Festival Guide

Danke, splash! Festival – Durch dich wird realer HipHop ewig leben

"Big Up an die beiden Typen am Pissoir, die sich vornahmen, über Kreuz in die gleiche Toilette zu pinkeln und gnadenlos scheiterten." Unser Autor über das Highlight des splash! Festivals 2018: die HipHop-Fans!

Juri Sternburg

102 BOYZ | Alle Fotos: Benjamin Diedering

Dieser Artikel ist Teil des VICE Guides für Festivals, alle Texte findet ihr hier.

Wir befinden uns im Jahr 2018. Ganz Deutschland ist von Rappern und ihren Fans besetzt, die alles dafür tun, um bloß nicht als HipHopper wahrgenommen zu werden. Ganz Deutschland? Denkste! Ein von unbeugsamen Menschen mit schrägen Basecaps und hängenden Hosen bevölkertes Dorf namens "Ferropolis – Stadt aus Eisen" hört nicht auf, den Trap-Eindringlingen und "Deutschrap ist nicht mein Ding"-Deutschrappern zumindest optisch Widerstand zu leisten.

Auf dem splash! Festival, Deutschraps Klassentreffen, entdeckt man zur allgemeinen Verwunderung nämlich eine Spezies, die man für längst ausgestorben hielt: echte Heads und Realkeeper unter 20, die sich tatsächlich noch in einen Kreis stellen, um zu freestylen! Oder bereit sind, eine Dreiviertelstunde mit dem Arm im Takt zu wedeln, während Dendemann "mit Lyrics so cool, dass das Mic erfriert" rappt (das ist wirklich passiert!). Und trotz dieser Zustände hält man größtenteils vergeblich nach Ü-40-Nervensägen mit Shirts der Absoluten Beginner Ausschau. Hier tummelt sich eine neue Generation von Rapfans, die sich offenbar nicht für die Werte der Oldschooler schämt.

Alle Fotos: Benjamin Diedering

Da wollten wir natürlich dabei sein, also ab in den Wohnwagen und auf nach Gräfenhainichen, in Deutschlands letztes HipHop-Biotop. Zwar dachte man beim Anblick des Zeltplatzes eher an Stalingrad 1943 (nicht nur wegen der zum Glück glimpflich verlaufenen diversen Brände dort), aber spätestens, als wir uns den Bühnen näherten, waren die Anzeichen für echten HipHop unübersehbar. Wer sich nicht ein paar Bierdosen mit Gaffa-Tape an die Hände geklebt hatte oder "Ein Sack Zwiieeebeeeln!" schreiend ein aufblasbares Krokodil durch die Gegend trug, zelebrierte unumwunden all die Moves, die Markus Lanz heute auch noch gerne macht, wenn er über Rapper redet. Ohne Ironie, ohne Sarkasmus.


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Die Köpfe nickten hier, bis der Halswirbel knackte. Und dass mit einer Leidenschaft und Ernsthaftigkeit, die einen zu Tränen rührte. Hier wurde HipHop halt noch gelebt. Und das von Kids, die bereit waren, süße Alcopops in sich rein zu kippen, in zerschlissenen Zelten zu schlafen und drei Tage eine staubige Mad Max-Wüste zu ertragen. Letzteres führte übrigens zu einer Armada von Vermummten, die dem Regisseur von Dres & 2Pacs "California"-Video Pipi in die Augen getrieben hätte. Apropos Pipi in den Augen: Big Up an die beiden Typen am Pissoir, die sich vornahmen, über Kreuz in die gleiche Toilette zu pinkeln und gnadenlos scheiterten. Immerhin hatten sie danach nicht ihren eigenen Urin auf der Hose.

Unser Herz weitete sich zu einem saftigen Steak, als wir sahen, wie junge Menschen mit Acrylbongs, Baggypants und Bandana im tobenden Pulk einer Show von Savas & Sido standen und aus vollem Hals "Ich ruf es nach oben, der Himmel soll warten" schmetterten. Verständnis auch für den Jungspund, der sich aus einem Müllberg erhob, fragte, wer denn gerade spielt und sich, da die Antwort "Chefket" lautete, emotionslos wieder in sein Refugium aus Abfall fallen ließ. Liebe für all die pubertären Beziehungsstreitigkeiten und Versöhnungen, die wir erleben durften, für die weinenden Teenies und Zungenküsse austauschenden Menschen in Bananenkostümen oder neonfarbenen Tanktops .

