Ein Liebesbrief an ...

Ein Liebesbrief von den Donots an den Punkrock

"… durchzudrehen wie ein Thermomix auf Crack und sich solange sein Plektrum durch die Kimme zu ziehen, bis ein Finger breit Scheiße drauf war." – Ingo von den Donots mit zarten Worten an seine große Liebe.

Ingo Donots

Foto: Dennis Dirksen

Sagen wir, wie es ist: Im Internet überwiegt der Hass. Ein Blick in die Kommentarfelder von YouTube oder Facebook reicht da meist schon, um den Glauben an das Gute auf dieser Welt täglich aufs Neue zu verlieren. Das ist doch scheiße. Also konzentrieren wir uns lieber auf die schönen Seiten im Leben, die absolut wunderbaren Dinge, die unseren Alltag bereichern, uns zum Lächeln bringen. Dinge, die wir verdammt nochmal lieben.

Da vor allem Musiker und Musikerinnen online oft die volle Wucht der Missgunst zu spüren bekommen, geben wir ihnen hier die Möglichkeit, dem Hassklima mit einer großen Ladung reiner Liebe die Stirn zu bieten. Wir geben ihnen einen komplett freien Raum, in welchem sie ihre Liebe zu einer Person, einer Sache, einem Gefühl, einem Was-auch-immer in selbst gewählte Worte fassen können.

Heute schreibt Ingo, Sänger der Donots, an den alten Herrn (oder Frau) Punk. Wird auch mal Zeit, immerhin kennt man sich schon richtig lange, da kann man schon mal kurz innehalten und sich ein paar ruhige Stunden im Kämmerlein nehmen, um mit gespitzter Pfauenfeder seine Liebe in Worte zu fassen. Viel Spaß.

PS: Das neue Donots-Album Lauter Als Bomben erscheint am 12.01.2018 über Solitary Man Records und kann über donots.com vorbestellt werden.

"Weißt Du was, Punk?

Wir beide kennen uns jetzt schon fast 30 Jahre und mir ist gerade aufgefallen, dass ich noch niemals offiziell und mit gezogenem Hut DANKE gesagt habe. Du weißt schon: Für die gemeinsame, intensive Zeit. Für den Großteil meiner Plattensammlung, die niemals langweilig wird. Für das Gefühl, dass sich Frage- und Rufzeichen genau wie ein entschlossenes Nein und ein positives Ja gleichermaßen lohnen und dass es Sinn macht, für eine gute Sache auf- und einzustehen. Für die Erziehung neben der Erziehung. Für das Große im Kleinen und für das Wissen, dass Songs wahrscheinlich nicht die Welt verändern, aber definitiv dabei helfen können.

Es ist immer wieder schön, sich vor Augen (und Ohren) zu führen, dass Du kaum etwas musst, fast alles darfst, dabei eine Menge willst und vor allem so unendlich viel kannst. Aber der Reihe nach:

NIX MÜSSEN

Als wir DONOTS in den frühen Neunzigern angefangen haben als eine Schülerband, die Covers von den Pistols, Bad Religion, The Clash oder Nirvana durch den Dilettanten-Shredder gedreht hat, war das trotzdem (oder vielleicht auch gerade deswegen) irgendwie in Ordnung. Punkrock war immer schon sowas ähnliches wie Malen nach Zahlen mit Haltung, selbst wenn wir zugegebenermaßen damals eher gekrickelt und dabei neben den Tisch gespuckt haben. Wir waren einfach umgehauen davon, dass man sein Instrument nicht mal wirklich beherrschen musste und es am Ende sogar ganz geil war, wenn möglichst viele Feedbacks, nörgeliges Singen und charmant gestolperte Breaks einen eigentlich klassischen Pop-Song auf gute Art und Weise zerstören konnten. Unser eigenes Songwriting war in Retrospektive betrachtet absolut fürchterlich, aber wir hatten im Jugendzentrum Scheune in Ibbenbüren stets die Möglichkeit aufzutreten, und es waren immer Kids da, denen unser Krach gefallen hat. Die meisten Bands der Ibbenbürener Szene waren spielerisch um einiges versierter, hatten besseres Equipment am Start und sowas wie einen Masterplan. Wir hatten einfach nur einen Heidenspaß, haben uns weit ins Publikum und in grüne Flaschen reingelehnt und unsere Fehler mit breitem Grinsen und Schulterzucken als Attitüde getarnt. Punk musste und muss halt nix.

