Das neue Video von SadiQ zu „Charlie Hebdo" ist haram

SadiQ hat offenbar kein Problem damit, martialische Märtyrer-Videos aus Kriegsgebieten direkt mit Amazon-Links zu seiner Fan-Box zu verbinden.

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15 März 2016, 10:00am

Ein betender Mann in einem Wohnzimmer. Plötzlich kommt jemand herein und raunt „SadiQ wurde verhaftet“. Was folgt, sind gute zwei Minuten glorifizierte ISIS-Ästhetik und billig inszeniertes Märtyrertum. Schwarz vermummte Männer, einer mit traditioneller, afghanischer Kopfbedeckung und einer mit Jason-Maske aus „Friday the 13th“, Kalaschnikows im Anschlag, Kugelhagel auf einen Van. Der Rapper selber sitzt in eine Decke gehüllt in einem leeren Keller oder performt mit Hassmaske neben einem Boxsack. Dazu Textzeilen wie „Ich baller mit Arabern—Pariser rennen“ oder „Verbrenne die Blätter der Charlie Cartoons, durchlöcher die Bullen am Pariser Tor“. Es folgen Bekentnisse zu Al-Qaida und Hasstiraden auf Amerika. Das Video könnte nahtlos auf einem der unzähligen YouTube-Kanäle des IS hochgeladen werden.

SadiQs Platte wird allerdings von Major Movez herausgebracht, dem Vertrieb des bekennenden USA-Fans DJ Gan-G. Egal, very provocation, much wow. In etwa so spannend wie das Video von Bushido und Shindy, in dem sie Hitler, Breivik und Netanjahu vor Kriegsbildern erscheinen lassen. Die erhoffte BILD-Titelseite blieb zum Glück in beiden Fällen aus. Der raptechnisch stark an französische Vorbilder angelehnte Track ist allerdings aus einem ganz anderen Grund interessant: Weil er offenbart, wie Jugendliche, deren Eltern oftmals säkular in Deutschland leben, sich in Verschwörungs- und Allmachtsfantasien retten, da sie sich in der Gesellschaft nicht zu Hause fühlen.

Die unzähligen Widersprüche, die sich dabei auftun, scheinen sie kaum zu stören. Ein ganz simples Beispiel: SadiQ, ehemals ziemlich moderat unterwegs mit seinem Partner DuMaroc, ist seit längerem bekannt für seine ideologische und ästhetische Nähe zu Selbstmordattentätern, Antisemiten und „Die haben in Paris einen Pass gefunden, also war's der Mossad“-Spezialisten. In diesen Kreisen gelten islamische Anschläge wie der in Paris automatisch als Werk der Zionisten oder wahlweise des CIA. Warum SadiQ sich in dem Video also optisch und textlich bei exakt jenem Anschlag bedient, den er und einige seiner Fans als False-Flag-Aktion sehen, um die Muslime weltweit zu diskreditieren, bleibt sein Geheimnis.

Wenn der „Charlie Hebdo“-Anschlag nur von Geheimdiensten fingiert war, ist die logische Konsequenz dann nicht, dass der Rapper mit dem Free Palastine-Shirt hier—lyrisch und optisch—ziemlich heroisch einen westlichen Agenten darstellt? Verwirrend, oder? Dem Künstler geht es dabei vor allem um eines: Geld. Genau wie etwa ein Akif Pirinçci auf Seiten von PEGIDA hat er kein Problem damit, Menschen aufzuhetzen, um seinen Kontostand zu erhöhen. Aber hey, wir leben schließlich im Turbokapitalismus. Jeder guckt, wo er bleibt, oder?

Der eigentliche Vorwurf muss also an die Käufer und Fans gehen. Merkt ihr eigentlich noch was? SadiQ hat offenbar kein Problem damit, martialische Märtyrer-Videos aus Kriegsgebieten direkt mit Amazon-Links zu seiner Fan-Box zu verbinden. Er präsentiert sich mit den gleichen Statussymbolen wie alle anderen Rapper, benutzt amerikanische Plattformen um Para zu machen und zelebriert auf der anderen Seite angeblich ein „frommes Leben“, wie man es aus den abstrusen Videos eines Pierre Vogel kennt. Dabei ist Musik doch Haram, guter Freund.

Was Ex-Rapper Deso Dogg bereits vor langem festgestellt hat, wurde von Juicy Gay inzwischen musikalisch zementiert. Auch das spielt offenbar keine Rolle. Dass SadiQ dabei gleichzeitig AfD-Sympathisanten und islamophoben Kreisen in die Hände spielt, ist eines der weniger gewichtigen Argumente. Wer ein rassistisches Arschloch ist, braucht keinen migrantischen Rapper, um sich in seiner Meinung bestätigt zu sehen. Solche Idioten finden immer einen Grund zu hetzen. Dennoch ist der Vorwurf, dass hier jemand eine Religion nutzt und sie in den Dreck zieht, um damit Geld zu verdienen, nicht komplett von der Hand zu weisen.

Auf Facebook und YouTube wird der Track kontrovers diskutiert, na klar. Viele der zumeist jungen Hörer erkennen sehr genau, welches perfide Spiel der Rapper da spielt. Aber es gibt auch die andere Seite. Wortmeldungen wie „Danke, endlich zeigt jemand mal unsere Kultur“ sind dabei noch die harmlosesten. Und man wünscht sich, dass jemand diesen Jungen mal an die Hand nimmt und ihm die Kultur seines Heimatlandes zeigt. Künstler und Kommentator kommen nämlich aus Afghanistan: Ein Land, das bevor der Krieg und der Terror kamen, geprägt war von außergewöhnlicher Gastfreundschaft, Glauben und Dichtkunst. Ein Land mit einer fantastischen Küche und Jahrhunderte alten Bauwerken. Ein Land, durch das vor wenigen Jahrzenten noch Unmengen westliche Hippies reisten, da sie es als besonders weltoffen empfanden.

All das jedoch spielt in der hiesigen Medienwelt keine Rolle. Der arabische Raum ist hier gleichzusetzen mit Bombenanschlägen und Chaos. Kein Wunder, dass viele Jugendliche dieses Bild übernehmen und ihre Identität daraus ziehen. Genährt von YouTube-Detektiven, die aus der Erkenntnis, dass auch die Tagesschau nicht immer die Wahrheit verbreitet, abgeleitet haben, dass sie ab jetzt irgendeinem Kanal eines wildfremden Spinners vertrauen, entsteht eine Generation von jungen Menschen, die sich den verrücktesten Ideen zuwenden, solange die ihnen Halt versprechen.

All das ist aber dennoch keine Entschuldigung für ein Video, das längst nichts mehr mit Überspitzung im Rap oder kontroversen Zeilen zu tun hat. Hier wird auf sämtlichen Opfern von Krieg und Terror herumgetrampelt, hier wird das Bild eines gewalttätigen Islam manifestiert und vor allem und am wichtigsten: Hier wird ziemlich belangloser Rap mit Provokation aufgepeppt, um überhaupt noch irgendwen zu erreichen. Haram.