„Mit Rap nach 2000 kann ich kaum etwas anfangen“—Haze im Interview

Mit seiner Musik, Marke „Alte Schule“, besinnt sich der Karlsruher MC auf die Wurzeln des Raps.

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März 21 2016, 4:50pm

Karlsruhe, dieses badische Städtchen im Süden Deutschlands, gehörte bisher nicht gerade zu den Deutschrap-Hochburgen. Das könnte sich nun ändern, denn Rapper Haze wird am 6. Mai sein Debütalbum Guten Abend HipHop veröffentlichen. Und der gebürtige Baden-Württemberger legt viel Wert auf die Betonung seiner kroatischen und seiner Karlsruher Wurzeln. Bis Mai ist der 26-Jährige allerdings erstmal noch mit Live-Gigs beschäftigt. Zusammen mit Raf Camora wird er bei der Ghost in der Luft-Tour in ganz Deutschland auftreten. Wir haben mit Haze über die Bedeutung von Identität im Rap gesprochen, über seine Liebe zu 90er-HipHop und natürlich über seine erste Platte.

Noisey: Karlsruhe hatte man raptechnisch bisher nicht wirklich auf dem Schirm, was bedeutet dir der Lokalbezug und deine Heimat?
Haze: Identität und der Bezug zur eigenen Herkunft spielt für mich allgemein im Rap eine zentrale Rolle. Bis heute höre ich fast nur 90er-Rap, kaum Musik, die nach 2000 rauskam. Daher rührt für mich auch das Verständnis von Identität innerhalb des Genres. Außerdem müssen sich Fans doch explizit mit etwas identifizieren, wie sollten sie sonst eine Verbindung zu einem Rapper aufbauen? Und die Umstände bedingen bei mir eben, dass ich mich stark mit meinen kroatischen Wurzeln identifiziere, mit der Sprache meiner Familie, das ist alles Teil meiner Kunst.

Du bist in Deutschland geboren, hast aber einen kroatischen Pass. Deine Texte verbinden beide Sprachen miteinander. Wie definierst du für dich denn konkret den Heimatbegriff?
Das ist sehr schwer, um ehrlich zu sein. In Kroatien bin ich nicht wirklich zuhause. Wenn wir mit deutschem Kennzeichen in den Urlaub fuhren, wussten immer alle, wir sind nicht von dort. Aber hier gilt man auch nicht unbedingt als Deutscher mit einem kroatischen Nachnamen und dem Hintergrund. Doch wenn man es positiv sieht, ist es auch eine Bereicherung, verschiedene Herkünfte zu haben.

Du hast bei Facebook ein George Orwell Zitat aus dem Buch 1984 gepostet. Darin steht: „Schwere körperliche Arbeit, die Sorge um Heim und Kinder, kleinliche Streitigkeiten mit Nachbarn, Fußball, Bier und vor allem Glücksspiele füllten den Rahmen ihres Denkens aus. Es war nicht schwer, sie unter Kontrolle zu halten.“ Was hat es mit dieser staatskritischen Haltung auf sich?
Ich finde, dass Talente, die einem gegeben wurden, zu etwas Positivem genutzt werden sollten. Seit ich denken kann, versuche ich meine Weltanschauung und meine Sicht auf die Gesellschaft in meine Texte eifließen zu lassen. Gerade in der heutigen Zeit und zur aktuellen Lage, gilt das Zitat von Orwell mehr denn je. Als Rapper besitze ich in meinen Augen eine Verantwortung, Menschen eine positive Botschaft mitzugeben. Auf Dinge aufmerksam zu machen. Und somit meinen Teil dazu beizutragen, Dinge zu verändern. Das war schon immer Teil der HipHop-Kultur und ist für mich sehr wichtig.

Mit „aktueller Lage“ meinst du wahrscheinlich die Flüchtlinge, die in Europa ankommen, weil viele von ihnen vor Krieg und Leid hierher fliehen. Du hast auch einen Track gemacht, der „Ausländer rein“ heißt. Inwiefern siehst du da deine Verantwortung als Künstler?
Es kommt natürlich immer darauf an, in welcher Sparte der Rapper unterwegs ist. Ich selbst will mich in gar keine Sparte einordnen, weil ich mich auch nicht mit sehr vielen Rappern vergleiche. Meine Musik ist etwas sehr Eigenes. Ich schließe nicht aus, dass sich der Sound verändern wird. Man wächst als Mensch und als Künstler stetig. Aber zu deiner Frage: Ich beobachte eben, was vor sich geht und möchte den Menschen positive Botschaften mitgeben. Deshalb auch der Track „Ausländer rein“.

Welche Botschaft willst du mit deinem ersten Album Guten Abend HipHop vermitteln?
Ich habe versucht, HipHop einzufangen, so wie die Kultur und der Sound für mich ist. Wofür steht HipHop? Was haben die Künstler, die mich beeinflusst haben, gemacht? Ich wollte zu den Wurzeln des Genres zurückkehren. Soundtechnisch, aber auch inhaltlich. So viel hat sich ja seit der Hochphase des HipHops in den 90ern auch nicht verändert. Es gibt immer noch starke lokale Bezüge, lokale Dialekte, einen relativ einheitlichen Style der Kleidung. Aber im Grunde geht es thematisch seit je her um dieselben Dinge: Aus nichts etwas zu erschaffen, auf Missstände aufmerksam zu machen, zu hinterfragen, warum etwas nicht stimmt. Und sich nicht zu sehr von den Medien beeinflussen zu lassen, sondern sich auch über die regulären Medien hinaus eine Meinung anzueignen und nicht alles nachzuplappern, was einem vorgesetzt wird. Ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln, dafür steht für mich die HipHop-Kultur.

