Ich habe Limp Bizkit gesehen und es hat mein Leben verändert

Wir sind nach Long Island gefahren, um uns ein Limp Bizkit Konzert anzuschauen, und es hat unsere komplette Meinung darüber verändert, was Punk Rock bedeutet.

|
03 Mai 2013, 8:00am

Was ist Größe? Ist es Größe, 40 Millionen Platten zu verkaufen? Wenn ja, dann hat Fred Durst definitiv Größe erreicht. Ist es Größe von unzähligen Fremden bewundert zu werden, die dir deine eigenen Worte zuschreien, Worte, die du geschrieben hast, während ein Feuerwerk und anderer Scheiß hinter dir in die Luft gehen? Wenn das Größe ist, dann war Fred Durst tatsächlich mal ziemlich groß. Ist es Größe, wenn man tatsächlich als einer der Großen in Erinnerung bleibt? Wenn das der Fall ist, ist Fred Durst nicht groß oder überhaupt wichtig. Popkultur hat ein kurzes Gedächtnis und die Geschichte wird oft nicht von den Gewinnern geschrieben, sondern von ihren Kritikern. Aber was ist ein Gewinner überhaupt? Ist es der Typ, der wirklich gewonnen hat und wer bestimmt, wer gewonnen hat? Anders ausgedrückt, warum spricht niemand darüber, wie Limp Bizkit (für eine verdammt große Menschenmasse) eine viel wichtigere Band ist als Neutral Milk Hotel? Und ist Fred Durst tatsächlich ein Idiot, nur weil jemand anderes das gesagt hat?

Im Paramount, eine vielleicht 3000-Personen-Konzerthalle in Long Island, wo die wiedervereinten, neuerdings bei Cash Money gesignten Limp Bizkit gestern Abend auftraten, war die Antwort auf diese und ziemlich alle anderen Fragen, die dir hätten einfallen können, ganz einfach: „GET THE FUCK UUUUUUUP!”

Mainstream-Rock aus Amerika geht durch Phasen, so unbeständig und unterschiedlich wie die Schichten der Erdkruste. Stadionrock wurde zu Hair Metal, das von Grunge auseinandergerissen und von Nu-Metal und Limp Bizkits Rap-Rock zerfressen wurde, was dann wiederum von Emo- und Pop-Punk ersetzt wurde, um dann ersetzt zu werden von … ja, von was eigentlich? An Indie angelehnten Folk-Rock? Das ist nicht die Mainstream-Rock-Realität, in der ich oder irgendjemand anderes leben möchte, und genau das ist der Grund, warum es tatsächlich recht erfrischend ist, dass Limp Bizkit wieder zurück sind—wenigstens haben sie die Eier, die Leute aktiv anzupissen, anstatt sie nur zu langweilen.

