„Ray hat Typen mit Hakenkreuz-Tattoos seine Message ins Gesicht geschrien“—Youth of Today im Interview

Youth of Today sind zwar nicht mehr die Jüngsten, haben aber von ihrem Feuer der ersten Tage kein bisschen verloren. Wir haben Walter Schreifels und Sammy Siegler vor ihrer Show in Berlin getroffen.

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Mai 6 2016, 2:00pm

Alte Männer furzen viel. Du kennst das Sprichwort. Es ist eine unumstößliche Weisheit, voller Erkenntnistiefe und Prägnanz. Es trifft ganz sicher auch auf Ray Cappo (Gesang), Porcell (Gitarre), Sammy Siegler (Drums) und Walter Schreifels (Bass) von Youth Of Today zu. Bei ihnen allerdings bedingt durch ihren ballaststoffreichen Veggie-Speiseplan und weniger als letztes Vitalsignal eines verfallenden Körpers. Ganz im Gegenteil. Ihre Mittvierziger-Körper scheinen einfach seit ca. 15 Jahren nicht mehr zu altern. Genau wie ihre PMA.

Youth Of Today, diese Mitte der Achtziger in Connecticut von Ray und Porcell gegründete Hardcore-Band, darf sich so manches Verdienst ins Müsli mischen. Zum Beispiel haben sie als eine der wichtigsten Bands der so genannten zweiten Welle die Ostküste der USA als Szene-Standort gestärkt. Vor allem aber waren sie als einer der wichtigsten Vertreter von Straight Edge und Vegetarismus mit den griffigsten Lyrics sowie Shirt- und Plattenartworks mitverantwortlich für das Anschieben einer ganzen Jugendkultur der positiven Selbstüberholung. Das, was in den letzten Jahren zu einer Healthy-Lifestyle-Industrie aus Yoga-Matten gepolsterten, Vitamix-motorisierten, Öko-Fairtrade-zertifizierten Welt- und Selbstretter-Kulten gewachsen ist, wurzelt unter anderem in dem Beginn der Vegan-Straight Edge-Bewegung. Auf ihre Art haben also Youth Of Today die Welt zu einem etwas besseren Ort gemacht. Sie taten dies auch noch einmal am 28. April in Berlin als sie eine der wenigen Reunion-Shows in ihrer klassischen Besetzung im SO36 spielten.

Am Tag davor trafen wir uns mit Walter und Sammy und unterhielten uns über den Sinn und Unsinn von Reunions, über das Schwarzfahren und natürlich über das Alter.

Noisey: Seit wann seid ihr schon in Berlin?
Walter Schreifels:
Seit drei Tagen, seit Sonntag. Sammy und ich haben Montag schon ein bisschen geprobt, Dienstag stieß dann Porcell dazu. Heute dann eine weitere Probe, mit der wir nochmal ein Level weiter gekommen sind. Morgen noch eine letzte Probe und dann die Show. Ray kommt erst am Tag der Show dazu. Er gibt einen Yoga-Kurs und kommt dann direkt von dort auf die Bühne.

Also fand die gesamte Vorbereitung auf die Show hier in Berlin statt oder habt ihr vorher auch schon geprobt?
W:
Sam und Porcell haben schon vorher in Kalifornien geprobt. Ich hab ein bisschen für mich selbst zuhause geübt. Aber so viel Proben sind auch gar nicht nötig. Sobald alle in einem Raum sind, kommt man ganz schnell wieder rein.

Wenn ihr auf Berlin-Besuch seid, ist vermutlich Walter der Touri-Guide?
Sammy Siegler:
Genau. Walter hat hier eine Weile gelebt. Er hat den Schlüssel zur Stadt.

