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Captain Ashi—Unterwegs im räudigen Band-Kosmos

„Dorfdisko Geiselfahrt“—Die Tour, die Audiolith zum berüchtigten Ravepunk-Label machte

2010 wurden Frittenbude, Egotronic, Bratze und ein Haufen Journalisten in einen Bus gesperrt und in die entlegensten Dörfer des Landes geschickt—natürlich eskalierte es.

2010 war alles noch im Lot—der MP3-Download war noch nicht erfunden, Fred Durst war der größte Gangsterraper Deutschlands und ein kleines Sub-Sub-Genre namens Ravepunk war der absolute Schrei in der deutschen Clublandschaft. Four-to-the-floor Elektro-Gestampfe mit rotzigem Sprechgesang regierte die autonomen Jugendzentren und stellte den Soundtrack für sämtliche Antifa-Demos. Inmitten einer Welle aus teilweise viel zu bunt gekleideten, teilweise arg berauschten Bands, die sich als Punks mit Atari statt Gitarre verstanden, ging ein kleines Hamburger Indielabel in voller Blüte auf. Das Plattenfirmen-Irrenhaus Audiolith um Lars Lewerenz, der bei Preisverleihungen schon mal Awards auf der Bühne zerhackt oder aus Promo-Zwecken 50€-Scheine an die Presse schickt, warf immer wieder ein paar Spritzer Benzin ins Feuer der Computer-Punkmusik und stand mit Bands wie Egotronic, Saalschutz, Supershirt oder Juri Gagarin plötzlich als Beschaller einer alternativen, politisch links-stabilen Ravekultur da.

Eine der vielen, illustren Schnapsideen, die den Label-Köpfen Lewerenz und Artur Schock eines Tages in den Sinn kam: Die „Dorfdisko Geiselfahrt“. Drei Bands, eine handvoll Kollegen, eine handvoll Journalisten und 100 Kästen Bier gehen zusammen auf Tour, gepfercht in einen alten Reisebus, auf dem Weg durch die Untiefen der deutschen Walachei. Auf dem Tourplan keine scheiß Kulturmetropolen und keine hippen Läden. Stattdessen: Döbeln, Oelde, Tannheim-Egelsee, Höhr-Grenzhausen. Audiolith Chef-Booker Artur Schock hat das ganze damals ausgeheckt und wühlt für uns ungeschönt und wirr in seinen schmutzigen Erinnerungen an eines der verrücktesten Tour-Experimente diesseits der Achtziger:

Angefangen hat alles als Spaß, aber schnell wurde es Ernst. Ich habe das deutlich am Morgen des vierten Tages gemerkt. Ich hatte das erste Mal zwei Stunden oder so geschlafen und wollte in der Küche des Clubs, in dessen Dachgeschoss wir in zwei Zimmern auf blanken Matratzen schliefen, den Backoffen anmachen, um ein paar Baguettes für das Frühstück aufzubacken. Ich ging die Treppe herunter. Die Tür zum Club im Erdgeschoss war zugesperrt. Ich ging die Treppe wieder hoch. In dem Aufenthaltsraum im oberen Stockwerk saßen noch ein paar Leute wach und redeten leise über irgendetwas. Jemand meinte, dass „die Tür unten zu sei. Man komme nicht mehr raus!“ Unser Promotion-Agent winkte mich zu sich: „Vielleicht solltest du mal schauen, wo der Veranstalter den Schlüssel versteckt hat. Hansi hier wird langsam verrückt. Er muss um Neun Uhr den Bus kriegen, das ist der Einzige der hier fährt, sonst schafft er es nicht bis zum Nachmittag wieder in Freiburg zu sein, dort muss er seinen Sohn abholen. Wir haben ihn gerade davon abgehalten, aus dem Fenster zu springen.“


Alle Fotos: Johannes C. Büttner

Ich blickte zu Hansi. Er schob seinen Oberkörper wieder aus dem offenen Fenster und versuchte, die Höhe abzuschätzen. „Ja, vielleicht sollte ich wirklich mal schauen“, dachte ich. Die anderen waren schon wieder in irgendwelche müden Gespräche vertieft. Nur Hansi guckte panisch durch die Gegend.

