Wir haben die Echo-Verleihung nicht verstanden

Die meisten Momente bei der gestrigen Echo-Verleihung konnte nicht mal Helene Fischer retten.

|
28 März 2014, 10:30am

(Anmerkung der Autorin: Da mir bei den vergangenen TV-Artikeln immer wieder ans Herz gelegt wurde, das Ganze doch einfach im Fernsehen zu gucken, anstatt mich auf schlechte Livestreams zu verlassen—gerne. Sehr, sehr gerne würde ich das tun, da ich aber Screenshots für euch liebste Leser machen muss und Fernseher abfotografieren superumständlich und auch keine wirkliche Alternative ist, muss leider meine Internetverbindung herhalten, bis wir eine bessere Lösung gefunden haben.)

So. Der Echo 2014 steht vor der Tür. Ich habe keine Ahnung, ob dieser Preis groß oder klein geschrieben wird, habe mir aber gerade ein sehr großes Glas Rotwein eingegossen und bin absolut bereit für Stars und Sternchen der heimischen Musikszene in all ihrer Fabulösität. Wir—ich spreche von mir selbst in der Mehrzahl, weil das meine hier geäußerte Meinung gewichtiger wirken lässt—versuchen es heute übrigens mit dem offiziellen ARD Livestream. Bei all dem Geld, das in die Öffentlich-Rechtlichen gepumpt wird, sollte zumindest der ordentlich laufen. Haben wir uns alle hübsch gemacht?

Wir haben uns alle hübsch gemacht. Dann kann es ja losgehen.

Ich mag die Sportfreunde Stiller nicht. Und ernsthaft: Warum trägt ihr Frontmann kein Toupet? Trotzdem ist es OK, dass sie die nationale Alternative-Band sind, die am meisten CDs verkaufen. Sie kommen zwar ebenfalls aus dem Süden, haben aber zumindest keine Fans, die sich den Reichsadler auf den rechten Hoden tätowieren. Hoffentlich…

Tim Bendzko ist der glücklichste Mensch der Welt, denn er ist der erfolgreichste Rock/Pop-Künstler in Deutschland. Irgendwas ist anders mit seinem Haar, mehr kann ich zu ihm nicht sagen. Er ist einfach ein fröhliches Stück Pappe, zu dem ich keinerlei Emotion habe. Interessantere Frage: Wann gibt es endlich einen Dubstep-Remix zu dem „Warum liebst du keine Möse?“-Song von seinem Mitnominierten Xavier Naidoo? Und habe ich diese Frage schon mal gestellt? Es ist mir ein wichtiges Anliegen.

Was Marteria in all seiner „OMG“-Euphorie nicht bemerkt: Ein Ninja hat seinem DJ gerade das Genick gebrochen.

Helene Fischers aktuelles Album Farbenspiel ist das erfolgreichste überhaupt und hat fünfmal Platin bekommen. Absolut verdient erhält sie also den „Kö-Nichs-Kla-ssö“-Echo (Shakira) und immerhin erspart es Robbie Williams weitere unangenehme Hausbesuche von deutschen C-Prominenten

Fragen, die sich der Sunrise Avenue-Frontmann anscheinend niemals gestellt hat: „Wie tief unten muss ich angekommen sein, dass ich in gebrochenem Deutsch den Radio-Award ankündigen muss?“ und „Sollte ich weniger psychopathisch auf meine Moderationskarten starren?“ Christina Stürmer hat gewonnen. Warum kann sie akzentfrei singen, aber nicht sprechen?

Eine andere wichtige Frage:

IHR SEID NICHT RUN DMC! (Max Herre ist bester Rap Act National und anscheinend immer noch, oder schon wieder, mit Joy Denalane zusammen. Letzteres freut mich.)

Volbeat haben gerade den Echo als beste Alternative Band International gewonnen und ich habe absolut keine Ahnung, wer sie sind. Die Leute hier im Bild offensichtlich auch nicht, ich schäme mich aber trotzdem ein bisschen.

Kleiner Einschub: Ich bin beim dritten Glas Rotwein und finde Helene Fischer wirklich ganz, ganz zauberhaft. Wäre ich Juicy J, würde ich sie in meinem nächsten Musikvideo twerken lassen.

