Man muss die Vorliebe von Rappern für Verschwörungstheorien nicht zu ernst nehmen

Wir haben mit Rayk Anders, einem Experten für Verschwörungstheorien, gesprochen, um mit ihm über seltsame Aussagen von Kollegah, Olexesh und Massiv zu reden.

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Feb. 5 2016, 4:09pm

Jeder, der sich in sozialen Netzwerken bewegt, weiß, dass die menschliche Gutgläubigkeit tatsächlich unendlich ist. Wie sonst ist es zu erklären, dass Leute so viele Dinge glauben, die sich nur durch ein paar Klicks leicht als falsch herausstellen. Aber nein, Flüchtlinge essen Kleinkinder, Klaus Kleber ist eine Marionette der Bilderberger, die Kondensstreifen der Flugzeuge kontrollieren unsere Gedanken und dein Nachbar könnte mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Echsenmensch sein—aber erst, wenn er in einem schlaumeierischen Erklärbär-YouTube-Video auftaucht. Das Internet ist eben ein Quelle unfassbaren Schwachsinns, der sich in immer mehr Gehirnwindungen naiver Nutzer einnistet. Und da Rapper am Ende eben doch nur Menschen sind, haben wir in der jüngsten Vergangenheit auch immer wieder Aussagen von den Sprechgesangsartisten gehört, bei denen wir uns nur verdutzt an den Aluhut fassen können.

In Zeiten, in denen Compact und Co. im Netz durch Fehlinformation Stimmung gegen Flüchtlinge machen, bleibt aber die Frage, wie gefährlich es denn eigentlich ist, wenn Rapper mit ihrer nicht zu unterschätzenden Reichweite seltsame Sachen von sich geben. Wer uns das beantworten kann? Rayk Anders, der die ZDF-Dokumentation Verschwörungstheorien - Leben im Wahn gedreht hat und auf seinem YouTube-Kanal und seiner Facebook-Page ARMES DEUTSCHLAND regelmäßig über den neuesten Unfug aufklärt.

Noisey: Kommt es mir nur so vor, oder drehen gerade alle Leute im Internet völlig am Verschwörungstheorien-Rad?
Rayk:
Das ist nicht nur auf den Rap-Bereich beschränkt, sondern insgesamt gesamtgesellschaftlich mehr geworden. Facebook wird heute anders genutzt als vor fünf Jahren. Damals haben die Leute vermehrt ihre eigenen Inhalte gepostet—deine Katze, dein Auto oder deine Freunde—mittlerweile siehst du im Feed fast nur noch Werbung und fremde Inhalte: Inhalte, die nicht von deinen Freunden kommen, sondern die sie von anderen Seiten geteilt haben. Die Dynamik in den Netzwerken hat sich verschoben.

Das ist bei vielen Rappern ja genauso. Wenn man auf das Profil von Kay One guckt, hat das ja nichts mehr mit Musik zu tun, sondern ist reine Unterhaltung. Oder es ist politisch, wie im Falle von Massiv.
Oh ja, stimmt. Ich kenne beide Profile. Was bei Kay One auffällt, ist, dass das zu großen Teilen weniger auf die musikalische Präsentationsebene bezogen ist wie früher, wo die Leute in der Juice waren und so weiter. Das ist mehr dieses Celebrity-Posing—was ja auch völlig okay ist. Welche Strategie Massiv fährt, kann ich gar nicht sagen. Ich glaube, der macht das einfach aus dem Bauch raus. Es wird eben immer kritischer beäugt, wenn das eine Person aus der Öffentlichkeit macht, als wenn das dein Arbeitskollege macht. Weil er halt mehr Leute erreicht… Aber er hat natürlich schon ein paar Sachen rausgehauen.

Komisch oder ?

Posted by Massiv on Mittwoch, 22. Juli 2015


„Am 11. September 2001 sind 4000 Israelis im World Trade Center nicht zur Arbeit erschienen.“ Sein Kommentar: „Komisch oder?“
Das ist ja das Krasse, dass die Leute sich gar keine Mühe geben. Dem Spiegel oder der Tagesschau wird immer misstraut, aber es interessiert sie überhaupt nicht, wer eigentlich die Sprüche klopft, die sie auf Facebook teilen. Das wird gar nicht hinterfragt. Dieses „4000 Juden sind nicht zur Arbeit gekommen“ ist auch einfach eine Fehlinformation. Israel hat nach dem 11. September eine Schätzung rausgegeben, dass ungefähr 100 Juden in Folge der Anschläge umgekommen seien. Eine syrische Staatszeitung hat daraufhin in die Welt posaunt, dass im und um das Word Trade Center herum aber ungefähr 4000 Juden arbeiten würden. Und dann „nur“ 100 jüdische Tote? Daraus ist dann irgendwie geworden, dass die Juden angeblich Bescheid wussten und extra nicht zur Arbeit erschienen wären. So ein Unsinn. Ich könnte dir genauso gut vorrechnen, dass rund 50.000 Menschen im World Trade Center gearbeitet haben, aber „nur“ etwa 3.000 Menschen gestorben sind. Wussten diese 47.000 „Bescheid“ und sind nicht zur Arbeit gekommen? Nein, sie haben schlicht überlebt. Aber wenn du ein paar Zahlen in den Raum wirfst und das Internet damit alleine lässt, kriegst du am Ende solche Theorien bei raus.