Was hat er euch so gezeigt?
S:
Er hat mich mit ganz Berlin-typischen Erfahrungen vertraut gemacht. Am Montag wollte ich in ein Museum und wir nahmen die S-Bahn. Dabei ist uns eingefallen, wie wir auf einer Rival Schools-Tour mal beim Schwarzfahren erwischt wurden. Die Typen damals nahmen das richtig ernst. Sie meinten: Reisepass oder Knast. Vor allem mussten wir nur eine Station fahren, aber sobald die Türen zu waren, kamen sie angestürzt als ob sie nur auf uns gewartet hatten. Erst haben sie sich Walter gegriffen. Ich hab noch versucht, mich abzusondern. Hab so getan als müsste ich telefonieren. Hat aber nichts genutzt. Mussten dann mit raus und Tickets für je 60 Euro lösen.
W: Wir wollten sogar noch Tickets kaufen, aber der Zug fuhr gerade ein und wir dachten so, ist ja nur eine Station, was soll passieren.

War es das erste Mal, dass du beim Schwarzfahren erwischt wurdest?
W:
Es war zugegebenermaßen nicht das erste Mal, dass ich schwarzgefahren bin, aber das erste Mal, dass ich als erwachsener Mensch erwischt wurde.
S: Und die Typen meinten es echt ernst.

Jeder Kontrolleur in Berlin nimmt die Sache richtig ernst. Das sind Kopfgeldjäger.
S:
Ich hab echt alles versucht. Von: „Sorry, ich bin zum ersten Mal in Berlin.“ Bis: „Hey, ich löse sofort ein Ticket nach.“
W: Blöd, dass es so viel Geld gekostet hat, aber wie du siehst ist es immerhin eine Anekdote, an die man sich immer wieder gern erinnert, haha.

Wie kaum eine andere Hardcore-Band transportiert Youth Of Today die Bindung an die Energie und die Auflehnung der Jugend über ihren Namen. Jung seid ihr auf dem Papier nicht mehr, warum diese Auftritte im Jahr 2016?
W:
Naja, die Angebote standen im Raum. Wir sind alle gesund, wir mögen uns, also warum nicht? So sehe ich das.
S: Andere Bands haben es vorgemacht. Gorilla Biscuits haben sich echt gut vorbereitet, haben sich die Zeit genommen, um wieder richtig tight zu werden. Ihre Shows sind super, der Sound ist grandios. Bei Judge das gleiche. Was uns angeht: Youth Of Today war in der damaligen Generation von Bands die größte. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass es einen ultimativen Schlusspunkt gab. Für mich fühlt sich das sehr logisch und notwendig an, dass dieses Line-up noch einmal zusammen kommt, um Shows zu spielen. Entweder, um die Sache würdig zu beenden oder um einfach nur zu beweisen, dass wir es immer noch drauf haben, diese Songs mit Leidenschaft zu spielen.

Bei der letzten Re-Union-Show hier in Berlin im Jahr 2010 wart ihr nicht dabei. Warum?
W:
Ich war noch nicht alt genug, haha. Hatte das Gefühl, ich müsste noch etwas reifen. Jetzt fühle ich mich bereit, wieder Teil von Youth Of Today zu sein.
S: Bei mir hatte es sich damals einfach noch nicht richtig angefühlt. Ray und Porcell waren heiß drauf, aber bei mir hatte es einfach nicht gepasst.


Gefilmt von Ducktape HC

Ihr hattet aber nie grundsätzliche Probleme mit der Idee einer Reunion?
W:
Problematisch fand ich die Idee nicht. Ich war damals einfach nicht interessiert daran. Das war dieses Mal einfach anders. Diese Jungs sind meine Freunde. Es gab die Möglichkeit, diese Show in Berlin zu spielen, es gibt noch weitere Anfragen in den USA. Die Aussicht, mit Freunden abzuhängen und zu spielen, hat mich gereizt. Anscheinend mehr als zuvor. Davon abgesehen ist die Musik immer noch inspirierend und hat eine tolle, wichtige Aussage. Ray ist einer der besten Frontmänner im Hardcore-Bereich und die Kids von heute sollten diese Band kennenlernen und die Leute in unserem Alter sollten an bestimmte Ideen, die diese Band vertritt, erinnert werden. Sieh dir doch nur an, was gerade in der Welt passiert. Verständnis für andere Menschen und Kulturen, Vegetarismus, Umweltschutz, das sind elementare Themen für Youth Of Today und alle davon sind aktueller denn je.

