Screenshot von YouTube aus dem Video "PHARAOH - ДИКО, НАПРИМЕР" von Dead Dynasty

Rap aus Russland Teil 1: Wie Rap zur wichtigsten Musik in Russland wurde

"Als ich Nikolai vom Erfolg der Deluxeboxen deutscher Rapper erzähle, lacht er nur ungläubig" – Rap in einem Staat, der Musikerinnen wie Pussy Riot ins Arbeitslager steckte.

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März 14 2018, 1:50pm

Screenshot von YouTube aus dem Video "PHARAOH - ДИКО, НАПРИМЕР" von Dead Dynasty

"Ich bin besser als Tupac, Biggie, Eminem, Kendrick, J. Cole und sogar Lil Pump", sagt ein androgyner Typ aus Ufa / Baschkortostan. Er trägt eine überdimensionierte Sonnenbrille, Gesichtstattoos und lange, glatte Haare, die in seidigen Strähnen auf seinen Schultern liegen. Auf ein minimales Beat-Ungetüm, das von einer übersteuerten Bassline zusammengehalten wird, betet er dann wieder und wieder herunter, dass er einen Gucci-Store kapern wird. Der Typ heißt Face, die Szenen stammen aus seinem Song "БУРГЕР" ("Burger"). Face ist 21 Jahre alt und gerade einer der kontroversesten Rapper Russlands. Auf den Schulhöfen wird er geliebt, ansonsten schockt er vor allem die Älteren. Knapp 24 Millionen Menschen haben den Song bisher bei YouTube gehört, 288.000 haben den Dislike-Button gedrückt.

Face ist nur einer der jungen Künstler, die gerade einen Wandel in der russischen Rapszene vorantreiben. Jahrelang hatten russische Rapper bloß US-Stars adaptiert, seit einiger Zeit entwickeln auch Musiker wie Pharaoh und Oxxxymiron einen global klingenden Sound, der die russischen Wurzeln nicht verleugnet. Rap ist in Russland so wichtig wie noch nie, es ist für junge Menschen derzeit die populärste Musik des Landes. Zwar förderte das russische MTV schon vor über zehn Jahren einheimische Rapper und verhalf ihnen zu guten Verkaufszahlen und Awards, doch die neue Generation agiert unabhängig von alten Musikindustrie-Strukturen. Sie pusht sich selbst über eigene Kanäle, kümmert sich selbst ums Booking und um das Merchandise. Auch auf HipHop-Medien sind die neuen Rapper nicht angewiesen, denn in Russland gibt es nur zwei relevante Plattformen. Dass diese DIY-Herangehensweise funktioniert, zeigen die Millionen von Klicks auf YouTube und die großen Touren der neuen Indie-Rapper. Wie klingt russischer Rap, wie politisch ist er? Und können Rapper in einem Staat, der die Musikerinnen von Pussy Riot ins Arbeitslager steckte, wirklich frei arbeiten? Wir haben nach Antworten gesucht.


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Wer außerhalb Russlands etwas über die russische Szene herausfinden möchte, der hat ein Problem: Die Sprachbarriere. Elf Künstler und Charaktere innerhalb der russischen Szene haben wir für Interviews angefragt, viele waren gar nicht erst nicht zu erreichen, zwei wollten explizit wegen ihrer mangelnden Englischkenntnisse nicht sprechen. In Russland wird Russisch gesprochen, Englisch ist noch immer keine Selbstverständlichkeit, vor allem abseits der subkulturellen Zentren Moskau und St. Petersburg. Auch bei Rappern nicht.

Dann eine gute Nachricht: Nikolai meldet sich via Skype aus seinem Moskauer WG-Zimmer. Nikolai heißt eigentlich anders, aber unter seinem richtigen Namen möchte er nicht zitiert werden. Er ist studierter Journalist, arbeitet in der Musikindustrie und organisiert Veranstaltungen. Er ist also nicht ausschließlich Rapnerd, aber über die jüngsten Entwicklungen in der Szene weiß er bestens Bescheid.

Rap: Unerwünscht!

"Wir haben die dritte Generation von Rappern in Russland", sagt Nikolai. "Dass die Szene und die Hörerschaft jetzt so groß ist, hat auch demografische Gründe. In den 90ern wurden einfach viele Kinder geboren." Anfang der 90er begannen die ersten jungen Leute zu rappen und Graffiti zu sprühen, um sich auszudrücken. Gerade war die Sowjetunion zerfallen, davor war an Rap fast nicht zu denken. Westliche Musik war unerwünscht, nicht mal Jeans aus dem Westen sollte man tragen. Doch natürlich gab es Ausnahmen. Der wohl erste russische Raptrack erschien 1984. Er hieß plump "Рэп" ("Rap") und war ein von der Band Час пик produzierter Remake des Sugar-Hill-Gang-Klassikers "Rapper’s Delight". Rap funktionierte hier aber vor allem als Stilmittel einer musikalischen Blödelei, nicht als Startschuss für HipHop in Russland.

