"Wo Helene Fischer ist, da will ich auch hin" – Ein Tag mit Eunique

Nina Damsch

Eunique ist menschgewordener Alleskleber. Sie verbindet alles. Alte mit neuer Schule, Männer und Frauen, Hamburg und Berlin. Wir haben einen Tag an ihrer Seite geklebt, um herauszufinden, wie man Eunique wird – und vor allem bleibt.

Jen Krause

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Hamburger Hauptbahnhof, ein Tag im April. Früher hat Eunique hier Joints mit ihren Freundinnen geraucht, auf dem Bordstein gesessen und den Wind und die Zeit vorbeiziehen lassen. Jetzt sitzt die mittlerweile 22-Jährige wieder hier, wieder mit Freunden, aber in einem riesigen weißen Van. Ihr Manager kniet vor ihr und putzt ihre Schuhe, aus den Boxen schallt ihr erstes Album Gift, das an diesem Tag veröffentlicht wurde. An diesen nicht ganz umbedeutsamen Tag zieht sie mit uns für einige Stunden durch Hamburg und zeigt uns ihre Stadt. Und: Wie man Eunique wird und vor allem bleibt.

Wir stehen vorm Golden Cut, dem Nachtclub am Hamburger Hauptbahnhof. Wo Eunique früher mit ihren Leuten auf der Straße rumhing findet heute ihre Releaseparty statt. "Wir", das sind Eunique, ich, unsere Fotografin Jenny, Euniques Manager Michael Jackson (ja, der heißt wirklich so) und zwei trainierte Herren, die Eunique als ihre "Brüder" und Aufpasser vorstellt. Außerdem ein Journalist des Hamburger Abendblatts, plus ihre Freundin Cee, die gleichzeitig Euniques Make-up-Artistin ist.

Unsere kleine Reisegruppe macht sich auf den Weg Richtung Spitalerstraße, der großen Einkaufsmeile in Hamburg, nicht unweit vom Hauptbahnhof. Auch hier hat Eunique gern in ihrer Teeniezeit abgehangen, bei schönem Wetter Richtung Jungfernstieg flaniert, "einfach um zu flexen". Sprich: Feiglinge in die H&M-Tasche gepackt, die Freunde vom Bahnhof abgeholt und schon mal ausgerechnet, wie viel Hausarrest man für den Quatsch, den man heute so anstellt, später kriegen wird. Heute ziert Eunique die Ladenfront des Nikestores direkt am Eingang der großen Fußgängerzone.

"Als Jugendliche war ich entweder draußen oder zu Hause eingesperrt", erzählt sie. Wie fast jeder Teenager hat sich Eunique mit ihrer Mutter gefetzt, Schule fand sie auch nicht so geil. Wie nicht ganz jeder Teenager hatte sie einen Vater, der selbst Rapper war und eine Mutter, die ihr musikalisches Interesse früh förderte. Als ihr Vater starb war Eunique noch ein kleines Kind, die Mutter arbeitete als Flugbegleiterin, daher kümmerte sich oft eine befreundete Familie um sie. Einfach war das nicht, Reibereien vorprogrammiert. Heute scheint sich alles in Wohlgefallen aufgelöst zu haben. Ein Netzwerk aus Liebe und Unterstützung hat einen wichtigen Teil dazu beigetragen – damals wie heute.

Cee macht im Hintergrund Selfies vor dem Plakat ihrer Freundin, sie ist Teil von Euniques Gang, den sogenannten Kobras. "Ich will gar nicht alleine da vorne stehen und flexen", sagt Eunique uns erklärt das Prinzip der Kobras. "Bei den Kobras geht es darum, danach zu suchen, was einen am meisten erfüllt. In der Gruppe findet jeder die Stärke, das zu finden und umzusetzen." Insgesamt sind sie elf Frauen und Männer mit vollkommen verschiedenen Talenten. Einige schreiben Gedichte, andere widmen sich Social Media, eine Kobra hat eine kleine Tochter und verwirklicht sich da. "Es geht darum, Leute um sich zu haben, die einen für das mögen, was man ist. So kann sich jeder selbst entfalten. Es ist ein Geben und Nehmen und jeder hilft, wo er kann."

Wir schlängeln uns weiter durch die Einkaufsstraße, bis wir am nobleren Alsterhaus ankommen. Durch einen dünnen Vorhang aus Klimaanlagen-Gebläse walzt unsere Achtergruppe durch die Türen, vorbei an Handtaschen und Parfums zum Stand mit Designer-Tüchern.

Früher hingen Eunique und ihre Freundinnen oft hier rum, beim Stand von Ted Baker fantasierten sie, welche Klamotten sie anziehen würden, wenn sie reich wären und bekifft Tennissspiele gucken. Was reiche Leute halt so machen. Auch heute lässt Eunique das Designer-Bandana noch in seiner Glasvitrine zurück. "Merkt euch diesen Moment!" jolt Michael Jackson, der gerade ein paar bunte Sonnenbrillen probiert. "Bald wird sie den Stand leerkaufen!"