Welche Bedeutung haben die wesentlichen YOT-Inhalte auf eure gegenwärtigen Lebensentwürfe?
S:
Ich habe neulich mit einem Freund rumgealbert, der meinte, YOT beeinflussen sein Leben heute mehr als damals Ende der Achtziger. In vielerlei Hinsicht ist es für mich ähnlich.

Sammy, als ich dich vor ein paar Jahren mal nach der Band gefragt hatte, in der das Spielen am meisten Spaß gemacht hat, sagtest du Youth Of Today, weil das die magischste Erfahrung war ...
S:
Für mich war es die wichtigste Band. Ray Cappo war so ein charismatischer Typ, so ein guter Frontmann ...
W: Er ist auf dem nächsten Level.
S: Definitiv. Damals und heute. Und diese Touren damals, 88 in den USA, 89 in Europa, Straight Edge war noch nicht so akzeptiert wie heute. Wir fühlten uns wie Pioniere. Das war sehr aufregend, ein paar Monate im Van zu verbringen und in Squats zu spielen. Und egal, ob wir vor 15 oder 1000 Kids gespielt haben, es war immer gut.
W: Wir hatten keine einzige schlechte Show. Und selbst, wenn wir vor fragwürdigen Leuten spielten ... du musst dir vorstellen, wir hatten damals rasierte Schädel und die Artworks, das hat manchmal auch Naziskins angelockt. Ray hat sich vor den Typen nie klein gemacht, er hat sich vor Typen mit Hakenkreuz-Tattoos aufgebaut und ihnen diese Message von Toleranz ins Gesicht geschrien.

Und das hat immer funktioniert?
W:
Ray hat es wundersame Weise immer verstanden, sich auf der Bühne über deren Gesinnung lustig zu machen, es aber so zu verpacken, dass sie uns nicht in den Arsch getreten haben. Klar gab es hin und wieder Handgemenge, aber ich musste nie ins Krankenhaus oder so was. Das war fast schon magisch.

Wenn das damals alles so magisch war, wie magisch kann das heute werden?
W:
Man kann so was natürlich nicht wieder beleben. Wir sind jetzt auch nicht auf einer ‚magic mission’ oder so was. Wir wollen einfach nur gut spielen. Für die Leute, die drauf stehen und die Leute, die uns noch nicht kennen.
S: Wenn du diese Songs spielst, erinnerst du dich natürlich an die Zeit, in der sie geschrieben wurden und du versuchst sie mit demselben Geist und derselben Leidenschaft zu spielen. Es geht aber nicht darum, einen Moment zurückzuholen. Es ist vielmehr ein weiteres Kapitel in der Geschichte.

Aber wie sieht es denn perspektivisch aus? Es gibt jetzt diese beiden Shows in Europa, ein Date in den USA. Wird es dann ein eher kurzes Kapitel?
S:
Könnte schon sein, dass noch ein paar US-Shows dazu kommen. Aber auch nicht übermäßig viele. Wir machen es so wie es kommt. Es gibt keine großen Pläne.

Wenn es diese Youth Of Today-Show morgen nicht gäbe, wie sähe euer Tag heute aus?
W:
Ich habe momentan fünf verschiedene musikalische Projekte, die mich beschäftigen. Außerdem habe ich eine achtjährige Tochter. Also würde ich sie zur Schule bringen und mich darum kümmern, dass bei ihr alles gut läuft. Ansonsten meine Bands und mein Solo-Zeug. Wir haben über diese YOT-Gigs aber bereits vor zwei Jahren gesprochen. Es gab also genug Zeit, das in unsere Verpflichtungen einzuplanen. Aber um nochmal auf die letzte Frage zurückzukommen: Es gibt keine konkreten Ambitionen mit der Band, außer eine: gut zu spielen und denen Leuten klarzumachen, dass Youth Of Today immer noch eine verdammt gute Band ist.
S: Bei mir sieht es so ähnlich aus. Ich habe eine sechsjährige Tochter, spiele in diversen Bands, habe einen Job, lebe in L.A. Es gibt also genug zu tun. Deswegen genieße ich das auch gerade sehr. Deswegen bin ich jetzt auch schon seit ein paar Tagen in Berlin. Ich wollte nicht den typischen rein-raus-Modus. Bin seit Sonntag hier und freue mich, ein bisschen Zeit mit Walter verbringen zu können.