Danach entwickelte sich langsam ein russischer Mainstreamrap, geprägt mal von post-sowjetischer Zerrissenheit, mal von Gefühlsduseligkeit und mal von Provokationen. Er klang, wie aus den USA ins Russische übersetzt. Nikolai bezeichnet den Sound als eine unfreiwillige Parodie von US-Rap. Besonders klang das nicht, auch wenn zu den für damalige Verhältnisse vulgären Мальчишник oder den Crossover-Versuchen von Децл gefeiert wurde. In den großen Städten entwickelten sich HipHop-Szenen, die Zentren sind aber noch immer Moskau und St. Petersburg. Irgendwann zieht es laut Nikolai die meisten Künstler dorthin, weil die Lebensbedingungen dort um einiges besser sind als im Rest des Landes. Der Rapper Pharaoh sieht im Interview, das er nur per E-Mail führen will, andere Gründe für den Reiz der Städte: "Vielleicht passiert dort alles, weil es da die meisten Drogen gibt."

Lange war russischer Rap ein wandelndes Klischee. Starke Männer mit muskulösen Körpern hängen mit anderen muskulösen Männern rum, Frauen durften maximal in Videos tanzen oder waren der gern beschworene "Engel unter tausend Huren". Macho-Rap war in Mode, ist es eigentlich immer noch: Er ist ein Abbild des in der russischen Gesellschaft und Politik fest verankerten Machotums. Timati, Putinliebhaber und Kopf dieser Rap-Strömung, zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Rappern des Landes. Er wirkt wie ein rappender Oligarch, der im Geld schwimmt, sich alles erlauben kann, weil Papa einen Minister kennt und nachts in seinem Rolls Royce geblitzt wird. "Er ist eher ein Phänomen in den Massenmedien, jeder in der Musikszene hasst ihn", sagt Nikolai.

Innerhalb der letzten fünf Jahre ist eine neue Generation herangewachsen, die Depressionen nach außen trägt, mit Sounds experimentiert und androgyne Fashion mehr mag als Macho-Gehabe. Während Timati in Fernsehshows post, laden die neuen Rapper Musik ins soziale Netzwerk VK. "Alles passiert jetzt übers Internet", so Nikolai. Independent-Labels dominieren, YouTube und Gruppen wie "Rhythm and Punches" auf VK seien die größten Umschlagplätze für neue Rapsongs, Soundcloud spielt dagegen keine große Rolle. CDs werden oft gar nicht mehr gepresst, sie kauft in Russland kaum noch jemand unter 35 Jahren. Als ich Nikolai vom Erfolg der Deluxeboxen deutscher Rapper erzähle, lacht er nur ungläubig.

Die russische Rapszene lebt von ihrem DIY-Ethos, hat sich unabhängig von den vorhandenen durchkommerzialisierten Strukturen entwickelt. Eine "Fuck the Majors"-Attitüde dominiert. Das meiste Geld verdienen Künstler ohnehin mit Merch-Verkäufen und Live-Auftritten in den unzähligen russischen Großstädten. Nikolai dazu: "Die Sprachbarriere ist ein Grund dafür, warum russischer Rap so groß ist. Auch viele jüngere Leute verstehen nicht so gut Englisch und hören darum weniger US-Rap."

Pharaoh, King of Russian Emo-Rap

Pharaoh ist einer dieser neuen Künstler, den junge Menschen im ganzen Land feiern. Auch er trägt seine Haare lang, seinen Körper ziert extravagante Streetwear, seine Songs handeln von Abgrenzung gegenüber dem Mainstream. Die Tracks sind ein hochemotionaler Kampf für die eigene Unabhängigkeit. "Ich konnte mich mit der Musik in Russland nicht identifizieren", sagt er uns im Interview. "Ich dachte mir: Scheiß auf das alles, ich mache mein eigenes Ding."

Er will mehr sein als ein Hypebeast auf Instagram, wie er auf "ФОСФОР" ("Phosphor") sagt. Pharaoh singt, stößt gequälte Todesschreie aus wie Kurt Cobain und rappt dann wieder, als hätte er Eminems Musik gefressen. Dystopische Beats untermauern Pharaohs emotionale Ausbrüche. Sie lassen einen erschaudern.

Der DIY-Gedanke ist bei ihm und seinem Kollektiv Dead Dynastie omnipräsent. "Ich recorde am liebsten für mich, um meine musikalische Vision voranzutreiben", sagt Pharaoh. Er arbeite auch an seinen eigenen Videos mit, Tarantino sei ein großer Einfluss. "Verstehst du, was ich meine?", fragt Pharaoh schließlich. Es ist eine dieser Klischeeaussagen, die man von fast jedem jungen Rapper hört. Bei Pharaoh hat sie tatsächlich eine Bedeutung: Wer in Russland unabhängig Musik machen will, der muss sich um sich selbst kümmern. Die Musikindustrie ist nicht so offen für progressive Trends wie etwa in den USA oder in Großbritannien.

