gefällt Dir auch, dass sie ein klassisches Familienmodell mit Papa, Hausfrau, Kind favorisieren. Gegen Letzteres ist ja nichts einzuwenden, das soll jeder so halten, wie er will. Nur sollte man dabei in Betracht ziehen, dass das Leben nicht immer so verläuft, wie man es sich vorstellt und sich so manche Alleinerziehende ihr Schicksal nicht selbst ausgesucht hat. Manchmal muss man sich eben trennen und da hilft es auch nicht weiter, wenn sich eine Partei hinstellt und das Gegenteil fordert, oder mit Bestrafung droht, wenn man es trotzdem macht.

Mit dem politisch Korrekten ist es das gleiche. Die AfD spielt sich als Partei der kleinen Leute auf, denen es anscheinend auf den Geist geht, „Menschen mit migrantischem Hintergrund“ statt Ausländer und „Schwarze“ statt „Neger“ sagen zu müssen. Leute, die anscheinend auch mal wieder scheiße zu Schwulen sein, oder ihren Kindern eine ordentliche Tracht Prügel verabreichen wollen, weil das ja früher auch nicht geschadet hat ... die alten Werte und so. Die Frage ist nur, warum eigentlich? Glauben diejenigen, die darauf reinfallen, dass ihre Frauen in Zukunft tatsächlich wieder zu Hause bleiben können und nicht mehr arbeiten müssen, weil sie als Herr im Haus wieder genug Geld verdienen werden, sodass ein Auskommen ausreicht, um eine Familie zu ernähren? Mit Sicherheit nicht, und mit der AfD schon gar nicht, denn diese will sich ja nicht einmischen in so etwas wie Lohnpolitik.

Glauben diejenigen, die jetzt aus Protest AfD wählen wirklich, dass man mit den Jugendlichen, die zwar hier geboren sind, den Deutschtümlern aber immer noch zu fremd sind, dass man mit diesen Jugendlichen besser zurechtkommt, wenn man das Minarett als Herrschaftssysmbol des Islam für deutsche Städtelandschaften ablehnt?

Glauben die Menschen, dass sie wieder Vollbeschäftigung haben wie in den 70ern, nur weil sie wieder Worte benutzen dürfen wie in den 70ern? Glauben die Leute wirklich, dass sich das Rad der Zeit zurück drehen lässt, nur weil man Begriffe aus der Vergangenheit reaktiviert und die linksversiffte Elite in Berlin bekämpft? Das ist genau die gleiche bescheuerte Vorstellung, wie wenn die Alt-68er denken, sie würden die Verhältnisse besser machen, nur weil sie die Dinge netter und korrekter benennen.

Im Endeffekt geht es doch darum, die Gesellschaft wirklich zu verändern. Die Art von Mitbestimmung und Volksentscheid, welche die AfD in diesem Zusammenhang anbietet ist genauso eine Blamage, wie der Rest ihres alternativen Geschwätzes, das keine Alternative ist. Volksabstimmungen darüber, dass der Staat noch mehr Staat sein darf, unter den man sich dann bedingungslos unterzuordnen hat? Ich könnte mir was Schöneres und auch Praktischeres vorstellen, denn wirkliche Veränderung passiert doch erst dann, wenn man sich mal darauf verständigen würde, wie man gemeinsam gut und gemeinschaftlich leben kann. Nachbarschaftlich sozusagen, wobei es doch dann vollkommen egal ist, woher die Nachbarin oder der Nachbar kommt. Nach Ansicht einiger Spezialisten in der AfD sei so etwas allerdings weder gewünscht noch möglich, da dem die Pigmentierung der Haut und der damit verbundene kulturelle Hintergrund im Weg stehe.

Aber vielleicht gefällt Dir ja auch einfach nur die Vorstellung, in Zukunft weniger Steuern zahlen zu müssen und Du hast die Hoffnung, dass Polizei und Finanzämter dadurch weniger Personal haben, um Dir auf die Nerven zu gehen. Täusch dich nicht. Eher streichen sie den Alleinerziehenden die Unterstützung, als dass sie auch nur einen Polizisten entlassen.

Insofern viel Spaß mit der provokativen Alternative.

Ich bleibe lieber radikal.

Mit den Besten Grüßen,

Dein Staiger.