Eine Liebeserklärung eines Berner Nachtmenschen an die Reitschule

Die Reitschule feiert dieses Wochenende ihr 30-jähriges Bestehen. Unser Autor Dino erklärt der Kulturstätte seine Liebe.

|
Okt. 27 2017, 10:39am

Foto von Krol:k | Wikimedia |  CC BY-SA 3.0 

Mein fröhliches Gemüt wird bei Einzug der kalt-grauen Herbst- und Wintertage meist von einer leichten bis mittelstarken Depression getrübt. Nicht so dieses Jahr. Das könnte am Altweibersommer liegen, der uns in Bern bis in die letzten Oktobertage mit sonnig-warmem Wetter beglückte. Auch viele schöne Veranstaltungen der letzten Wochen, erfreuen mein sonst in Lethargie verfallenes Ich. Doch der wahre Grund für mein frohes Gemüt in diesen Tagen ist ein anderer: Meine grosse Liebe feiert einen historischen Geburtstag und ich darf ihr meine Liebe erklären. Dazu hol' ich kurz aus.

Bern, vor dem 25. Oktober 1987. Die Stadt ist tot. Beizen und Kulturstätten gibt es kaum. Restriktive Gesetze verbieten es, neue Lokale zu eröffnen. Treffpunkte und Auftrittsmöglichkeiten für Künstler_innen sind kaum vorhanden. Ein trauriges und aus heutiger Sicht unvorstellbares Bild der Hauptstadt.

Das historische Datum jährt sich diese Woche zum 30. Mal und markiert eine wegweisende Zeit in der neueren Geschichte der Bundesstadt. Seit 30 Jahren hat Widerstand gegen die Obrigkeit und Bünzlitum sowie Einsatz für Kultur in Verbindung mit Engagement für wichtige gesellschaftspolitische Themen einen Namen: Reitschule.

Geliebte Reitschule

Seit 30 Jahren setzt du dich für Gleichberechtigung, kulturelle Vielfalt, Andersartige, Flüchtlinge und anderweitig Benachteiligte, Schwächere und Unterstützungsbedürftige ein. Du lernst, was Basisdemokratie ist, bietest uns mannigfaltige Kultur und einen stets offenen Treffpunkt ohne Konsumzwang für Junge und Junggebliebene.
Aus der damaligen Bewegung der Unzufriedenen bist du entstanden und bist bis heute hauptstädtischer Kulturtempel mit schweizweiter Ausstrahlung und riesigem Einzugsgebiet. Monatlich tanzen, essen, trinken, spielen, basteln, formieren und engagieren sich über 10.000 Besucher_innen in deinen Räumlichkeiten oder auf dem Treffpunkt Vorplatz.

Du verstehst es, mit noblen Grundsätzen wie Basisdemokratie und Solidarität mannigfaltiges kulturelles Tun zu ermöglichen. Sei es als interessierte Person, die bei dir auch ohne Vorkenntnisse in die Kulturwelt einsteigen kann, sei es als Plattform für alternative oder neuaufkommende Künstler, die es sonst kaum zu sehen und hören gibt, oder als Zentrum für positiven Aktivismus in Bezug auf aktuellen Themen wie Ausländerfeindlichkeit, Genderfragen oder Nationalismus.

Du und deine Institutionen sind das kulturpolitische Bollwerk inmitten unserer schönen Stadt, die ohne dich nicht halb so bunt und vielfältig wäre. Kulinarisch verzückt dein "Souli" mit einer täglich wechselnden Karte, fairen Preisen und Spezialitätenabenden aus aller Herren Länder, im Rössli spielen begnadete Bands. Den von den JUSO für Clubs gewünschten Frauenraum gibt's bei dir schon lange, doch feiern hier Menschen jeglichen Geschlechts fröhlich und vorurteilslos miteinander. Dein Dachstock ist eines der wichtigsten Konzert- und Veranstaltungslokale der Schweiz, weltweit gibt es Bands, die auf ihrer Schweiz-Tournee nur bei dir spielen wollen. Du unterhältst einen Infoladen, der politische Arbeit betreibt und sich für wichtige Themen einsetzt, im Tojo werden kritische Theater aufgeführt, die sonst keine Bühne finden – dasselbe gilt für die Filme in deinem Kino. In deiner Drucki entsteht das Hausmagazin MEGAFON und Künstlerinnen wie auch Aktivisten können ihre Flyer und anderweitiges Printmaterial drucken lassen. Deine Cafete lädt stets ohne Eintritt und auf Kollektenbasis zu abwechslungsreichen Festen und in deiner Werkstatt wird begnadet mit Holz gewerkelt.

Fähige bis begnadete Fachpersonen, die teilweise als Laien den Weg in deine schützenden Arme fanden, betreiben dich und halten dich am Leben. In vielen Arbeitsbereichen, wie Ton, Licht, Foto und Film gelten deine Reitschüler_innen mittlerweile als gefragte Topleute und setzen ihr Können mit Leidenschaft in deinem Zeichen ein oder konnten dich als Sprungbrett für eine selbständige, selbstbestimmte Arbeit nutzen.

Du hast es in den turbulenten Zeiten geschafft zu verbinden, was sinnvoll und wichtig ist: Bei dir arbeiten Leute, die mit Freude anderen eine Freude bereiten und setzen sich dabei für Gutes ein. Vieles lässt sich kombinieren. Einer guten Band mit politischer Message einen Platz bieten und deinen Gästen damit ein frohes Fest ermöglichen ist nur eines von unzähligen Beispielen, wie du Kultur und Engagement vereinst.

Du stehst für einen wunderbaren Vorsatz und zeigst täglich, wie man diesen funktionierend leben kann. Ich habe mir das frech von dir abgeschaut und verinnerlicht. Meine Quelle der Lebensfreude finde ich in meiner kulturellen Arbeit gekoppelt mit Engagement für wichtige Themen.

Merci, liebe Reitschule! Und Happy Birthday! Möge dein stolzes Antlitz bis in alle Ewigkeit die Tore zu unserer schönen Stadt schmücken und Besucherinnen aus aller Welt empfangen.


Dino Dragic-Dubois ist freier Autor bei Noisey und schreibt für weitere Magazine über (elektronische) Musik und Clubkultur. Privat ist er seit mehreren Jahren im Berner Nightlife aktiv und selbst als Kulturveranstalter tätig.

Noisey Schweiz auf Facebook, Instagram & Spotify