Wenn ich das Trio L.E.J. sehe, will ich Crack rauchen gehen

Die Welt war in Ordnung—Bis das Mädchen-Trio L.E.J. mit seinen Dreads, Cellos und Pumphosen zur YouTube-Sensation wurde.

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Aug. 12 2016, 11:00am

Letzten Sommer sind sie in unseren Social-Media- Streams so kraftvoll aufgeschlagen wie zuvor nur dieser musikalische Papagei oder dieser Leguan, der in eine Badewanne scheißt: Die drei Ladys von L.E.J. mit ihrem viralen Video „Summer 2015“.

Wie alle anderen viralen Videos wurde es mir von einer alten Schulkameradin geschickt, mit der mich ansonsten nur noch betrunkenes Facebook-Foto-Anschauen verbindet. Und wie so oft wollte ich schon sofort auf Durchzug schalten: Pluderhosen, Dreads, Cello, das Wort „Medley“ ... Bevor der Song überhaupt angefangen hatte, herrschte bei all meinen Sinnen höchste Alarmbereitschaft. Nein, ernsthaft, das erinnerte mich alles zu sehr an mein Jahr Musikwissenschaft. Das Institut war mittellos und teilte sich die Örtlichkeiten mit den Theaterstudenten.

Aber diesmal verlief alles ein bisschen anders als sonst. Nehmen wir das Beispiel des kotenden Leguans: Nachdem er erst einmal ein paar Millionen Klicks hatte, wurde er von diversen YouTube-Channels mit dem Wort „Buzz“ im Namen aufgegriffen, woraufhin er in Großraumbüros von Bildschirm zu Bildschirm sprang und schließlich von größeren Medienfirmen entdeckt wurde. Dann hatte das Video seine Lebensdauer erschöpft, versank wieder im Internetsumpf, und wurde von anderen tollen Darbietungen ersetzt—vielleicht eine Ottermama, die Junge zur Welt bringt oder Nashörner beim Geschlechtsverkehr oder eine rührende Geschichte über einen wohltätigen Promi.

Doch L.E.J. sind nicht wieder im Sumpf versunken, sondern machen genau das Gegenteil. Sie walzen durch alle französischen TV-Sendungen, sie füllen das Olympia in Paris, sie geben ihre Meinung zu sexueller Belästigung kund. L.E.J. sind nicht totzukriegen. Warum? Warum wurde der kackende Leguan nicht von Live Nation unter Vertrag genommen? Warum war nicht er es, der ins Vorprogramm von Pharrell Williams durfte?

Warum wurde der Leguan, der nur ein bisschen Buzz bekam, nicht auch von aller Welt gepriesen—zum Beispiel von meiner Oma, die L.E.J. „sehr niedlich“ findet? Ich weiß es nicht, aber ich muss dieser schmerzhaften Frage auf den Grund gehen.

„Summer 2015“ erschien Anfang August, gerade als die Tour de France zu Ende war. Es brauchte dringend neuen Gesprächsstoff für die Mittagspause. Etwas, das nicht so sehr auf den Magen schlägt wie die Krise in Griechenland. Dagegen sind L.E.J. wirklich leicht verdaulich: Es gibt keine Message. Sie sind Gute-Laune-Botinnen, die keine Forderungen stellen. Sie machen es einfach allem und jedem recht, mit Aussagen wie:

„Wir sind definitiv keine Botschafterinnen für Seine Saint-Denis [im Norden von Paris, die Heimat von L.E.J.], aber wir sind schon stolz auf unsere Herkunft.“ Damit haben sie sich die Sympathien ihrer Hood gesichert, aber sich für den Rest der Welt nicht als Lokalheldinnen abgestempelt. Alle Türen bleiben offen.

Für ihren eigenen Song „La Dalle“ haben sie sich das Thema sexuelle Belästigung auf der Straße vorgeknöpft—und sich damit einen der massentauglichsten politischen Kämpfe auf die Fahne geschrieben, den es gibt. Wer könnte den drei Freundinnen schon widersprechen, wenn sie sagen, dass sie es leid sind, in der Öffentlichkeit wie ein Stück Fleisch behandelt zu werden? Wie Bono mit seinem Kampf gegen den Welthunger sind L.E.J. einfach zu familienfreundlich, als dass jemand ein Problem mit ihnen haben könnte. Vor allem nicht die Eltern, die erleichtert sind, endlich die kulturellen Vorlieben ihrer Kinder gutheißen zu können. Die Sauberfrauen mit dem sozialen Engagement sind ihnen geheuer, die vulgären Rapperinnen wie Nicki Minaj nicht. L.E.J. sagen niemals „Schwanz“. Nein, nicht einmal „Anaconda“ käme über ihre Lippen. Als es in „La Dalle“ unter die Gürtellinie geht, zensieren sie sich höflich selbst und lassen eine Pause im Text. Weit und breit keine Geschlechtsorgane oder harten Worte. Es ist der Nullpunkt der Provokation.

