Lilabungalow sind eine richtige Underdog-Kapelle

Acht Jahre hat Lilabungalow für das Debütalbum gebraucht. Wie geht das denn?

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Okt. 5 2012, 12:00pm

Foto: Katrin Ingwersen

Lilabungalow war lange Zeit so eine Art Pseudonym für den Musiker Patrick Föllmer, der als Lilabungalow mit unterschiedlichen Musikern auf noch unterschiedlicheren Bühnen stand, was jedoch nie zu einer festen Band, geschweige denn zu einer Albumveröffentlichung führte. Bis zu diesem Frühjahr, denn da kam einiges zusammen: Patrick machte seine zweites Staatsexamen und erfüllte damit nach eigener Aussage endlich den Dienst an der Gesellschaft. Zeit also, sich um das wahre Leben zu kümmern: Statt als Lehrer die Verbeamtung ins Visier zu nehmen, entschied Patrick sich für das unstete Leben als Vollzeitmusiker, fand zwei feste Bandmitglieder, tourte mit Herbert Grönemeyer und spielte mit diesen ein Album ein. Seit letzter Woche ist diese selbstbetitelte Album von Lilabungalow nun käuflich zu erwerben. Der Beginn einer großen Karriere?

Ich habe gelesen, dass es Lilabungalow schon seit acht Jahren gibt, das ist beachtlich. Noch beachtlicher ist, dass ihr erst jetzt das Debütalbum veröffentlicht. Wie kommt das denn?
Patrick Föllmer: Das stimmt allerdings. Ich kann gar nicht wirklich sagen, warum. Es hat einfach seine Zeit gebraucht. Ich habe zwischendurch viele andere Sachen gemacht, unter anderem zwei Staatsexamen ...

In was?
Ich bin Lehrer. Also jetzt habe ich damit aufgehört. Aber das hat ein bisschen Zeit in Anspruch genommen. Dann bin ich mit anderen Bands getourt, war da Mädchen für alles, habe anderen Leuten gedient. Und das Bungalow war dann der Einstieg in die Tatsache, dass ich jetzt der Frontmann bin.

Und damit andere Leute dir dienen müssen. Wie kam es dann dazu, dass du ausgerechnet jetzt, nach acht Jahren, ein Album schreiben und veröffentlichen konntest?
Wie gesagt, ich habe mein zweites Staatsexamen abgelegt und nachdem diese Pflicht an der Gesellschaft für mich erledigt war, habe ich mir gedacht, du hast die Möglichkeit ein Album zu veröffentlichen, also ziehst du es jetzt auch durch. Was den Schreibprozess angeht, liegt das natürlich auch an meinen großartigen Mitmusikern, die Teile des Weges mit mir gegangen sind. Wenn man die Zeit hat und die Möglichkeit bekommt, das irgendwie gegen zu finanzieren, dann macht das Sinn.

Da sprichst du gleich den entscheidenden Punkt an: die Gegenfinanzierung. In dem Moment, in dem du dich entschieden hast, das Ganze hauptberuflich durchzuziehen und ein Album zu produzieren, kann es ja noch keine Finanzierung gegeben haben. Wie hast du das gemacht?
Nein, das ergibt sich durch meine berufliche Laufbahn, da hab ich einfach Geld gespart. Ich habe immer in Bereichen gearbeitet, die nichts mit Musik zu tun haben, einfach, um für die Musik Geld zu verdienen. Mit dem ersten Album kann man nie Geld verdienen. Außer man ist Boy. (lacht)

Ist Lilabungalow mehr als nur ein Pseudonym für Patrick Föllmer? Habt ihr inzwischen eine feste Band?
Wir sind tatsächlich inzwischen eine feste Band. Das hat sich erst so vor einem halben Jahr so gefunden. Erstmals habe ich das Gefühl in einer Besetzung zu arbeiten, die längerfristig so bleiben wird. Wir haben in der Vergangenheit auch schon zu acht gespielt, das hat sich dann aber wieder aufgeteilt.

Mit acht Musikern auf Tournee dürfte interessant sein.
Das ist eine harte Travelparty! Aber da waren auch eine ganze Menge Leute dabei, die einfach in anderen Projekten sehr aktiv sind und vom Style her nicht so richtig zu uns passten. Jetzt passt das besser, wir sind eine richtige Underdog-Kapelle.

