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B-Kenntnisse mit Bela B: „Wer ist dieses Internet?“

Als Bela B das erste Mal auf Platz eins der Charts stand, gab es das verdammte Internet noch gar nicht. Inzwischen wird er am laufenden Band den wichtigsten Bloggerinnen der Stadt vorgestellt.

Bela B. Felsenheimer bedarf keiner Vorstellung. Deswegen fangen wir jetzt auch nicht an zu erzählen, wie er vor ewigen Zeiten mit seinem Freund Jan Vetter a.k.a. Farin Urlaub in Spandau die beste Band der Welt gründete. Man muss auch wirklich nicht erwähnen, was für Erfolge der Sänger und Drummer seitdem mit seiner Musik feiern konnte. Auch darauf hinzuweisen, dass er inzwischen ebenfalls als Solo-Künstler die Hallen der Republik füllt klemmen wir uns.

Wir berichten lieber voller Stolz, dass Bela B. ab heute einmal im Monat eine eigene Interviewkolumne bei Noisey füllt. Und hier ist der erste Teil, Bela und die Blogger.

Hey Bela, kannst du dich noch daran erinnern, wann und wie du dich das erste Mal bewusst mit dem Internet auseinandergesetzt hast?
Bela B: Meine erste Berührung mit dem Internet war aus heutiger Sicht eher peinlich (lacht). Mitte der 90er war das. Da hatten wir zum Release von Planet Punk Interview-Termine in München. Da kam jemand für ein Face-to-Face-Interview und hat ein Aufnahmegerät vor uns hingestellt. In dem Moment dachte ich, „Okay, ich sag einfach mal, was ich will, mal sehen, was der schreiben kann“. Ich hab’ dann ziemlich brachial rumgeflucht und diverse ‚four letter words’ benutzt, schon recht heftig. Unser Manager bekam fast einen Herzinfarkt. Das Interview war mit einem Magazin namens „Online“. Dachte ich. Die müssen das eh redigieren, so ungefiltert geht das nicht raus. Dachte ich. Mein Manager war verblüfft ob meiner Ahnungslosigkeit. Das geht als Soundfile so ins Netz. Und ich meinte dann „Wer ist dieses Internet, von dem man überall in den Zeitungen liest?“ (lacht). Ich hatte keinen Schimmer, ich kannte den Ausdruck ‚online‘ bis zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Hast du dir das Interview im Netz später noch mal angehört?
Nee, ich war noch nicht im Netz. Ich weiß gar nicht, wie viele User es damals deutschlandweit gab. Auf jeden Fall war es noch keine Million. Ich meine, dass die Zahl noch unter 100.000 lag. Damals hat zwar jeder was über das Internet gelesen, aber nur in Zeitungen aus Papier. Ich hatte da grad mal einen Rechner als bessere Schreibmaschine. Ich hab da noch gefaxt, Mann.

Mittlerweile ist es andersrum: Die Leute nutzen das Internet, die Zeitung verschwindet mehr oder weniger.
Das ist eine wirklich unangenehme Geschichte. Das Internet verdrängt nicht nur die Zeitung, es verdrängt auch den Journalismus. Bei 50 Prozent der Interviews, die ich gebe, merke ich schnell, dass die Leute sich ihre Infos bei Wikipedia geholt haben. Auf meiner Wikipedia-Seite sind ein paar Fehler drin, ich habe mir aber nie die Mühe gemacht, die zu korrigieren. Ich habe das ja auch nicht erstellt. Anhand dieser Fehler kann ich gut sehen, welcher Journalist seine Informationen ausschließlich von Wikipedia und wer sich ein bisschen mehr Mühe gegeben hat.