Verschwörungstheorien reichen ja von der gefaketen Mondlandung bis zu Theorie, dass Außerirdische längst unter uns weilen. Ab wann werden denn solche Theorien gefährlich?
ich weiß nicht, ob die Theorien das Gefährliche sind oder dass die Leute daran glauben. Das größere Problem ist, dass die Leute irgendwann gar nichts mehr glauben. Das ist ja auch eine Strategie, die manche Medien verfolgen—aus meiner Sicht, was auch ein bisschen verschwörerisch klingt. Beispielsweise wird von RT Realität ja fast schon spiegelverkehrt wiedergegeben. Das ist einfach unglaublich. Ich habe da immer das Gefühl, dass man rein medial einen Keil zwischen die Bevölkerung treibt, sodass man gar nichts mehr glaubt. Und in diese hinterlassene Vertrauenslücke wird durch alternative Medien wie Compact versucht, reinzurutschen und die Glückseligkeit zu versprechen. Was totaler Quatsch ist. Allein diese lächerliche Berichterstattung über das angeblich vergewaltigte Mädchen in Berlin. Sogar noch eine Woche, nachdem die Polizei bekannt gegeben hatte, dass es zu keiner Vergewaltigung gekommen war, haben noch 700 Idioten vor dem Kanzleramt demonstriert. Das macht mich einfach wahnsinnig. Gerade die Leute, die ihre Fresse groß aufreißen von wegen „Lügenpresse, warum erzählt ihr uns nichts?“, stehen da mit Schildern, wo draufsteht: „Wir schweigen nicht.“ Du kannst da draufschreiben: „Wir lesen nicht.“ Die ganzen Informationen waren schon da, aber ihr seid einfach nur zu faul oder mehr in eurer eigenen Filterblase gefangen, dass ihr euch das einfach nicht reinzieht. Die Informationen sind vor eurer Nase, aber ihr weigert euch, das zur Kenntnis zu nehmen.

Ich verstehe immer nicht, warum sich gerade diese Alternativ-Medien wie KenFM oder Compact hinstellen und sagen: „Wir haben hier eine Meinungsdiktatur und alles wird unterdrückt.“ Diese Leute verkaufen zehntausende Zeitschriften, haben mit ihren Formaten Millionen-Reichweiten und beschweren sich dann, es gäbe keine Meinungsfreiheit. Ihr könnt erzählen, was ihr wollt, habt Leute, die auf eure Veranstaltungen gehen, könnt eure Demos abhalten und dann steht ihr da auf der Straße und erzählt, dass ihr nichts sagen dürft. Das ist so lächerlich.

Kennst du Olexesh?
Der war eher aus der Echsenmenschenfraktion, oder?

Genau. Ich habe mir auch das Video angeschaut, von dem er gesprochen hat, aber ich frage mich immer, wie man denn bitte daran glauben kann? Vor allem als Rapper hat man doch eher eine vielleicht nicht unbedingt kritische, aber reflektierte Sicht auf das, was man da sagt.
Bei Olexesh kann ich das gar nicht sagen, ich kenne da nur ein paar Tracks und habe die Sachen, die er sagt, nicht so im Kopf. Ich habe nur ein Video gesehen, wo er mit Sido rumsaß. Da habe ich mich drüber kaputtgelacht, aber ich weiß nicht, wie ernst er das gemeint hat. Ich glaube auch nicht, dass die meisten Rapper, die sowas von sich geben, das dann auch mit einer gewissen Militanz verfolgen, sondern einfach kurz drüber reden und in einem halben Jahr glaubt man wieder was anderes. Was auch nicht auf Rapper beschränkt ist. Leute lassen sich generell mal gerne hierhin und dorthin treiben. Er wird aber nicht demnächst rumlaufen und irgendwelche Leute als Aliens demaskieren.

Er hat gesagt: „Ufos gibt’s, aber die fliegen Menschen und die Regierung gibt’s nicht zu.“ Egal, wie ernst er das gemeint hat, er kam schon ein bisschen paranoid rüber.
Ja, aber sowas muss auch irgendwo OK sein, dass es Außenseitermeinungen gibt. Die muss man aber nicht verfolgen. Wenn Leute solche Äußerungen machen, finde ich das OK. Weil jeder in einem Land mit Meinungsfreiheit dazu berechtigt ist, seine Meinung zu äußern—wenn Olexesh zum Beispiel meint, „Ufos sind gefährlich”, dann kann er das eben vertreten. Gefährlicher wird es eher, wenn nicht mehr die Möglichkeit besteht, sich mehrerer Quellen zu bedienen, sondern die Medien tatsächlich gleichgeschaltet sind.

