„Wir sind mit drei Songs gleichzeitig in den Top 10“—MHD übernimmt mit Afro Trap gerade ganz Frankreich

Mit einem verwackelten Handyvideo rappte sich MHD in die Timelines der französischsprachigen Jugend. Keine sechs Monate später spielt der 21-Jährige seine ersten Konzerte als Support-Act von Booba.

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Apr. 29 2016, 3:09pm

Mohamed Sylla hat auf dem Weg in die Champions League gleich einige Kreisklassen übersprungen: Mit einem verwackelten Freestyle-Handyvideo rappte sich der fußballverrückte Pariser als MHD in die Timelines der französischsprachigen Jugend. Keine sechs Monate später spielt der 21-Jährige seine ersten Konzerte als Support-Act von Booba vor mehreren tausend Zuschauern und veröffentlicht sein selbstbetiteltes Debütalbum über den Marktführer Universal. „Afro Trap“ nennt er das Genre-Konstrukt aus westafrikanischen Afrobeat-Elementen und den Stotter-Flows seiner amerikanischen Rapper-Idole, das ihm eine globale Reichweite verheißen soll. So weit, so perfekt die Verpackung für jeden Promoter. Das wirklich besondere daran: MHD spittet auf seiner sechsteiligen „Afro Trap“-Reihe wie ein junger Gott, hat die Hits für Millionen und die Hitze für jeden afrokaribischen Clubabend.

Die Pariser Banlieues, die Kollegen der Le Monde und das Internet sind sich längst einig: MHD ist ihr angehender Weltstar. Der Paul Pogba seiner Rapper-Generation. In der Promophase zu „MHD“ jettet Mohamed, dessen Eltern aus Guina und dem Senegal stammen, mit seiner Entourage zu Showcases und Presseterminen von Berlin über Oslo, Amsterdam, Barcelona, New York bis nach Montreal, bevor im Festival-Sommer der afrikanische Kontinent erorbert werden soll. Wer an diesem Kreuzberger Aprilabend inmitten französischer Erasmus-Studenten steht, sieht tatsächlich einen Superstar in the making: Der Club dreht hohl, rappt textsicher mit und fordert mehrfach Rewinds.

Einige Stunden bevor er das Prince Charles in Berlin zum Turn-Up antreibt, kauert MHD etwas verloren auf der Büro-Couch seines deutschen Label-Ablegers Chapter One. Von Null auf 70 Millionen Klicks in einem halben Jahr. Es scheint, als wisse Mohamed selbst noch nicht so genau, wie ihm geschieht. Und so ist es eher Unsicherheit als Arroganz, mit der er sein erstes internationales Interview zu Beginn einsilbig kommentiert. Sein dolmetschender Manager ergänzt die Antworten offensichtlich um einige Anekdoten und rechtfertigt sich nach dem Interview grinsend: „Wenn er ein Star werden will, muss er an seinem Englisch arbeiten.“

Noisey: Wann genau hast du begonnen, Musik zu machen?
MHD: 2009 hing ich mit einer Gruppe Rappern ab, da schaute ich aber nur zu. Meine ersten Text schrieb ich etwas später auf Beats, die ich auf Youtube fand. Hauptsächlich Trap-Beats von aktuellen Rappern wie Drake, Kendrick Lamar oder Young Thug.

Bist du gar nicht mit fränzösischem Rap aufgewachsen?
Den Oldschool-Rap hab ich kaum gehört. Ich fand, französische Rapper orientierten sich immer zu sehr an den Vorbildern aus den USA.

Das wundert mich, in Deutschland wird französischer Rap als sehr emanzipiert wahrgenommen. Die Szene hatte doch immer ihre eigene, etwas düstere Ästhetik.
Es gibt schon eine Handvoll Bands, die ihr Ding machen und einen französischen Sound entwickelt haben. Aber die meisten kopieren das, was gerade in den Staaten funktioniert und angesagt ist. Deshalb lasse ich mich lieber gleich von den Originalen inspirieren.

Was bedeutet Afro Trap für dich?
Afro Trap steht für den Mix aus modernen Afrobeat-Klängen und Trap-Lyrics oder eher: Trap-Flows. Davor hab ich mit einem Kollektiv normale Trap-Musik gemacht, wie sie gerade jeder in Paris rausbringt. Das lief nicht besonders gut, und ich war schon kurz davor, ganz mit dem Rappen aufzuhören. Ich war damals mit Freunden auf einem Südfrankreich-Trip und wir haben die ganze Zeit afrikanische gehört und dazu getanzt. Als ein Track von P-Square [nigerianisches R’n’B-/ Afrobeat-Zwillingsbruderpaar; Anm. d. Verf.] lief, und am Ende das Instrumental-Outro kam, begann ich einfach, darauf zu rappen. Alle rasteten aus, also nahm ich ein Selfie-Video davon auf und stellte es auf Twitter. Wir gingen dann an den Strand und als wir zwei Stunden später zurückkamen, hatte ich unfassbar viele Markierungen und Shares. Die nächsten Tage ging das nur so weiter. Zurück in Paris drehten wir dann spontan ein richtiges Street-Video, ich nannte es „Afro Trap“. Das zweite Video, ein Freestyle, haben die Leute direkt „Afro Trap Part 2“ genannt. Und so machte ich gleich eine Serie draus. Auf meinem Album sind jetzt alle sechs Teile – dabei soll es aber erstmal bleiben. (grinst)

Läuft die Musik, die du machst schon in den Clubs in Frankreich?
Hoch und runter. In den französischen Club-Charts sind wir mit drei Songs gleichzeitig in den Top 10: Wir sind auf Platz Eins, Drei und Sechs. Ich hab gehört, dass DJs in ganz Europa die Songs spielen.

