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Wir haben Dragonforce mit ihrer rassistischen und homophoben Vergangenheit konfrontiert

Ein Interview mit Dragonforce über Demoniac, ihr dreckiges und nicht ganz so geheimes Geheimnis—eine Band, die Hitler preist, Schwarze hasst und Schwule töten will.

Kim Kelly

Kim Kelly

Erinnerst du dich an die berüchtigte Aussage des Mayhem-Schlagzeugers Hellhammer, dass „Black Metal für weiße Leute ist“? Oder an Craig Pillards Bewunderung von Hitler? Ich bin mir sicher, sie würden sich wünschen, dass du es nicht tust. Für manchen Teenager ist der traditionelle Black Metal-Fokus auf Nihilismus, Bösartigkeit und Elitismus als Konzept vielleicht schwer zu fassen, also enden die Dümmsten von ihnen immer bei rassistischem Bullshit oder dem zur Schau tragen von Hakenkreuz-Aufnähern. Dann werden sie erwachsen und ihnen wird klar, was sie getan haben. Dann ist es vielleicht zu spät. Das obskure, kopierte Fanzine, in dem sie sich ausgelassen haben, wurde eingescannt und ist jetzt ein Webzine, sodass das Interview noch Jahrzehnte später verfügbar ist und die ganze Welt Zugriff darauf hat. Inquisition mussten diese Erfahrung Anfang des Jahres machen, Disma und Nachtmystium haben es auch vor nicht allzu langer Zeit herausgefunden und unglücklicherweise gibt es noch weitaus schlimmere Beispiele da draußen. Es sind nicht immer die großen, bösen Black Metal-Bands. Manchmal haben sogar die glattesten, fröhlichsten, denkbar harmlosesten Bands eine dunkle Vergangenheit.

Wie Dragonforce.

Dragonforce, die hyper-technische, etwas lächerliche Power Metal-Band, die von Guitar Hero-Liebhabern und deiner 12-jährigen Cousine gleichermaßen vergöttert wird, ist nicht ganz so unschuldig, wie ihr buntes Image vermuten lässt. Bevor sie Neuseeland verlassen und Dragonforce gegründet haben, waren drei der Originalmitglieder der Band in einer Band namens Demoniac. Der holprige Mix aus Black Metal, Power Metal und Thrash hat ihnen auch außerhalb von Neuseeland ein wenig Aufmerksamkeit gebracht, aber das Interesse der Mitglieder ließ schnell nach und 1999 haben sich Demoniac aufgelöst. Seither ist die Band nur noch eine kleine Fußnote in der Dragonforce-Saga und wäre vielleicht komplett unbeachtet, wenn da nicht das kleine Detail wäre, dass in der Diskografie Songs wie „Niggerslut“, „Hatred is Purity“ und „Kill All the Faggots (Death Squad Anthem)“ auftauchen. Texte über das Töten von „queer cunts“, „fags“ sowie farbige Menschen gibt es ebenso, wie Bezüge zu Vergewaltigungen und White Power. In einem besonders munteren Song vom Album The Fire and the Wind aus dem Jahr 1999 findet man „Sieg Heil! Heil Hitler!“-Gesänge. Auf dem Album sind sowohl Gitarrist Herman „Shred“ Li als auch Gründungsmitglied Sam „Heimdall“ Totman vertreten (der ehemalige Live-Bassist Diccon Harper war zwar nie bei einer Aufnahme dabei, hat aber auch von 2001 bis 2003 bei Dragonforce gespielt). Totman und Sänger/Bassist Lindsay Dawson waren die treibenden Kräfte hinter der Band und stehen sich immer noch nah; Dawson tauchte sogar auf dem Dragonforce-Album Inhuman Rampage von 2006 auf. Es ist alles ziemlich kuschelig—und beschissen.