Eunique ist heute das erste Mal seit eineinhalb Jahren wieder in Hamburg. Die vergangenen zwei Jahre hat sie im sogenannten "Bootcamp" ihres Managers in Berlin verbracht. Zwei Jahre, in denen sie sich fast ausschließlich im Radius "von Wohnung zur Dönerbude" bewegt hat und in sämtlichen Disziplinen gedrillt wurde, die für eine Karriere als Musikstar wichtig sind: Von Posing-Unterricht über Songwriting-Camps und hartes Sporttraining, um auf der Bühne Ausdauer zu haben, bis hin zu Email-Unterricht – Eunique war eine Vase, bereit mit allem Wissen gefüllt zu werden, das Michael Jackson (der Manager natürlich) ihr vermitteln konnte. Mamas ständiger Hausarrest hatte anscheinend zumindest einen positiven Effekt, aufs Eingesperrtsein war sie gut vorbereitet. "Das Bootcamp war nötig, um den Kopf frei zu bekommen und mental bereit für all die Veränderungen zu sein. Ich war plötzlich in einem ganz anderen Kosmos", sagt sie.

In gewisser Hinsicht verbindet Eunique perfekt die neue mit der alten Schule der Musikindustrie. Als sogenannter Digital Native weiß sie, das Internet und die Sozialen Medien zu nutzen, um sich perfekt zu vermarkten. Ein Facebookvideo brachte ihren ersten Hype und auch jetzt liest sie die Kommentare ihrer Fans, um diese als Analysetool zu nutzen – sprich, um zu prüfen, was am besten ankommt. Dennoch hat sie sich gleichzeitig für ein klassisches Artist Development, also eine professionelle Entwicklungsstrategie, entschieden. Eine Tradition der im Umbruch stehenden Musikindustrie, die gefühlt immer mehr an Bedeutung verliert. Man sehe sich nur Mega-Popstars wie Lil Pump oder Cardi B an. Letztere stieg im Alleingang von Stripperin, zu Social-Media-Star, zu Reality-TV-Star, zur Grammy nominierten Rapperin auf. Warum also das Bootcamp?

"Ein Newcomer, vor allem wenn er ein bisschen Hype hat, brennt!", erklärt Eunique. "Der denkt sich 'Oh Gott, was hau ich raus? EP, Mixtape, was geht, was geht, was geht!?' Aber ich will nicht einfach nur ein Hype sein, Digga! Nur weil ich einen Freestyle gemacht habe, der durch die Decke geht, weiß ich nicht, wie man richtig einen Song schreibt. Ich will eine Karriere haben, ich will das länger als zwei, drei Jahre machen."

Die Zwischenbilanz sieht gut aus. YouTube-Klicks in Millionenhöhe, eine große Werbekampagne für Nike, massig Interviews und ein Debütalbum, das auf Platz sieben der Charts eingestiegen ist. Das ist toll – und vor allem wichtig. Denn als schwarze Frau ist Eunique eine wichtige Identifikationsfigur – sowohl für Frauen, als auch für People of Colour beider Geschlechter, die es in der deutschen Entertainmentbranche besonders schwer zu haben scheinen. Manuellsen wurde laut eigener Aussage 2013 von Universal Music mit den Worten abgewiesen, dass Schwarze in der Deutschrap-Szene einfach eine zu niedrige Erfolgsaussicht hätten. Und auch ich erinnere mich, wie ich vor etwa einem Jahr ein Video von Eunique einigen Freunden zeigte, die ebenfalls in der Musikindustrie arbeiten. Deren Kommentar damals: "Die ist cool, aber eine schwarze Frau, die R'n'B macht in Deutschland? Das verkauft sich nicht."

"Ich bin mir bewusst, dass wir nur drei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Deswegen steck ich da auch so viel mehr Arbeit und Strategie rein", sagt Eunique. Und dennoch will sie nicht nur als schwarze Frau wahrgenommen werden: "Ich weiß, es ist wichtig, eine Identifikationsfigur für People of Colour und Frauen zu sein. Aber ich fände es schön, wenn man sich vor allem aufgrund meines Humors oder Styles mit mir identifiziert. Und natürlich wegen meiner Musik."

Tatsächlich setzt sich Euniques Following auf Facebook fast im Verhältnis 50:50 aus Männern und Frauen zusammen. Eine Seltenheit, vor allem im HipHop. "Das ist auch ein Generationen-Ding. Bei der jüngeren Generation ist alles durchmischter. Ich fühle mich als ein Sprachrohr für beide Seiten", sagt sie. "Ich kann die Probleme beider Geschlechter verstehen – dadurch, dass ich eben auch viele männliche Freunde habe. Erst wenn ich in Drittplattformen auftauche, spielt es plötzlich eine Rolle, dass ich eine Frau bin."

