Dissy ist ein naives, von Dämonen besessenes Kind

Der Berliner Dissythekid macht vieles im HipHop anders als seine Kollegen—vielleicht entwickelt er sich genau deswegen aktuell zu einem der angesagtesten Newcomern der Szene.

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Dez. 9 2014, 12:00pm


Fotos © Johannes Walther

Ein Raunen ging durch die Rap-Medien, als ein gewisser Dissythekid Mitte September seine Pestizid EP online veröffentlichte. Da war ein junger Typ, der auf düster-atmosphärische Beats krassen Scheiß rappt und sich so gar nicht einordnen lassen wollte. Schnell wird Google bemüht, aber es ist gar nicht so einfach, herauszufinden, wer hinter dem Rap-Talent steht. Dissy mag es mysteriös und gibt wenig über sich Preis. Grund genug, sich mal mit dem Newcomer zu unterhalten.

Wir treffen uns im Büro des Berliner Labels Heartworkingclass, die Dissys Pestizid EP jetzt auch physisch veröffentlichen. Es steht selbstgebackener Schokokuchen auf dem Tisch, doch ich habe nur Appetit auf Antworten. Wow. Dissy hat glücklicherweise bessere Wortspiele drauf und erzählt ruhig über sein Faible für Graphic Novels, Freaks, Rap-Gossip und den schlechten Einfluss des Producers Fynn.

Noisey: In den iTunes-Album-Charts hast du dir es kurzzeitig zwischen Haftbefehl und den Drei Fragezeichen ??? bequem gemacht. Keine schlechte Nachbarschaft oder?
Dissythekid: Auf jeden Fall, das hätte ich nicht gedacht. Später war es dann nicht mehr neben Haftbefehl, ich weiß auch gar nicht, wovon das bei iTunes abhängt. Im ersten Moment war das aber wirklich krass.

Pestizide töten lästige Schädlinge. Deine EP so zu nennen klingt ein wenig nach Kampfansage. Wogegen kämpfst du?
Ich sehe uns, die Jugend, als Insekten und das Pestizid, die Medien und die Gesellschaft, schaltet uns gleich. Der saubere Schrebergarten, in dem alles wie im Katalog aussieht und wir fressen den Rasen auf.

Die Pestizid EP hattest du ja bereits im September online veröffentlicht. Warum jetzt nochmal physisch?
Da steckt eben viel Arbeit drin und vorher hatten wir nicht die Möglichkeit, das über einen Vertrieb rauszubringen. Weder finanziell, noch von den Leuten. Deswegen haben wir es erstmal im Netz rausgehauen. Jetzt hatte sich das alles ergeben und es war sinnvoll, es noch einmal als CD zu produzieren. Ich will es ja auch mal selber in der Hand halten und nicht einfach im Netz versauern lassen.

Das Bundle beinhaltet auch einen Comic?
Ja, aber nur einen kleinen im Booklet. Ist gar nicht viel, für das Album wird es dann wahrscheinlich einen größeren Comic geben. Das haben wir jetzt auf die Schnelle gemacht, weil ich voll darauf abfahre und schon die ganze Zeit Bock hatte, diese Geschichte mit Bildern zu erläutern.

Bist du ein großer Comic-Fan?
Ich mag Graphic Novels und so. In Frankreich ist diese Kultur viel ausgeprägter. Da gibt’s super viele Läden und bei uns im Buchladen nur mal so eine kleine Ecke, wo fünf Comics stehen. Ich hatte mal eine Zeit, in der ich ganz gerne mal Comics gelesen habe, aber mittlerweile bin ich froh, wenn ich wenigstens die Filme gucken kann. Ich hätte aber mal wieder Bock drauf.

Wie kam es zum Signing bei Heartworkingclass?
Es ist einfach eins zum anderen gekommen. Das ging ja alles relativ schnell. Die EP war im Internet, dann hat man sich kennengelernt und wir haben gemerkt, dass es das Richtige ist. Weil hier ja auch noch nicht so viele Künstler sind. Ich hatte keine Lust, mich bei irgendeinem großen Label zwischen tausend andere Acts einzuordnen. Hier ist gewährleistet, dass ich nicht direkt unter irgendeiner Marke stehe. Ich kann mein eigenes Ding machen und werde unterstützt.

Du wirst Joey Bada$$ supporten. Mit welchem deutschen Rapper würdest du denn gerne mal die Bühne teilen?
Boah, keine Ahnung, da gibt’s bestimmt ein paar und dann ist mir das auch wieder gar nicht so wichtig (grinst). Ich werde immer mit so vielen Leuten verglichen… das muss auf jeden Fall vom Sound passen. Gerne jemand, der auch durchgeknallt ist und eine Macke hat.

Grim104?
Ja, zum Beispiel, Zugezogen Maskulin. Dann aber auch jemand wie Tua, meinetwegen auch Genetikk.

