„Die Nazis haben verloren“—Der jüdische Rapper Ben Salomo im Interview

Wir haben mit Rap Am Mittwoch-Gründer Ben Salomo über Antisemitismus im Alltag und bei Rap-Battles, Neonazi-Rapper, sein neues Album und vieles mehr gesprochen.

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Nov. 2 2016, 5:16pm

Fotos: Grey Hutton

Wenn man dem spektakulär gescheiterten KissFM-Interview mit Nazi-Rapper MaKss Damage eines abgewinnen kann, dann, dass es der Masse noch einmal ins Gedächtnis gerufen hat, dass Antisemitismus und Israelfeindlichkeit sich aus Deutschland nicht wegignorieren lassen. Die Bekämpfung dieses Zustands fällt vor allem dadurch schwer, da hierzulande viele Menschen ihr Leben lang wahrscheinlich keinem der knapp 100.000 jüdischen Menschen in Deutschland über den Weg laufen. Auch im öffentlichen Leben stellen Juden anders als in den USA keine große Gruppe dar. Und im Rap? Wie viele jüdische Deutschrapper fallen dir ein?

Einer sollte es zumindest sein, schließlich hast du auf diesen Artikel geklickt. Die Rede ist natürlich von Ben—„Seid doch mal alle ruhig, Hey!"—Salomo, der in den vergangenen Jahren die Battlerap-Veranstaltung Rap Am Mittwoch als charismatischer Moderator, Animateur, Streitschlichter und Klassenlehrer zu einem lokalen Live- und landesweiten Internetphänomen gemacht hat. Jetzt hat er sich entschlossen, sein erstes Solo-Album mit dem treffenden Titel Es gibt nur Einen zu veröffentlichen und die bisher erschienenen Singles zeigen, dass Salomo, der mit bürgerlichem Namen Jonni Kalmanovich heißt, über Substanzielles reden will.

Der Rapper äußert sich regelmäßig auf Plattformen von Rap.de bis zur Jüdischen Allgemeinen über das Leben als Jude in Deutschland. Dazu gehört selbstverständlich auch Antisemitismus und Diskriminierung. Ein diskriminierungsfreier Safe Space ist sein Rap Am Mittwoch allerdings nicht. Im Gegenteil: Hier werden Sprüche geklopft, Klischees bedient und Mütter gebuttert. Über ein Glas Sprudelwasser redete ich mit Kalmanovich über diesen scheinbaren Widerspruch, sein Album, warum es nie zum Battle mit MaKss Damage kommen wird und natürlich Rap Am Mittwoch.

Noisey: Vor der RAM-Moderation warst du auch als Musiker bekannt. Deswegen war ich überrascht, dass dein neues Album im Prinzip dein erstes „richtiges" Solo-Release sein wird ...
Ben Salomo: Ich war halt früher eher Teamplayer, habe viel mit meiner Crew gemacht und da musste ein bisschen Zeit ins Land gehen, ein paar Erfahrungen gemacht werden. Wenn man mich früher danach gefragt hat, habe ich gesagt: Ich fühl mich jetzt noch gar nicht so weit, das zu tun. Ich würde gerne über substanzielle Dinge und relevante Themen sprechen und mit 22, 23, 24, 25 war's für meinen Anspruch noch nicht so weit, dass ich bestimmte Themen hätte reflektieren können.

Außerdem hatte ich natürlich die Jahre davor mit RAM so viel zu tun. Ich habe ja ein Format erfunden und das ist ja konzeptionell weltweit einzigartig. Wie das von der Aufmachung her ist, da habe ich mir so viele Nächte Gedanken gemacht. Wir mussten das neu erfinden. Es gab natürlich genug Freestyle-Battles, aber das ganze mit Animation versehen und auch die ganze Regelkonzeption … Die Show hat mich da natürlich schon ziemlich eingespannt. Wir sind gerade in der siebten Saison, deswegen konnte ich mir auch nicht, wie andere Künstler, ein Jahr Zeit nehmen, in dem ich mich in jeder freien Minute nur meiner Musik widme. Ich hatte gar nicht so viele freie Minuten. Ich hab in den sechs Jahren noch meine Klamottenmarke gemacht—hier, trage ich gerade: „Trueschooler"—die Show, dann das Album, eine Frau, jetzt ein Kind … Da braucht es halt alles seinen Raum.

