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So denken Marketing-Strategen über Festivalbesucher

Hast du dich schon mal gefragt, warum sich bestimmte Konzerne eigentlich auf Festivals rumtreiben? Wir auch nicht. Bis jetzt.

Julius Wußmann

Julius Wußmann

Wie die Bändchen an unzähligen Handgelenken beweisen, sind Festivals längst kein exotischer Abenteuerurlaub wagemutiger Musikfans mehr, sondern fester Bestandteil des Mainstreams. Mittlerweile ist es schon verdammt schwierig, überhaupt jemanden zu finden, der noch nie ein Wochenende lang in einem Zelt zwischen tausenden anderen Bekloppten gecampt hat, um sich jeden Abend besoffen vor die riesigen Bühnen zu schleppen. Was natürlich auch heißt, dass Festivals ein unglaublich großen Markt darstellen und die Marketing-Strategen großer Konzerne ihre Fingerkuppen angesichts der potentiellen neuen Käufer in bester Mr. Burns-Manier aneinandertippen. Ihre Zielgruppe: junge Erwachsene mit ausgeprägter hedonistischer Ader.

Je nach bevorzugtem Festival haben diese Neukunden selbstverständlich verschiedene Interessen und Vorlieben, die bei der Marketing-Planung beachtet werden müssen. Und genau deshalb ist es auch interessant, mal zu schauen, welche Markennamen eigentlich auf den Festival-Websites prangen und sich was von einer Partnerschaft versprechen. Denn wenn Firmen schon Geld in die tadellos manikürten Hände nehmen, um solch ein Event zu unterstützen, geschieht das sicher nicht nur aus Sympathie, sondern auch aus ganz eigennützigen Interessen: Image-Pflege, seine Marke in „einem emotional aufgeladenen Umfeld“ etablieren und sie bei einem in unzähligen Konzepten ausformulierten Zielpublikum bekannt machen.


Melt!

Wir hätten gerne gezählt, wie viele Blumen auch dieses Jahr ihr Leben lassen mussten, um als Kranz auf dem Haupte eines Hobby-Hippies zu enden. War uns dann angesichts der schieren Anzahl dann doch egal. Scheinbar ist diese Ballung an Pre-Kompost auch einer Firma nicht entgangen, die sich mit dem Verschicken selbigem bestens auskennt und sich deswegen als blumiger Partner angeboten hat: Fleurop. Immerhin verspricht das Unternehmen, den perfekten Strauß für jede Gelegenheit. Zum Beispiel auf dem Sleepless Floor, wo du im Rausch „der Gefühle“ krass intensive Farben anfassen und intensive Gerüche erschnüffeln willst.

Da auch ab und zu irgendwas Alkoholisches getrunken wird, Bier aber scheinbar viel zu prollig ist, haben Smirnoff und Pimm’s ihre Chance gewittert. Mit Smirnoff sind die meisten Besucher ohnehin seit ihrer ersten Alkopop-Alkoholvergiftung—danke, Smirnoff Ice—im zarten Alter von 14 Jahren per Du. Und dank Pimm’s bietet sich für Besucher, die sich nicht mit dem rockig röhrenden Jägermeister identifizieren können, eine sanfte Kräuterlikör-Alternative der englischen Art.

Highfield, Hurricane und Southside Festival

Geht es nach den für ihre Produkte werbenden Konzernen, bist du als Highfield/Hurricane/Southside-Besucher ein denkbar einfach gestrickter Mensch. Eigentlich brauchst du nicht mehr als Bier und Cola zum Leben—immerhin ist Sommer, da ist Durst dein ständiger Begleiter. Aber nicht irgendein Bier, nein, Beck’s-Bier! Das Bier, das dich schon nach dem ersten Schluck auf ein Segelschiff teleportiert. Und natürlich Cola von Coca Cola. ‘Murica, Fuck Yeah.

ROCK am Ring und ROCK im Park

Was trinken echte ROCKER, wenn sie auf ein Festival, was ROCK nicht nur im Namen, sondern teilweise sogar auf der Bühne zu bieten hat? Richtig, Beck’s-Bier. Aber weil Bier irgendwann müde macht und Die Toten Hosen einfach immer so verflucht lange spielen, kann doch sicher ein wenig Koffein nicht schaden—dachte sich Coca Colas ewiger Möchtegern-Rivale Pepsi und mogelte den Energiedrink ROCKstar auf’s Festival. ROCK! Wenn dann die zahlreichen ROCK-Millionär-Bands eine ihre ROCK-Balladen spielen, will der romantische Lagerfeuer-Festivalgänger nicht etwa sein neuestes iPhone hochhalten, nein, ein hochwertiges Sturmfeuerzeug von Zippo sollte es sein. Kostet ja nix, nur gerne mal einen grünen Schein.

Doch auch Seat hat sich auf das dienstalte Festival geschlichen (im ersten Gang sozusagen, haha). Schließlich tummelt sich hier inzwischen eine treue Besucherschaft, die über die Jahre älter und vermögender wurde und doch irgendwann auch mal ein Auto benötigen könnte. Auch wenn sie nach dem ROCKen auf allen Vieren ins Zelt kriecht. Mobilität auf höchstem Niveau.

Splash!

Wir wollen jetzt ja nicht die fiese Klischeekiste öffnen, das macht dann lieber Snipes mit einem beherzten Tritt. Denn was mögen Leute, die gerne HipHop hören? Richtig, noch ein Paar Sneaker mehr, die sie sich ins säuberlich polierte Regal im Schlafzimmer stellen können.

Genau wie beim Melt! ist auch hier Smirnoff am Start, handelt sich ja schließlich um die gleiche Location, da kann man die Stände gleich stehen lassen. Als flüssiger Konkurrent gesellt sich Mixery dazu. Dass das Splash! für Mixery weiterhin interessant bleibt, ist ja eigentlich Ehrensache, lieferte Mixery Raw Deluxe doch noch vor 16 Bars und Co. verlässlich Interviews mit der deutschen HipHop-Szene. Um den exotischen Geruch, der über dem Splash!-Zeltplatz nicht zu verwässern, wird natürlich gerade hier Beck’s getrunken—kein Bier riecht so grün wie diese grüne Flaschenbier.


Wacken

Egal, wie ehrgeizig lange er sein Haar wie einen vertikalen Propeller schwingt und seine Arme zum Himmel recht, um dem Idioten da oben sinnbildlich die Pommesgabel in den Arsch zu stecken, irgendwann wird auch der leidenschaftlichste Metalhead müde. Dann wird es Zeit, das Monster in ihm zu wecken. Mit freundlicher Unterstützung des Energy Drink-Hersteller mit der Vorliebe für knallgrün: Monster Energy. Danach schmeckt das Bier zwar ein wenig seltsam, aber sei’s drum. Du fragst was für ein Bier? Beck’s Bier!

With Full Force

Entweder werden die WFF-Besucher als Menschenschlag abgestempelt, der eh jede Plörre trinkt, solange sie alkoholisch ist oder die Veranstalter wollen einfach die Region unterstützten. Anders ist es nicht zu erklären, warum das Chemnitzer Braustolz stolzer Bierlieferant des Festivals ist. Und das seit vielen Jahren. Jägermeister hat aber auch ein Wörtchen bei der Rekrutierung der Alkoholleichen mitzureden.

Und sonst? Hat sich Sony eingeschalten. Elektrische Spielzeuge braucht schließlich jeder, auch ein Mosh-bereiter Parkway Drive-Fan. Bisschen fantasielos.

Julius ist auch bei Twitter: @Bedtime_Paradox

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