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porträt

Flavour Gang statt Supreme Team – Jace im Interview

"Ich hab mich weggehustlet von der Wurst." Der Hamburger Rapper Jace über das Leben nach der Fleischtheke und vor dem großen Durchbruch.

Tamara Güclü

Niklas Zeiner

Aus der Music Issue 2017

Rapper Jace zu erreichen ist gerade schwer. Nicht weil sein Handy ständig klingelt und besetzt ist, sondern weil er gerade keins hat. Beim Feiern im Hamburger Club "Uebel & Gefährlich" fällt es ihm vor einiger Zeit betrunken herunter, ist direkt im Arsch. Kurz darauf wird er vom Türsteher aus dem Laden geworfen, weil er in einen Blumentopf pinkeln wollte. Also nehmen wir beide an einem Sonntagabend im Herbst unsere Festnetztelefone in die Hand. Er das in der Wohnung seiner Eltern im Hamburger Stadtteil Groß Borstel, wo er noch wohnt, weil er immer noch nicht dazu gekommen ist, sich endlich was Eigenes zu besorgen. Ich das verstaubte, das nie einer benutzt, in meiner WG in Berlin-Friedrichshain.

Für jemanden Anfang 20, der vor drei Jahren Abitur gemacht hat und zeitweise ins Jurastudium gerutscht ist, wirkt er ziemlich reflektiert. Nicht, dass einen das sonderlich schockieren müsste. Aber die Art von HipHop, die Jace macht, lebt von gewissen Klischees. Vom Hänger-Dasein zwischen ungeplantem Suffabend, Party-Eskalation vorm Apple Store mit der Gang, Swag-Vergleichen und dem ständigen Dilemma, pleite zu sein, aber Sachen zu brauchen. Darum geht es auch in Jaces Song "Gib mir was ab". Wobei ihm die ganze Marken-Fixiertheit in der Rap-Welt richtig auf den Sack geht: "Ich find das alles ziemlich scheiße. Ich hab mit Mode nicht viel am Hut, versuche aber auch, nicht kacke auszusehen. Einfach zu tragen, worauf ich Bock habe. Aber ich finde es schade, dass so etwas einen solchen Stellenwert einnimmt." Ich erwähne Rin, den schwäbischen Hype-Anführer der aktuellen Generation Deutsch-Trap. "Ich finde Rins Texte langweilig. Ich will mir nicht anhören, welche Klamotten er den ganzen Tag trägt." In Jaces Musik solle es nicht um Supreme-Shirts gehen.

Jace heißt eigentlich Jacob. Seinen Nachnamen teilt er nicht mit der Welt – er sagt, er stecke "in einem laufenden Adoptionsverfahren" und daher sei noch unklar, wie er in Zukunft heißen werde. Doch wenn der Junge aus Groß Borstel zu Jace wird, verändert er im Gegensatz zu vielen seiner Rap-Kollegen nicht seine gesamte Persönlichkeit. Klar, er flucht ein bisschen mehr, macht auch mal stumpfe Sachen, wie im botanischen Garten mit Bierdosen herumspritzen. Aber er ist kein Money Boy, der im wahren Leben gefühlt nichts mit seinem Alter Ego gemeinsam hat. Jace gibt einen Fick auf prätentiöse Attitüden, schreibt simple, glaubhaft witzige Alltagsgeschichten in Reimform. Und wirkt dabei so herrlich nahbar und so wenig um Coolness bemüht, dass jeder von uns sein Homie sein könnte. Trotzdem erinnert man sich auch nach dem Hören noch an seine Texte. Bei Lines wie "Ich will Lobster und Trüffel in meinem Magen, straight Mäckes seit drei Tagen, aber immer noch keinen Fame, bitte kann ich deinen haben" möchte man ihm gleich eine ganze Hummerplatte samt Plattenvertrag beim Major-Label spendieren.

Foto: Niklas Zeiner

Als Jugendlicher sieht Jace im Fernsehen Eminem und D12. Er kauft sich das zweite Album der Detroiter Posse um den Whiteboy Marshall Mathers, von da an taucht er ein in die Welt des HipHop. Sein Vater besitzt Bambule von den Absoluten Beginnern, wie sie damals noch heißen, das sei „ganz nice“ gewesen, um sich an Deutschrap heranzutasten. Hamburger Oldschool taugt ihm aber nicht allzu lange. Zu aufgesetzt und peinlich wirken auf ihn die selbstreferenziellen "Wie geil kicken wir die Stylez am Mic"-Reime von Hamburger HipHop-Opas wie Jan Delay oder Samy Deluxe. Er will Rap, bei dem schräge Persönlichkeiten erschaffen werden, die das eigene Dasein ad absurdum führen.

Mit 16 fängt Jace selbst an, Texte zu schreiben, die er zunächst niemandem zeigt. Ein paar solcher Zeilen hat wohl jeder rumliegen. Irgendwann spielt er doch ein paar Freunden etwas vor. Sie feiern seine Arbeit und ermutigen ihn, das Zeug irgendwo hochzuladen. Ein Freund erstellt für Jace einen SoundCloud-Account, auf den er bis heute seine Songs packt. 2014 nimmt er zum ersten Mal ein Mixtape bei seinem Cousin auf, der ein Studio besitzt und Tracks für ihn mischt. Die Beats dafür stammen von YouTube-Songs, quick und dirty heruntergeladen und darüber gerappt. Das Tape will er ursprünglich nur seinen Kumpels vorspielen. Sonst habe das damals zu Schulzeiten ja eh keiner mitbekommen, sagt Jace. Aber seine rotzige Art und die etwas überdrehte Stimme fallen auf.