Wir hatten vor ein paar Tagen die Videopremiere für eure aktuelle Single „Lick My Shoes“ auf der Seite. Das Video wurde über Crowdfunding finanziert, erzähl mal.
Für mich war das sehr neu, aber unser Label Analogsoul hatte damit schon sehr gute Erfahrungen gemacht. Und für uns war es total interessant, mal auszuchecken, wie fett die Hood ist—also wie sehr unsere Fans wirklich hinter der Sache stehen. Das war ein bisschen spannungsgeladen, aber es hat am Ende sehr gut funktioniert.

Man sieht im Video eine Menge Kinder, aber ihr als Musiker tretet überhaupt nicht auf. War das eine bewusste Entscheidung?
Ja. Weil wir visuell schon sehr präsent sind, und wir hier die Bildsprache und die Aussage eher in den Vordergrund stellen wollten und nicht unsere Gesichter. Die kriegt man schon mit, wenn man zu einem Konzert geht, aber hier ging es darum, die Idee des Songs maximal zu supporten.

Momentan gibt es das sehr häufig, dass Bands ihre Videos und teilweise auch Alben über die Crowd finanzieren. Wie siehst du das Konzept, jetzt, wo es bei euch auch gut funktioniert hat?
Ich finde es total spannend. Auch weil man zu einem gewissen Teil überhaupt nicht abschätzen kann, wie groß die Tragweite dieser Finanzierung ist. Es gibt ja immer wieder Projekte, die so stark überfinanziert werden, dass es fast unglaublich ist. Und man muss immer abwägen, denn wir wollen die Leute ja nicht überstrapazieren. Die spannende Frage ist, wo liegt die Grenze? Bis wohin unterstützen uns die Leute?

Ist Crowdfunding nur eine kurzzeitige Mode oder die Zukunft?
Ich glaube, dass es Zukunft hat. Es gibt eine Sache, die sich aus dieser Verbindung Publikum und Künstler oder Rezipient und Erschaffer nie ändern wird, nämlich, dass es an irgendeinem Punkt, wenn das Ergebnis gut ist, immer Identifikation gibt. Dadurch gibt es immer persönliche Verbindung zwischen beiden Seiten. Ich glaube allerdings, dass diese Bindungen immer individueller werden, weil die Leute was Echtes suchen, weg von der Retorte und hin zu einem individuellen Produkt.

Du schreibst seit 2004 Songs, jetzt sind 12 davon auf dem Album. Ist es euch sehr schwer gefallen, auszuwählen?
Ich hatte gar nicht so viele Songs (lacht). Ich weiß, es ist üblich, dass man, bevor man ein Album macht, 20 oder 30 Songs schreibt und dann auswählt. Das ist bei uns ein bisschen anders, ich brauche relativ lange für jeden Song. Aber er ist für mich dann auch ein Unikat, ich unterscheide nur zwischen einem Song der funktioniert oder einem, der nicht funktioniert. Es gibt keinen besseren oder schlechteren Song. Das macht die Tatsache aus, dass ich 12 Songs schreibe und dann sind es am Ende genau die 12 auf dem Album.

Passend zum eurem sehr eklektischen Sound irgendwo zwischen Jazz und Club, habt ihr schon auf ganz unterschiedlichen Bühnen in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen gespielt. Am anschaulichsten sind wohl diese drei Beispiele: Nachtdigital, Montreux Jazz Festival und im Vorprogramm von Herbert Grönemeyer. Wie passt das zusammen?
Das ist fantastisch oder? (lacht) Genau diese Beispiele würde ich nennen, wenn man mir die Frage stellt, wie ich meine Musik beschreiben würde. Genau an diesen drei Gigs kann man das festmachen. (lacht) Es ist glaube ich eine allgemeingültige Aussage, dass Musik, die grundsätzlich gut gemacht ist oder die einen hohen Grad an Selbstverständnis hat und auch eine menschliche Identität, so gut wie überall funktioniert. Man wird vermutlich sagen, das eine oder andere Festival war nicht so ganz meins, aber man wird den Musikern immer abnehmen, dass das ernst gemeint ist. Und was unsere Musik ganz konkret angeht: Die Elemente darin kommen eben auch aus dem House und Clubbereich, aber auch aus dem Jazz. Ich habe halt auch mal Bock zu rappen. Und ich habe auch mal Bock, zu soulen oder abzuschmachten und einen auf die Erykah Badu in einsfünfundneunzig aus Ostdeutschland zu machen. Das verbietet mir kein Mensch, deswegen können wir so viele Genres bedienen.