Wie siehst du denn dabei die Rolle der Medien?
Die Sache ist die: Ich selbst hatte mein Leben lang einen kroatischen Pass, konnte dadurch in Deutschland, dem Land in dem ich lebe, nicht wählen. Ich will mich jetzt nicht als politischen Rapper hinstellen. Aber ich habe einfach früh gelernt, dass nicht alles, was einem selbst geschieht, in den Medien abgebildet wird und man sich zu vielem eben eine eigene Meinung zulegen muss. Abseits dessen, was in Magazinen oder der Zeitung steht.


Foto: Haze

Und dennoch brauchst du als Rapper, der eine öffentliche Position einnehmen will, in gewisser Weise die Aufmerksamkeit der Medien, um bekannter zu werden. Oder nicht?
Natürlich. Aber ich sehe einen Unterschied zwischen Themen-spezifischen Medien, die beispielsweise gesondert über Musik und Kunst berichten, und den Medien, die dafür verantwortlich sind, der Gesellschaft politische Inhalte weiterzugeben. Ich habe einige Semester Musikmanagement in Stuttgart studiert und habe auch vor, das bald wieder aufzunehmen. Und auch dort merkst du, wie manipulativ vieles innerhalb des Medienkosmos ist.

Du hast vom Einfluss des 90er-Raps auf deinen Sound gesprochen. Welche musikalischen Vorbilder würdest du da genau benennen?
Hauptsächlich Eminem und Dre. Gerade Dre und seine Musik waren eine maßgebliche Inspiration für meinen eigenen musikalischen Werdegang.

Wie beurteilst du denn aktuelle Strömungen im Rap, wie US-Trap oder deutschsprachige Interpreten wie die ganzen Glo Up Dinero-Jungs rund um Money Boy? Ist das HipHop für dich?
Ich kann mit dieser Art von Rap ehrlich gesagt nicht viel anfangen. Dementsprechend beschäftige ich mich auch nicht sehr viel damit. Die Platten, die ich mir anhöre, sind größtenteils von früher. Viel US-Rap und kroatische Musik. Mit Rap-Musik nach 2000 kann ich, wie anfangs gesagt, kaum etwas anfangen.

Das hört man deiner Musik auch an. Du besinnst dich musikalisch extrem zurück auf eine Phase des HipHops, die, so wie du jetzt Mucke machst, nicht mehr stark vertreten ist.
Auf alle Fälle, darum geht es auch. An der Stelle würde ich auch gerne meinen Produzenten Dasaesch Beats erwähnen, er hört eigentlich ganz andere Platten als ich, kaum HipHop. Er produziert viel Techno und Elektro. Aber Saesch hat ein starkes Gefühl für den Sound, den ich im HipHop verkörpern will. Ebenso wie Dannemann, der ebenfalls wieder Beats für mich produziert hat (Anm.: auch den Sound im neuen Video zu „Legendenstatus“, siehe weiter unten).

Wie kam es zu den Feature-Parts von Rappern wie Bonez MC oder Raf Camora?
Mit Bonez habe ich schon lange Kontakt. Bei der „High & Hungrig“-Tour von ihm und Gzuz, hatten sie mir Auftritte angeboten hier in meiner Gegend. Ich feiere ihre Mucke sehr, sie mögen meinen Stil auch. Es war quasi klar, dass es früher oder später zu einer Zusammenarbeit kommen würde. Ich freu mich umso mehr, dass es bei meinem Debüt passiert ist. Raf finde ich ebenfalls großartig. Vielleicht erwartet man das nicht, aber ich höre dann doch nicht nur Alte-Schule-Mucke. Ich bin froh, dass es zu einer engen Zusammenarbeit mit Raf kam. Mit ihm gemeinsam gehe ich ja Mitte April auch auf Tour.

Gibt es auch unbekanntere Featuregäste auf dem Album?
Definitiv. Eazyono zum Beispiel, ein junger Künstler aus Freiburg, den ich auch bei meinem eigenen Label „Alte Schule“ unter Vetrag genommen habe. Er ist ein Bombenjunge und der Song „Aktiv“ mit ihm zusammen ist richtig fett geworden.

Durch deine Texte und auch druch das, was du bisher über das Thema „Talente, die einem gegeben sind“ gesagt hast, könnte man denken, du seist religiös. Was bedeutet Glaube für ich?
Ich bin Gott sehr dankbar für das Talent, das er mir geschenkt hat. Es sieht ganz danach aus, als würde Musik nun endlich zu meinem einzigen Borterwerb werden. Und das habe ich mir seit meiner Kindheit immer gewünscht, daran habe ich geglaubt. Natürlich gibt es auch viel Aberglaube. Trotzdem muss man an seinem Glauben, am Guten festhalten und dem Bösen nicht die Überhand lassen. Darüber rappen Svaba Ortak und ich auch auf dem Track „Medaille“ des neuen Albums. An der Stelle sei noch gesagt: das Album ist wirklich überragend geworden und es wird alle Erwartungen übertreffen!