Auf „Identität" rappst du, „Wie prophezeit im Buch der Offenbarung, reimt ein Jude von der Straße Jahrzehnte nach dem Holocaust wieder in deutscher Sprache." Ist es für dich schon ein politisches Statement, dass du als Jude auf deutsch rappst?
Ja! Deutschland ist das Land der Dichter und Denker und es gab hier Unmengen von Lyrikern, die Juden waren. Die Liste ist lang und einige von den Büchern auf der Liste wurden vor der Humboldt-Universität verbrannt. Da Rap die neueste und vor allem populärste Form der Lyrik darstellt, ist das für mich definitiv ein Statement, dass der Phoenix aus der Asche aufersteht und dass Nazi-Deutschland, Nazis, Adolf Hitler und alle, die seine Ideologien teilen, verloren haben. Denn es reimt ein Jude 70 Jahre nach dieser Scheiße wieder auf dieser Sprache, tut das selbstbewusst und das ist für mich eine Art von … „Wenn Menschen Träume haben, können sie auf verbrannter Erde Bäume pflanzen." Das sag ich auch in diesem Text, denn wenn wir von der kulturellen Schaffenskraft sprechen, die die Juden hier vor dem Krieg hatten—sei es Theater, Film, Wissenschaft—gibt es davon heute ja nur noch einen Bruchteil. Deutschland war ein riesiges Kulturland, aber das was die Juden damals dazu beigetragen haben, ist natürlich … Die Nazis haben einen riesigen Anteil ihrer eigenen Bevölkerung vernichtet. Eben auch Teile ihrer Bevölkerung, die besonders viel beigetragen haben. 

Ich habe neulich einen Zeit-Artikel namens „Wir Lebenden Juden"​ gelesen, in dem auch du zitiert wirst. Der Text beginnt mit einem Zitat von Maxim Biller, der „keinerlei jüdische Intellektuelle in Deutschland" kenne.
Genau, da finde ich irrt er sich.

Ist das der Gedanke gegen den du ankämpfen möchtest?
Wenn ich mit meinen Eltern oder meinen Großeltern am Tisch gesessen habe, dann haben wir immer darüber gesprochen, dass die Nazis nicht gewonnen haben. Sonst wären wir nicht da und wir würden heute nicht hier sein. Wo er Recht hat ist natürlich, dass die Menge, die man früher hatte heute nicht mehr da ist. Aber vielleicht ändert sich das ja in 20 oder 50 Jahren. Irgendwo muss man ja anfangen und heute haben wir einen Anfang. Wir haben den Comedian Oliver Polak, mich als Rapper oder halt Moderator, dann gibt es Theaterschauspieler wie Ben Becker, der jüdisch ist. Es wird mehr und die Leute wagen es vielleicht auch mehr, ihre jüdische Identität zu artikulieren.

Würdest du sagen, dass das politische Klima, in dem wir gerade leben dich zu deinem doch sehr politischen Album inspiriert hat?
Nein, das ist eher eine Verquickung von Zufällen, die dazu führt, dass es anscheinend den Zeitgeist trifft, auch wenn es musikalisch vielleicht, was die Beats angeht, für viele nicht den Zeitgeist trifft. Thematisch—oder eben insofern, dass es überhaupt existiert—wäre es auch vor drei Jahren im Zeitgeist gewesen und auch, hätte ich's vor sechs Jahren veröffentlicht. Dieses Thema: Juden, Israel, Antisemitismus, Diskriminierung, Palästina, Nahostkonflikt … Das ist einfach immer präsent und immer relevant. In zwei Jahren würden wir vielleicht ähnlich sprechen. Aber ich finde, jetzt ist der Moment. Jetzt ist es endlich so weit.

Nervt es dich, dass Journalisten wie ich dich andauernd drauf ansprechen und die Gespräche auf das Thema Judentum lenken wollen?
Nee Mann, das nervt mich gar nicht, weil ich glaube, es ist viel wichtiger, dass ich meinen Beitrag dazu leisten kann, dass sich diese Bilder, die die Menschen in den Köpfen haben, ein wenig auffächern. Ich frage mich halt, wo die herkommen. Ich höre auch immer wieder über Ecken, dass Leute nicht zu Rap am Mittwoch gehen, weil sie „dem Juden" nicht ihr Geld geben wollen. „Dem Juden geb' ich mein Geld nicht", „Das ist eine Judenveranstaltung." Das hab ich schon in den ersten vier Monaten der Show an der Kasse gehört.