Ein Name, der oft im Zusammenhang mit dir fällt, ist Maeckes.
Da habe ich auch nichts dagegen. Wenn Maeckes-Fans mit meiner Mucke was anfangen können, gerne. Ich bin da offen.

Falk Schacht hat dich als „Teil der Zukunft des deutschen Raps“ bezeichnet. Freut dich das oder setzt dich das auch ein bisschen unter Druck?
Im ersten Moment war das natürlich ein übelster Flash. Druck spüre ich da eigentlich überhaupt nicht, eher übelste Freude. Nachdem die Tracks ja schon seit einer ganzen Weile versauert sind und das jetzt mal ein paar andere Leute hören, als nur ein paar Netznerds, ist killa.

Kannst du dir erklären, warum manche Menschen in dir so einen Hoffnungsträger sehen?
Naja, ich versuche eben total, nichts zu machen, was jeder macht. Einfach so Mucke machen, wie ich es mit 15 gemacht habe, möglichst schlicht und nah an mir dran. Ich habe bei der Musik und den Videos meine eigene Vision.

Die Videos haben tatsächlich eine eigene Ästhetik.
Man kann schon sagen, dass Glitch, Trash und abgefuckter Style, dieses ganze Flashige, gerade durch Die Antwoord und andere sowieso ein bisschen angesagt ist. Ich fahre da voll drauf ab und finde, dass das in der deutschen Szene, bis auf ein paar kleine Nummern, total fehlt. Es gibt viel glattgebügeltes Zeug. Ich höre einfach gerne speziellen Scheiß. Sachen, bei denen du das Gefühl hast, dass da Freaks dahinterstecken. Davon gab es mir zu wenig und weil ich selbst ein Freak bin, wollte ich das selbst machen (grinst).

Du beschreibst dich als „Raps böser Zwilling“. Inwiefern macht dieses Bild Sinn?
Da war einfach nur das Finale von „Hook“. Das Lied erzählt meine überspitzte Geschichte. Ich sehe lieb aus, aber setze mir eine Maske auf, weil ich mich von Gangsta-Rap inspirieren lassen habe. Ich wurde von meiner alleinerziehenden Mutter erzogen und da suchst du dir eben Reibung. Deswegen habe ich eine Zeit lang einen auf hart gemacht. Am Ende bin ich Raps böser Zwilling, aber das ist natürlich total ironisch gemeint. Zu der Zeit kam sehr viel nettes Zeug auf, wie Cro. Ich wollte wieder ein bisschen der Gegenpart sein. Mittlerweile hat sich das ja schon wieder gedreht.

Sind deine Texte sehr selbstreferenziell oder erschaffst du dir eine erzählende Kunstfigur?
Es ist eine Kunstfigur, die aber sehr nah an mir dran ist. Natürlich überspitze ich, aber das bin schon ich. Dissy ist ein naiver Typ, aber der Produzent Fynn treibt mich an, böse Sachen zu tun. Wie ein Kind, das von Dämonen besessen ist (lacht).

In „Trash“ rappst du „Fler ist ein Genie, von dem keiner weiß“. Bewusste Antihaltung, weil gerade viele auf ihm rumhacken?
So ein bisschen, weil ich immer versuche, mit den Leuten zu sympathisieren, auf denen jeder rumhackt. Es ist leichter, mitzumachen. Ich gucke mir einfach tausendmal lieber Fler-Interviews an, als von anderen. Keine Ahnung, wie der das macht.

Nervt dich der ganze Rap-Gossip oder fühlst du dich von diesem Müll gut unterhalten?
Immer, wenn ich eigentlich etwas Wichtiges machen muss, fange ich an mich abzulenken. Das war schon damals bei den Hausaufgaben so. Genauso ist das jetzt mit Facebook. Diese Rapupdate-Posts… da klick ich einfach drauf.

Ich habe Rapupdate nicht abonniert, das wäre mir echt zu viel.
Ich müsste das auch echt mal wegmachen. Es gibt so viel Gülle und trotzdem klicke ich drauf. Wenn ich Rapupdate nicht mehr abonnieren würde, hätte ich am Tag viel mehr Zeit (lacht).

Kay Ones Diss hat in fünf Tagen fast 6 Millionen Views bekommen. Der Zirkus scheint sich ja also zu lohnen. Passt dissen in deinen Rap?
Nee, dann hätte ich ja auch beim VBT mitmachen können. Ich schaue da eher von einem anderen Planeten drauf. Wenn ich Leute namentlich erwähne, ist das nie ein Diss. Wenn ich sage: „Ich habe eine Scheißangst vor Pandabären“ würde ich damit ja nie Cro dissen. Ich disse mich ja eher selber. Wäre zwar bestimmt mal lustig, Beef zu haben, aber dann würde ich das irgendwie anders regeln.


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