Diese Band nutzt für ihre Musik die Schreie von psychisch Kranken und Vergewaltigungsopfern

Das mysteriöse Bandprojekt Gulaggh artikuliert die tiefsten Abgründe der menschlichen Existenz.

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Juni 1 2015, 1:17pm

Die Band Gulaggh hieß früher mal Stalaggh und als Stalaggh haben sie eine EP und vier Alben mit ... nun ja ... mit Material veröffentlicht. Es fällt einem nicht ganz leicht, ihre Arbeit als Musik im herkömmlichen Sinn zu bezeichnen—sie sprengen selbst die Grenzen von dem, was die meisten Menschen als Noise bezeichnen würden. Zu hören sind vor allem die Schreie von Insassen einer psychiatrischen Anstalt, von Vergewaltigungsopfern, ehemaligen Prostituierten und kleinen Kindern mit großen Problemen.

Gulaggh oder Stalaggh interessieren sich nur für die absolut tiefsten Abgründe des menschlichen Daseins. In der aktuellen Besetzung arbeiten sie gerade an der Veröffentlichung des zweiten Albums einer Trilogie, von der sie hoffen, dass sie in Sachen Nihilismus und Misanthropie das letzte Wort sprechen wird.

Über die Band selbst ist kaum etwas bekannt. Sie stammt irgendwo aus Holland, aber woher genau, weiß niemand. Es bleibt auch ein großes Mysterium, wer zu der Band gehört. Es kursieren Gerüchte, dass einige der niederländischen Black Metal Größen dort mitmischen, aber nichts davon ist bestätigt. Eins steht allerdings fest: Die Sache mit der Anonymität nehmen sie unglaublich ernst.


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Noisey: Ich finde es total faszinierend, dass ihr psychisch Kranke als Sänger nehmt.
Gulaggh: Wir haben auf jedem unserer Alben mit Anstaltsinsassen zusammengearbeitet. Wir wollen, dass der Schmerz und das Leiden in den Vocals wirklich echt und nicht gestellt ist. Einer aus unserer Band arbeitet in einer psychiatrischen Einrichtung in Holland und so bekommen wir dann auch Zugang zu diesen Menschen und die Erlaubnis für die Aufnahmen. Alle Patienten, die mit uns zusammengearbeitet haben, haben eine Einverständniserklärung unterschrieben. Es ist kein offizielles, rechtskräftiges Dokument, sondern lediglich ein Statement, dass sie eingewilligt haben, mit uns Aufnahmen zu machen. Das reicht uns. Einer der Patienten, der unter Schizophrenie leidet, hat die Zeichnung des Covers für Pure Misanthropia gemacht. Manche durften die Anstalt auch für ein paar Tage verlassen, andere wiederum leben mit entsprechender Betreuung alleine.

Einige von ihnen sind viel intelligenter als geistig gesunde Menschen. Die Gedankengänge von Wahnsinnigen sind um einiges interessanter als die gesunder Menschen. Dieses Leben in konstanter Angst und Schmerz führt dazu, dass die Seele von Hass und Verzweiflung erfüllt wird, und das führt einen dann zu Visionen über die Reiche der Dunkelheit und des Todes. Für diese Menschen fühlen sich diese Bilder echt an. Sie können ihre mentalen Leiden für Stalaggh in Klang umwandeln und wir können ihre Verzweiflung und ihre Angst in die Köpfe anderer Menschen pflanzen, so dass es sich auch für sie echt anfühlt.

Wie habt ihr es denn geschafft, die Einrichtung davon zu überzeugen, mit den Patienten zusammenarbeiten zu dürfen? Das müsste doch gegen irgendeinen medizinischen Ethos gegangen sein—haben ihre Eltern oder ihre Betreuer sich nicht dagegen gesträubt?
Das Bandmitglied, das in der Anstalt arbeitet, kennt die Patienten gut und hat sich auch mit mehreren von ihnen angefreundet. Den Vokalisten, die bei unseren Projekten mitmachen, sagen wir immer, worum es bei Stalaggh geht. Die meisten von ihnen teilen unsere Ideologie auch. Ihre psychische Verfassung lässt sie die Menschen und die Gesellschaft hassen, es ist also nicht gerade schwer, sie dazu zu überreden, bei unseren Projekten mitzumachen.