Warum wurde das bis jetzt nie angesprochen (außer 2008 in einem Interview mit dem Terrorizer-Magazin, das ein Freund aus Großbritannien mir netterweise geschickt hat)? Während Black Metal-Bands für ihre Sünden gekreuzigt werden, shredden sich Dragonforce seit über einem Jahrzehnt unbehelligt in den Sonnenuntergang. Ich wollte die Sache ergründen, also habe ich Sam Totman angerufen, um mit ihm darüber zu reden. Er hatte gute Laune und hat meine Fragen recht heiter beantwortet. Davon kannst du halten, was du willst.

Noisey: Ich würde gerne mit dir über etwas sprechen, das lange vor dem neuen Album passiert ist. Ich habe ein bisschen über euch recherchiert und bin auf Demoniac gestoßen, die Band in der du vor Dragonforce warst. Ich will wirklich wissen, was zur Hölle ihr da gemacht habt.
Sam Totman:
Ha! Wir, ich und mein Kumpel, haben die Band in den 1990ern noch in Neuseeland gegründet. Ich war damals 18 oder so. Im Prinzip haben wir Spaß gemacht. Wir haben einfach gedacht: „Oh, lass uns ein wenig Black Metal spielen“, da wir keine guten Sänger kannten, konnten wir nicht wirklich andere Musik als Black Metal oder Death Metal machen. Es war wirklich nur ein großer Witz. Auf unserer Platte ging es um Satan hier, Satan dort und es war ganz OK. Die zweite Platte war so etwas wie NOFX gepaart mit Black Metal und auf der dritten haben wir Power Metal für uns entdeckt, also haben wir Power Metal mit Black Metal gemischt, was niemand wirklich verstanden hat.

Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, ob NOFX jemals über „killing faggots“, das Vergewaltigen von Kindern und Töten von schwarzen Typen gesungen haben.
Wir hatten ein paar merkwürdige Charaktere in der Band und jeder hat im Grunde seine eigenen Songs geschrieben, also habe ich mit den zwielichtigen Songs nichts zu tun.

Aber Lindsay Dawson (Bassist und Sänger von Demoniac) hat trotzdem auf einer Dragonforce-Platte gesungen, richtig?
Ja, und ich bin auch immernoch gut mit ihm befreundet. Er lebt in Australien und ist seit Jahren ein Freund von mir. Er ist cool und hat auf dem Album Inhuman Rampage gesungen.

Ich komme nicht über die Texte hinweg, ehrlich gesagt. Hat dich darauf vorher noch niemand angesprochen?
Nee.

Wirklich?
Nicht wirklich, nein. Es hat sich eh niemand für die Band interessiert.

Ich meine, ich habe bei Metal Archives fünf Minuten gebraucht, um das herauszufinden. Ihr habt ziemlich junge Fans und habt früher Songs über die Vergewaltigung von „old fags“ und das Töten von „queer cunts“ gemacht und das ist… nicht so toll.
Wir hatten einen etwas verdorbenen Sinn für Humor. Wir haben nur Spaß gemacht.

Die Dinge sind heute etwas anders als 1999. Ich finde das nicht wirklich witzig. Was ist, wenn ein 12-jähriger Jugendlicher das hört und denkt: „Oh, Dragonforce finden, dass es cool ist, schwule Leute zu verprügeln“?
Um es einfach auszudrücken, es ging nur darum, herumzualbern und all dieses grenzwertige Zeug kam hauptsächlich von unserem alten Schlagzeuger. Es war nur Spaß und es ist ewig her, also ist es keine große Sache.

OK. Ein Freund von mir ist in Neuseeland groß geworden und hat gesagt, dass es dort wirklich viel zwielichtiges Zeug in der Black Metal-Szene gibt.
Ich war seit 1996 oder so nicht mehr da. Ich weiß nicht wirklich, wie die Szene dort ist.

Ich nehme an, das hast du dann nicht mitbekommen. Es ist witzig: du hast einen Song gemacht, in dem es darum geht, wie sehr ihr Einwanderer hasst und bist selbst eingewandert.
Ja, genau. Na ja, eigentlich stamme ich aus England und dann sind meine Eltern nach Neuseeland gezogen und dann wieder zurück. Ich bin also überall.