Die Wohnung des Veranstalters lag ebenfalls auf dem gleichen Stockwerk, direkt über dem Club, auf der anderen Seite eines langen Flures. Der Club war früher ein großes Landgasthaus gewesen. Es stand auf freiem Feld an einer Bundesstraße am Ende eines kleinen Dörfchens. Drumherum war viele Kilometer nichts als Acker, Wald und Bauernhöfe. Die nächste größere Stadt war eher ein Kaff und auch über eine halbe Stunde weit weg. Von der zuständigen Polizeiwache brauchte man sogar noch länger, weil der Club genau hinter der Landesgrenze lag und somit in der Zuständigkeit einer weit entfernten Kreisstadt.

Das alles wusste ich, weil wir diesen Club genau aus diesen Gründen ausgesucht haben. Die Dörfer, in denen wir bei dieser Tour spielten, sollten möglichst provinzielle Namen haben und möglichst abgelegen sein. Die Clubs durften ruhig etwas rustikaler sein—was man halt so findet. Das Publikum, was dort normal hingeht, sollte komplett erschlagen werden von dem, was wir auffahren. Die Journalisten, die wir mitnahmen, sollten keine Möglichkeit haben, einfach so wegzukommen. Unsere Tour hieß „Dorfdisko Geiselfahrt“—eine Mischung aus Konzert und Promotion-Reise mit drei Bands, zwei Djs und dazu noch etwa zwanzig bis dreißig Leuten von der Presse. Aber von vorn.

Begonnen hat alles im Sommer 2009 mit einem Anruf von Labelchef Lars: „Lass uns einen HVV Bus mieten und mit vielen St. Pauli-Skinheads durch die Gegend fahren! Und wo wir aussteigen, gibt es Ärger!“ Gute Idee! Kann man machen. Ende des gleichen Jahres zeichnete es sich dann ab, dass unsere Bands Frittenbude, Egotronic und Bratze ihre neuen Alben in etwa zur gleichen Zeit, nämlich im kommenden Frühjahr, bei Audiolith rausbringen wollten. Es lag auf der Hand, statt linker Skinheads einfach die drei Bands in einen Bus zu packen und zusammen auf Tour zu schicken. Bisschen wie in dem Dokumentarfilm Another State of Mind, nur ohne Besuch bei Minor Threat. Alle hatten sofort Bock!

Es war logisch, dass wir die Presse fragten, ob sie mitkommt. Die Tour war der perfekte Aufmacher für die Promo zu den drei Releases. Perfekt deswegen, weil unsere Hochburgen damals gar nicht so sehr die hippen, gentrifizierten Viertel waren, sondern die kleinen Nester auf dem Land. Dort, wo du nicht jeden Abend zwischen fünf Konzerten wählen kannst, sondern wo du froh bist, dass überhaupt mal was passiert. Wo nicht leisen Töne zählen, sondern wo das Publikum einfach nur durchdrehen und alles kaputt schlagen will, weil das Leben sonst relativ langweilig ist. Da sollten die feinen Herren und Damen von der Presse mal sehen, wie wir da ankommen und wie lustig das da ist. Ein schwitziges Konzert in einem kleinen Juz, viel zu viele Jugendliche auf engstem Raum, alle total euphorisiert, betrunken und am pogen: Ein Moment, wo einfach alles aufgeht, was Audiolith ausmacht. Das sollte die Presse mal sehen!

Wir wollten also eine Lanze brechen für die Kids auf den Dörfern und sie wieder in den Mittelpunkt rücken. Wir hatten keinen Bock mehr auf Releasepartys in den Metropolen, wo ein gelangweiltes Publikum jeden neuen Act einfach abnickt. Wir wollten zu den Dorfis und ihnen für wenig Geld eine Show bieten, die sie so nicht so oft zu sehen bekommen: Drei wirklich sehr gute, einzigartige Bands, mit ihren bis dato besten Alben an einem Abend hintereinander. Alles live, alles auf die Fresse, Energielevel kurz vor dem Explodieren und alles so nah an Zuhause, dass du nach der Party noch besoffen heimfahren kannst.

