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Lostprophets, Pantera, Chris Brown … —dürfen wir Musik von schlechten Menschen hören?

Kann man seinem Lieblingsmusiker treu bleiben, auch wenn er eigentlich Unverzeihliches getan hat? Wir haben die DJs Eskei83, el mano und Jan Schwarzkamp gefragt. Und fragen Euch.

2004 war ein gutes Jahr für Emo in all seinen punkigen, metalcorigen oder poppigen Facetten. Taking Back Sunday, Underoath, Rise Against, Green Day, My Chemical Romance und Jimmy Eat World, sie alle veröffentlichten in diesem Jahr genau die Alben, die jeden schwarzhaarigen Teenager fröhlich weinen ließen. Und dann gab es da noch Start Something von den Lostprophets. Du kamst zu dieser Zeit einfach nicht an dieser Band vorbei, zu oft wurden „Last Train Home“ und „Last Summer“ im Musikfernsehen gespielt und irgendwie mochtest du diese melancholischen und gleichzeitig auch so energetischen Songs. Doch egal, wie nostalgisch du auch manchmal warst, seit 2014 hast du die einst so geliebten Lostprophets nicht mehr gehört. Du weißt schon, das Jahr, als rauskam, dass Sänger Ian Watkins vorhatte, ein Baby sexuell zu missbrauchen und auch sonst unbeschreiblich widerliche pädophile Verbrechen begangen hatte.

Wobei das manchen Fans komplett egal zu sein scheint. Auf Amazon gibt beispielsweise User Christine fünf Sterne und schreibt: „Auch wenn Ian Watkins unverzeihliche Grenzen überschritten hat, ist und bleibt dieses Album ein Meisterwerk. Ich liebe es und kann es immer und immer wieder hören.“ Erstaunlich, dass sie die Stimme von Watkins ertragen und seine Taten ausblenden kann. Immerhin ist es nicht etwa der stumme Bassist, sondern der verfluchte Sänger, der da Zeilen wie „She told me that it's all part of the choices that you make / Even when you think you're right / You have to give to take“ singt. Und das vor dem Hintergrund, dass er zusammen mit viel zu jungen Müttern ihre Kinder missbraucht hat. Schwer, da nicht angewidert auszuschalten—eigentlich.

Ab wann müsste man eigentlich aufhören, bestimmte Musiker und Bands zu hören? Wenn jemand auf der Bühne einen Hitlergruß macht und dazu „White Power“ brüllt, wie im Falle Phil Anselmo von Pantera und Down? Wenn er krude Thesen äußert und sich für mehr Waffen in den USA stark macht wie Jesse Hughes von den Eagles Of Death Metal? Oder wenn er Rihanna geschlagen hat wie Chris Brown? Eine Entscheidung, die für DJs bedeutend schwerer ist, müssen sie doch zwischen persönlicher Moral und Bespaßung abwägen.

Wir haben DJs aus verschiedenen Musikgenres gefragt, ob es denn bestimmte Künstler gibt, die auf der schwarzen Liste ihres Sets gelandet sind und bei wem sie nochmal ein Auge zudrücken. Jan Schwarzkamp etwa hat letztens bei einem Set Downs „Lifer“ und „Walk“ von Pantera gespielt, doch die Stimme von Anselmo erinnerte ihn daran, was der Typ eigentlich gemacht hatte: „Ich hasse Anselmo dafür, dass er mir diese, für mich und meine DJ-Sets so essentiellen Songs mit so einer Scheiße madig macht. Was für ein unsagbarer Depp.“

Jan ist Redakteur bei VISIONS und seit 15 Jahren vornehmlich als Rock-DJ unterwegs. So sehr er auch ein Album von Lostprophets mochte, aufgelegt hat er sie nie—und nach 2013 auch alle Platten entsorgt. Watkins Tat war derart schlimm, dass er sich fragt, wie irgendjemand noch deren Musik hören kann. Doch auch andere Bands spielt er nicht—zum Beispiel die Böhsen Onkelz. Auch wenn es schon gewünscht wurde, hat er nie diesen „Bodensatz deutscher Rockmusik“ durch die Boxen gejagt, sondern dem Onkelz-Fan die Bitte abgeschlagen und ihn weggeschickt—für ihn und seinen „beschissenen Geschmack“ sei kein Platz: „Und mag es auch keine politische Entscheidung sein, die Onkelz zu hören, so ist es doch eine, die Onkelz nicht zu hören.“ Weniger hart geht er mit den Eagles Of Death Metal ins Gericht, doch auch hier hat er keine Lust mehr, sie zu spielen. Immerhin nutzte deren Sänger Jesse Hughes den (sicher auch für ihn) traumatisierenden Bataclan-Anschlag, um für mehr Waffen zu werben und „reaktionären Müll“ von sich zu geben. Selbst The Gaslight Anthem kann er nicht mehr ernstnehmen, nachdem sich Sänger Brian Fallon im VISIONS-Interview als überzeugter Kreationist (er glaubt an die Schöpfungsgeschichte der Bibel) zu erkennen gab. Wissenschaftliche Fakten mit Bibelzitaten wegdiskutieren? Für Schwarzkamp der blanke Hohn.