Und ihre Fans passen perfekt in dieses Bild. Als in einer Reportage Lucie und Elisa rauchend zu sehen waren, brach sich über ihren Köpfen eine Welle mütterlicher Besorgnis:

„Warum rauchen die denn? Ich bin enttäuscht ... :( Bitte hört auf zu rauchen, macht nicht eure schönen Stimmen kaputt :’(“

„Schluss mit dem Rauchen, eure Stimmen sind einfach perfekt, die dürft ihr euch nicht ruinieren!“

„Ihr raucht, ihr enttäuscht mich, ihr macht euch die Stimme kaputt denkt mal drüber nach, nicht für mich sondern für euch selbst.“

Die Fans von L.E.J. sind Leute, die Brennnesselsaft kaufen. Sie sind Leute, die sich im Pizzarestaurant nur einen Endiviensalat bestellten. Sie gehen zum Heilpraktiker, sehen das Wort „Detox“ als überzeugendes Verkaufsargument und nähen ihre eigene Laptop-Hülle aus ungefärbtem Fairtrade-Stoff. Wenn du sie fragst, was sie an L.E.J. so lieben (und das habe ich), dann heißt es: Die sind einfach so gut gelaunt, und die Musik ist so toll („Ich liebe es, das Samstags beim Putzen zu hören“). Und außerdem, ist doch super, wenn diese jungen Frauen den Leuten in so schweren Zeiten ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Und Talent haben sie doch allemal, das kannst du nicht abstreiten, Marie! Immerhin waren sie auf dem Konservatorium und der Maîtrise de Radio France! — Ach ja, wenn das so ist, dann muss ich sie ja gut finden.

Und wem sie nicht gefallen, der muss sich auf den persönlichen Geschmack berufen, denn das Konservatorium ist ein unumstößlicher Qualitätsbeweis. Persönlich habe ich aufgehört, an diese Legende zu glauben, als mir eine Violinistin von einer der weltweit angesehensten Institutionen für Musiker, der Universität der Künste in Berlin, völlig ernst erzählte, ihr Lieblingsstück für Klavier sei „River Flows In You“ (wie, das kennst du nicht? Aus Twilight, natürlich). Klar, Institutionen wie Konservatorien garantieren ein gewisses Maß an technischem Können, aber ein Garant für künstlerische Reife sind sie offensichtlich nicht.

Elisa von L.E.J. sagt dazu: „Wir haben die Technik drauf.“ Und das stimmt auch, alle drei haben ihr Instrument gemeistert (die Stimme bzw. das Cello). Sie singen richtig und gut, sie wissen, wie man effektiv arrangiert—kurz gesagt: Sie sind gute Interpretinnen. Aber wozu nutzen sie dieses Können? Die Liste ihrer Cover (außer „La Dalle“ umfasst ihr Repertoire nur Cover- Songs) erfüllt mich mit Bestürzung: Maître Gims, Kendji Girac, Major Lazer, Bigflo et Oli, Bruno Mars, Magic System ... Wenn man sie fragt, wie sie die Songs für ihre Medleys auswählen, erhält man eine verblüffend entwaffnende Antwort: Sie würden einfach nur „kommerzielle Songs covern“ wollen, und diese würden ihnen „selbst nicht unbedingt extrem gefallen“.


Es ist auch nicht das Covern an sich, das verdammenswert ist. Im Gegenteil, dabei handelt es sich ja um das „Konservatorium“ der Autodidakten, in dem durch mündliche Übertragung schon seit Jahrhunderten Musik gelernt wird. Das Covern ist eine Tradition, mit der wir Fähigkeiten erlernen und uns musikalisches Werkzeug aneignen können. Zusätzlich stellt das Cover für einen Künstler oder eine Künstlerin ein Statement dar, eine Bestätigung der eigenen musikalischen Einflüsse, eine Hommage an vorangegangene Größen, oder sogar eine Anti-Hommage (ich denke da an Die Toten Hosen, die mit ihren Schlager-Covern ihrer Elterngeneration ans Bein pissten). Allgemein kann man sagen, dass ein Cover die Künstler in der Musikszene einordnet. Aber was zur Hölle ist denn das Statement, wenn man Songs wie „La La La“ , „Cheerleader“ oder „Conmigo“ covert? Genau, es gibt einfach keins.

Ohne jegliche Bedacht stellen L.E.J. den belgischen HipHopper Stromae dem französischen The Voice-Sieger Kendji Girac gegenüber. Alles wird mit hübschen Harmonien planiert, auf dieselbe geschmacklos-müllige Art, wie The Avener für seine „Deep-House- Reworks von Vintage-Sounds“ (sic) undifferenziert dieselbe süßliche Kick über John Lee Hooker und n*grandjean legt—Hauptsache, es lässt sich auf iTunes verkaufen. Die Konsequenz dieser unerträglichen Herrschaft des „Style over Substance“: Alle Songs werden völlig austauschbar und eignen sich nur noch als passables Hintergrundgedudel für die Cocktailparty oder als Anheizer, wenn du Samstagmittag das Scheißhaus wischst.

Was kann ich L.E.J. zum Abschluss wünschen? Dass sie die Klappe halten, natürlich, aber ich bin ja kein Arschloch. Nein, Lucie, Elisa und Juliette, ich wünsche euch aus tiefstem Herzen, dass ihr Fehler macht, dass ihr euch an Hindernissen stoßt, dass ihr Rückschritte und große Niederlagen erfahrt, dass ihr leidet, dass ihr Krisen durchlebt und euch grundlegende Fragen stellen müsst. In anderen Worten, ihr sollt das Leben kennenlernen und aus einem tiefen inneren Drang heraus Musik machen, und nicht einfach weiterhin bis zum Erbrechen mechanisch Schlager trällern, während ihr euch im Spiegel die Haare richtet. Vielleicht kann eure Musik dann aus ihrem soften, seichten Sumpf aufsteigen und etwas von dem Tiefgang gewinnen, an dem es euch aktuell noch so schmerzlich mangelt. Aber wer weiß.

Marie Klock ist bei Twitter.