„Dorfdisko Geiselfahrt“ also. Geiselfahrt deswegen, weil wir bei dem Bus automatisch an das Geiseldrama von Gladbeck denken mussten. Es passte auch gut zum Cover und zum Titel des Egotronic-Albums. Wir spekulierten natürlich, das auch bei unserer Tour am Ende so etwas wie das Stockholmsyndrom einsetzen würde und alle mitfahrenden Journalisten endlose Sympathie verspüren für die Bands und Audiolith—gerade, weil wir ihnen das alles antun. Fünf Tage sollten sie unser Leben mit uns leben. Auch das war die Idee. In der Praxis hieß das nun, einen verzweifelten Online-Journalisten, der seit drei Tagen nicht geschlafen hat, davon abzuhalten, aus einem Fenster zu springen.

Ich beschloss also, in das Schlafzimmer des Veranstalters zu schleichen und den Schlüssel zu suchen, damit Hansi seinen Bus kriegt. Warum hat der uns überhaupt unserer Freiheit beraubt? Das hatte ganz pragmatische Gründe: Wenn du einen Laden mit Ausschank betreibst, wo ohne Ende Bier und Schnaps rumsteht, ist dein größter Alptraum vielleicht eine Feuersbrunst, aber schon an nächster Stelle kommt eine große Gruppe von skrupellosen Menschen, die sich ungehindert Zutritt zu deinen Vorräten verschaffen kann (womöglich sogar unter Drogen stehend).

Wenn du so einen Laden auf dem Land machst, kannst du kein Opfer sein. Allein schon wegen des Programms und des Publikums (vorne Goa, hinten Oi-Punk usw.) ist Stress vorprogrammiert. Und weil die Polizei eh nicht kommt, musst du irgendwann zu Selbstjustiz greifen. Du musst ein Vollstrecker sein. Naja und so hat sich das irgendwie hochgeschaukelt. Ich glaube, wir hatten zwischendurch einen von Egotronic verloren und dachten schon, er wäre in dem Bach hinter dem Haus, wo die Ratten wohnen, ertrunken—aber dann haben wir ihn nach ein paar Stunden zum Glück wieder gefunden, im Konzert-Raum, in einer Ecke, mit dem Gesicht zur Wand stehend, mit aufgerissenen Augen. Das war, glaube ich, das letzte Mal, wo jemand den Veranstalter wegen des Schlüssels zum Konzertraum geweckt hatte. „Sorry, duuu, wir suchen einen, der ist weg. Vielleicht haben wir den aus Versehen im Konzertraum vergessen.“

Bei der Gelegenheit klauten wir dann auch nochmal Bier und dann ist dem Veranstalter endgültig der Kragen geplatzt. Er ist durchgedreht und am Ende hat er uns dann einfach eingesperrt. Eine Überreaktion, sicherlich, aber so wird man wahrscheinlich, wenn man in einem Club wohnt. Zum Glück hat er tief geschlafen, als ich aus seiner Hosentasche den Schlüsselbund geklaut habe. Später habe ich den sogar wieder reingetan. Wir haben unten aufgemacht und ich konnte die Baguettes aufbacken, der Hansi konnte zu seinem Kind und wir sind schnell abgehauen.

Bands, Label, Bus, Journalisten, Dörfer: Alles in Allem ein sauberer, guter Plan. Nur die Musikpresse tat sich etwas schwer, unser Anliegen zu verstehen. Keiner wollte mitkommen. Für gewöhnlich gehst du als Musikjournalist auf ein Konzert in einen Club in Berlin oder Hamburg. Du stehst natürlich +1 auf der Gästeliste. Dort lässt du dir ein paar Bier ausgeben, guckst dir die Band an, vielleicht führst du auch vorher oder hinterher noch ein Interview in einem Café, Backstage oder Meeting Raum zur neuen Platte und torkelst dann glücklich wieder deines Weges. Unsere Idee war es, diese Prozedur zu durchbrechen und der Presse mal eine etwas ganzheitlichere Erfahrung anzubieten. Embedded sozusagen! Klar, dass viele von der Einladung erst mal überfordert waren. Vielleicht hatten wir auch nicht den besten Ruf...

