Clickbait-Headlines und Kacke-Emojis—Der Social-Media-Knigge für Bands

„Poste z.B. stockbesoffen 23 Tweets in Folge, in denen du dich über deine Fans, deine Finanzen oder dein Label auskotzt, bettele öffentlich um Almosen oder wettere über Chemtrails!“

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Juni 1 2016, 3:49pm

Ich glaube, ich werde alt. Das merke ich z.B. daran, dass ich mir mit Blick auf die Social-Media-Welt 2016 sehnsüchtig eine Zeit zurückwünsche, in der es für Musikschaffende im Internet genau eine nützliche Plattform gab: Sie hieß Myspace und ist kläglich vor all unseren Augen an den Folgen diverser Schönheitsoperationen verreckt. Davor war Myspace allerdings DIE Anlaufstelle, wenn man als Band irgendwie auf sich aufmerksam machen wollte und als Kommunikationstool zwischen Künstler und Fan so mächtig, dass die meisten Acts (sowohl poplige Newcomer als auch gestandene Rock-Größen) damals reihenweise ihre offiziellen Websites an den Nagel hingen.

Für die Jüngeren unter uns, die jenes goldene Zeitalter schon gar nicht mehr mitbekommen haben: Mit einer einzigen, mehr oder weniger überschaubaren Seite konnte der gemeine Fan in aktuelle Songs reinhören, sich ein Bild vom visuellen Style der Band machen und das Postfach des Künstlers mit Nacktfotos und Herzchen-Smileys fluten. Dass man vor dem Rechner dabei gelegentlich Tobsuchtanfälle und Augenzittern bekam, weil irgendwelche Nintendocore-Emobands ihre Seite mit blinkenden Gif-Animationen und überlauten Autoplay-Sounds zugekleistert haben, sei jetzt mal unter den Teppich der Nostalgie gekehrt. Jedenfalls ist das alles lange her und das Game hat sich gewaltig verändert. Heute muss man als Social-Media-Beauftragter seiner Rumpelkapelle auf mindestens fünf Plattformen aktiv sein und sich und sein Leben dabei als Entertainment-Feuerwerk ausschlachten.

Auch ich habe als „Internetheini“ meiner Band schon vor Jahren meine Seele an das Internet verkauft und bin damit einer von tausend Künstlern, die dem Goldenen Like auf Knien hinterher kriechen und dabei um die Aufmerksamkeit ihrer Follower schreien: „HIER! KLICK MICH! KLICK MEINE BAND! HIER! GUCK MEIN SCHEISS VIDEO, MANN!” Der schwerste Teil meiner Arbeit als Musiker ist wahrscheinlich nicht das Songschreiben, das Abrechnen am Monatsende oder das Videodrehen, sondern, sich einen Funken Integrität zu bewahren, während man sich täglich im Netz vor einer potentiellen Fanmeute prostituiert.

Falls ihr gerade eine Band gegründet habt und vor einer ähnlichen Aufgabe steht, fürchtet euch nicht vor dem virtuellen Dschungel zwischen Clickbait-Headlines und Kacke-Emojis—meinem hohen Alter trotzend habe ich mir den vollen Durchblick von Twittergram bis Snaptubehub mühsam erkämpft und bin gerne bereit, mein angestautes Wissen mit euch zu teilen.


Facebook

Facebook ist, gerade im deutschsprachigen Raum, immer noch der Endboss im Spiel um die Gunst deiner digitalen Fanschar. Schade eigentlich, denn der blaue Riese macht es dir als Band nicht leicht—vor allem, wenn du gerade pleite bist. Und seien wir ehrlich, das bist du wahrscheinlich, schließlich spielst du in einer Band und liest diesen schrecklichen Ratgeber. Jedenfalls will Facebook etwas ganz Bestimmtes von dir: deine Kohle.