An der Kasse? Und dann sind die nicht reingegangen und wollten sich nur beschweren?
Nö, als die dann nicht auf die Gästeliste gekommen sind, haben sie dann später bei Facebook ihren Post gemacht: „Judenveranstaltung", „Geiz", „geldgeil" dies das, was weiß ich. Das hört man viel.

Krass! Beeinflusst dich die Erfahrung von Antisemitismus auch bei RAM auf der Bühne?
Also, auf der Bühne im Rapkontext, vor allem im Battlerap-Kontext, im direkten Vergleich, im verbalen Krieg zwischen zwei Sportlern … Das ist für mich eine Art rechtsfreier Raum. Aber dafür, was außerhalb der Bühne stattfindet, was die Leute außerhalb artikulieren, müssen sie sich rechtfertigen. Wenn ich auf der Bühne einen Gegner hätte, der Spanier ist, dann würde ich dem vorwerfen, dass seine Großeltern und Urgroßeltern Conquistadoren waren. Dann würde ich ihm vorwerfen, dass sie die Indianer ausgerottet haben und ihn auf der Bühne einen Mörder nennen. 

Aber das ist nur auf der Bühne. Da geh ich runter und sage ‚ist Quatsch, Mann'. Verstehst du? Da ist es frei. Und wenn die Leute mir auf der Bühne Judenwitze machen, finde ich die höchstens mal geschmacklos. Aber ich finde trotzdem, wenn es einen Raum dafür geben kann, das zu tun, dann nur im Battlerap. Aber wenn Menschen außerhalb der Bühne so etwas in ihrem Privatleben und in ihren Facebook-Posts vertreten, dann finde ich, müssen sie sich den bestimmten Regeln von politischer Korrektheit und von Moral und all diesen Dingen stellen. Weil da ist es keine Kunst mehr für mich. Kunst kann schockieren, kann geschmacklos sein, kann die Leute wachrütteln, kann eklig sein—wenn's Kunst ist. Und diese Battlerap-Blase, das, was da auf der Bühne geschieht, ist im Prinzip einfach ein Sport, eine Kunst, eine Kunstform. Und da bin ich niemandem böse, wenn er solche Punchlines kickt.

Eher, wenn er so einen Facebook-Post macht ...
... Da werde ich richtig, richtig wütend. Aber wenn einer auf der Bühne sagt, er schickt mich nach Auschwitz, dann muss ich einfach eine noch geilere Line grabben. Ich hab da mal eine Line gehabt, da meinte einer: „Sei froh, ich schick dich nach Ausschwitz." Da hab ich gesagt, „Sei dir sicher, dass ich dich hier rausbomb, ich bin der einzige Jude, der aus dem Ofen wieder rauskommt", und alle so „OOOOooooh!!"

Und dann ist es auch wieder cool, weil da geht das. Und dann gibt man sich die Hand und die Sache ist wieder ok. Ich bin befreundet mit Leuten, die mir solche Lines gegeben haben. Weil ich weiß, wie die privat sind. Würde ich gegen einen deutschen rappen, würde ich ihm seine Nazi-Großeltern vorwerfen, würde ich gegen einen Juden rappen, würde ich ihm vorwerfen, dass er sich von Nazis hat knechten lassen. Das denk ich ja alles in der Realität nicht. Das sind halt einfach Battleklischees, die man raushaut. Alles nur Spaß.

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Du hast in einem anderen Interview gesagt, Jüdischer Spast" kann man dich nennen, aber  „Scheiß Jude"…
... Ist etwas anderes, genau. Genauso schlimm finde ich den Begriff mit „N". Das ist ja auch gar keine Kunst, sondern einfach voll behinderte Erniedrigung und auch nicht nur von seinem Gegenüber, sondern auch von jedem anderen Schwarzen im Publikum. Genauso wie es eine Beleidigung von allen Juden ist, wenn mich jemand eine Judensau oder so nennt. Ich hab auch schon Battles abgelehnt, weil ich ganz genau wusste: Der eine Rapper ist einer, der in seinem Privatleben das Wort „Scheißjude" jeden Tag artikuliert. Da habe ich gesagt, „Ich lass dich hier nicht battlen, auch wenn das eine Sensation wäre."

