"Jobcenterfotzen" – Die Agentur für Arbeit zerreißt kritische Band in interner Rundmail

Die Reaktion der Bundesagentur auf The toten Crackhuren im Kofferraum will locker klingen, deutet dann aber doch genau die Überheblichkeit an, die im Song kritisiert wird.

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21 Dezember 2018, 12:15pm

Foto The toten Crackhuren im Kofferraum: Screenshot via YouTube aus dem Video "The toten Crackhuren im Kofferraum - Jobcenter (Official Video)" von tchikTV || Foto Agenture für Arbeit: imago | Future Image

"Dicke Ärsche vom Sitzen, Stinke-Flecken vom Schwitzen, blöde Augen vom Glotzen, so sind se, Jobcenterfotzen", singen The toten Crackhuren im Kofferraum in ihrer aktuellen Single "Jobcenterfotzen". Könnte man schulterzuckend ignorieren – oder man arbeitet im Jobcenter und reagiert komplett beleidigt.

Also hat die Bundesagentur für Arbeit zurückgeschossen. Allerdings nur fürs eigene Publikum. Im hauseigenen Newsletter namens BA aktuell wurde deutschlandweit eine bissige Kritik an die Mitarbeiter verschickt. In der heißt es beispielsweise, der Song sei "der augenscheinliche Versuch des Hühner-, Pardon, Hurenhaufens, den lahmenden Verkauf seiner Musikerzeugnisse mit Prolo-Lyrik anzukurbeln".

Ein Mitarbeiter hat uns einen Screenshot der Kritik geschickt. Aber lest selbst:

Ist das Kunst oder kann das weg?

Elektrobeats und krass-gemeine Texte. Und eine Musikkariere, die müde vor sich hin dümpelt. Jahrelang war die Berliner Band "The toten Crackhuren im Kofferraum" abgetaucht. Jetzt sind sie wieder auferstanden und melden sich mit dem "Jobcentersong" zurück, in dem sie meilenweit unter die Gürtellinie zielen. 'BA aktuell' fragt: Ist das Kunst oder kann das weg?

Wenn die Musikkarriere knickt, muss man sich was einfallen lassen, dachten sich wohl The toten Crackhuren im Kofferraum. Was dabei herauskam, ist ein Jobcenter-Song mit Hardcore-Text, den wir hier lieber nicht zitieren möchten.

Hässlich – aber kein Grund, die Anwaltskeule zu schwingen. Künstlerische Freiheit ist ein dehnbarer Begriff. Und jede Publicity würde genau das bewirken, worauf die krawallige Provokation abzielt: Aufmerksamkeit für das erhoffte Comeback. Der augenscheinliche Versuch des Hühner-, Pardon, Hurenhaufens, den lahmenden Verkauf seiner Musikerzeugnisse mit Prolo-Lyrik anzukurbeln.

Vorm Kadi hätten die Krawall-Chanteusen ohnehin ein hieb- und stichfestes Alibi für den fragwürdigen Song. Etwa so: "Wir sind doch schon tot – und über Tote darf man nichts Schlechtes sagen." Oder: "Mildernde Umstände bitte! Wir sind auf Dope!" Vielleicht auch: "Im Kofferraum war's stockfinster!" Songschreiben in Umnachtung. Das wär eine Erklärung.

Und eins muss man den Anarcho-Proleten-Riot-Grrrls ja lassen: an Selbstironie respektive Selbsterkenntnis mangelt es der Band nun wirklich nicht.

'Bitchlifecrisis' ist der Titel des neuen Albums. Und schon beim Debüt bekannten die Crackies freimütig: "Wir sind keine Band, wir sind ne Selbsthilfegruppe." Ah ja...

Auf Anfrage von Noisey erklärt uns eine Sprecherin der Bundesagentur, dass es in dem Newsletter BA aktuell vor allem um Informationen über "interne Projekte, Ernährung, aber auch um Tipps gegen Rückenschmerzen am Arbeitsplatz" geht. Eine solch vernichtende Musikkritik scheint also eine Ausnahme zu sein – allerdings gab es vor "Jobcenterfotzen" wohl auch noch keinen Song, der so darum gebettelt hat.

Zugegeben, die Kritik ist nicht allzu beleidigend und für eine Antwort einer Behörde sogar ziemlich schlagfertig. Nur der Unterton des Textes ist unnötig verletzend, am Deutlichsten in der Bildunterschrift: "Sind jung und brauchen das Geld."

Am Song der Crackhuren kann die Bundesagentur vieles kritisieren, gern auch polemisch, aber ausgerechnet die vermeintliche Armut der Musikerinnen herauszupicken, passt nicht zur eigentlichen Aufgabe des Jobcenters. Die Freude darüber deutet genau den Sozial-Sadismus an, den die Crackhuren Jobcenter-Mitarbeitern in ihrem Song vorwerfen.

The toten Crackhuren freuen sich

Crackhuren-Sängerin Luise Fuckface berichtet im Gespräch mit uns von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Jobcenter, die sie zu dem Lied inspirierten. Wie ihr Sanktionen angedroht wurden, weil sie zwei fremde Männer bei einem unangekündigten Hausbesuch nicht reingelassen hatte. Und davon, dass Jobcenter-Mitarbeiter ihr oft das Gefühl gaben, etwas unrechtmäßig zu erschnorren, obwohl sie es dringend zum Leben brauchte.


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Sie betont aber auch: "Dieses Lied geht nicht per se an alle Menschen, die im Jobcenter arbeiten, sondern an die Fotzen, die im Jobcenter arbeiten. An die frustrierten Menschen, die ihre Machtposition ausnutzen. Und das sind eben auch nicht gerade wenige." Und: "Natürlich ist das alles sehr subjektiv, es soll auch Leute geben, die mit den Jobcentern zufrieden sind. Ich kenne davon allerdings keine."

Im Gegensatz zu diesen Problemen mit Angestellten und dem Hartz-IV-System an sich haben die Crackhuren dagegen über den Kommentar der Bundesagentur nur Gutes zu sagen: "Da hatte jemand richtig viel Spaß am Haten und hat sich auch viel Mühe gegeben. Der 'Hühner-, Pardon, Hurenhaufen' hat sich sehr darüber gefreut!"

Die Bundesagentur wollte eine gemeinsame Haltung finden

Das Jobcenter selbst sieht das Ganze ebenfalls sportlich. Die Sprecherin gibt auf unsere Anfrage hin freimütig Auskunft über die Entstehung des Kommentars: "Es gab keinen Druck, sondern den Wunsch, eine gemeinsame Haltung zu diesem Lied zu finden. Dem sind wir mit dem Kommentar nachgekommen und haben uns für Ironie, Humor und Witz entschieden. Wir gehen davon aus, dass die Künstlerinnen und Künstler der Band dafür vollstes Verständnis haben, bedienen sie sich doch selbst dieser rhetorischen Mittel."

Die Crackhuren haben natürlich Verständnis – seit der Kommentar intern bei der Agentur für Arbeit erschienen ist, haben sich die Klickzahlen des Videos verdoppelt. Die Bundesagentur mag sich mit ihrem Text nicht nur mit Ruhm bekleckert haben – reagiert aber insgesamt deutlich lockerer, als zu erwarten war.

Diese Lockerheit kann der Bundesagentur sicherlich nicht schaden, gerade jetzt, wo endlich wieder etwas Bewegung in die Debatte um die Bevormundung und Verarmung durch das Hartz-IV-Systems kommt.

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