Limp Bizkit wurde in Jacksonville, Florida ins Leben gerufen, von einem anscheinend todmüden Skater/Tattoo-Künstler mit dem Namen Fred Durst, der laut Wikipedia dem Bassisten seiner Band Shindig gesagt haben soll, dass sie eine neue Band gründen sollten, die Rappen und Rocken kombiniert. Und das taten sie auch, verbündeten sich mit Korn, spielten deren Support und überrundeten sie dann, um einer der größten Pop-Acts Amerikas zu werden. Alles an Limp Bizkit hat die Leute angepisst: der Name (er ist ein anderer Name für Soggy Biscuit–ein Spiel, bei dem die Teilnehmer auf einen Keks wichsen und der Letzte ihn dann essen muss), wie sie in den Mainstream gelangten (ihr Label zahlte einem Radiosender in Portland eine Menge Geld, damit sie die Single „Counterfeit“ spielten, wodurch sie Bekanntheit und Schmach ernteten, sie sprengten ein Boot auf MTV und ihre erste Single ohne Schmiergeld war das Cover „Faith“ von George Michael), bis zu dem Punkt, an dem Fred Durst öffentlich von seinem Ruhm sprach (in einem 1999 SPIN-Porträt erklärte er, warum er es gut fand, dass seine harte Band als „Pop“ bezeichnet wird, denn „'Pop' bedeutet 'pop-u-lär', was für mich cool ist,“ und außerdem kam heraus, dass Durst seinen Hund nach seiner Band benannt hatte). Mehr muss dazu nicht gesagt werden, denn Limp Bizkit hatte sowohl das Geld als auch die Feindseligkeit, um auf dem Ozzfest '98 auf der Bühne aus einer riesigen Toilette zu springen. Obwohl sie offensichtlich genervt haben, hatte Bizkit die richtige Kombination aus anstrengend angebrachten Riffs, Pop-Hooks und einer stadion-fähigen Show, um zahlreiche genervte, Baggypants-tragende Teenager anzuziehen und ernsthaft etwas in der Welt der amerikanischen Popmusik zu bewegen und zu verändern, trotz der vielen wütenden Kritiker—dasselbe SPIN-Profil war offenkundig herablassend gegenüber jedem in der Band außer Borland und verkündete „Limp Bizkit muss erstmal einen guten Song schreiben.“ Aber wer hatte im Endeffekt Recht? Der Typ, der das Porträt schrieb, oder die sieben Millionen Menschen, die Significant Other kauften?

Eine Sache ist jedoch sicher. Die Meinung dieses Typen war ziemlich unwichtig, als Bizkit gestern die Bühne mit „Rollin’ (Air Raid Vehicle)” übernahmen und es schafften, das gesamte Publikum—inklusive mir—in absolute Ekstase zu versetzen. Die Band schien, sich ernsthaft geehrt zu fühlen vor 3000 Leuten zu spielen, obwohl sie in ihrem Leben schon deutlich größere Hallen bespielt haben. Das Publikum bei der Show war so ziemlich genau das, was du auf einer Limp Bizkit Show in Long Island 2013 erwarten würdest—verrückte Typen in den späten Zwanzigern und frühen Dreißigern, die unfassbar un-hipstermäßig waren—und trotzdem trug ungefähr ein Drittel von ihnen umgedrehte rote Yankee-Kappen. Durst trug stolz eine rote Trukfit-Cap, die die neu gefundene Verbundenheit mit Lil Waynes Young Money/Cash Money Label symbolisieren sollte.

eee4fde2be0f061198392154e0914d68


Wes Borland.

Wenn man Limp Bizkit live sieht, bemerkt man, dass es bei der Band viel mehr um die Spannung und deren Freilassung des Durst/Borland-Zusammenspiels geht, als um alles andere. Sie sind in einer Weise wie ein Nu-Metal Van Halen mit ihrem spastischen, torkelnden Frontmann, in einem künstlerischeren und komplexeren Antrieb des Gitarristen, der den Typen einfach dazu bringt, die gottverdammten Riffs zu spielen. Ich bin froh, berichten zu können, dass Fred Durst den seltsamen rhythmischen Affen-Arm-Tanz nicht macht, den er in den Limp-Bizkit-Videos immer auspackt. Stattdessen bewegt er sich wie ein relativ normales menschliches Wesen, wenn du berücksichtigst, vor einer der größten Rap-Rock-Bands aller Zeiten zu stehen. Es spricht nicht wirklich jemand darüber, aber Wes Borland kann verdammt noch mal Gitarre spielen, seine Flying V innerhalb einer Sekunde drosseln, taktvoll schlagen als ob er ein gottloser Yngwie Malmsteen wäre und atmosphärische instrumentelle Intros und Outros hinzufügen, scheinbar wann immer er es für richtig hält. Die beiden hätten auch in Sachen Garderobe keinen größeren Kontrast herstellen können. Während Durst schwarze Basketballshorts trug und einen weißen Limp-Bizkit-Hoodie, war Borland ernsthaft wie ein verfickter Ork angezogen. Sein kompletter Körper war schwarz angemalt, mit einer Perücke auf seinem Kopf und einer leuchtenden Opernmaske, die sein Gesicht verdunkelte. Er spuckte ständig sein Wasser aus, anstatt es runterzuschlucken, was etwas seltsam wirkte, aber wahrscheinlich nichts weiter bedeutete.