Eine der wichtigsten deiner Bands dürfte gerade World Be Free sein. Wie ist da der Status quo?
S:
Das Album kam gerade raus und wir werden demnächst ein paar Shows spielen. Wir versuchen auch nach Deutschland zu kommen. Judge spielen auch wieder. Dann ist da noch Nightmare Of You, mit denen ich unterwegs bin. Bin also recht oft unterwegs gerade.

Bei dir, Walter?
W:
Ich bin in dieser Band Dead Heavens, dann gibt es noch ein neues Projekt namens Vanishing Life, es wird ein neues Solo-Album geben und so weiter...

Das Line-up Ray, Porcell, Walter, Sammy gilt als das klassische YOT Line-up. Was macht das Besondere an dieser Konstellation für euch persönlich aus?
W:
Es ist zum einen die Chemie zwischen uns und zum anderen das, was die Band in dieser Aufstellung geleistet hat. Ich meine, wir haben die ganze Arbeit gemacht, haha. Sammy und ich waren nicht auf dem ersten Album, aber auf dem zweiten und dem dritten und wir haben die ganzen Touren gespielt. Wenn du also ein bisschen mit der Geschichte der Band vertraut bist, dann löst der Gedanke an dieses Line-up schon etwas an dir aus. Diese Phase der Band hat das Leben vieler Menschen verändert. Was ihr Verhältnis zum Trinken oder zu Drogen angeht, was ihre Ernährung angeht, was sie generell für eine Sicht auf die Dinge und die Welt haben. Diese Leute sind mit diesen Einstellungen aufgewachsen und du findest sie heute in vielen kreativen Berufen wieder. In den Medien. Ich meine, schau dich selbst an. Und man kann wohl behaupten, dass unsere Geschichte einen wichtigen Einfluss auf diese Generation von Leuten hatte. Es gab vor und nach diesem Line-up andere Formierungen, aber das kommt nicht an das heran, was wir zusammen gemacht haben.

Was halten eure Töchter von eurer Musik?
W:
Meine findet die Musik cool, die ich mache.
S: Meine macht sich manchmal lustig darüber, aber eigentlich mag sie es. Glaube ich.

Haben sie selber musikalische Ambitionen?
W:
Meine Tochter ist sehr interessiert und ambitioniert. Ich würde auch sagen, dass sie eine natürliche Begabung hat. Sie ist echt beeindruckend.

Was hielten eure Eltern damals von der Band?
W:
Ich glaube, sie fanden das ganz gut. Sie haben mich weder besonders darin bestärkt oder versucht es mir auszureden, aber es gefiel ihnen, dass ich etwas gefunden hatte, das mich begeistert.
S: Mein Vater und mein Großvater spielten schon Schlagzeug, da war es keine große Überraschung als ich auch noch damit anfing. Meine Eltern mochten natürlich auch die straight edge Sache. Ich meine, welche Eltern könnten schon etwas dagegen haben, wenn sich die Kinder von Drogen und Alkohol abwenden. Ich war ja damals auch gerade mal 14 als ich bei YOT einstieg.

Ihr habt euch in manchen Interviews etwas unzufrieden über die Qualität eurer Alben geäußert ...
W:
Eigentlich geht es nur um „We’re Not In This Alone“. Die Songs sind gut, die Lyrics sind fantastisch, aber das Album wurde unter so verrückten Bedingungen aufgenommen, dass man sich im Nachhinein wünscht, da wäre einiges anders gelaufen. Trotzdem lieben es die Leute und man will es ihnen ja auch nicht ausreden, es gut zu finden.