Wir sind in der Dessous-Abteilung angelangt und bestaunen einen Catsuit aus italienischer Spitze. Cee verfällt ins Schwärmen über eine roséfarbene Corsage, Eunique betrachtet extravagante Bodychains. Die "Brüder" und Michael Jackson haben sich irgendwoanders hin verzupft. Ihre Weiblichkeit und Sexualität hat Eunique nie versteckt, im Gegenteil. Ihr Style, ihre Musik, ihr Tanz – Eunique strahlt ein kompromissloses, weibliches Selbstbewusstsein aus, das unantastbar wirkt. "Dabei wurde ich früher dafür kritisiert, dass ich angeblich zu freizügig sei. Heute sagt das aber keiner mehr", erzählt sie. Wie sie das geschafft hat? "Man muss es einfach ownen. Ich hab die Leute so hart penetriert am Anfang!" Sie lacht. "Man hat so oft meine Nippel gesehen, dass es die Leute mit der Zeit einfach akzeptiert haben."

Es ist nicht selten in der Musikindustrie, dass Frauen, die offen ihre Sexualität darstellen und thematisieren, Probleme kriegen, ebenfalls vor allem im HipHop. Slutshaming, wie es Schwesta Ewa in beispiellosem Maße bis heute ertragen muss, ist gängig. Subtiler, aber ebenso beleidigend, ist, dass Frauen, die Sex in ihre Kunst einfließen lassen, oft musikalische Qualität abgesprochen wird. Frei nach dem Motto: "Warum zeigt sie sich/singt sie/rappt sie so? Das hat sie doch gar nicht nötig!"

"Ich finde Sexualität und sie auszudrücken total wichtig", sagt Eunique. "Wenn man zu seiner Sexualität steht, ermutigt man auch andere Menschen, zu sich stehen zu können. Vor allem bei Frauen ist das wichtig." So rappt Eunique gleichermaßen Hymnen für Frauen wie "Wer ist so nice" wie auch mal Zeilen wie "Ein Blowjob in 'nem Whirlpool ist meine Art von 'ner Taufe". Oder nutzte ihren Featurepart auf dem Song "Groupie" mit dem Rapper und YouTuber Mert, der in der Vergangenheit für seine homophoben Aussagen scharf kritisiert wurde, um sich selbst als bisexuell zu outen.

Bam! Eunique hatte so nicht nur den besseren Rap-Part auf dem Song, auf dem sie eigentlich nur Gast war, sondern vor allem den längeren Schwanz. "Ich wollte damit zeigen, dass man, wenn man musikalisch auf einem Nenner ist, auch so zueinander finden kann."

Wir verlassen das Alsterhaus Richtung Hafencity. Auf dem Weg begegnen uns noch einigen Plakate mit Euniques Gesichts darauf, Teenies strömen daran vorbei. Natürlich wirbt sie für eine riesige Marke mit viel Geld im Nacken – aber das viel Wichtigere ist, dass da überlebensgroß eine selbstbewusste, Schwarze Frau hängt. Und ein Plakat kann einiges bewirken.

"Als ich ins Office einer großen Plattenfirma kam, hing da ein Plakat von Helene Fischer. Da habe ich mir gedacht, 'Ja man, wo Helene ist, da will ich auch hin'", erzählt Eunique, während wir zur U-Bahn laufen. Sie streckt den Zeigefinger aus und zieht ihre Augenbrauen entschlossen zusammen, sodass sie ein wenig aussieht, wie eine weibliche, schwarze Version von Uncle Sam, nur in dunklem Lack-Outfit, statt dem Ami-Fummel, und sagt: "Helene, ich komme nur wegen deinem Arsch hier her. Nur für deinen Arsch mach ich das!"

Sie lacht und sagt: "Helene Fischer und Nena sind Queens." Ich frage, ob sie auch Vorbilder sind. "In gewisser Weise ja. Nena hat es geschafft, dass ihre Songs auch in Amerika gepumpt werden. Helene Fischer wiederum spielt Shows auf internationalem Niveau. Aber man soll sich von Vorbildern verleiten, nicht leiten lassen."

Ein Spruch, der einem unweigerlich Eunique auf der Couch ihres Bootcamps in den Kopf ruft, wie sie Flipcharts voller Motivationssprüche, Mood-Boards und Etappenziele konzentriert studiert. Auch wenn einiges, was Eunique sagt, manchmal ein bisschen einstudiert und klischeehaft anmutet, wirkt sie zu keinem Zeitpunkt fake. Eunique weiß, wer sie ist. Und noch mehr, wo sie hin will.

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Euniques Album Gift ist am 20. April 2018 erschienen. Solltet ihr es noch nicht gehört haben, dann müsst ihr das dringend nachholen. Am besten gleich hier:

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