Das große Makss Damage-Battle wird es also nicht geben?
Nein, weil ich finde … Guck mal: Makss Damage und solche Leute dürften mir natürlich auf der Bühne Holocaust-Lines an den Kopf werfen, da hätte ich kein Problem mit. Aber ich finde solche Leute muss man außerhalb von Kunst fertig machen. In Debatten, in Diskussionen, wo es eben nicht diese Kunstfreiheit geben kann. Wo man sie mit Fakten fertig machen kann. Klar kann man Fakten auch im Rap verpacken, aber es ist trotzdem noch Kunst und das, was er darstellt … Der typ ist einfach ein total verstrahlter Neonazi, der hat sein total krankes Weltbild und da wird auch ein Rap-Battle nichts dran ändern. Da wird gar nichts dran etwas ändern, es sei denn, er wird vielleicht von einem Auto überfahren, der Fahrer begeht Fahrerflucht und ausgerechnet ein Jude oder ein Schwarzer ist derjenige, der ihm eine Herzmassage verpasst. Dann wird er vielleicht umdenken. Oder er wird sich umbringen, weil er's nicht erträgt, dass ein Jude sein Leben gerettet hat, obwohl er selbst diese Leute ohne zu zögern ins Gas schicken würde. 

Und ich rede da nicht von einem Rap-Battle. Wenn der Typ mir in einem Café sagen würde, „Du Hurensohn, ich schicke dich ins Gas", dann nehm' ich mir einen Stuhl und hau ihm vor den Kopf. Oder vielleicht gehe ich raus und beiße mir in die Hand. Kommt drauf an, wie emotional geladen ich dann bin. Aber das ist eine komplett andere Situation. So jemand hat auf keiner HipHop-Bühne überhaupt etwas verloren. Nirgendwo hat er etwas verloren. Und wer ihm diese Plattform gibt, macht sich mitschuldig, egal, was das für eine Sensation sein sollte. Und das ist der Punkt. Man lässt solche Leute in unsere Kultur herein und damit macht er uns kaputt.

Eine Frage noch: Meinst du, dass Rap Am Mittwoch auf dem Zenit angekommen ist?
Oh, eine gute Frage. Puh. Tja. RAM ist eine Show und Shows unterliegen Trends, Änderungen auf dem Markt. Und genauso wie bei anderen Shows gibt es Hochphasen und Tiefphasen und dann kann es auch wieder Hochphasen geben und wieder Tiefphasen. Ich würde sagen, jetzt im Moment… Wobei: Wenn man es von den Zahlen her betrachtet sind wir weiter am Steigen. Wir haben jeden Monat 5000 neue Abonnenten auf YouTube. Das hängt alles schon stark von der Perspektive ab. Vielleicht hat RAM auch den Zenit erreicht, vielleicht nicht. Ich kann nicht in die Zukunft gucken. Vielleicht sind wir in zwei Jahren auch noch größer. RAM ist ja nicht nur die Show, sondern auch ein YouTube-Kanal. Damit kann ich auch andere Sachen machen. Aggro war auch erst nur ein Label. Vielleicht machen wir irgendwann auch andere Events. Das wird sich zeigen. 

Wir haben auf jeden Fall ein motiviertes Team, um weiter Vorreiter zu sein, die Kultur des Battleraps als Kunst zu vermitteln. Früher gab es gar keinen Raum für solche Talente wie Atzenkalle oder Max B. Wir haben halt einen Raum eröffnet, in dem die Leute existieren können und wenn diese Leute außerhalb dieses Raums noch weiter gehen, wie ein Karate Andi, dann ist das nur geil. Wir haben auf jeden Fall noch Bock drauf und merken, wenn wir in andere Städte fahren haben die Leute auch Bock drauf. Zenit, pffff. Wir haben 200.000 Abonnenten auf YouTube, nächstes Jahr können es 300, 400 oder 500.000 werden, who knows? Aber das ist diese typische Motz- und Meckerkultur. Erst ist etwas klein und dann wird es immer größer und dann fühlen sich auf einmal die, die es vorher schon gefeiert haben nicht mehr so individualistisch und müssen das wieder haten, weil es denen zu viele Leute kennen. Ehre wem Ehre gebührt.

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Es gibt nur Einen von Ben Salomo erscheint am 4. November 2016 über Baba City/Universal. Du kannst es hier​ oder hier​ bestellen.  

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