Du merkst also durchaus, dass der Journalismus sich durch das Internet und die damit viel geringere Hürde, über Leute wie dich zu schreiben, verändert hat?
Definitiv. Wenn das auf halbwegs seriösen Seiten, wie Wikipedia, geschieht, wird da aus Phantasie oder Hörensagen schnell eine Tatsache. Manche Journalisten holen sich ihre Informationen sogar in Fan-Foren und geben dann den tollsten Gerüchten ihre Wichtigkeit. Dann gibt es Blogger, die gar nicht recherchieren, sondern einfach über alles schreiben, was ihnen so einfällt. Über die Welt, über sich … Im besten Falle entwickeln sie sich zu Koryphäen in einer bestimmten Sparte wie Mode oder Film. Da hat jeder was zu sagen, und man kann gewagte Behauptungen aufstellen. Je gewagter und angriffslustiger, desto prominenter der Blogger. 1994 hab ich nicht mal gewusst, was ‚online’ ist und jetzt wird mir auf Vernissagen oder Konzerten die wichtigste Bloggerin der Stadt vorgestellt. Das ist schon unfassbar, was das Internet an Realitäten so hervorbringt.

Blogger, die als Stars gehandelt werden und sich natürlich selber auch als Stars sehen und inszenieren. Wie geht man mit solchen Menschen um und wie nimmst du sie wahr, wenn du sie triffst oder treffen musst?
Ich hab da eine zwiespältige Meinung. Wenn man diese Grundidee von Andy Warhol nimmt, „Jeder Mensch ist ein Star “, dann hat jeder Mensch die Aufgabe, geradezu die Pflicht, mit seinem Talent die Welt zu bereichern und sei es noch so klein. Das finde ich gut, wenn Leute das Internet so nutzen. Es gibt einen Mann, den ich sehr schätze, Christian Kessler, der früher für Film-Magazine geschrieben hat und der eine wahnsinnige literarische Begabung hat. Irgendwann hat er eine Homepage mit seinen Texten eröffnet und schreibt und schreibt. Das war das erste Blogger-ähnliche Ding, das ich verfolgt habe. So was ist natürlich gut. Aber es gibt genug Leute, die ziehen nach Berlin und fangen dann mit ihrem Berlin-Blog an. Meistens ist das dann eher ein öffentliches Tagebuch, nach zwei Jahren aber sind das dann Szene-Kenner und ihr Blog ist trendsetzend, oder was?! Die Macht des Bloggers wird ja dadurch bestimmt, wie er von außen wahrgenommen wird. Wenn ich auf einer Ausstellung der wichtigsten Bloggerin der Stadt vorgestellt werde, ist sie für mich dann schon automatisch eine Prominente mit eigenem Publikum, deren positive Meinung über mich mir vielleicht mal nützlich sein kann? Oder ist das nur 'ne sympathische Tagebuchschreiberin, mit einer Meinung von vielen? Grundsätzlich ist beides nicht negativ, es gibt einfach nur viel zu viele davon (lacht).

Ich habe auch das Gefühl, dass viele Leute zwar ein Mitteilungsbedürfnis, aber eigentlich gar keinen Inhalt haben.
Das ist richtig. Ich bin jetzt selber auch bei der Vorab-Tour zu meinem neuen Album unter die Blogger gegangen. Aus dem Tourbus der DIE ÄRZTE hieß es noch Live-Tagebuch und heute eben Blog. Ich habe über die Sachen abseits der Bühne geschrieben. Wie wir die Shows fanden, was für Musik wir im Tourbus hören, was für Socken ich trage, sowas eben. Ich weiß aber natürlich auch, für wen ich schreibe, dass es genügend Leute gibt, die sich bis zum Konzert die Zeit totschlagen oder sich vor oder nach dem Konzert noch mal mit mir beschäftigen wollen. Ich kenne also meine Klientel. Das tun viele Blogger nicht. Ein Mitteilungsbedürfnis haben wir sicher alle. Beim Talent zu schreiben sieht es schon anders aus und Geschmack haben wir dann erst recht nicht alle. Ich denke, dass sich die Spreu vom Weizen da schnell trennen müsste, wenn nicht immer mehr Blogger auftauchen würden. Wo kommen die alle her? Auf jeden schlechten Blogger, der enttarnt wird, kommen noch zehn schlechtere (lacht).

Das stimmt, scheint aber nicht so ein großes Problem für die Blogger selbst zu sein. Je unkritischer und belangloser sie sind, desto mehr Unternehmen und Brands wollen mit ihnen zusammenarbeiten und statten sie zur Belohnung auch noch aus, oder bezahlen sie sogar direkt.
Ach, der Kapitalismus! Der Blogger macht sich zur Marionette von irgendeinem Brand, die Marke wiederum verhilft ihnen zum Ruhm. Das war bei MTV so, das ist im Netz noch schlimmer, nur im Netz sehen es mehr Menschen, haha.