Sein Rock-DJ-Kollege el mano sieht Vieles ähnlich. Um die Lostprophets sei es schade, aber die Tat einfach zu widerlich, um sie je wieder zu spielen. Pantera spielt er sowieso nicht mehr, da er wenn, dann nur modernen Metal spielt. Die Böhsen Onkelz waren nie auf der Playlist, erst recht nach dem Autounfall, verursacht durch Sänger Kevin Russell, infolgedessen zwei Menschen für immer entstellt wurden. Bei Frei.Wild ist el mano dagegen unschlüssig: „Sind die rechts? Sind sie es nicht? Ist egal, weil die Musik der letzte Müll ist!“ Eine andere Geschichte sind da As I Lay Dying. Deren Sänger Tim Lambesis wurde 2014 zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er einen Killer beauftragt hatte, seine Frau zu töten. Und trotzdem spielt sie el mano noch—obwohl ihm bewusst ist, dass er in diesem Fall mit zweierlei Maß misst.

Doch nicht nur die gitarrenlastige Musik hat mit solchen mitunter schweren Grenzfällen zu kämpfen. Auch im HipHop wird wild diskutiert, ob man bestimmten Künstlern noch Platz auf dem Dancefloor bieten sollte. So spielt Eskei83 keine Tracks mehr von KRS One oder Afrika Bambaataa. Der Grund: Erst im April wurde Bambaataa des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt. Er wies die Vorwürfe von sich, trotzdem distanzierte sich die von ihm gegründete HipHop-Institution Zulu Nation von ihm. KRS One wiederum steht nach wie vor zu ihm, meint sogar, dass jeder, der gegen Bambaataa ist, aufhören sollte, HipHop zu hören. Irgendwann reichte es Eskei83 mit KRS: „Der Typ hat sich einfach zu viel erlaubt in den letzten Wochen und seinen Verstand verloren.“

Und wie ist das im Falle von Vybz Kartel? Der sitzt schließlich lebenslänglich wegen Mordes im Knast. Trotzdem spielt ihn Eskei83 noch auf Dancehall-Partys—sehr zur Freude der Feiernden. Wenn er allerdings für BBC1xtra Mixe macht, sind die Songs vom umstrittenen Jamaikaner „explizit untersagt“. Auch Chris Brown spielt er noch, etwa durch den Kanye-Track „Waves“.

Wie geht man also mit Musikern um, die sich mit ihren Taten oder Aussagen eigentlich schon selbst vom Player gelöscht haben? Im Privaten kann jeder für sich selbst entscheiden, wo er die Grenze zwischen bloßer Musik und der Persönlichkeit des Künstlers zieht und sich noch beim Kopfnicken wohlfühlen kann. Vielleicht wusste man ja auch von nix oder es ist einem egal (klappt im Falle Burzum bei vielen ja erstaunlich gut). Was aber, wenn man das Smartphone an Boxen anschließt, um eine Party fröhlich mit Lostprophets zu befeuern? Wird da der bloße Akt des Musikabspielens schon zum Statement? Oder doch nur zu sich selbst bloßstellender Dummheit? Immerhin nimmt man als Sympathisant eines Verurteilten automatisch einen Teil seiner moralischen Schuld auf sich.

Nicht ohne Grund werden in alternativen Jugenzentren Plenen darüber abgehalten, ob nun diese oder jene Band wirklich gebucht werden sollte, schließlich war da ja vielleicht mal was mit einem sexisitschen Facebookpost vor drei Jahren. Das Märchen der unpolitischen und damit unantastbaren Musik hat sich eben spätestens dann auserzählt, wenn das Internet vor Empörung aufschreit—und seinen Protest auf alle ausweitet, die den Musikern trotz allem die Treue halten. Die Grenzen sind oft willkürlich, unterscheiden sich von Vergehen zu Vergehen, von Publikum zu Publikum. Wie man da noch im Club unbeschwert zu Musik tanzen kann? Auf die Kompetenz des DJs vertrauen. Oder die Party verlassen.