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Interviews

"Damit reißt man deren Weltbild ein" – Über Homosexualität im Metalcore

DESASTERKIDS-Frontmann Andi weiß schon seit Jahren, dass er schwul ist – trotzdem musste er auf Wunsch alter Geschäftspartner seine sexuelle Orientierung verstecken. Damit ist jetzt Schluss.

Susanne Siegert

Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video "Oxygen" von DESASTERKIDS

Einen Monat nach seinem Outing im Freundeskreis und kurz nachdem er seine erste Beziehung mit einem Mann eingegangen ist, erhält Andi einen Anruf von seinem heutigen Bandkollegen Iain: Er wolle ein neues Musik-Projekt starten. Es ist die Geburtsstunde der Berliner Metalcore-Band DESASTERKIDS. Seit über fünf Jahren spielen die Jungs nun zusammen. In dieser Zeit hat Andi seine Homosexualität nie öffentlich thematisiert und vielleicht von nur "drei oder vier Fans in der Szene gehört, dass sie auch schwul sind".

Einer davon ist Felix, 25. Er erzählt mir am Telefon von "ein, zwei körperlichen Attacken" auf Konzerten, absichtliches Beinstellen im Circle Pit zum Beispiel: "Das ist aber eher die Ausnahme. Ich erfülle halt auch ein paar Schwulen-Klischees und manche haben dazu noch Alkohol intus." Beschimpfungen wie "Schwuchtel" treffen ihn dagegen schon lange nicht mehr.

Wie Felix lernte auch Aleksandar DESASTERKIDS-Andi über ein Gespräch nach einer Show kennen. Der 31-Jährige ist im ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen und bis heute nicht bei seiner Familie geoutet. Social-Media-Posts stellt er bewusst auf privat, um seine Eltern nicht vor den Kopf zu stoßen – obwohl er selbst "schon immer" gewusst habe, dass er schwul ist. Er hätte bisher kaum negative Erfahrungen in der Szene gemacht. Das läge vor allem an seinem eher maskulinen Erscheinungsbild: "Ich bin glatzköpfig, habe Tattoos und Piercings, man sieht es mir nicht wirklich an."

Für das Musikvideo des DESASTERKIDS-Songs "Oxygen" outete er sich jetzt jedoch einem großen Publikum. Denn am Ende des Clips küsst er leidenschaftlich einen anderen Mann. "Ich wurde von Andi gefragt und habe sofort zugesagt. Es spricht ein super Thema an, das ich gerne unterstütze." Auf YouTube gibt es dafür mehrheitlich positive und lobende Kommentare. Doch in einem Core-Szene-Forum sind zu der circa sechssekündigen Kuss-Szene Bemerkungen zu lesen wie: "Lol uses gays to push how edgy they are. Ive had enough of this", "First time hearing them, pretty catchy [...] the homo element will probably deter me from returning." und "Yikes those verses are so fucking terrible. Chorus is alright though I guess? Also lol faggots." [sic!]

Über diese Kommentare können sowohl Fan Felix, als auch Video-Darsteller Aleksandar nur lachen. Aleksandar steht 100 Prozent hinter seinem Kuss-Auftritt. "Stell dir vor, du bist homophob und siehst das Video – das wird nichts daran ändern, aber es rüttelt doch an etwas", erklärt er. Noch wichtiger sei aber, was so ein Video für Homosexuelle bedeute: "Wenn nur ein anderer Schwuler denkt: Guck mal, da ist ein bekannter Rockstar, der ist schwul, aber auch erfolgreich geworden mit einer coolen Band – ich kann das auch schaffen."

Andi findet die homophoben Reaktionen auf das Musikvideo seiner Band "total bescheuert". Mit dem Clip kommuniziert auch er einem breiten Publikum erstmal offensiv seine sexuelle Orientierung. Wir haben mit ihm über seine Erfahrungen als homosexueller Frontmann einer Metalcore-Band gesprochen, in einer Szene, die sich immer noch vor allem über Härte und nicht zuletzt Maskulinität definiert.


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Noisey: Zu eurem "Oxygen"-Video gab es einige homophobe Kommentare. Was waren deine Reaktionen, als du die gelesen hast?
Andi Phoenix: Ich denke mir einfach: Krass, in was für einem Umfeld muss diese Person leben, dass sie so eine enge Sicht auf die Welt hat? Wenn ich ein Hetero-Pärchen sehe, das sich küsst, dann rege ich mich auch nicht darüber auf. Das ist einfach Liebe und schön!

Und hast du da das Bedürfnis zu kontern?
Ich habe eine Woche nach dem Musikvideo-Release einen Post dazu verfasst, mit einem Bild, wo ich meinen Freund küsse. Darin habe ich nochmal gesagt, jeder sollte tun und lassen können, was er will, ohne Angst davor zu haben, das zu zeigen.

