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„Wenn die Mädels nicht aus dem Arsch kommen…“—Haiyti im Interview

In ihrem ersten "richtigen" Interview haben wir mit der Rapperin über Alter Egos, ein neues Album und die Sache mit Female Rap gesprochen.

Tristan Heming

Ich fahre nach Hamburg, um die Rapperin Haiyti zu interviewen. Ihr neues Tape City Tarif ist ihr wahrscheinlich stärkstes Aushängeschild bisher, und ein prominenter Featuregast wie Frauenarzt lässt auch erstmal aufhorchen. Tatsächlich rappt sie schon seit vielen Jahren im immer populärer werdenden Südstaaten-Stil, nur dass sie damit bis jetzt über die Grenzen Hamburgs hinaus wenig Beachtung fand. Das ändert sich gerade, und auch völlig zu Recht: Hayiti ist vermutlich die beste und innovativste deutsche Rapperin zurzeit und das mit einer großen Selbstverständlichkeit. Nirgends muss irgendwie extra betont werden, dass sie eine Frau ist oder dass selbiges im Rapkontext ansatzweise ungewöhnlich sei. Haiyti ist einfach Rapperin.

Ich treffe Haiyiti im Strand Pauli, einer Strandbar im Hamburger Hafen. Wir einigen uns schnell darauf, dass wir angesichts des letzten, gerade ausklingenden Wochenendes beide eher einen ausgiebigen Strandurlaub gebrauchen könnten als ein langes Gespräch. Oder eher eine Sonnenbank. Aber aufregend ist das hier trotzdem alles genug, schließlich hat Haiyti vorher noch nie so ein „richtiges“ Interview gegeben. Premiere! Ach so, Juicy Gay und Beatmaker Asad John waren übrigens auch dabei. Reiner Zufall.

Noisey: Du machst ja eine für Deutschland sehr neue, moderne Spielart von Rap. Hast du, bevor das alles so nach Deutschland geschwappt ist, schon eine andere Art von Rap gemacht?
Haiyti:
Nein, ich hatte das Glück, gleich in der Dirty-South-Szene zu sein. Die war ja noch nicht so groß in Deutschland vor ein paar Jahren. Dann habe ich gleich auf South-Beats gerappt und konnte eigentlich die ganzen Three-6-Mafia-Flows direkt instinktiv. Ich konnte sofort South rappen, das ist bei mir im Blut.

Du hast also auch nicht das Bedürfnis, noch ein Projekt zu machen, bei dem du was Anderes machst?
Mache ich ja. Unsere Sachen sind jetzt zwischendurch sehr poppig geworden, aber ich will trotzdem immer noch harte Sachen machen. Jetzt ist es so eine Mischung aus Pop und Trap, wobei ich das Wort „Mischung“ auch gar nicht mag. Ganz andere Sachen mache ich aber nicht, meine AKAs sind Haiyti und Robbery. Das vermischt sich dann aber auch und ich weiß nicht mehr, wer wer ist. Robbery ist halt so ein bisschen raw, rough, street, mit Schlüsselbund um den Hals. Haiyti ist poppiger. Haiyti könnte auch ein Webcam-Girl sein, was Robbery nicht passieren würde. „Webcam Girl“ wird auch ein Song vom Album heißen.

Es kommt also ein Album?
Ja, nach einem Mixtape kommt immer ein Album. Das ist Logik. Das soll noch dieses Jahr erscheinen, aber man weiß noch nicht genau, wann es fertig ist.

[Ein schnelles Schlauchboot fährt vorbei.]

Wir müssten eigentlich in so einem Schlauchboot hier langcruisen und das Interview machen.
Juicy Gay:
Das wär so heftig die Frierung.

In welche Richtung willst du als Nächstes gehen? City Tarif ist ja jetzt schon ein neuer Zenit, mit Frauenarzt-Feature und Gee-Futuristic-Beats, der ja auch schon Sachen für K.I.Z. gemacht hat…
Haiyti:
Ach echt?
Asad John: Sie weiß das gar nicht, sie hört ja gar keinen Deutschrap.
Juicy Gay: Juckt ja auch keinen, was die vorher gemacht haben.
Haiyti: Ich kriege das gar nicht mit, auf welchem Höhepunkt ich bin. Es wird noch eine Steigerung geben. City Tarif haben wir auch schnell gemacht. Ich war zwei, drei Mal in Berlin. Das ging locker von der Hüfte, wir haben fast immer die ersten Takes genommen. Das hat auch einfach damit zu tun, dass ich mit Asad John jetzt einen Produzenten habe, mit dem alles funktioniert.

Musikalische Entwicklungen hängen ja oft mit dem Produzenten zusammen, mit dem man arbeitet. Wo siehst du Unterschiede zwischen deinem Album Havarie zu dem Mixtape jetzt?
Bei Havarie habe ich auch voll viele Texte genommen, die ich vor fünf Jahren oder so geschrieben hab. Das ist mehr so ein Sammelalbum. Die Texte waren zu gut, um sie nicht zu recorden, wir haben aber jetzt auch nicht groß ausgesucht. Wir haben fast jeden Track genommen, aber da ist auch kein Müll dabei. Havarie ist wie eine Sammelakte. City Tarif dagegen ist sehr aktuell, schnell geschrieben, viel frischer. Havarie ist eine Sammelakte und City Tarif ist die U-Haft, die aktuelle Anklageschrift.