Um die Einrichtung dazu zu kriegen, einzuwilligen, lassen wir sie in dem Glauben, dass wir Konzeptkunst machen. Deswegen dauert es auch so lang, um ein Album fertigzustellen—wir müssen gefälschte Anträge stellen und so weiter. Manchmal dauert es über ein Jahr, bis wir die Erlaubnis bekommen, die Schreie aufnehmen zu dürfen. Wir würden riesige Probleme bekommen, wenn die Anstalt herausfinden würde, wofür wie die Schreie eigentlich verwendet haben.

Das ist auch einer der Gründe, warum wir anonym bleiben. Wir verwenden jetzt Luther Feuer (nicht sein echter Name, aber der Name eines bekannten Komponisten), um Briefe an die Einrichtung zu schreiben. Er erzählt ihnen, dass er die Schreie der Patienten in ein Klassikstück einbauen möchte, und da er so bekannt ist, funktioniert das auch ziemlich gut. Bei Vorkuta mussten wir extra ein falsches Musikstück mit den Schreien der Kinder erschaffen, weil die Einrichtung das Ergebnis hören wollte.

Kinder?
Kinder schreien total faszinierend und haben auch keine Angst davor. Die meisten Erwachsenen schämen sich zu sehr, um richtig zu schreien. Kinder geben einfach alles, was sie haben, und schreien viel lauter.

Es muss ziemlich schwer gewesen sein, das in die Wege zu leiten. Wie habt ihr das hinbekommen?
Es hat fast ein Jahr gedauert, bis wir die Erlaubnis bekommen haben, die Schreie der Kinder aufzunehmen. Wir schickten also Luther Feuer vor, um einen falschen Antrag an die Institution zu schreiben. Er musste dann öfters dorthin gehen und erklären, warum er gerade Kinder einsetzen will. Er sagte ihnen, dass er ein klassisches Musikstück basierend auf den Schreien der Kinder komponieren wolle. Sie gaben uns dann nur eine Stunde für die Aufnahmen, aber wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Wie war es, mit ihnen zu arbeiten? Waren die Betreuer anwesend? Haben sie jemals die Aufnahmen unterbrochen?
Es war eine unglaublich faszinierende Erfahrung. Es befanden sich ungefähr 30 Kinder zusammen mit drei Betreuern in einem Raum. Für die Aufnahmen waren nur Luther Feuer und ein anderes Bandmitglied vor Ort. Wir baten die Kinder einfach, so laut zu schreien, wie sie können. Die Betreuer brachen das ganze dann ab, als die Kinder zu emotional wurden und anfingen zu weinen—da hatten wir dann aber schon genug Material. Vor allem eins der Mädchen beeindruckte uns sehr. Sie kratzte mit ihren Fingernägeln auf dem Boden rum, bis sie anfing zu bluten. Ihre Schreie waren sehr intensiv und sind ein wichtiger Teil der Vorkuta-Aufnahmen.

Ihr habt auch die Schreie von ehemaligen Prostituierten und Vergewaltigungsopfern aufgenommen.
Im Arbeitslager Workuta gab es viele Frauen und Kinder, deswegen war es uns auch sehr wichtig, sie auf dem Vorkuta-Album zu haben. Die Schreie von Frauen und Kindern erzeugen eine ganz andere Atmosphäre. Die Frauen, die wir für die Aufnahmen verwendet haben, waren „geistig geschädigte Frauen“, Vergewaltigungsopfer und ehemalige Prostituierte, die eine Menge Gewalt erlitten hatten. Es war eine sehr faszinierende Erfahrung, mit ihnen zusammenzuarbeiten—vor allem, als dann beim Schreien langsam ihre Gefühle an die Oberfläche traten.