Dann solltet ihr nie bei einem Majorlabel unterschreiben, denn dann verbietet dir das bestimmt jemand.
Ich glaube, selbst die Majors müssen da umdenken.

Müssten sie vielleicht, aber ich glaube, sie tun es nicht. Oder noch nicht.
Noch nicht. Was diese Industrie angeht, da muss ich eh immer lachen. Die gehen teilweise mit einer Arroganz zu Werke, die sie sich wirklich nicht leisten können. Klar, da geht es eins zu eins um Profit. Und deswegen bewundere ich auch A&Rs. Weil diese Menschen die Schnittstelle zwischen dem proletarischen Musikgeschmack und dem was der Künstler anbietet, sind. Die müssen entscheiden, welcher Song Günther aus Neudietendorf gefallen könnte. Dass es so einen Job überhaupt gibt, ist schon ein bisschen pervers. Aber uns wird das auch nicht passieren, dass uns ein Major fragt. Dafür müsste es doch sehr viel Mut und Format aufbringen.

Kommen wir noch mal zurück zu den Festivals—hattest du schon mal das Gefühl, fehl am Platz zu sein?
Ja, beim Nachtdigital hatte ich anfangs das Gefühl. Weil dort ja schon ein ganz guter Technorave geht.

Darauf wollte ich hinaus.
Ja, da bin ich angekommen und dachte, „Wow, ihr seid ja ziemlich crazy unterwegs hier“. Aber der Gig war dann echt gut, vor allem, weil wir dort auch in der großen Acht-Mann-Besetzung gespielt haben.

Wie kam das mit Herbert Grönemeyer?
Das war Glück. Erfurt ist ja so ein kleiner Melting-Pot der Musik und dort haben wir mal über Clueso und Norman Sinn die Tochter von Herbert Grönemeyer kennengelernt. Und die ist für die Supportauswahl bei Herbert zuständig, das ist so ein richtiges Familienunternehmen. Und dann kam irgendwann so ganz bilderbuchmäßig der Anruf, nach dem Motto, „Vatter hat ein paar Auslandsgigs, habt ihr Bock?“

Wie haben die Leute da eure Musik aufgenommen?
Erstaunlich gut, das war schön. Allerdings muss ich auch sagen, dass wir mit viel Demut und Dankbarkeit an die Sache herangegangen sind, weil das für uns einfach eine surreale Erfahrung war, vor so vielen Leuten zu spielen. Das war vor allem beim Montreux Jazz Festival so, das auch ein Teil der Grönemeyer-Tour war. Das war krass.

Bei einem solchen Festival wird ja auch ein Fachpublikum vor Ort sein. Die Leute haben auf jeden Fall bestimmt mehr Ahnung von gut gemachter, analoger Musik als die Raver beim Nachtdigital. Macht euch sowas Druck?
Nein, das spielt da nicht so eine Rolle. Da beschäftigt mich eher der Fakt, dass auf diesem Festival auch Chet Baker und Miles Davis gespielt haben, also krasse Ikonen. Und wir setzen jetzt hier unseren Fingerprint in die Montreux Musikgeschichte.


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Lilabungalows Lilabungalow erscheint am 28.09. bei Analogsoul / Kick the Flame (Broken Silence).

Noisey präsentiert die Tournee von Lilabungalow im Herbst, hier die Termine:

17.10.2012 Jena - Kassablanca
18.10.2012 Berlin - about blank
19.10.2012 Leipzig - Neues Schauspiel
20.10.2012 Potsdam - Hans-Otto-Theater
21.10.2012 Rostock - Peter-Weiss-Haus
23.10.2012 Bayreuth - Glashaus
24.10.2012 Erfurt - Franz Mehlhose
25.10.2012 Hamburg - Good - Old -Days
26.10.2012 Bielefeld - Nummer zu Platz
27.10.2012 Frankfurt - Nachtleben
02.11.2012 Chemnitz - Weltecho