FAST ALLES DÜRFEN

Mitte der Neunziger haben wir dann eine der wichtigsten Live-Lektionen in Sachen Punkrock lernen können – bei einer Show als Support der Dwarves. An jenem Abend waren wir eine von zwei Vorbands mit je 45 Minuten Spielzeit, bevor die Headliner auf die Bühne gingen. Beide Opener haben artig gesoundcheckt und sich peinlich genau an die Auftrittszeiten gehalten. Der Dwarves-Gitarrist He Who Cannot Be Named hatte nachmittags derweil sehr sympathisch und fast schon nerdig wie Willy Tanner von Alf in einem Strickpulli Backstage gesessen und ein Buch gelesen, um dann abends komplett nackt mit Wrestlingmaske auf die Bühne zu gehen, durchzudrehen wie ein Thermomix auf Crack und sich solange sein Plektrum durch die Kimme zu ziehen, bis ein Finger breit Scheiße drauf war. Das wurde dann artig ins Publikum geschmissen und eine Horde Teen-Punks hat sich drum gekloppt, während Blag Dahlia mit abgesägten Handschuhen das Restpublikum anpöbelnd vor der Bühne stand und mit Augenzwinkern den G.G. Allin gegeben hat. Ansagen gab es quasi keine, stattdessen "nothing but hits, bitch, nothing but hits". Und zwar circa 18 Minuten lang, bevor er sich umdrehte, das Mikro wegwarf und mit Anlauf kopfüber ins Drumkit gesprungen ist. Alles im Arsch, alles wunderschön voll Blut, alles komplett vorbei. Ich dachte damals, das Publikum würde mordend und brandschatzend von dannen ziehen, um den Eintrittspreis zurückzufordern. Stattdessen standen nur debil grinsende und offene Münder vor der Bühne, die gerade die beste Show ihres Lebens gesehen hatten. Wir inklusive. Punk darf eben fast alles.


Noisey-Video: "The Birthplace of Miami Punk Rock":


EINE MENGE WOLLEN

Die Sportgitarren-Musik, das Fingerpointen, das Mitgrölen, die Ellenbogen in der Seite und das Unity Gefühl im Pit sind natürlich die eine spannende Sache an Punkrock. Noch großartiger ist aber, was positive Wut so alles bewirken kann, wieviel Message und damit auch Bildung in guten Songtexten steckt, und wie Bands, Zines und Kampagnen jenseits vom Entertainment das Ganze mit sinnvollen Aktionen unterfüttern. Combos wie die Ärzte, die Hosen oder Bad Religion haben mir Ende der 80er die Punkrock-Tür geöffnet und dem Ibbenbürener Teen-Metaller erklärt, dass man keine neun Minuten lange Songs mit überbordenden Soli braucht, um maximale Power zu erzeugen und gutes Gedankenfutter gratis mitzuliefern. Wer weiß, was aus mir geworden und wie mein Leben verlaufen wäre, hätte man mich nicht für gewisse Themen sensibilisiert? Vegetarier bin ich jetzt schon 25 Jahre (Danke, Propagandhi-Alben!), diverse Print-Zine-Artikel haben mich früh in meiner Meinung bestärkt, dass Religionen ausgemachter Quatsch sind und die Kirche sowieso. Und mit großartigen Überzeugungstätern wie "Kein Bock Auf Nazis" arbeiten wir DONOTS bis zum heutigen Tage zusammen, haben deren Info-Stände mit auf Tour und sammeln Benefiz-Kohle via Gästeliste und bei Spenden-Circlepits, um wiederum unseren kleinen Teil dazu beizutragen, dass diese Welt vielleicht für ein paar Minuten etwas besser wird. Wenn wir mit unseren Songs eine der oben genannten Türöffner-Bands für eine jüngere Generation sein dürfen, dann macht mich das sehr stolz. Ich liebe den Gedanken, dass ein jeder Beitrag zählt. Dass jeder Mensch einen positiven Teil im Rahmen seiner Möglichkeiten leisten kann. Und dass man weiß, dass man eben nicht alleine dasteht, sondern mit guten Leuten, denen in scheiß Zeiten eben nicht alles egal ist. Leute, die eine Menge wollen. Wie Punk nun mal auch.