Du hast wahrscheinlich wenig Zeit, die du im Internet totschlagen könntest. Nutzt du denn Social Media wie Facebook, Twitter oder Instagram?
Na ja, ich finde, dass soziale Medien ein wahnsinniger Zeitfresser sind. Die Foren auf unseren eigenen Fanseiten sind letztendlich auch nichts anderes. Da veröffentlichen Leute teilweise tausende von Einträge wie „Ich komm grad aus der Schule“ oder „Ich komm grad von der Arbeit“ oder „Jetzt geh ich schwimmen“, „Noch zwei Tage und dann fahren wir nach Sylt“, vor einer breiten Öffentlichkeit, die sie gar nicht kennen. Ich selbst nutze soziale Medien, um mit meinen Fans zu kommunizieren und lasse dezidiert raus, was ich für vertretbar halte. Ich hab da immer diesen Entertainment-Gedanken, poste Fotos von meinen Socken … Unser Manager hat mal gesagt, die Folgen von Facebook werden die Therapeuten dieser Welt noch jahrzehntelang beschäftigen. Ich denke, da hat er Recht. Gegen Einsamkeit helfen die sozialen Netzwerke nur für kurze Zeit. Aber ich will natürlich nicht die positive Rolle verschweigen, den diese Dienste als Werkzeug in einer demokratischen Gesellschaft spielen. Staatliche Willkür ist erheblich schwerer zu verschleiern, wenn die Drangsalierten gerade online sind. Ob nun arabische Revolution, Hamburger Gefahrengebiete oder Korruption in der türkischen Regierung. Ohne diese medialen Möglichkeiten wüssten wir vielleicht gar nichts über Pussy-Riot?!

Liest du dir durch, was die Menschen auf deiner Seite kommentieren?
Ja, ich guck mir das an, kommentiere aber nichts. Früher haben wir Fan-Mail im Internet beantwortet, das ging aber irgendwann einfach nicht mehr. Auf der Fahrt von Konzert zu Konzert, im W-LAN ausgestatteten Tourbus, 100, 200 Mails zu beantworten, schlauchte irgendwann so dermaßen und man kann es nicht jedem Recht machen. Instagram, Twitter, ich hab da überall Accounts, aber ehrlich gesagt benutze ich das mehr als Informationsweitergabe denn als Quelle für mich. Neulich hab ich mich aus Interesse beim Quizduell angemeldet. Ich hatte seltsamerweise erst in der Zeitung davon gelesen. Jedenfalls melde ich mich dort an, spiele ein bisschen, lote die Möglichkeiten aus und bekomme plötzlich eine Nachricht, dass ein Mitspieler mit mir Kontakt aufnehmen möchte. Nach nichtssagendem Chat-Geplänkel läuft’s plötzlich total in so 'ne Sexrichtung. Ich hab das einer Freundin erzählt, die meinte das wäre völlig normal, in jedem Chatroom hast du immer gleich irgendeinen Perversen an den Hacken. Das ist nun mal so. Da fühlte ich mich gleich wieder wie 1994, nach meinem Interview für „Online“.

Bela Bs neues Album Bye erscheint am 4. April, bestellt es bei Amazon oder iTunes vor.

Bela B auf Tour:
5.5. Bielefeld, Ringlokschuppen
6.5. Magdeburg, Altes Theater
7.5. Rostock, Moya
9.5. Berlin, Heimathafen
10.5. Berlin, Heimathafen
11.5. Leipzig, Haus Auensee
12.5. Dresden, Alter Schlachthof
14.5. Erlangen, E-Werk
15.5. München, Freiheiz
16.5. A-Linz, Posthof
18.5. A-Wien, Arena
20.5. Stuttgart, LKA Longhorn
21.5. Karlsruhe, Substage
22.5. Hannover, Capitol
23.5. Hamburg, St. Pauli Theater
25.5. Hamburg, Fabrik
26.5. Offenbach, Capitol
27.5. Oberhausen, Ebertbad
Mi. 28.5. Oberhausen, Ebertbad
30.5. Köln, Gloria
31.5. Köln, Gloria

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