Du willst ja deine Hamburger Herkunft nicht so nach außen kehren und auch möglichst kein Foto am Hafen machen. Wohl auch, weil Hamburg momentan so sehr Modestadt ist. Wie kommt es dann zu dem maritimen Albumtitel Havarie?
Ich bin einfach sehr mit dem Meer verbunden, ich mache jedes Jahr in Kroatien Urlaub, weil meine halbe Familie da herkommt. Ich bin eine Adria-Girl. Und Havarie, das heißt Untergang, irgendwie hat es alles gepasst. Das Wort wird nicht so oft benutzt und klingt rough, ist einfach ein geiles Wort. Mit Hamburg hat das nichts zu tun, wenn dann mit dem Mittelmeer. Mein Vater hat ein Boot, eine Zehn-Meter-Yacht. Schreibe das mal, dann denken die alle, ich bin ein Rich Girl. Ich bin im Sommer einen bis zwei Monate auf dem Wasser, immer nur von Bucht zu Bucht. Da habe ich halt Glück, aber dafür war ich auch noch nie woanders als Kroatien.

Fühlst du dich in Hamburg denn wohl?
Ich finde es gut, in einer Stadt zu wohnen, die sich als Tor zur Welt beschreibt. Hamburg hat eine gute Größe, es ist wie ein Dorf, aber es passiert sehr viel. Keine Stadt, die stillsteht. Berlin bleibt aber meine zweite Stadt, ich bin schon immer viel in Berlin gewesen. Auch als Kind, weil meine Mutter ursprünglich da herkommt, und auch meine besten Freunde wohnen fast alle da. Ich bin eigentlich echt in beiden Städten zu Hause.

Du sagst ja, dass du es bescheuert findest, deine Musik als „Female Rap“ zu bezeichnen. Findest du es denn allgemein wünschenswert, dass weibliche Rapperinnen in der Szene selbstverständlicher werden?
Mir ist das eigentlich egal, ich beschäftige mich nicht damit. Ich beschäftige mich auch nicht mit der Szene. Natürlich wäre es besser ... Aber es ist mir wirklich egal. Wenn die Mädels nicht aus dem Arsch kommen, kann da keiner was für. Mir ist das alles wirklich scheißegal.
Asad John: Bei Haiytis Musik spielen Geschlechter wirklich keine Rolle.
Juicy Gay: Wenn ich das höre, denke ich mir auch nicht, „Boah, ich höre jetzt eine weibliche Rapperin“, sondern ich höre einfach Rap.

Das ist ja generell so spannend an dem neuen Online-Rap-Movement: Da gibt es einen schwulen Rapper und eine Frau. Sachen, die im Rap immer für Schnappatmung gesorgt haben. Und hier verliert man darüber nicht mal mehr ein Wort und nimmt es wie selbstverständlich hin.
Haiyti:
Und das hat es ja alles auch schon gegeben. Wir sind jetzt keine Vorreiter oder so. Die Zeit, wo alle ausrasten, ist vorbei. Ist auch gut so, sonst würde ich es auch nicht machen.

Hast du, außer der Tatsache, dass du als nächstes ein Album machen wirst, schon weitere Moves in Planung?
Asad John:
Move klingt so kalkuliert. Auch das Feature, das ist einfach passiert. Andere Leute, die da waren, hätten einfach nicht auf das Tape gepasst, da haben wir das genommen, was gepasst hat. Frauenarzt war zufällig da, also haben wir einen Song gemacht.
Haiyti: Naja, zu den neuen Songs sind krassere Videos geplant, krassere Autos. Ich habe gerade viele Anfragen von professionellen Leuten, die das für mich auf Low Budget machen würden. Diese Angebote werde ich auch annehmen.

Vielleicht definieren wir Moves einfach als „coole Sachen, die man gerne machen würde“.
Ich würde gern Shirts und Sidebags verkaufen. Mir wurde empfohlen, auch Asiletten zu machen, mal gucken. Links würde „Sex and“ draufstehen, rechts „Crime“. Ansonsten warte ich noch auf gute Deals. Ich mache alles einfach weiter, wie ich es mache und wenn nichts Gutes kommt, werde ich auch keinen Deal annehmen. Das läuft auch so. Man kann sich auch selbst organisieren. Man braucht heutzutage kein Label mehr.

Wird das Album denn wieder ein Free-Download-Album?
Nein, das werde ich schon verkaufen, wahrscheinlich aber nur digital. Ich habe jetzt erstmal die Leute heiß gemacht … Ein bisschen Strategie ist schon dahinter. Aber ich will einfach, dass die Leute meine Musik hören. Wenn es nach mir ginge, würde ich das Album auch for free hochladen. Aber das will ich meinen Produzenten und den anderen auch nicht antun, dass die immer kostenlos arbeiten müssen.