Foto Mille: imago | CTK Photos || Foto Nergal: imago | STAR-MEDIA

"Jemand hat unseren Van beschossen" – Heftige Tour-Anekdoten von Behemoth & Kreator

Wenn sich Death-Metaler Nergal und Thrash-Metaler Mille Petrozza gegenseitig Geschichten erzählen, geht es um Drogen, russische Gefängnisse und Einschusslöcher.

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30 Oktober 2018, 12:22pm

Foto Mille: imago | CTK Photos || Foto Nergal: imago | STAR-MEDIA

"Wir werden festgenommen, werden mitten in der Nacht in einen alten Bus irgendwohin transportiert. Ich bekomme Panik.", erzählt Nergal ruhig, während Mille ihm konzentriert zuhört und ab und zu ein ungläubiges "Was?" einwirft.

Nergal heißt bürgerlich Adam Nergal Darski und ist seit Bandgründung 1991 Frontmann der Blackened-Death-Metaler Behemoth. Durch ihre antichristliche Haltung stießen sie in ihrer streng katholischen Heimat Polen schon öfters auf Ablehnung. Trotzdem ist Nergal dort sowas wie ein Popstar – er war sogar schon Juror bei The Voice of Poland und auf dem Cover der polnischen Gala.

Und Mille? Miland fucking Petrozza ist seit 1982 Frontmann der deutschen Thrash-Metaler Kreator. Deren Album Pleasure To Kill von 1986 zählt zu den Einflüssen unzähliger Black -und Death-Metal-Bands. Kein Wunder also, dass auch Nergal Fan ist und schon als Teenie Kreator hörte.

Vor dem Release des aktuellen Behemoth-Albums I Loved You At Your Darkest war Nergal in Berlin. Da Mille auch in der Stadt war, haben wir die beiden im Büro ihrer Promoter getroffen.

Es ist schon ein Glück, mit Nergal und Mille am selben Tisch zu sitzen. Noch besser ist nur, wenn sie sich gegenseitig Geschichten erzählen. Man könnte sich nun entspannt zurücklehnen – wenn es einen nicht unweigerlich immer mehr an die Stuhlkante ziehen würde. Denn was Nergal auf den Tisch packt, ist einfach zu spannend.

Noisey: Wenn ihr "verrückte Tour-Geschichten" hört, welche Story habt ihr da sofort im Kopf?
Nergal: Fang du an und ich versuche dann, dich zu toppen.
Mille: (lacht) Meine ist vor vielen Jahren passiert ...

Milles erstes Mal MDMA

Mille: 2004 nehmen wir mit dem Produzenten Andy Sneaps Enemy of God auf. Andys Freund lädt uns an einem aufnahmefreien Tag zu einem Telekom-Event ein, wo Status Quo spielen. Es gibt da auch einen Achterbahnpark. Ich nehme eigentlich keine Drogen mehr, aber Andy hat MDMA dabei. Das sieht total harmlos aus, du lutschst es einfach vom Finger. Also mache ich das und habe echt viel Spaß. Auf einmal ist alles so nett und voller Liebe. Ich bin enthusiastisch, jeder ist mein Freund.

Das ist großartig. Aber weißt du, was passiert, wenn du MDMA genommen hast? Am nächsten Tag fühlst du dich wie Scheiße, hast keine Emotionen mehr übrig. Andy und ich sind zwar nicht depressiv oder so, aber traurig. Eben ein MDMA-Kater.

So jetzt bin ich aber auf deine Geschichte gespannt!


Nergals Nacht im russischen Gefängnis und warum McDonald's Müll ist

Nergal: Vor vier Jahren sind wir auf unserer letzten Russland-Tour. Als erstes spielen wir in Murmansk, laut Dostojewski die hässlichste Stadt der Welt. Während wir auftreten, kommen Polizisten zur Venue. Sobald wir die Bühne verlassen, müssen wir noch verdreckt und verschwitzt zur Polizei. Fingerabdrücke, Befragungen, es wird 2 Uhr, 3 Uhr morgens. Wir wollen doch nur vor ein paar Hundert Leuten Konzerte spielen.

Anscheinend fehlen uns also die richtigen Visa. Wir haben unsere von der russischen Botschaft in Warschau bekommen. Aber in Russland sagen sie uns, dass wir andere bräuchten. Wir bezahlen also ein kleines Bußgeld, sie warnen uns noch, dass wir auch in anderen Städten Probleme bekommen könnten, aber wir touren weiter.

In Jekaterinburg ist die Kacke dann richtig am Dampfen. Vor der Show betritt ein Ex-KGB-Mann – wie auch immer die heutzutage heißen – den Raum, zusammen mit zehn bis 15 Beamten. Sie prüfen unsere Pässe und nehmen uns mit aufs Polizeirevier. Warum? Weil wir die falschen Visa haben. Wir bräuchten angeblich Visa, von denen weder in Warschau noch in Murmansk die Rede war. All ihre Regeln widersprechen sich, damit sie mit dir machen können, was sie wollen.

Wir werden festgenommen, werden mitten in der Nacht in einem alten Bus irgendwohin transportiert. Ich bekomme Panik. Wir wissen nicht, was passieren wird, müssen unsere Pässe abgeben, ich habe nur noch mein Handy.