Ja, ihr seid eine internationale Band.
Ja, genau.

Ich denke, das ist der Grund, warum euch nie jemand auf diese rassistischen Texte angesprochen hat. Ich glaube Herman war in der Band, als ihr den Song mit „Heil Hitler“ und „Sieg Heil“ gemacht habt, richtig? Erinnerst du dich daran?
Nichts, was wir damals gemacht haben, war ernst gemeint. Ich meine, wenn es das gewesen wäre, hätten wir das offensichtlich nicht gemacht. Es war dämlich.

Das ist gängige Praxis im Metal; wenn du jung bist willst du so tough wie möglich sein und sagst ein paar wirklich schlimme Dinge, dann wirst du erwachsen und sagst: „Oh, das war irgendwie eine schlechte Idee.“ Warum denkst du, dass man im Metal zur „Wir werden rassistisch und reden über White Power“-Option neigt? Warum immer das Schlimmste, was man machen kann?
Na ja, ich denke es geht darum zu schockieren. Es gibt Bands wie Cannibal Corpse, die darüber singen, Babys zu zerhacken oder so. Aber das hat ja niemand wirklich vor; es ist schockierend, so wie Horrorfilme oder welche schockierenden Unterhaltungsformen Leute auch immer witzig finden. Ich denke um mehr geht es nicht.

Na ja, beim Metal manchmal schon. Das ist ja das Schlimme.
Das stimmt. Ich bin mir aber sicher, dass die meisten Black Metal-Bands zwar über Satan singen, aber nicht wirklich etwas mit Satan am Hut haben oder satanische Rituale machen. So sehe ich das jedenfalls.

Das bleibt zu hoffen. Black Metal hat ein großes Nazi-Problem und deswegen ist es so bizarr, wenn ihr auf dem The Fire and the Wind-Album bei „Myths of Metal“ über Hitler redet. Das hat mich ziemlich umgehauen und ich musste euch deswegen fragen.
Das ist die Sache, wir haben nichts von dem, was wir jemals gesagt haben, ernst gemeint. Genau wie Cannibal Corpse es nicht ernst meinen, wenn sie über das Zerhacken von Föten reden oder so.

Du denkst also, dass anstößige Kunst auch dann noch wert hat, wenn sie Leute verärgert?
Ich denke, das hängt davon hab, was dir gefällt. Jeder auf der Welt hat einen anderen Geschmack. Ich habe mir in letzter Zeit ehrlich gesagt nicht viel Kunst angesehen.

In Ordnung. Ich bin sicher, dass du lieber über eure neue Platte sprechen willst, oder? Erzähl mir davon. Was gibt es auf Maximum Overload zu hören?
[Bassist und Sänger Frédéric Leclerq kommt dazu]
Fred: Na ja, im Grunde satanische Rituale!

Tote Babys und satanische Rituale. Ich bin dabei.
Sam:
Nein, die ernstgemeinte Antwort ist, dass es im Prinzip das zu hören gibt, was jeder von uns kennt und hoffentlich an uns mag, plus ein paar neue Sachen. Wir haben nicht wirklich etwas von dem verloren, was uns auszeichnet, aber wir versuchen bei jeder Platte ein paar neue Dinge einzubringen, sodass es nicht langweilig wird. Wir wollen aber auch nicht zu viel ändern. Es ist schwer, Musik mit Worten zu erklären, aber ich denke, dass das die Hauptsache ist, an der die Leute interessiert sind. Es ist im Prinzip dasselbe mit ein paar neuen Sachen. Du kannst dich auch komplett ändern oder exakt das gleiche immer weiter machen—oder ein bisschen von beidem, was genau das ist, was wir machen.

OK. Also was die Texte betrifft, wird es kein „Niggerslut Pt. II“ auf der Platte geben, richtig? Ihr Jungs benehmt euch?
Unsere Texte sind heutzutage ziemlich vielfältig. Es gibt viel Fantasy-Kram und darum geht es in ein paar unserer Songs, es gibt auch ein paar Songs über das Zeug, was dir allgemein im Leben passiert. Ich denke, die Texte auf dieser Platte verdeutlichen besser, um was es in den Songs geht.