Vor ein paar Jahren konnte man die Timelines seiner Fans noch ungehalten und gratis mit halbgaren News, verwackelten Live-Fotos und fragwürdigen Konzertankündigungen zumüllen. Heute bestimmt dein Budget, wie vielen deiner Anhängern du dein amateurhaftes Tourvideo aufzwingen kannst. Viral wirksames Material (Fotos von Schnapsflaschen, irgendwas mit Sex, Katzenbabys) kommt allerdings auch ohne Finanzspritze gut an und wird dementsprechend auch fleißig geliked und geteilt. Deshalb ist es wichtig, dass du deine Bandpage nicht als stumpfe Werbefläche benutzt, auf der du den Leuten dreimal am Tag erzählst, dass dein „NEUES ALBUM – DER JETZT WIRKLICH ALLERGEILSTE TAG PART 2 – AB 03.06. AUF ITUNES“ erhältlich ist. Sei gefälligst ein bisschen persönlich und mach dir einen Spaß aus den Beiträgen. Auch wenn es sich schmutzig anfühlt, weil du eigentlich ein griesgrämiger Synthie-Schrauber bist, der nichts mit der Außenwelt zu tun haben will—tu wenigstens so, als wolltest du mit deinen Fans kommunizieren. Wenn der Schwarm merkt, dass du ihn als bloßen Werbeempfänger missbrauchst, fliegt er dir rotzfrech davon. Den Like siehst du nie wieder! Wenn du gegen die bevorstehende Like-Dürre ankommen willst, poste schnell ein paar langweilige Fotos von Tour und präsentiere sie mit den magischen Worten „LOL Kennt ihr diesen Moment wenn...“ Hundertprozentiger Erfolgsgarant!

Pro-Tipp: Live-Streaming bei Facebook ist gerade der absolute Renner und noch in der abenteuerlichen Testphase. Jetzt heißt es, schnell auf den Zug aufzuspringen! Endlich können die Kids da draußen live dabei sein, wenn ihr eine Führung durch euren gammligen Proberaum gebt oder euch vor laufender Selfie-Kamera eure erste Spritze Heroin drückt! ROCK'N'ROLL!!


Twitter

Das Kurznachrichten-Monster Twitter hat hierzulande zwar nie den Stellenwert erreicht, den es z.B. in den USA hat (wo jeder drittklassige Z-Promi zu einem Heer von Followern spricht, wenn er mit fettigen Fingern in sein Handy tippt, was er gerade zum Dessert hatte), ist aber als Promo-Tool trotzdem nicht zu unterschätzen. Hier kann man seinen Gedanken noch freien Lauf lassen und auch mal off-topic zu den Fans sprechen—immer in der Hoffnung, ein einziges Mal mit einem debilen Wortwitz viral steil zu gehen. Wenn du unter akutem Follower-Mangel leidest und dich deine humoristische Ader gerade mal auf mickrige drei Retweets bringt, biedere dich größeren, bekannteren Stars an und verwickele sie in ein Gespräch, das dann alle mitlesen können. Vetternwirtschaft und Verbrüderung sind hier der Weg zum Fame! Wenn du bei Twitter keine Freunde hast, mach dir wenigstens Feinde und schau dir von den Großmäulern aus dem Gangster-Rap-Milieu ab, wie man Rummel erzeugt. Beleidige ein paar Kollegen und hoffe auf den heiligen Shitstorm. Gib nebenbei zu jedem weltpolitischen Thema deinen unkultivierten Senf dazu („voll krass was grad ab geht in den USA seit ihr alle verrückt!?!? #tromp“) und melde dich auch bei großen, popkulturellen Ereignissen immer zu Wort („RIP Net Stark :( #got #serieschaun #tvabend“). Halte dich dabei aber bitte an die aktuellen #trendingtopics! Wer hier auch nur eine Stunde hinter dem Zeitgeist hängt, wird virtuell gesteinigt.

Pro-Tipp: Auch mal ausfällig werden! Zeige dich menschlich und erlaube dir einen Fehltritt. Poste z.B. stockbesoffen 23 Tweets in Folge, in denen du dich über deine Fans, deine Finanzen oder dein Label auskotzt, bettele öffentlich um Almosen oder wettere über Chemtrails! #AXELSTOLLHATRECHT Hauptsache Aufmerksamkeit, trau dich mal was!