Mit 22 Jahren ist Pharaoh neben Face eines der großen Talente der Szene. Abzusehen war das nicht. Zu Beginn seiner Karriere vor etwa fünf Jahren orientierte er sich klangästhetisch noch an Yung Lean, auf dem zuletzt erschienenen "Pink Phloyd" hört man erstmals eindeutig den beschriebenen Pharaoh-Sound. Dass Rap in der Gesellschaft plötzlich angenommen wird, macht ihn skeptisch. "Die neue Rap-Bewegung wurde erst akzeptiert, als viele junge Menschen auf sie aufmerksam wurden und man damit Geld verdienen konnte. Das ist heuchlerisch." Es sei zwar schön, jetzt vor 5.000 Leuten Konzerte spielen zu können, aber Pharaoh fürchtet: "Die Subkultur wird populärer und dafür weniger kreativ."

Die Tendenz beobachtet Pharaoh vor allem in Moskau, seinem Geburtsort. Er wuchs in einem, wie er sagt, ganz normalen Viertel mit ganz normalen Drogenproblemen auf. Mittlerweile sei die Stadt voller geworden, wirke "wie ein Ameisenhaufen", vor allem aber seien die Leute eitler als früher. Die Basis seiner Kreativität bleibt Moskau trotzdem: "Mit 18 habe ich mich dazu entschieden, alles auf die Musik zu setzen. Es hat sich gelohnt." Sein Manager verweist wenig später wie zur Bestätigung auf eine anstehende Europatour. Pharaoh ist selbstbewusst genug, um sich durch den Ameisenhaufen zu kämpfen und die Ignoranz gegenüber neuen Sounds zu ignorieren. Wenn er sich aus dem Moloch zurückziehen will, dann nimmt er einen Song auf oder geht an seinen Lieblingsort in Moskau: die Wohnung seines besten Freundes. "Eigentlich lebe ich da fast", sagt er.

Oxxxymiron: "Der größte Battlerapper der Welt"

Mit der Kommerzialisierung der Subkultur hat Pharaoh recht. Dass es deswegen nicht unkreativ zugehen muss, beweist Oxxxymiron in St. Petersburg. Dort findet die größte russische Battlerap-Veranstaltung, "Versus", statt. "Battles sind ein riesiger Hype gerade und überall entwickeln sich neue Veranstaltungen", sagt Nikolai. Oxxxymiron ist der beste russische Battlerapper, das HipHop-Magazin Source feiert ihn sogar als den größten der Welt. Dabei stützen sie sich auf seinen Kampf gegen den wohl bekanntesten US-Battlerapper Dizaster in Kanada und auf seine YouTube-Klickzahlen. Bis zu Millionen Zuschauer sehen ihm regelmäßig bei YouTube dabei zu, wie er seine Gegner verbal vernichtet: auf Russisch und auf Englisch. Aufgewachsen ist Oxxxymiron in London.

Geboren wurde er in Leningrad (das heute St. Petersburg heißt), dann zogen seine Eltern nach England. Oxxxymiron kämpfte sich durch. Obwohl er auf in den grauen Londoner Suburbs zur Schule ging und aus eher prekären Verhältnissen stammte, wurde er an der Elite-Universität Oxford angenommen. Dort studierte er englische Literatur, sein Handwerk lernte er auf den Straßen von Londoner Grime MCs. Tatsächlich besitzen seine heutigen Song-Texte, die er auf Russisch schreibt, literarische Qualitäten. Oxxxymiron verpackt seine verbalen Attacken poetisch, konzentriert sich auf seinen Alben auf Konzeptsongs und flowt dabei, als würde er noch immer am Corner in East London stehen. Mittlerweile, mit 33 Jahren, ist er nach jahrelangem Hustle einer der wichtigsten Rapper Russlands. Dank seiner Battles. Denn nach einem Intermezzo beim von Kool Savas initiierten Label Optik Russia und einer Menge Projekte ohne Aufmerksamkeit, kurbelten erst sie seine Karriere an.

Obwohl er fast zehn Jahre älter ist als die neuen Talente aus Moskau und St. Petersbrug, ist er auf deren Seite. Auch Oxxxymiron ist ein DIY-Künstler, aber fixierter auf die Lyrics als seine jüngeren Kollegen. Sein brachialer Sound ist das Gegenstück zum mysteriösen Wabern Pharaohs. Doch genau das zeigt, wie divers russischer Rap mittlerweile sein kann. "Die neue Generation hat mehr Wissen über die globale Musik, und darüber, was in verschieden Szenen passiert. Diese Einflüsse vermischen sie in ihrem eigenen Sound", sagt Nikolai. Es hat lange gedauert, doch die Zeit der schlechten Kopien ist innerhalb der russischen Szene endgültig vorbei.

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Im nächsten Teil unserer Rap in Russland-Reihe erwartet euch:

Neuer Hedonismus: Face ist der russische Lil Pump, nur besser

Zensur: Der Staat sabotiert Noize MC und Husky fühlt sich trotz kritischer Aussagen nicht als Künstler eingeschränkt

Russische Rapperinnen: Endlich spielen Frauen in der Szene eine Rolle

Johann Voigt bei Twitter: @monodefekt

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