Das sind sie nämlich, all die Kommentatoren, die sich hinter YouTube-Profilen wie @Justin187_Fortnitesoldier verstecken und sich hauptberuflich damit beschäftigen, Rap-Moderatorinnen im Internet nach ihrem Aussehen zu bewerten, Reimsilben zu zählen oder sich wahllos gegenseitig als "Hurensohn" zu beschimpfen. Und wir dachten immer, das seien alles Trolls, ohne HipHop-Bezug. Aber falsch gedacht. EIgentlich sind die alle ziemlich süß, nur eben etwas verwirrt.

Deswegen an dieser Stelle ein Shoutout an ein paar ganz besondere Menschen, die wir miterleben durften:

Viel Liebe an den Typ in der Goa-Hose, der drei Tage lachend neben der Hauptbühne getanzt hat. Das ist die Positivity, die wir brauchen auf dieser Welt. Eine mitfühlende Ghettofaust auch an den Dude, der am frühen Nachmittag während der Show von VSK (ehemals K.I.Z) einen Bengalo zündete. Da zu diesem Zeitpunkt circa 400 Menschen vor der Bühne standen, dauerte es ungefähr 0,5 Sekunden, bis er von Securitys eingesackt wurde und vom Festival flog. Aber immerhin ist er aufrecht gegangen. Und nicht zu vergessen die beiden Mädchen in der ersten Reihe bei Dendemann, die offensichtlich nur schon mal ein paar Plätze für die Cro-Show reservieren wollten und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht eine geschlagene Stunde die Ohren zuhielten. (Wir fanden Dendemann übrigens ziemlich gut!)

Ihr seid der Grund dafür, dass es dieses Festival gibt. Nicht etwa die Künstler, die meist routiniert ihre Tracklist runtergespielten oder sich in der Enklave namens Backstage umsonst den Wanst oder die Hucke vollschlugen (Details nur auf private Anfragen). Abgesehen von einigen Ausnahmen natürlich. Herzerweichend etwa Bonez MC, der über Stunden mit einer solchen Hingabe sein neues Golf-Car im 187-Look putzte und fotografierte, dass es eine helle Freude war, ihm dabei zuzusehen. Oder Juicy Gay und Anhang, die vor der kleinsten Bühne des Festivals freudestrahlend zu den Klängen des katalanischen Insider-Tipps Bad Gyal die Hüften kreisen ließen. Schön auch (wie immer) der beste Mensch der Welt aka Haftbefehl, der bekanntgab, dass er sich vor einem Jahr spontan mit einer Tasche voll Geld im Backstage ein Feature mit Gucci Mane geklärt und direkt aufgenommen hatte.

Das ist Streetsmart. Das ist Rap. Genau wie die Leute, die sich Bierdosen an die Hände gaffern, ein New Era-Cap tragen und sich partout nicht dafür schämen wollen, was sie sind: HipHopper. Daran könnte sich der ein oder andere Rapper durchaus mal ein Vorbild nehmen. Auch wenn das manchmal zu Fremdscham führt, ist das immer noch besser als die Zustände, die eine kleine Umfrage auf dem Konkurrenz-Festival OpenAir Frauenfeld in der Schweiz just zu Tage förderte. Die Frage nach den vier Grundelementen von HipHop überforderte nämlich sämtliche Befragte. "Flow" und "Feel" waren da noch die patentesten Antworten. Sowas passiert nun mal, wenn man sich ein Publikum ins Haus holt, dass nicht weiß, wer Torch ist. Da dreht sich der arme Torch doch im Grabe um – oder lebt der etwa noch?

Wie auch immer. Dieses Festival, die Szene und HipHop an sich wäre nichts ohne die immer wieder neuen Generationen von Fans, die bereit sind, sich zum Volleimer zu machen, um die Fahne für Rap, Graffiti, Breakdance und DJing hoch zu halten. Danke. Aber bitte kommentiert weniger im Internet, das wäre wirklich schön. Bis nächstes Jahr!

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