Birdy hat zwar nicht so schöne Haare wie Lorde, trotzdem aber mehr Platten verkauft und bekommt deshalb den Echo als erfolgreichste internationale Rock/Pop Künstlerin. Während ich das tippe, werden zum gefühlten dreihundertsten Mal die Fantastischen Vier eingeblendet. Kein Wunder, schließlich haben sie den „deutschen Sprechgesang begründet“. Torch verbrennt gerade wütend seine Urkunde als erster und einziger Deutschrapper aller Zeiten, die ihm seine Mutter vor 20 Jahren gemalt hat.

Ich bin mir nicht ganz sicher, welcher Rekord hier gerade aufgestellt werden soll, aber Smudo sieht nicht aus, als würde er das zum ersten Mal machen. Jetzt klatschen alle. Ich glaube, niemand versteht was hier gerade passiert.

Bierpong mit Rohsché Zitzero: So lange mit Pistazien auf seinen Hut schnippen, bis er runterfällt. Was ansonsten geschieht? Beatrice Egli ist beste Newcomerin international und Campino sieht aus, als wollte er ihr Gesicht filetieren. Warum ich keinen Screenshot davon gemacht habe? Weil ich mir Wein nachschenken musste. #sorrynotsorry

Voxxclub haben zwar nicht den Echo für den besten Volksmusik-Act gewonnen, dafür sind sie die Schönsten und schuhplattlern im Wasser. Buuuuuh, Santiano, buuuuh! Was tut ihr, außer euch falsche Dialekte anzukoksen?

Meanwhile bei stabilen Deutschen, die erkannt haben, dass die wahre Lebensleistung der ganz alltägliche Struggle wie Atmen oder Interaktion mit Mitmenschen ist (oder einfach sauer sind, dass sie nicht bei den Volksmusikanten nominiert waren):

Weiß man, ob Kermit der Frosch an der Zeugung von James Blunt beteiligt war? Randnotiz: Die Grammys haben Beyonce und Jay Z, wir haben Helene Fischer und James Blunt. Apropos: Die Fantastischen Vier waren verdächtig lange nicht mehr im Bild.

Avicii ist innerlich bereits komplett tot, während Mousse T. sich gerade vor lauter Aufregung in die Hose macht.

Peter Maffay ist ganz ergriffen von sich selbst und seinem sozialen Engagement. „Mensch“, denkt er sich, „dieser Peter ist ein dufter Typ.“ Und hey, betreute Ferien für Kinder, da kann man nichts sagen. Das ist respektabel. Ich wünschte, ich wäre so ein guter Mensch, aber ich habe nicht einmal betreute Ferien für mich selbst.

Was das Ganze mit Musik und Verkaufszahlen zu tun hat, bleibt trotzdem fragwürdig.

Es ist 22.20 Uhr, der Schlager-Echo wird verliehen. Helene Fischer nimmt den Preis mit nach Hause. Die Fragen, die wir uns jetzt alle stellen sollten, sind: Ist sie die nächste Lady Gaga? Würde selbst ihre Nachgeburt fantastisch aussehen? Könnte SIE Putin besänftigen?

Kylie Minogue wendet den alten „Lipliner einen Zentimeter außerhalb der tatsächlichen Lippenkontur ansetzen und den Rest einfach ausmalen“-Trick an. Aber was könnte man einer Frau vorwerfen, die den Krebs besiegt hat? Der Song ist auch OK. Werde ich altersmilde oder verwirrt mich die Absenz von Max Raabes motzigem Bariton? Ist er mit den Fantastischen Vier durchgebrannt? IST Max Raabe eigentlich Helene Fischer nach ein bis fünfzehn Zügen aus Smudos Gasflasche?

Joko hat gerade einen Schlaganfall. Ein weiterer Streich von Klaas? Was aber viel wichtiger ist: Die bekommen für Circus Halligalli einen Echo? Für eine FERNSEHSHOW? Wurde die Kategorie „Partner des Jahres“ gerade einfach erfunden? Mehr. Wein.

Bob Geldorf verleiht den Preis für den besten Live-Act an die Toten Hosen und der Simultanübersetzer macht aus „Britain“ das wohlbekannte deutsche Wort „Britten“. ARD, ZDF, bitte nehmt all mein Geld. Ihr habt es verdient.

So enttäuschend! Ich dachte, sie schießen Jan Delay wirklich ins All. Stattdessen gab es eine schlechte Raumschiff-Animation und Plastikgeröll. Nicht mal Helene oder Max Raabe könnten diesen Moment retten.

Der Typ von Reamonn und The BossHoss auf einem Fleck! Ist der Iran noch im Besitz von Nuklear-Sprengköpfen?

