Wir haben das neue Bilderbuch-Album auf Ex gehört

"Das Pianogeklimper zerstört leider ein bisserl den Spielhallen-Vibe" – Hier der Erguss aus dem musikalischen Biertrichter.

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Dez. 4 2018, 11:36am

Überraschung! Das neue Bilderbuch-Album ist da. Über Nacht und ohne aufwendige Promo-Kampagne ist Mea Culpa erschienen , das inzwischen fünfte Studioalbum der österreichischen Pop-Band. Vergangenes Wochenende tauchten im Facebook-Twitter-und Instagram-Kosmos zuerst vereinzelte Songnamen auf, dann die ganze Tracklist und am Sonntag schließlich auch der Veröffentlichungstermin. Nicht nur für ein Album, sondern gleich für deren zwei.

Neben dem vorgezogenen Weihnachtsgeschenk namens Mea Culpa dürfen sich Fans also auch schon auf nächstes Jahr freuen. Da gehen die ehemaligen Klosterstrizzis nicht nur auf große Tour durch Österreich, die Schweiz und Deutschland, sondern werfen im Frank-Ocean-Stil direkt noch ein Album hinterher: Vernissage My Heart erscheint am 22. Februar 2019.

Heute wollen wir uns aber auf das konzentrieren, was wir haben: Mea Culpa. Und weil jetzt alles so fix ging, dass sich auch die Medien vorab nicht lang und breit durch die Platte hören konnten, müssen auch wir jetzt in den Schnelldurchlauf-Modus schalten. Um 0 Uhr letzte Nacht war Mea Culpa da, um 0 Uhr 5 habe ich auf Play gedrückt und beim Hören angefangen zu schreiben. Genau einmal habe ich die Platte gehört, jeden Song durchgespielt, nicht gestoppt und nicht geskippt. Neun neue Bilderbuch-Songs in einem Rutsch. Das ist der erste Eindruck:

1. Sandwishes

"Heute ist ihr Display so schwarz wie ihr Haar / wir haben Sandwishes, Sandwishes, uh ahh" – der erste Track auf dem neuen Album und meine verschlafene Nachtstimmung schnellt gleich mal straight nach oben. "Sandwishes" ist das Opening, das wir auf Magic Life vermisst haben; der Knaller, der ansagt, wo es in der nächsten halben Stunde langgeht – auch wenn diese hochgepitchten Adlibs von Maurice Ernst ganz schön anstrengend sein können. "Bruup, Bruup, Brrii" … da muss ich mich erstmal dran gewöhnen.

2. Taxi Taxi

Ein Bass, eine Note – so monoton und drückend, Holger Czukay von Can wäre stolz auf den Bilderbuchgitarristen Peter Horazdovsky. Drumherum flirren verhallte Synthesizerfahnen, die aus Frank Oceans Blonde entlehnt sein könnten und das Rauschen im Hintergrund erinnert an das nostalgische Knistern einer Nadel auf Vinyl. Nur die Kick, die fehlt. Maurice Ernst gibt sich immerhin als der flamboyante Vorstadtcasanova, der seine Hände nicht aus den Hosentaschen bekommt, während er einsam durch die Nacht schleicht – und an Speed und an Weed glaubt. "Ich glaub mir wird schlecht, ich glaub ich muss weg".

3. Lounge 2.0

Nach der frühen Totalentschleunigung schnell rein in den Club. Bum Tschaka Bum – bin ich jetzt in der locker-lässigen Afterhour-Session im Boilerroom oder doch nur irgendwo am Sonnendeck auf Ibiza? Es ist, als hätte Bilderbuch in der House-Kiste übernachtet. Das ewiggleiche Sample duckt sich zwischen gebrochenem Two-Step-Beat und einem Bass, der die Synapsen zwar ordentlich in Schwingung versetzt, aber mehr zu einem Tama-Sumo-Track passt als zu Bilderbuch. Die schwächste Nummer bis jetzt – ein lausiges Sample macht leider noch keinen Pop-Song.

4. Emotion

"Emotion" ist das "Carpe/Diem" auf Mea Culpa: eine Instrumentalnummer. Mit dem verträumten Saxophon nimmt mich Bilderbuch gleich an die Hand wie damals Gerry Rafferty mit "Baker Street". Das Pianogeklimper zerstört leider ein bisserl den Spielhallen-Vibe und von dem vor sich hin holpernden Schlagzeug ist auch nichts zu erwarten. Wer sich in den 90er-Jahren in großen Einfkaufszentren rumtrieb und dabei schlechte Popsongs aus den 80ern hörte, der weiß wie das klingt: wie Vaporwave für Arme.