Trotzdem: was war so verrückt an den Aufnahmen?
W:
Wir waren immer erst spät nachts im Studio. Einfach weil es viel billiger war. Die hatten dort diesen vercrackten Tontechniker. Wir nahmen das komplette Album auf und hinterher stellte sich heraus, dass der Typ aus Versehen die Spur mit den Snaredrums gelöscht hatte. Der Engineer hatte Schiss es seinem Boss zu beichten, also meinte er zu Sam – der ja damals gerade mal 14 Jahre alt war – dass er nur die Snare nochmal einspielen soll. Also stell dir vor, wie dieses Kind da sitzt und die ganze Zeit auf eine Snaredrum eindrischt.
S: Er hat dann versucht, die neue Spur irgendwie in die Aufnahmen einzupassen. Es hat einen gewissen Charme. Aber als Musiker, der dann mit den Jahren auch besser wird, juckt dich das natürlich und du würdest am liebsten zurückgehen und diese Dinge anders machen.
W: Ich kann mich auch noch erinnern, wie wir darüber sprachen und eigentlich alle der Meinung waren, wie abgefuckt es ist, bis Ray dann dazu kam und meinte: Nein, ist doch super so. Ray hat dann drüber gesungen ... so gut, dass es am Ende dann auch einfach egal war. Das Album hat einen verrückten Sound, aber letztendlich klingt kein anderes Album so. Nimm Metallicas „...And Justice For All“ Album. Es heißt immer ‚das Album ohne Bass’. Stimmt ja auch, aber es ist was es ist und mit mehr Bass wäre es nicht mehr „... And Justice For All“.

Sick Of It All haben ja mal vor ein paar Jahren für ihr Best Of-Album die alten Songs nochmal neu, in aktuellen Studio-Bedingungen eingespielt. So was käme für euch nicht in Frage?
W:
Ich habe die Platte nicht gehört, aber für mich funktioniert so was nicht. Ich würde immer denken ‚Was ist das? Das hört sich nicht richtig an.’ Unsere Platte wurde bestimmt drei Mal re-mixt. Das ist ok, ich würde sie aber nicht nochmal neu aufnehmen.

Was ist die nervigste Eigenschaft deines Gegenübers?
W:
Fällt mir echt schwer, Sammy ist ziemlich perfekt.
S: Ich würde sagen Unpünktlichkeit, aber Walter wird in letzter Zeit immer pünktlicher.

Liegt vielleicht an seinem Zweitwohnsitz in Deutschland.
W:
Ja genau, das färbt auf mich ab. Die berühmte deutsche Akkuratesse, haha.

Im Ernst, du hast deutsche Vorfahren, oder?
W:
Mein Großvater ist aus Osnabrück. Und meine Tochter wurde in Berlin geboren und spricht deutsch.

Um zu unserem kleinen Therapiespiel zurückzukommen: Was ist die liebenswerteste Eigenschaft deines Gegenübers?
W:
Man kann gut mit Sammy abhängen. Er hat einen guten Humor. Und er kommt immer mit einer guten Idee um die Ecke. Und er erwartet nicht mal was als Gegenleistung, er gibt ununterbrochen.
S: Walter ist der perfekte Freund. Kreativ, smart, witzig.

Reunions von Hardcore-Bands sind mittlerweile das normalste der Welt. Gibt es noch irgendwelche Bands, die ihr gern nochmal spielen sehen würdet?
S:
Straight Ahead vielleicht.
W: Die meisten, die man nochmal sehen möchte, haben bereits Reunion Shows gespielt. Von den übrigen ist es entweder so, dass sich die Mitglieder mittlerweile hassen, irgendjemand verrückt geworden oder gestorben ist. Wir haben gestern SNFU gesehen, das war ziemlich gut. Auch Negative Approach sind immer noch großartig.

Ihr müsstet jetzt alle so Mitte Vierzig sein?
W:
Ich bin Ende Vierzig, aber das musst du nicht unbedingt schreiben.