Random tote Leute einblenden, denn es sind noch zehn Minuten Sendezeit übrig und Thomas Gottschalk hat mit seinem Haribo-Truck den Öffentlich-Rechtlichen den Rücken gekehrt. Es hatte offenkundig auch keinerlei Relevanz, denn schon gibt es den Crossover-Echo. Wurde ausgewürfelt, wer Ideen für die Show vorschlagen darf, und der Büro-Wischmopp hat gewonnen?

Schiller glaubt offensichtlich, dass er der deutsche Moby ist und tritt in der Crossover-Kategorie gegen Max Raabe und Helge Motherfucking Schneider an. Lindsey Sterling, die Zelda-Melodien auf ihrer Violine nachspielt, gewinnt und jeder, der Helge Schneider davon abhält, Screentime zu bekommen, ist in meinen Augen ein schlechter Mensch. Ich hasse dich, Lindsey Sterling. Es ist mir egal, wer du bist und was du tust. So, ich habe es gesagt. Derweil wird der Preis für elektronische Musik verliehen, aber statt Nominierten gibt es Platzierte. Wird der nächste Echo im Schlammcatchen entschieden, damit man alles mal durchhat? Ach ja, Avicii hat gewonnen. Mousse T. berührt sich gerade wahrscheinlich im Off intim.

Mit einem Auftritt begann die Echo Verleihung, mit einem Auftritt endet sie. Max Herre, die fleisch gewordene Deutschklausur, swingt entspannt auf einem Barstuhl und für einen Moment könnte man den Eindruck bekommen, dass die deutsche Musikindustrie sich ihre Wichtigkeitsbekundungen selbst abnimmt. Oh fuck. Die Tagesschau verschiebt sich nach hinten. NIMMT DAS HIER DENN NIE EIN ENDE? Wie oft will Helene Fischer noch auftreten? Muss man jetzt noch die allgemeine Wurstbrötchenverteilung für die schönsten Schweißflecken auf dunkelgrauen Oberteilen mitschneiden? Reicht es nicht endlich, ARD?

Keine Ahnung, wer die Beiden sind, aber ich liebe sie.

OK, anscheinend sind sie Yello, haben das Sample erfunden und bekommen den Echo für ihr Lebenswerk. Das sei ihnen mehr als gegönnt, ist aber kein Grund, nie wieder mit dem Reden aufzuhören, unlustiger Schweizer, der nur auf der Bühne ist, weil er mit den Künstlern seine Herkunft gemein hat! Christina Stürmer hat sich auch nicht von Hitlers Erben ansagen lassen. Jetzt machen sie Werbung für ihre App, mit der man live samplen kann, und ehrlich, Freunde: Wenn ich alte Männer sehen möchte, die gruselige Geräusche in kleine Elektrogeräte machen, setze ich mich spätabends in die U8.

Natürlich treten ganz zum Schluss die Sportfreunde Stiller auf, einer von ihnen rappt jetzt auch noch und was soll ich sagen… Ich bin wirklich bereit für ein Ende dieser Veranstaltung. Ich verstehe nicht, warum wer wo nominiert ist, wer jedes Jahr aufs Neue damit beauftragt wird, sich immer absurdere Kategorien aus dem Arsch zu ziehen und ganz im Allgemeinen hat nichts am heutigen Abend dazu beigetragen, die deutsche Musikindustrie auf irgendeine Art und Weise glamourös, vielschichtig oder gar interessant darzustellen. Schade eigentlich.

Folgt Lisa auf Twitter—@Antialleslisa

**

Folgt Noisey bei Facebook und Twitter.


MEHR VON NOISEY

Glaubt uns, es gibt auch guten Folk!
Mumford & Sons, Of Monster and Men, The Lumineers—alle stehen für unerträgliche, einfältige Radiomusik, die sich neuerdings als Folk ausgibt. Aber es gibt auch guten Folk.Liebe Echo-Veranstalter, wir haben da eine Frage: Merkt ihr noch irgendwas?
Die Echo-Verantwortlichen haben offensichtlich richtig viel aus dem 2013er Skandal gelernt und nominieren Frei.Wild 2014 einfach nochmal. Ob dieses Jahr weniger geshitstormed und boykottiert wird? Der ESC ist krank und Elaiza sind das Symptom
Der Donnerstagabend war der endgültige Beweis dafür, dass der Eurovision Song Contest der größte Scheiß der Welt ist.