5. Mein Herz bricht

Ist es ein schlechtes Zeichen, wenn ich mich nach vier Nummern an keine einzige mehr erinnern kann? Hitpotential geht bisher gegen Null – mit "Mein Herz bricht" wird das auch nicht besser, das hör ich nach fünf Sekunden. Überall Synthesizer, Synthesizer, Synthesizer. Der hier klingt ausnahmsweise so, als hätte ihn jemand absichtlich mit hochprozentigen Alkoholika abgefüllt. Ein, zwei, drei, vier Piña Colada zu viel unter den wavy Palmen, während die Sonne am Horizont leise "baba" sagt. Da schmilzt einem das Eis im Drink weg und am Ende dreht sich bei mir alles wie nach einer überdrehten Fahrt im Autodrom.

6. Megaplex

Hört ihr dieses Pfeifen auch? Entweder biegt Peter Lustig mit Löwenzahn gerade um die Ecke, oder Maurice macht Werbung für Hornbach. Das geht ja schon mal gut los. Der Groove ist wieder da. Ja, DER GROOVE, den wir von Bilderbuch kennen, der sich zwischen funky Gitarrenriffs durchschlängelt und dieses verschmitzte Grinsen hinterlässt. Und endlich gibt’s auch Lyrics, die völlig sinnbefreit mitgesungen werden können. "Oh Hollywooood, mir geht’s nicht guuut." Polizeisirenen heulen im Hintergrund auf, als stünden wir direkt in Downtown New York. Dabei fahren wir doch nur zum Kino in die Suburbs von Wien, während Kroko Jack im Radio läuft. "Sag Baby bist du heut allein da / Komm wir gehen nie heim, denn ich bin auch allein da."

7. Memorycard

Jetzt geht ja doch noch was vorwärts. "Megaplex" war’s bisher für mich – kein Kaliber wie "Maschin", "Baba" oder "OM", aber doch mehr als solide. "Memorycard" nimmt den Schwung mit und holt die verbrannten Kastanien aus dem Feuer. Eine kratzig-kreischende E-Gitarre pfeift aus allen Löchern und schiebt sich unter den drückenden Synthesizer, der größer tut als er tatsächlich ist. Macht trotzdem Bock. Kein schlechter Song und eine latente Hommage an unsere auf 8 Megabyte gespeicherten Kindheitserinnerungen von der Playstation 2 – hach.


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8. Checkpoint (Nie Game Over)

Mann, jetzt war ich grad so schön im Flow, und jetzt klingt die nächste Nummer nach Blur, Oasis und die ganzen Britpopper aus den späten 90ern. Darauf habe ich keine Lust … nach fünf Sekunden würde ich am liebsten weiterskippen. Meine Ohren – argh.

9. Aloe Vera

"Ich tu was du willst für dich Baby" – die letzte Nummer und die späte Einsicht: Hier kommt nichts mehr Neues, hier wird die Sache safe runtergespielt. Ein klassisches Null zu Null, die Mannschaft spekuliert auf Elfmeterschießen und kommt damit durch. Auch, wenn ich mir "Aloe Vera" lieber in die Badewanne kipp, als abschließende Nummer ganz OK.

Mea Culpa ist nicht die Innovationsbombe, kein neues Schick Schock – und das ist ganz gut so. Die Band hat einen Weg gefunden, ihrem Stil treu zu bleiben und trotzdem nicht permanent mit 240 auf der Hitspur überholen zu müssen. Das Album klingt teilweise so wie vier Beatles, die Musik machen wie Prince, während Falco an der Bar mit Frank Ocean einen hebt und Kanye West eingeraucht-grinsend in der Ecke sitzt. Bilderbuch nimmt sich immer noch nicht so ernst wie die österreichischen Bierdeckel-Rocker Wanda (das ist die gute Nachricht) und appelliert gleichzeitig an unsere 2010er-Gefühlslosigkeit. Zwischen Internet-Liebe und Slacker-Dasein, ein Schrei nach Extase – der zumindest auf Mea Culpa nicht immer ganz erfüllt wird.

**

Bilderbuch auf Tour:

08.12.2018 – Zell am See, Skiopening
06.04.2019 – Posthalle, Würzburg
07.04.2019 – Beethovensaal, Stuttgart
08.04.2019 – Capitol, Offenbach
09.04.2019 – Turbinenhalle, Oberhausen
11.04.2019 – Haus Auensee, Leipzig
12.04.2019 – Capitol, Hannover
13.04.2019 – Palladium, Köln
14.04.2019 – Stadthalle, Kassel
16.04.2019 – Zenith, München
17.04.2019 – Docks, Hamburg
18.04.2019 – Columbiahalle, Berlin
24.04.2019 – Dogana, Innsbruck
25.04.2019 – Volkshaus, Basel
26.04.2019 – X-Tra, Zürich
24.05.2019 – Open Air Schloss Schönbrunn, Wien
13.07.2019 – Donaulände Open Air, Linz
24.08.2019 – Freiluftarena B, Messe Graz

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