Die neue Limp Bizkit Single heißt „Ready to Go“ und ist tatsächlich viel besser als sie sein müsste. Sie wurde von Polow da Don produziert und featured warscheinlich die beste Lil Wayne Strophe aus jüngster Zeit. Es stellte sich heraus, dass die Band das „Ready to Go“-Video an dem Abend drehte, was bedeutete, dass Durst Lil Wayne ankündigte, der niemals erschien, und die Band synchronisierte den Song zweimal vor den Kameras, während ein Typ im Winnie-Pooh-Kostüm auf die Bühne kam und den Wurm machte. Das war geplant (glaube ich).

Bizkit schlossen ihr Set mit dem Rage Against the Machine Cover „Killing in the Name Of” ab und ich wurde daran erinnert, dass diese vielen normalen Amerikaner mit ihrem beschäftigten Leben, in dem sie ab und zu Rockmusik hören und die Texte von Limp Bizkit mitschreien, als ob es die letzte Nacht ihres Lebens wäre, dass genau das Punkrock ist. „Punk“ als Genrebezeichnung und Ausdruck für einen Lebensstil wird problematisch, wenn er sich mit „Coolness“ und „Exklusivität“ verbindet; wenn man das Wissen über soziale Gesetze und den Zugang zu Informationen und physischen Raum privilegiert, können scheinbar demokratische und offene Szenen klassifizierend und verächtlich gegenüber Außenstehenden werden. Eine Limp Bizkit Show zu genießen, ist nicht weniger eine authentische musikalische Erfahrung als jede andere auch. Es gibt keine Hindernisse, die dich davon abhalten würden, sie zu genießen oder auf dem Konzert akzeptiert zu werden. Sie rappen und rocken für die Leute, egal wie diese angezogen sind, welche Jobs sie haben, woran sie glauben oder wo sie am Wochenende abhängen.

Als es an der Zeit für die Zugabe war, kam Durst wieder raus, schmiss Monster Energydrinks in die Menge und verkündete: „Das ist die beste Show, die wir seit 10 Jahren hatten!“, weswegen jeder zum gefühlt millionsten Mal absolut ausflippte. Wahrscheinlich hatten gestern tausende Leute die beste Nacht ihres Lebens bei diesem Limp Bizkit Konzert und egal, was du von ihnen als Band hältst, wenn man Leute sieht, die wegen Musik eine ehrliche und unverfälschte Freude erleben, ist das eine verdammt schöne Sache. Als die Band die Show sowohl mit dem „Faith“-Cover, als auch mit dem andauernden „Break Stuff“ beendete, konnte man spüren, dass nicht eine einzige anwesende Seele wollte, dass es aufhört.

Also, um zurückzukommen: Was ist Größe? Ist es dreitausend fremde Leute in deinen Bann zu ziehen und sie dazu zu bringen, es verdammt noch mal zu lieben? Besteht Punk aus bereits existierenden Regeln, an die du dich halten musst, oder geht es darum, die Tradition zu zerstören und seine eigenen Scheiß-Regeln zu machen? Unwillkürlich Erfolg zu haben ist Punk as fuck. Genauso wie eine gute Zeit zu haben. Und auch sich nicht darum zu kümmern, was andere Leute denken. Und Leute anzupissen. Und so wird Limp Bizkit immer mehr Punk sein als Gott.


Limp Bizkit live in Deutschland 2019

10.07.2019 Bremen / Halle 7
11.07.2019 Düsseldorf / Mitsubishi Electric Halle
13.07.2019 Saarbrücken / Vorplatz der Kongresshalle
14.07.2019 München / Zenith

Folgt Noisey Deutschland auf Facebook, Instagram und Snapchat.

Folgt Noisey Austria auf Facebook, Instagram und Twitter.

Folgt Noisey Schweiz auf Facebook, Instagram und Spotify.