„Zu lange“, „Zu anstrengend“, „keine Zeit“ usw. hieß es immer als Ausrede. „Schickt uns einfach irgendwen, uns egal, ob der am Ende was schreibt oder nur zum saufen kommt!“ meinten wir immer—vielleicht war das auch nicht gerade vertrauenserweckend, aber so haben sich dann doch noch fünf,sechs Leute gefunden. Bei den echten Zeitungen und beim Feuilleton war es viel einfacher. Vielleicht ist man es dort noch gewohnt, für eine Geschichte wirklich zu recherchieren und was in Kauf zu nehmen. Oder man wird einfach besser bezahlt. Auf jeden Fall stießen wir dort sofort auf großes Interesse und es gab viele Zusagen. Selbst der ehrenwerte Kölner Express hat uns begleitet und der Tour eine ganze Seite mit Lügen und Übertreibungen gewidmet.

Bisschen schwierig war es, weil wir wenig Geld hatten. Wenn wir eine große Plattenfirma wären, hätten wir überall unendlich viele Hotel Zimmer gebucht oder die Redaktionen hätten das gemacht, für die Storys von den Stars. Wir waren aber keine große Plattenfirma und unsere Bands waren keine Stars. Der Plan war in etwa so: Der Fahrer braucht eine günstige Pension in der Nähe, da buchen wir noch drei-vier Doppelzimmer mehr, die Veranstalter sollen außerdem gucken, wo zwanzig Leute pennen können und der Rest schläft einfach im Bus.

Bei der ersten Show ging alles noch gut auf. Ein paar Leute wollten gleich nach dem Konzert schlafen und kriegten die Pension. Der Rest konnte im örtlichen linken Jugendzentrum die Pennräume haben. Da gab es zwar zu wenig Matratzen, aber weil es wegen unseres Konzerts die konkrete Gefahr eines Naziüberfalls gab, beschloss ein großer Teil der Gruppe aus Sicherheitsgründen einfach wach zu bleiben. Dort gab es auch Pfeffi und einen Automaten mit Zigaretten und so waren zum Sonnenaufgang alle happy. Nur die Laune von Lars hatte sich verfinstert. Er wollte wegen irgendeines Streits mit einem Saufkumpanen Audiolith komplett auflösen. Außerdem hatte er am Abend davor einem Künstler aus Versehen mit dem Messer in die Hand gestochen.

An den folgenden Nächten wurde es schon ein bisschen komplizierter. Die Leute, die in der Nacht davor freigedreht sind, wollten jetzt total dringend in Ruhe schlafen. Musiker die am Vortag Matratzen an die Gäste von der Presse abgegeben hatten, wurden aufmüpfig und forderten gleiches Recht für alle und keine Luxusbehandlung der Journalisten. Die wiederum machten das Beste draus und besoffen sich—nachdem sie am ersten Tag alle fleißig waren—richtig heftig, verschwanden mit irgendwelchem Dorfgesindel auf Hauspartys oder paarten sich untereinander. Unser Promotion-Agent und mehrere Radio-Leute fanden sich Morgens im Wohnzimmer des Bürgermeisters von Oelde (angeblich!) wieder und schlürften mit dessen Tochter und ihren Freunden seinen edlen Cagnac.

Im Bus konnte man, wie schon gesagt, auch pennen. Hinten gab es eine große Liegefläche aus Polstern. Das war wirklich total geil und ist heute leider nicht mehr zugelassen. Auf der „Spielwiese“ konnte man es sich wirklich hart gönnen. Der Bus tuckerte über die Autobahn, wir tranken und zwischendurch machten irgendwelche Fernsehsender kompromittierende Interviews. Davon findet man noch einige auf YouTube—Torsun redet wie immer viel zu schnell, andere dämmern während der Fragen weg wie kleine Koalas im Eukalyptusrausch. Bei Lars ist die düstere Laune vom Morgen durch komplette Übermüdung in nihilistische Todesverachtung und leichten Wahnsinn umgeschlagen. Da ja überall Kameras waren, ist das gut dokumentiert: „Scheißegal!“

Ansonsten war alles sehr entspannt. Selbst für unseren Fahrer. Er hatte schon viele Auswärtsfahrten von Ultra-Gruppen gemacht und war ein bisschen mehr Action gewohnt. Wir lagen die meiste Zeit einfach hinten auf den Polstern, haben gesoffen und Quatsch gemacht. Unser Bus war kein ausrangierter Schulbus und hatte keine einzige Panne. Also doch nicht so wie bei Another State of Mind. Im Vergleich dazu eigentlich geradezu langweilig ... Von außen war der Bus mit großen bunten Buchstaben bemalt, was irgendwie automatisch nach Clownsmobil aussah. Für den Kontrast sorgten Antifa- und Scooter-Fahnen an den hinteren Fenstern, die wir befestigt haben, um uns vor Sonnenstrahlen und neugierigen Blicken von LKW Fahrern zu schützen.