2015 gründet Jace mit seinen Schulfreunden Kenny$ und Mörek SDT. Die Abkürzung steht für "Spitter der Tafelrunde" – oder laut Jace vielleicht auch für "Secret Dance Trio", "Sexy Deutschtürken" oder "Steffen Dennis Thorsten". Sich nicht zu ernst zu nehmen, ist den drei Jungs von Anfang an wichtig. Rap soll schließlich Spaß machen, den Rappern wie den Hörern. Und ein bisschen Trash muss auch sein. Das Cover der Vorschuss-EP zeigt Jace, wie er aus einer Müslischale Kleingeld mit Milch löffelt. "So wirklich viel mit Vorschuss is ja nich, ne", kommentiert er selbstironisch.

Rewind zurück ins Jahr 2016. Bevor der Traum vom Rapper-Leben Kontur annimmt, entscheidet sich Jace spontan, in Hamburg Jura zu studieren. Die Bewerbungsfrist fürs Sommersemester ist fast abgelaufen, aber irgendwie klappt es sogar mit dem NC. "Hat mich selbst derbe gewundert", sagt er. So wird aus ihm ab April 2016 tatsächlich ein Jurastudent im Stile von Felix Blume alias Kollegah, dessen Musik er allerdings genauso wenig feiert wie das Studium des Rechts. Ein Glück für die Musikwelt, denn vor allem dort investiert er fortan seine Energie. Nach einer Woche an der Uni lernt Jace Marú kennen, der später zu einem seiner Produzenten wird. Im Sommer 2016 drehen sie ihr erstes Video, zum SDT-Song "Freundschaft".

Aus SDT erwächst langsam die Formation, mit der Jace bis heute alles Künstlerische stemmt. Was mit dem Trio und kleineren Auftritten bei selbst organisierten Partys im Hamburger Westwerk beginnt, entwickelt sich zu einer eigenen kleinen Posse: die Flavour Gang. Die sieben Mitglieder haben verschiedene Rollen: Marú und Skool Boy, die sich bereits von der Akademie Deutsche POP kennen, produzieren die Beats. Dazu kommen die Rapper ChaLee, sowie Kenny$ und Mörek von SDT, Jace und der Mann für alles Optische, Niklas Zeiner. Kenny$ und Mörek leben mittlerweile in Holland, "wegen Studium und so". Aber trotz Exil in Groningen sind sie immer am Start, wenn etwas Wichtiges ansteht, so wie erste größere Auftritte beim Dockville oder dem Reeperbahn Festival in diesem Jahr.

Noch bevor Jace und seine Jungs auf Festivals gebucht werden, planen sie selbst einige Partys. Unter Veranstaltungstiteln wie "Big Kings XXL" oder "Flavour Fiestas" zeigen sie in der Hamburger Neustadt ihre Künste. Dabei hat Jace eine eigene Definition von Realness: "Ich finde, die besten Künstler sind diejenigen, die neue Charaktere erschaffen. Das ist viel unterhaltsamer, als ausschließlich über das zu reden, was einen tatsächlich bewegt. Das nimmt doch den künstlerischen Spielraum." Real zu sein, heißt für Jace nicht, dass man nur über das rappen darf, was man selbst erlebt hat. Stattdessen zählen authentische Freude an der Sache und sich selbst so darzustellen, wie es einem gefällt. Deshalb feiert Jace auch von Anfang an Money Boys Bewegung. Klar, der Typ hat ’ne Meise, aber Jace schätzt schräge Alter Egos im Rap mit dementsprechend schrägen Texten. Und er liebt vor allem Trap-Beats.

Inhaltlich und visuell ist der rote Faden für die Flavour Gang und Jace Humor. Etwa im Video zu "Gib mir was ab", wo man den wohl schönsten Einsatz von Blockflöten in einem Deutschrap-Video seit Anbeginn der Zeiten sieht. Eingebettet in Aufnahmen von den Hamburger Festivals Spektrum und Dockville sieht man immer wieder, wie Skool Boy mit der Flöte vor Tieren in einem Park steht und spielt. "Das Ding haben wir uns gegönnt im Souvenirshop des Hamburger Wildparks ‚Schwarze Berge‘ und sind dann damit rumgerannt." Da muss der sonst sehr konzentriert wirkende Jacob dann auch mal kurz lachen am Telefon.

Das Studium hat er mittlerweile geschmissen, gerade jobbt Jace 20 Stunden die Woche in der Gastro. Aber immerhin: "Ich hab mich weggehustlet von der Wurst." Bis vor ein paar Monaten hat er noch bei Kaufland an der Wursttheke gearbeitet. Bei einem anderen Rapper würde ein derart unglamouröser Job vielleicht Angriffsfläche bieten, aber nicht bei Jace. Wie er in "Wadde Ma" sagt: "Sie komm‘ mit Beef, ist okay alright / Interessiert mich nicht, im Gegenteil / Cadi Escalade, nah / Ich fahre rum im Passat / Kein TÜV mehr am Start / Aber egal, fick mal den Staat." Und falls es doch mal zu Beef kommen sollte, können wir davon ausgehen, dass er auf seine typisch schnoddrig-entspannte Art zurückfeuern wird. Und dass er ausreichend Rückendeckung hat – Casper jedenfalls feiert den Hamburger Haudegen bereits und twitterte vor Kurzem: "Jace is next up." Daran besteht kein Zweifel.

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Noisey präsentiert Jace bei der VICE House Party am 19. Dezember in Hamburg. Hier geht's zum Event.

Noisey präsentiert das Zurück Zuhause Festival mit Casper, Trettmann, Jace u.v.a am 15. und 16. Dezember in Bielefeld:


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