So ein Video bzw. so eine offene Kommunikation könnte ja den Effekt haben, dass weitere Leute in der Szene den Mut aufbringen, sich zu outen?
Ganz genau, auf jeden Fall. Wir wollen den Leuten, die schwul sind und Metal hören, Mut machen, dass sie sich nicht verstecken sollen. Denn auch in der Schwulenszene sind Leute, die Metal hören, total verpönt. Die Schwulenszene stellt sich den typischen Metal-Fan halt mit langen Haaren und ungepflegt vor, was ja das Gegenteil von dem ist, worauf Schwule stehen. Deshalb sind Metaler da auch eher ruhiger, wenn es darum geht, was sie für Musik hören. Eigentlich hören alle Schwulen ja nur Techno und Pop, das ist ja "typisch". Und in der Metalszene gehören sie auch nicht wirklich dazu, weil sie nicht typisch männlich sind oder "hart" genug. Was total bescheuert ist.

Und hast du im "Real Life" in der Szene schon mal negative Erfahrungen machen müssen, weil du homosexuell bist?
Groß schlechte Erfahrungen habe ich nicht gemacht. Es gab einen kleinen Vorfall. Während einer Show hat einer im Publikum "Homo" zu mir gerufen. Ich weiß gar nicht, wo er das herausgefunden hat oder ob er das überhaupt wusste, dass ich wirklich schwul bin. Das war irgendwie an einem Mittwoch oder Donnerstag und da meinte ich kurzerhand: "Sorry, nur am Wochenende." Also blöde Antwort auf einen blöden Ausruf.

Das Ding ist, man merkt es mir nicht an. Ich rede nicht "so", ich sehe nicht "so" aus, ich laufe nicht "so". Meistens kommen Leute nach Shows zu mir und wollen mit mir über irgendetwas reden und dann sage ich Dinge wie: "Ja, ich bin da und dort mit meinem Freund gewesen." Dann fragen die immer: "Hä, dein FREUND?!" - "Ja, mein Freund. Ich bin schwul." Da machen die immer Riesen-Augen, weil sie es nicht verstehen. Damit reißt man deren Weltbild ein, weil die das einfach nicht kennen, dass es verschiedene Arten von Schwulen gibt. Und gerade in der Metal- oder Metalcore-Szene ist das einfach nicht weit verbreitet.

Sonst habe ich damit eher witzige Erfahrungen gemacht. Es ist schon öfters passiert, dass ich auf Shows von Frauen angemacht wurde und ich freundlich sagen musste: Nein, geht nicht. Auf einem Festival kam ein Mädel zu mir und hat mich gefragt, ob ich vergeben bin. Ich meinte ja und sie hat dann nur gefragt, ob das ein Problem ist. ÄH: JA?! (lacht)

Und bewegt sich dein Freund auch in der Szene oder ist der da eher außen vor?
Nein, überhaupt nicht. Der hört eher Techno und House und kann meine Musik überhaupt nicht hören (lacht). Ich habe ihn inzwischen immerhin soweit konditioniert, dass er zum Beispiel Bring Me The Horizon hören kann. Auch das Sempiternal-Album findet er gut (lacht).

Mit dem offenen Umgang mit deiner Homosexualität bist du in der Core-Szene ja ein ziemlicher Einzelfall. Was könnte einen Musiker dazu veranlassen, seine Homosexualität zu verheimlichen?
Ich habe damals von ehemaligen Geschäftspartnern der Band gesagt bekommen, ich solle das nicht an die große Glocke hängen.

Wirklich!?
Damit ich für weibliche Fans noch ein bisschen interessanter bin. Dann hieß es, ich sollte in einem Musikvideo keinen Mann küssen, was wir eigentlich schon damals unbedingt mal machen wollten. Wir sind jetzt von denen weg, machen alles selbst und haben auch ein neues Management. Deshalb machen wir jetzt, worauf wir Bock haben.

Wie war das für dich, als du dich verstellen musstet?
Es war komisch. Seit ich weiß, dass ich schwul bin – das war so mit 20, 21 – hatte ich nie das Gefühl gehabt, ich müsste mich verstecken. Das war das erste Mal, dass ich dachte: Das kann doch nicht sein, dass ich mich plötzlich verstellen muss!? Wir haben es trotzdem gemacht und versucht, weiterhin die typische Metalcore-Band zu geben. Auch weil wir gedacht haben: Wenn wir das an die große Glocke hängen, "Schau mal, das ist Andi, der schwule Metal-Sänger", dann würden die Leute denken, dass wir versuchen, daraus Profit zu ziehen.

Aber den Vorwurf, ihr würdet das nur aus Promo machen, habt ihr doch bestimmt auch schon gehört.
Ja, da denke ich mir aber: Das ist meine Kunst, das bin ich – warum soll ich das nicht zeigen? Wenn ich im Regenbogen-Kostüm auf die Bühne kommen würde, dann wäre das schon krass, dann wäre ich wie der "Rainbow Preacher" (lacht). Trotzdem würde ich demnächst gerne auf der Bühne zwischen den Songs mal Ansagen darüber machen, um denen nochmal die Message klarer zu zeigen. Steht offen und wahr zu euren Gefühlen und kämpft dafür, das auszuleben. Es kommt doch darauf an, was wir gerne hören und nicht darauf, wie wir aussehen und wen wir lieben!

Das neue DESASTERKIDS-Album Superhuman erscheint am 03. August. Hier könnt ihr es vorbestellen.

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