Ist es immer sinnvoll, sich darüber lustig zu machen? Oder wird es wie bei Massiv mit seinem „dezent“ antisemitischen Post zu ernst?
Wäre natürlich lustig, wenn dann mal Disstracks von Rappern kommen. Wenn dann mal nicht die Penisgröße oder das Bankkonto herhalten muss, sondern die Inhalte, die er von sich gegeben hat. Aber bei vielen Sachen, die kritisiert werden, gibt es ja im Kern etwas, was tatsächlich kritikwürdig ist. Dann ist das auch völlig legitim, das zu kritisieren. Aber wenn das in so einer stumpfen, hohlen Form verpackt ist, die die eigentlich berechtigte Kritik durch komische Verbindungen, die nichts zur Sache tun, überdecken, wird es lächerlich. Ich glaube, Kollegah war es, der meinte, dass man sich in Deutschland nicht zur Außenpolitik Israels äußern kann, weil das dann jedes Mal als Antisemitismus ausgelegt wird. Womit er auch ein Stück weit recht hat. Sobald man was gegen israelische Regierungsbeamte, gegen Netanjahu sagt, gibt es viele Stellen, die sagen: „Wenn man Israel kritisiert, ist man gegen Juden.“ Was auch Quatsch ist. Man muss doch mal erwachsen genug sein, das jüdische Volk von den der israelischen Regierung zu trennen. Die Siedlungspolitik bereitet eben viele Probleme. Aber an sich ist das ja auch möglich, das zu sagen.

Auf der anderen Seite, und das hat Haftbefehl mal in einem Interview gesagt, gibt es Leute, für die Juden nunmal das Böse sind. Deswegen ist die Gratwanderung immer so schwierig. Bei aller berechtigten Kritik an der Politik Israels: Da werden oft tatsächlich Vorurteile mit dazugemischt, von wegen „Die Juden sind eh böse, gierig, hinterlistig“, whatever. An dem Punkt disqualifiziert man sich selbst.

Kollegah scheint auch ein Illuminaten-Fan zu sein. Überhaupt ist das Thema Illuminaten nicht nur im Deutschrap, sondern in der gesamten Musikszene ein immer wieder auftretendes Thema. Ist das ein Style oder echte Paranoia vor strippenziehenden Eliten?
Die Illuminaten wurden ja mittlerweile so dermaßen ins Lächerliche gezogen. Das ist ja schon spruchreif: Du bist in ein Kaugummi getreten—Illuminaten. Das ist ein Running Gag, das hinter allem Bösen immer die Illuminaten stecken. Gerade bei Kollegah kann man noch sagen, dass er wirklich ein Meister der Selbstinszenierung und Vermarktung ist. Der weiß ganz genau, was er da erzählt.

Denkst du, er glaubt nicht an Chemtrails?
Vielleicht bewegt er sich da auf einer ähnlichen Schiene wie Money Boy, wo du auch nicht mehr weißt, was ist Kunstfigur, was ist der tatsächliche Mensch. Einfach mit der Konsequenz, mit der dieses Bild da durchgezogen wird.

Kommt dieses Chemtrail-Ding nicht eigentlich aus der Esoteriker-Ecke?
Es hat in letzter Zeit jedenfalls stark zugenommen. Das hat Kreise erreicht, die es vorher nicht gab. Aber richtig, es gibt eine sehr starke Verbindung zu den Esoterikern, die verkaufen ja auch Lösungen—diese Steinchen, die du dir wahlweise ins Wohnzimmer oder in den Garten stellen kannst und dann Chemtrail-Stoffe neutralisieren sollen.

Das mischt sich gerade alles, oder?
Klar mit den Chemtrails kommt auch die Skepsis vor den Amerikanern und dann auch irgendwann wieder vor den Juden.

Ist schon faszinierend, wie man aus verschiedenen Mosaiksteinchen ein geschlossenes Weltbild zusammenpflastert.
In meinem ZDF-Film Verschwörungstheorien: Leben im Wahn hatten wir uns mal eine Minute Zeit genommen, um den Entwurf einer Welt zu probieren, in der einfach alle Verschwörungstheoretiker recht hätten. Das ist dann komisch, weil dann nicht nur die Amis Chemtrails sprühen, sondern auch Russland. Im nächsten Atemzug ist aber Putin der große Held und Obama das Schwein. Da überschneiden sich Theorien und konterkarieren sich gegenseitig.