Gab es bei euch jemals Unstimmigkeiten innerhalb der Band, was die moralischen Aspekte, so verwundbare Menschen derartig zu benutzen, anging?
Nein. Wir sind sehr zufrieden damit, dass wir unsere Ziele erreichen konnten, und für einige Patienten war das Schreien eine sehr gute Therapie. Viele von ihnen haben sogar gesagt, dass die Aufnahmen mit uns die beste Therapie waren, die sie je gemacht haben. Sie konnten ihre ganzen Ängste, ihren Schmerz und ihre Frustration beim Schreien rauslassen. Uns wurde schon öfter vorgeworfen, dass wir diese Patienten ausnutzen würden, aber wir kümmern uns nicht darum, was andere sagen. Wir wissen, wie es ist, mit ihnen zusammenzuarbeiten und viele von ihnen möchten auch gerne wieder mit uns was machen.

Habt ihr sie auch persönlich kennengelernt und ihre Geschichten gehört?
Mit einigen dieser Patienten stehen wir seit vielen Jahren in Kontakt und viele von ihnen haben bei unseren meisten Projekten mitgearbeitet. Auf Projekt Nihil haben wir einen Patienten mit einer sehr interessanten Vorgeschichte eingesetzt. Er war ein Psychopath und hat seine Mutter umgebracht, als er 16 war. Sie hatte über 30 Stichverletzungen. Es hat Jahre gedauert, bis er uns erzählt hat, warum er sie ermordet hat. Er wurde, als er jung war, über mehrere Jahre hinweg von seinem Onkel missbraucht. Seine Mutter wusste davon, hat aber nichts getan, um das zu verhindern. Sie ließ ihn sogar alleine im Haus seines Onkels zurück. Er fing an, seine Mutter so sehr zu hassen, dass er eines Nachts ein Messer aus der Küche nahm und anfing, auf sie einzustechen, als sie in ihrem Bett lag. Er hat viele Jahre im Jugendgefängnis verbracht und danach in psychiatrischen Anstalten für Kriminelle. Am Ende seiner Strafzeit durfte er die Anstalt für ein paar Tage im Monat zu verlassen. So konnte er dann auch mit uns aufnehmen. Er ist vor ein paar Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.


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Ist es jemals gefährlich für euch gewesen, mit Menschen zu arbeiten, die geistesgestört oder sogar potenzielle Mörder waren?
Ja, bei den Aufnahmen zu Projekt Terror ist eins unserer Bandmitglieder von einem der Patienten fast stranguliert worden. Du kannst die Würgegeräusche auf der Platte hören, wenn du aufmerksam bist.

Auf eurer zweiten Platte der Trilogie werden die Schreie von Menschen zu hören sein, die taub auf die Welt gekommen sind. Was kommt als nächstes?
Für das zweite Gulaggh-Projekt, Kolyma, werden wir wieder klassische Instrumente einsetzen, aber es wird sich im Klang und im Ansatz komplett von Vorkuta unterscheiden. Kolyma wird eher bombastisch im Sound sein. Wir wollen dieses Mal ein richtiges Orchester benutzen. Als Vokalisten wollen wir Menschen nehmen, die taub auf die Welt gekommen sind. Ihre Schreie sind fast animalisch, weil sie nie ihre eigene Stimme gehört haben. Außerdem werden sie nicht die Schreie der anderen hören können, es wird also alles viel chaotischer werden.

Ihr habt gesagt, dass ihr euch nach dem Gulaggh-Projekt auflöst. Warum das?
Wir haben dann das erschaffen, was wir von Beginn an geplant hatten, und dann ist unsere Mission erfüllt. Dann gibt es keinen Grund mehr weiterzumachen.

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