Fantasy scheint bei Dragonforce eine große Rolle zu spielen und findet sich seit Anfang an in euren Songs wieder. Ist das eine Art Flucht für euch?
Ich weiß nicht, ich dachte einfach nur immer, dass es gut zur Musik passt, das war der Hauptgrund. Darum haben wir angefangen, über dieses Zeug zu singen, es hat zur Musik gepasst und mir gefiel es einfach. Ich fand es einfach cool und ich mag diese Art von Bands immer noch, du weißt schon, Rhapsody und so. Auf der ersten Platte gab es viel davon, auf der zweiten auch noch ein wenig. Wir haben davon immer etwas behalten, aber es ist ganz sicher nicht nur Fantasy-Zeug. Wir vermischen das heute lieber.

Power Metal als Genre ist ja an sich ziemlich resistent gegenüber Veränderungen, aber ihr habt es gut geschafft, neue Einflüsse zuzulassen, ohne die Leute wütend zu machen, denke ich.
Ja, wir spielen einfach gerne das, was wir spielen wollen und wenn das anderen Leuten gefällt, ist das cool. Das haben wir immer versucht zu machen: einfach die Musik zu spielen, die uns Spaß macht und das machen wir auch immer noch.

OK. Machst du dir überhaupt Gedanken darüber, dass dieses Interview jetzt veröffentlicht wird und Leute über diese alten Texte Bescheid wissen? Hast du dir überhaupt jemals Sorgen darüber gemacht oder einfach angenommen, dass es niemanden interessiert?
Das ist keine große Sache. Das ist Schnee von gestern.

Es klingt, als würdet ihr positiv in die Zukunft schauen und als hättet ihr eine Menge gute Sachen geplant, jetzt da ihr erwachsen seid und nicht mehr über so schlimme Dinge redet.
Sam: Ja, es sieht gut aus.
Fred: Schlimme Dinge? Wovon sprichst du?

Fred, du musst dich da raushalten, du warst zu der Zeit noch nicht dabei.
Sam:
Wir haben über nichts dergleichen gesungen, seit es die Band gibt.
Fred: Sinn für Humor wird das auch genannt!

Ich bin Journalistin, wir haben keinen Sinn für Humor.
Fred:
Worüber schreibst du? Schreibst du über solche Sachen?

Ich schreibe über das Interview.

Es schien, als hätten ein paar der Bandmitglieder angefangen, zu realisieren, dass sie vielleicht etwas vorsichtiger hätten sein sollen mit ihren Antworten. Ich habe mich bei ihnen für das Interview bedankt und kurz danach aufgelegt. Halte ich Dragonforce jetzt für Rassisten? Ich denke, dass sie ein paar unglaublich dumme und hässliche Sachen gesagt haben, als sie jung waren, die sie dann, wie bei intelligenten Wesen so üblich, als sie älter wurden einfach vergessen haben. Finde ich das erwähnenswert? Auf jeden Fall, und wenn es nur deswegen ist, weil sie eine Menge junger, beeinflussbarer und Internet-affiner Fans haben, die verstehen müssen, dass es nicht akzeptabel ist, jemanden aufgrund seiner Herkunft, seines Geschlechts oder seiner sexuellen Orientierung zu verletzen oder zu erniedrigen. Ich habe fünf Minuten gebraucht, um bei Metal Archives Texte zu finden wie: „We will kill all the faggots and queer cunts. We will wipe out the gays and the fags. We will fuck the children in the ass, shit everywhere 'cause Demoniac is coming for you“, die direkt mit der Band zusammenhängen. Ernsthaft? Das ist nicht akzeptabel und das ausgelutschte „Jungen sind nun mal so“ zieht hier auch nicht als Verteidigung. Das geht besser.

Kim Kelly lässt sich nichts von euch gefallen. Sie ist bei Twitter - @GrimKim

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