Davon abgesehen, dass ihr alle mindestens zehn Jahre jünger ausseht, gibt es Alterserscheinungen, die euch zu schaffen machen?
W:
Willst du echt darüber reden? Oh Mann. Ich bin 47, so langsam fallen die Dinge auseinander. Du musst dich gut ernähren, und die Sachen beherzigen, um die es bei YOT geht. Dich selber um deine Gesundheit kümmern. Ray und Porcell sind Yoga Lehrer. Ich selber mache auch Yoga. Es macht dich stark und ist gleichzeitig entspannend und meditativ.
S: Ray und Porcell sind unfassbar gesunde Menschen. Ich hab mich auf einem Flug mit Porcell über Saftdiäten und solche Sachen unterhalten. Er weiß unglaublich viel über Ernährung und ich merke, dass ich auch mehr darüber wissen will.
W: Der Lifestyle der beiden hat auf uns abgefärbt und natürlich die Kultur und die Szene in der wir aufgewachsen sind. Ich würde auch behaupten, dass wir eine bestimmte Generation repräsentieren. Leute, die ihre Jugendlichkeit einfach immer weiter leben. Klar bin ich selber Vater und trage Verantwortung eines Erwachsenen. Aber wir haben in diesem Alter mit Sicherheit mehr Spaß als unsere Eltern damals.
S: Aber um auf die Frage zurückzukommen: Tinnitus. Die Ohren machen langsam schlapp.

Ist es schon bedenklich?
S:
Würde ich nicht sagen. Aber ich lese gerade viel darüber, wie schnell es bedenklich werden kann und das macht mich unruhig.

Wenn wir jetzt in euren Handys oder Streaming Apps nachschauen würden, was ihr als letztes gehört habt, was wäre das?
W:
Fela Kuti. Das ist mein Soundtrack der letzten Tage.
S: Bei mir müsste es The Unknown Mortal Orchestra sein.

Wenn ihr die erste YOT Europa-Tour mit den heutigen Shows vergleicht. Nennt eine Sache, die ihr sehr und eine, die ihr nicht im Geringsten vermisst.
S:
Damals hatte das ganze eine Roh- und Wildheit, die es so heute nicht mehr gibt. Wir waren jung, es fühlte sich gefährlich an. Also würde ich sagen, ich vermisse diesen Aufbruch ins Unbekannte, die Spontaneität.
W: Ich vermisse die Unterschiede. Als wir das erste Mal hier waren, sahen wir eben aus wie Kids aus den Staaten. Unsere Klamotten konntest du nur in den USA kaufen und die Klamotten der europäischen Kids gab es eben nur in den europäischen Ländern. Also sahen die Kids in jedem Land anders aus.

Kein TTIP im Jahr 1989.
W:
Eben. Aber auch die Dinge, mit denen sich die Kids beschäftigt haben. Heute stehen die Jungen Leute überall auf dieselben Dinge, sehen alle gleich aus, essen das gleiche. Ich fand die Unterschiede spannend. Wie Sammy schon sagte, wir spielten hier in besetzten Häusern und selbstverwalteten Jugendzentren. So was hatten wir zuhause gar nicht. Es gab zwar Squats, aber da fanden keine Shows statt. Es waren eher linksalternative Rückzugsorte für Drogensüchtige, in Europa hatte diese Szene einen viel stärkeren kulturellen Einschlag. Das wäre die Sache, die ich vermisse. Was ich an der jetzigen Tour sehr zu schätzen weiß: Ich treffe viele von den Leuten und Freunden aus der damaligen Zeit wieder. Sam und ich waren gerade im Laden von Coretex Records, dem wichtigsten Laden in Europa für Hardcore Musik. Und David vom Coretex habe ich 1989 zum ersten Mal getroffen und er macht einfach immer noch, worauf er Lust hat. Und ich auch. Das ist doch fantastisch! Mit jedem Jahr, das vergeht, wird diese Geschichte weiter geschrieben und bekommt mehr Tiefe.

Es wäre 1989 sicher verrückt gewesen, sich diese Situation im Jahr 2016 auszumalen. Was glaubst du, wie die Geschichte im Jahr 2036 aussehen könnte?
S:
Na mit Youth Of Today in Berlin spielen, was sonst?
W: Absolut. Wenn alle noch am Leben sind und die Körper noch einigermaßen funktionieren, dann will ich dabei sein.

Ich freu mich jetzt schon drauf. Danke!