Das einzige Mal, dass wir richtig für Aufsehen sorgten, war am zweiten Tag der Reise in Oelde. Das Jugendzentrum, wo das Konzert stattfinden sollte, war direkt neben dem Rathaus. Dort tagte gerade irgendein wichtiger Ausschuss und die ganzen Lokalpolitiker liefen verwundert zu den Fenstern, als sie den großen, auffälligen Bus sahen, wie er über den Parkplatz fuhr und direkt vor dem Gebäude zum Stehen kam. Wir waren alle ziemlich betrunken. Der Doktor (so nannten wir ihn nur, er war kein echter Doktor) musste dringend auf Toilette. Er hatte schon seit einer Stunde gejammert und gebettelt, aber es wurden unterwegs kaum Pausen gemacht—der Zeitplan sollte gehalten werden, diese Tour war eine ernste Sache. Er sprang also sofort aus dem Bus, lief hinter die nächste Hecke und pisste direkt an das Rathaus.

Die Politiker drinnen verstanden am Anfang gar nicht so richtig, was da geschieht. Der Doktor ließ sich Zeit. Als er fertig war, kamen aus einer Notausgangstür zwei Herrschaften rausgerannt und umstellten ihn. Sie waren vom Ordnungsamt der Stadt Oelde und etwas aufgebracht. Der Doktor sollte eine Strafe zahlen. Pech für sie war nur, das der Doktor sich weigerte, mit ihnen zu sprechen. „Sag den Wichsern, dass ich nicht mit ihnen spreche!“ sagte er zu mir, als ich ihm zur Hilfe eilte. „Entschuldigen sie bitte, der junge Mann kann sie nicht verstehen und spricht nicht ihre Sprache“, versuchte ich die Wogen zu glätten. „Könnten sie sich ausweisen?“ Leider klappte das nicht so gut. Sie wurden laut und drohten mit der Polizei. Da wir im Bus illegal Glücksspiel betrieben haben und ja noch ein Konzert spielen sollten, wollte ich das vermeiden. Langsam kamen auch die anderen Leute von uns aus dem Bus, die erste Fernsehkamera wurde auf den Doktor und die Hunde gerichtet, im Rathaus war immer noch Aufregung. Doktore gab keine Ruhe und belegte die beiden Herren immer weiter mit herablassenden Bemerkungen, tat aber gleichzeitig so, als wären sie gar nicht da. „Hier haben sie 50 Euro, verschwinden sie, der Mann hat ein medizinisches Leiden.“ sagte ich, „Außerdem ist er Kulturschaffender und spielt hier gleich ein Konzert! Wir haben die Presse dabei!“ Sie nahmen die 50 Euro, gaben mir 20 Euro raus und verschwanden wieder im Rathaus. Alle freuten sich darüber, dass wir es dem Schweinesystem so richtig gezeigt hatten. Wir fingen an, auszuladen und aufzubauen.

Bei der Fahrt nach Hause herrschte die klassische Melancholie am Ende einer Tour. Alle waren ein bisschen traurig, dass es jetzt schon zu Ende geht und es wurde noch mal sehr viel Schnaps getrunken. Der Plan war auf jeden Fall aufgegangen. Unsere etwas naive Promostrategie hatte saftige Früchte getragen. Alle Berichte und Artikel waren durchweg positiv bis euphorisch. Wir waren auf einmal landesweit bekannt als die Typen, die down sind mit ihren Fans und jeden Tag hart feiern und Bierduschen machen. Diesen Ruf hat Audiolith bis heute und er hält sich hartnäckig—da können wir noch so viele durchdachte Electronica-Alben und Hörbücher rausbringen. Die Feierpeitsche schwingt immer mit, wenn irgendwo die großen gelben Buchstaben drauf stehen.

Gibt Schlimmeres ... Zum Beispiel fünf Tage nicht schlafen, dehydrieren und Gorbatschow-Flaschen exen!