Instagram

Instagram kann ohne Gewissensbisse als Epizentrum der Oberflächlichkeit bezeichnet werden, was die schöne neue Social Media Welt betrifft—und das ist völlig okay! Während man auf Facebook lange Texte tippen kann und auf YouTube ganze Vorträge in die Kamera hält, wird Persönlichkeit hier eben nur in geschönten Schnappschüssen oder kurzen Videoclips vermittelt und dementsprechend bewertet. Hier Fuß zu fassen, ist für 16-jährige Rich-Girls sicherlich um einiges einfacher als für Mittdreißiger Rockbands mit Alkoholproblemen, aber wo ein Wille ist, da ist ein Weg! Bevor ihr jetzt in Lederjacken mit euren Gitarren vorm Tourbus posiert und danach einen schwarz-weiß Filter draufklatscht, haltet erst mal die Bälle flach. Sorgfältig auf Realness getrimmten, pseudo-ästhetischen Müll gibt es auf Instagram schon genug und wenn ihr ohnehin nicht die Schönsten im Festivalbackstage seid, spart euch den Beauty-Quatsch einfach und überlasst das den hippen „girlswithink“ da draußen. Dreht den Spieß stattdessen um! Warum nicht mal ein Bild von eurem kotzenden Drummer posten? Pissfleck am rechten Hosenbein mit Clarendon-Filter? Zungenkuss mit dem Busfahrer auf dem Backstageklo? Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Wenn ihr allerdings doch noch jung und schön seid, spielt das Spiel ruhig nach ihren Regeln. Setzt euch im Tonstudio ansprechend modelmäßig in Szene und tut so, als wäre irgendjemand unabsichtlich auf den Auslöser gekommen. Begleittext: „We must look SO exhausted, but the album is coming together.“ Schreckt in dem Fall auch nicht vor den allerbilligsten Methoden zurück: Euer Bassist hat einen Tunnel im Ohrläppchen? #BODYMOD! An der Wand hinter dem Schlagzeug hängt ein motivierendes Katzenposter? #CATSOFINSTAGRAM! Irgendjemand hat sich seinen Gitarrengurt mit Kreppband verschönert? #CREATIVE #DIY! Danach zurücklehnen und Herzchen sammeln.

Pro-Tipp: Auch mal was Verbotenes posten und dann fix wieder löschen! Beispielsweise eine Bahn Traubenzucker auf dem Glastisch knipsen und mit #druglife versehen, den geklauten Tanga der Cousine als Groupie-Beweisfoto verkaufen oder versehentlich den eigenen Piedel posten (ohne Hashtags und Beschreibung natürlich, war doch ein Versehen!) So verwandelt ihr euch über Nacht zur sagenumwobenen Instagram-Legende.

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Zieht immer: Tierbabys.


Snapchat

Mit Snapchat habe ich dann endgültig den Faden verloren: Das erste soziale Internetmedium, das ich nicht mehr sofort verstanden habe. Was macht diese merkwürdige App, bei der jedes Bild nach acht Sekunden verpufft und sich Videos nach 24 Stunden selbst zerstören!? Wieso haben hier plötzlich alle große Katzenaugen und animierte Sterne, die ihnen um den Kopf flattern!? Und wie bedient man diese scheiß unübersichtliche App!? MACHT EUCH RUNTER VON MEINEM RASEN, KINDER!! Aber ich wäre nicht Internet-Futzi von Captain Capa wenn ich nicht jeden Mist mitmachen oder zumindest ausprobieren würde. Und tatsächlich bietet das Vergänglichkeits-Prinzip von Snapchat einen gewissen Reiz. Nichts ist hier für die Ewigkeit, weshalb man wesentlich schneller die Hemmschwelle zum sogenannten Shitposting überkommt als bei den etwas seriöseren Kollegen. Bei Snapchat ist einfach ALLES erlaubt. Du sitzt gerade im Kino? Foto vom Popcorn-Eimer. Falsch geparkt? Strafzettel snappen! Neue Schuhe am Start? Kurz abfilmen, Marke nennen. (Bonuspunkte, wenn du dabei sonst nichts an hast und dich dann total erschrocken dafür entschuldigst.) Erinnere die Crowd nur hin und wieder daran, dass du auch Musik machst und sie in ein paar Monaten bitte zu deinen Shows kommen und dein Album kaufen sollen. Lass sie z.B. hin und wieder in neue Song-Skizzen reinhören, sing ihnen was vor oder befehle ihnen einfach, dir Geld zu überweisen. (Bonuspunkte, wenn du deinen leeren Kontostand dazu snappst.)

Pro-Tipp: Der große Vorteil von Snapchat ist leider auch sein größter Nachteil. Dadurch, dass hier nichts gespeichert wird, bist du gezwungen, am laufenden Band Content in die Welt zu schleudern, wenn du nicht aus dem Game fliegen willst. So viele gute Ideen kann man gar nicht haben, darum posten die Leute hier auch so viel belanglosen Quatsch. Gib dein Account-Passwort deswegen an die ganze Band weiter und lass alle mitmischen. Gib es am besten auch deiner Mutter, dem Obdachlosen aus der Nachbarstraße und all deinen Exfreundinnen—Hauptsache, auf deinem Kanal tut sich durchweg immer irgendwas. Wenn da dann zwischendurch mal ein mentaler Zusammenbruch oder ein dokumentiertes Verbrechen gepostet wird, scheiß drauf! Ist morgen wieder weg!