UNENDLICH VIEL KÖNNEN

Verdammt, wir DONOTS haben mittlerweile über 1000 Shows spielen dürfen und der ganze Zirkus wird auch nach über zwei Dekaden einfach nicht alt. Auch dafür sind wir unendlich dankbar. Nach diversen Touren in ganz Europa, Japan und den Staaten, unzähligen geschlossenen Freundschaften rund um den Globus und auf unserem mittlerweile zweiten deutschsprachigen Album Lauter Als Bomben (for the records: der elfte Longplayer insgesamt) ziehen wir den Hut vor all dem oben genannten. Mitte der 90er haben wir unser Booking komplett selbst gewuppt, unsere ersten beiden Alben haben wir DIY rausgebracht und nach Veröffentlichungen über große Plattenfirmen sind wir mit Solitary Man Records dieser Tage nun wieder unser eigenes Label, besitzen ein Studio in Münster, in dem wir die 13 neuen Songs zusammen mit Kurt Ebelhäuser und Robin Völkert aufgenommen haben – und freuen uns immer noch wie kleine Kinder auf die nächsten Shows. Im Februar und März 2018 geht’s endlich wieder auf ausgedehnte Clubtour und danach werden Festivals wie Hurricane, Southside oder das Nova Rock kaputtgemosht. Mann, ist doch der Hammer, dass wir das alles erleben durften und dürfen! Wer weiß, was da noch alles kommt? Zumindest soviel steht mal fest: Es ist ein grandioses Gefühl, Dinge aus dem eigenen Stand anzuschieben und hinzubekommen. Mit unseren eigenen kleinen Songs, die schönerweise immer noch nicht perfekt sind (eine gesunde Spur Scheiße MUSS immer dabei sein), uns aber gerade deswegen sehr glücklich machen.

Und überhaupt all das, weil man nix muss, fast alles darf, eine Menge will und im richtigen Moment gefühlt unendlich viel kann.

Ey, Punk, Du bist und bleibst ein geiles Pferd. DANKE DIR!!!

Dein INGO DONOT."

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2018 gehen die Donots auf Lauter Als Bomben-Tour. Hier die Dates:

20.02. DE – Saarbrücken – Garage
21.02. DE – Bremen – Schlachthof (ausverkauft)
22.02. DE – Hannover – Capitol
23.02. DE – Berlin – Huxleys
24.02. DE – Rostock – MAU Club
06.03. DE – Dresden – Schlachthof
07.03. AT – Wien – WUK
08.03. DE – München – Tonhalle
09.03. DE – Karlsruhe – Substage
10.03. CH – Zürich – Dynamo
20.03. DE – Dortmund – FZW
21.03. DE – Hamburg – Grosse Freiheit
22.03. DE – Köln – Ewerk
23.03. DE – Erlangen – Ewerk
24.03. DE – Wiesbaden – Schlachthof
15.12. DE – Münster – MCC Halle Münsterland (GRAND MÜNSTER SLAM 6)

FESTIVALS 2018
04.-06.05. AT – Wels – SBÄM Fest 2
31.05.-03.06. AT – Oed – Stoabeatz Festival
09.-10.06. DE – München – Rockavaria
14.-17.06. AT – Nickelsdorf – Nova Rock
22.-24.06. DE – Scheeßel – Hurricane Festival
22.-24.06. DE – Neuhausen ob Eck – Southside Festival

LAUTER ALS BOMBEN TOUR 2019
27.01. DE – Bremen – Alladin

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