Letzten Sommer remixten Drake und Skepta den Song „Ojuelegba“ des nigerianischen Sängers Wizkid. War das eine Initialzündung für den neuerlichen globalen Hype um Musik aus Westafrika?
Auf jeden Fall, das war ein Riesenhit. Mich hat das bestärkt, dass selbst Weltstars wie Drake, der ein großes Vorbild für mich ist, den Sound fühlen. Und es hat mir gezeigt, wie einflussreich afrikanische Künstler auf die weltweite Musikszene mittlerweile sind.

Im Westen wird Afrika fälschlicherweise oft als homogener Kontinent, im schlimmsten Fall sogar als ein Land wahrgenommen. Gibt es hörbare regionale Unterschiede innerhalb der Musikszene Westafrikas?
Oh ja, jede Region hat ihren eigenen Style und Sound. In Guinea, Mali und dem Senegal ist die Musik traditioneller, die Sänger sind richtige Geschichtenerzähler und arbeiten viel mit Texten. In der Region um den Kongo, Kamerun und die Elfenbeinküste geht es weniger um die Botschaft als um die Tanzbarkeit und die Freude. Die Beats dort sind schneller und clubtauglicher.

Kam aus diesen Ländern schon Feedback auf deine Musik?
Aus Guinea haben mich viele Leute angeschrieben. Und da meine letzte Single „Roger Milla“ nach dem bekannten kamerunischen Fußballer benannt ist, bekomme ich aus Kamerun besonders viel Liebe. Dort hat sich schon eine Fangemeinde gebildet. In der Elfenbeinküste scheint „Afro Trap Pt. 5“ besonders gut anzukommen. Der Zusatztitel „Ngatie Abedi“ setzt sich aus verschiedenen Sprachen zusammen und kann von Menschen aus dem Senegal, der Elfenbeinküste und Guinea verstanden werden. Wir haben aus der ganzen Region schon Konzertanfragen bekommen.

Wie kamst du eigentlich auf den Fußballer Roger Milla? Als er sich bei der WM 1990 zu einem Weltstar aufspielte, warst du noch nicht mal geboren.
Ich hab eben meine Recherche betrieben. (grinst) Ich bin im Internet auf ihn gestoßen und hab seinen Tanzstil sofort gefeiert—den legendären Jubel, den er aufführte, wenn er ein Tor schoss.

Du bist bekennender FC-Bayern-München-Fan. Warum?
Mein Ranking geht folgendermaßen: PSG, Bordeaux, Bayern München. Girondis Bordeaux ist der Club meines Herzens, Paris mein Heimatverein und Bayern hatte, seit ich mich für Fußball interessiere, immer eines der besten Teams in Europa. Ich mag die Spielweise und den Teamspirit von Bayern München.

Deine Adlibs sind sehr eigen und skurril. Wie kamst du auf die Sounds?
(imitiert Tierlaute) Pah, pah, pah. Uh, uh, uh. (lacht) Meinst du das? Ich hab damit irgendwann als Spaß angefangen. Es hat sich dann so etabliert und ist nun mein Trademark-Adlib geworden.

Wurdest du eigentlich durch deine Eltern mit Afrobeat sozialisiert?
Kaum, das kam eher über meine Geschwister, die viel DJ Arafat gehört haben. In Westafrika singen die DJs meistens auch selbst und sind eigenständige Musiker.

Der Track „Wanyinyin“ von deinem Debütalbum entstand mit der weltbekannten beninisch-französischen Sängerin Angelique Kidjo. Wie kam es dazu?
Sie ist eine Legende, die seit 40 Jahren auf der Bühne steht, drei Grammys gewonnen hat und weltweit in Stadien performt. Sie lebt mittlerweile in Brooklyn und als wir ihren Manager kontaktierten, war sie wiedermal bei den Grammy-Awards. Einen Tag später meldete sie sich direkt: „Ich liebe den Song, aber kann erst in einer Woche ins Studio, um den Chorus aufzunehmen.“ Wir erklärten ihr, dass wir das Album in drei Tagen abgeben müssten. Sie flog dann extra früher nach New York zurück. Angelique war super nett, rief uns noch mehrfach an und versicherte sich, ob wir zufrieden sind. Und: Sie hat die Rapkultur wirklich verstanden. Bei den Grammys hielt sie eine bewegende Rede und appellierte an den afrikanischen Kontinent, seine Stimme durch die Musik zu erheben. Sie will unsere Musik weltweit verbreiten und arbeitet dafür gerne mit jungen Musikern zusammen.

Du hast vor einem halben Jahr noch als Pizzalieferant gearbeitet. Der Hype um dich und „Afro Trap“ entwickelte sich rasend schnell. Fiel dir die Entscheidung leicht, direkt bei einem Major zu unterschreiben?
Ich hab mir die nötige Zeit genommen und auf einen richtig guten Vertrag gewartet – und ich bin immer noch independent. Universal ist nur mein Album-Partner. Sie machen meine Label-Arbeit und den Vertrieb, aber ich bin nicht wirklich dort gesignt. Ich werde weiterhin meine eigenen Selfmade-Videos drehen und alles so handeln, wie ich es für richtig halte. Ich bleibe weiterhin absolut unabhängig.