YouTube

Der Vollständigkeit halber darf ich diese Ausgeburt der Social-Media-Hölle natürlich nicht auslassen, gerade weil YouTube der einzige Ort ist, an dem Musikvideos noch irgendeine Rolle spielen. Grundsätzlich gilt für diese Plattform aber: Nein. Einfach nur nein. Ladet eure Videos hoch, pumpt euer Studiotagebuch online, schaltet jede Menge Werbung davor und dann schaut nie wieder zurück! Nicht zum Klicks zählen, nicht zum Kommentare lesen und schon gar nicht zum kommunizieren. Die deutschsprachige YouTube-Community ist eine Bestie, mit der ihr nichts zu tun haben wollt. YouTube hat auf dem Entertainmentmarkt bei unter 18-jährigen längst die RTL-Nachmittagsschiene ersetzt, weshalb sich in den Kommentarspalten alles herumtummelt, was bis vor Kurzem noch begeistert vorm Fernseher saß, wenn Die Trovatos wüteten oder bei Familien im Brennpunkt Fließentische missbraucht wurden. Verabschiedet euch einfach komplett vom Community-Gedanken und nutzt die Seite als schnellen Video-Upload, damit ihr eure Clips überall anders posten könnt.

Es sei denn, ihr seid ein bisschen masochistisch veranlagt, komplett extrovertiert und extrem risikofreudig. Dann geht voll aufs Ganze und schlachtet euch und euer Musikprojekt genau so aus, wie Sami Slimani oder Dagi Bee ihren Alltag. Filmt euch vor der Probe, filmt euch nach der Probe, schneidet einen Vlog aus dem Labelmeeting und dreht ein schleimiges „Follow Me Around“ im Gitarrenladen. Erwähnt dabei immer wieder, wie viele Vlogs und Follow Me Arounds ihr noch drehen müsst und wie anstrengend das Leben als YouTuber ist und haltet dabei immer wieder eure aktuelle Platte in die Kamera. Legt euch davor aber ein dickes Fell zu, denn die Kommentarspalte wird euch in Tausenden von Rechtschreibfehlern zu Selbstmord, Prostitution und Gewaltfantasien einladen. Wenn du das allerdings durchziehst und dein gepudertes Gesicht wacker vier mal die Woche zur Schau stellst, gehörst du vielleicht zu den 0,000001% aller YouTuber, die damit so etwas Ähnliches wie Erfolg haben. Ich drücke die Daumen!


Pro-Tipp: Immer mehr Bands laden ihre Videos inzwischen direkt bei Facebook hoch, da der blaue Riese—Achtung, Verschwörungstheorie—bei Fremdverlinkungen, z.B. YouTube-Videos, vermutlich die Reichweite runterschraubt. Dafür könnt ihr YouTube-Videos bequem auf eurer Website einpflegen und besser herumreichen. Seid am besten einfach immer überall und schmeißt euer aktuelles 400€ Low-Budget-Musikvideo auf jede Plattform extra.

Der Social Media Dschungel ist ein wirres Labyrinth, in dem man seine eigene Stimme finden muss, um überhaupt irgendwie aufzufallen. Wenn einem das dann keinen Spaß bereitet, verkommt die Pflege von zwanzig Profilen auf zwanzig Kanälen nur zu einem weiteren Job im System. Nehmt die ganze Angelegenheit daher einfach ein bisschen locker, statt dem großen, viralen Hit hinterherzujagen. Geht euren Fans nicht zu derbe auf die Nerven und bleibt bei all der Selbstvermarktung wenigsten ein bisschen ihr selbst. Einfach nur Musikmachen und auf den ganzen Trouble drumherum verzichten, ist leider keine Option, wenn man nicht gerade Radiohead ist oder am liebsten vor drei zahlenden Gästen spielt. In zwei, drei Jahren wird sowieso nichts von dem hier Geschriebenen mehr einen Sinn ergeben—die Mühlen der sozialen Netzwerke arbeiten schnell, die Welt ist im Wandel und so! Seht einfach zu, dass ihr vor dem Rechner nicht völlig vergreist und quatscht mit den Leuten, die euren Scheiß kaufen sollen! Egal auf welcher Plattform.


Wodka-Melone saufen mit Ashi und seiner Band Captain Capa

8. Juni 2016 - Leipzig - Campusfest
29. Juli 2016 - Wiesbaden - Schlachthof
30. Juli 2016 - Mössingen - Umsonst & Draußen
6. August 2016 - Cherry Beach Festival