Ich schreibe Journalisten und meinen Freunden in Polen, was gerade abgeht und bitte sie um Hilfe. Kurz danach meldet sich die polnische Botschaft in Moskau – bis die Beamten uns auch die Handys wegnehmen und uns in Zellen stecken.

Sie sagen, dass wir die Nacht im Gefängnis verbringen müssen und am nächsten Morgen vor Gericht geladen werden: "Dann sehen wir, was mit euch passiert."

Wir werden zu acht in zwei Zellen aufgeteilt, die ungefähr vier Quadratmeter groß sind. Es ist kalt, es gibt nur zwei Matratzen. Die sind aber dreckig und nass, als hätte jemand darauf gekackt und geblutet. Sie werfen uns zwei saubere Laken rein, damit wir das alles notdürftig bedecken können. Wir kauern uns zusammen, um wenigstens Körperwärme zu teilen.

Seit dem frühen Nachmittag haben wir nichts gegessen. Inzwischen ist es gegen zwei Uhr nachts. Unser Promoter gibt uns eine Tüte von McDonald's, die er noch bei sich hat: ein paar Hamburger und Pommes.

Ich bin so hungrig, dass ich eine Ratte essen könnte. Es ist das letzte Mal, dass ich Junkfood essen werde. Ich nehme einen Bissen vom Hamburger und spucke ihn direkt wieder aus. Er schmeckt wie Karton.

Ich probiere auch die Pommes, aber da ist es das Gleiche. Ich kann es einfach nicht essen. Die Lektion, die ich daraus lerne: McDonald's ist nur gut – wenn überhaupt –, wenn es frisch ist. Nach zehn Minuten verwandelt es sich in Plastik oder so.


Noisey-Video – "Noisey Meets: Colin van Eckhout"


Die Zellen sind offen, es gibt also keine geschlossenen Wände. Neben uns ist dieser Wahnsinnige, der ist betrunken oder verrückt, was weiß ich. Alle 15 bis 20 Minuten schlägt er gegen die Gitterstäbe und schreit ewig nach dem Wärter, bis er wieder erschöpft zurückfällt. Immer und immer wieder, die ganze Nacht. Der Wärter hört ihn, ignoriert ihn aber komplett.

Es ist unmöglich, zu schlafen. Bis 9 Uhr morgens sind wir auf Standby. Dann führen sie uns in einen Raum. Ein Richter kommt, ein paar Leute sind da, alles ist surreal. Sie lassen uns frei, wir müssen aber sofort das Land verlassen und dürfen die nächsten fünf Jahre nicht wiederkommen.

Mille: Das ist so traurig zu hören. Ich habe mich in Russland bisher immer willkommen gefühlt. Wir haben nur gute Erfahrungen gemacht. Aber das ist echt so eine Sache. Auf der einen Seite hast du in Russland die Regierung und auf der anderen die Leute. Die Menschen da sind die nettesten überhaupt, aber die Regierung kann so hart sein.
Nergal: Da stimme ich dir zu.

Nergals durchlöcherter Van in Texas

Nergal: Folgendes passierte während einer unserer ersten Touren in den USA. Wir, Nile und The Black Dahlia Murder sind als Support von King Diamond unterwegs. In den fünf Wochen können wir uns etwa viermal zusammen ein Hotel leisten, die restlichen Nächte schlafen mehrere von uns im Van. Ziemlich Punkrock, aber gut.

Normalerweise schlafen dann drei Leute im Van, die anderen beiden teilen sich ein Zimmer. Das einzige Mal, wo wirklich niemand im Bus schläft, ist während eines Tourstopps in Texas.

Morgens klopft es an der Tür: Da steht ein Polizist. Er redet mit mir, aber ich wache gerade erst auf und verstehe nichts. Also laufe ich auf den Balkon, von wo aus ich den Van sehen kann Auf einmal verstehe ich, was der Beamte von mir will.

In der Nacht hat jemand unseren Van beschossen. Niemand hat irgendwelche Schüsse gehört, also haben sie wahrscheinlich Schalldämpfer benutzt. Das Glas ist zersplittert, überall sind Einschusslöcher – genau da, wo wir immer sitzen und normalerweise auch geschlafen hätten. Hätten wir das diese Nacht getan, wären wir verletzt worden oder sogar gestorben.

Ich habe zu Hause immer noch eine CD-Box mit Einschusslöchern, die damals im Wagen lag.

Mille: Mann ...

Noisey präsentiert: Kreator auf Tour 2018 /w Dimmu Borgir & Hatebreed

01.12. – Hamburg, Sporthalle
02.12. – Frankfurt, Jahrhunderthalle
07.12. – Munich, Zenith
10.12. – Zurich, Halle 622
12.12. – Vienna, Gasometer
14.12. – Leipzig, Haus Auensee
15.12. – Dusseldorf, Mitsubishi Electric Halle

Noisey präsentiert: Behemoth auf Tour 2019 /w At The Gates & Wolves In The Throne Room

10.01. - Frankfurt, Germany - Batschkapp
11.01. - Munich, Germany - Tonhalle
13.01. - Vienna, Austria - Arena
15.01. - Zurich, Switzerland - Komplex 457
23.01.- Oberhausen, Germany - Turbinenhalle
24.01. - Berlin, Germany - Huxleys

01.02. - Hamburg, Germany - Große Freiheit 36

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